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Warum das Kopftuch eben doch ein Problem ist

 

Erklärt meine Ex-Kollegin Nicola Liebert heute in der taz aus der Perspektive einer Kreuzbergerin, die es langsam satt hat, dass die Kleidung der Frau (immer nur der Frau!) fremdbestimmt wird:

Wie sich Frauen kleiden, ist im Deutschland des 21. Jahrhunderts lediglich eine Frage des guten oder schlechten Geschmacks – und nicht der Moral oder Immoralität. Dachte ich jedenfalls bis vor kurzem.

Unlängst musste ich mich eines Besseren belehren lassen. Unversehens sprach mich in Berlin-Kreuzberg ein Mann von hinten an: „Zieh dir einen BH an, es stört mich, wie du rumläufst.“ Der Mann war um die 30 Jahre alt und nach Aussehen und Aussprache zu urteilen mit türkischen Migrationshintergrund ausgestattet. Ich wiederum, anderthalb Jahrzehnte älter als er und in einem Alter, in dem man auch im alternativen Kreuzberg gesiezt wird, fühlte mich mit langer Hose und kurzärmeligem T-Shirt – mehr konnte er von hinten ohnehin nicht sehen – mitnichten wie eine wandelnde Erregung öffentlichen Ärgernisses.

Leider fallen einem in solchen Situationen die schlagfertigen Antworten immer erst hinterher ein. In dem Moment war ich nur wortlos, geplättet und fühlte mich erniedrigt. Welches Recht nehmen sich solche Typen eigentlich heraus, nicht nur über die Kleidung fremder Frauen zu urteilen, sondern ihnen dieses Urteil auch noch in einem Befehlston mitzuteilen? Und damit komme ich wieder auf das Problem, dass ich mit dem Tragen von Kopftüchern habe, von den in Berlin glücklicherweise relativ seltenen Ganzkörperschleiern ganz zu schweigen. Es ist nicht das oft unterstellte paternalistische Mitleid, das ich verspüre – schließlich erklärt man mir, dass viele, gerade auch junge Frauen das Kopftuch nicht aus familiärem oder religiösem Zwang, sondern als stolzen Ausdruck ihrer Identität tragen. Es ist Zorn. Warum? Es hat eine Weile und die eben beschriebene Begegnung gebraucht, bis ich meinen eigenen so gar nicht politically correcten Emotionen auf die Spur kam.

Ich bin zornig, weil das Verhüllen von Körper und Kopf eine Aussage darstellt, die ich persönlich nehme. Die Aussage lautet nicht nur: „Seht her, das ist meine Religion, und darauf bin ich stolz!“ Sie lautet auch: „Seht her, ich bin züchtig und keusch, ich bin keine Schlampe, keine Nutte!“ Und solch eine Aussage beinhaltet stets auch ihr Gegenteil: Wer sich nicht so kleidet, ist im Umkehrschluss wohl nicht züchtig und nicht keusch. Also alles voller Schlampen und Nutten in diesem Sündenbabel Berlin, mich eingeschlossen. Dadurch fühlte sich der Mann in Kreuzberg so gestört.

Es ist ein gesellschaftliches Klima, das mich so wütend macht, in dem Leute wie er es zu ihrer Angelegenheit machen, ob Frauen züchtig genug sind.

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181 Kommentare

  1.   Legrand

    Bitte mehr davon!
    Endlich kommt der Kopftuch-Reinheits-und-Keuschheitsterror bei jenen weiblichen Wesen an, die ihn mit ihrer jahrelangen militanten Protektion erst möglich gemacht haben. Diese Frauen – eigentlich wäre eine andere Vokabel angebracht – haben sich doch nicht entblödet, die erniedrigenden und entwürdigenden Kleidungsvorschriften für muslimische Frauen als Ausdruck emanzipatorischer Stärke zu verkaufen. Selbst Alice Schwarzer, die den Finger zielgenau in die Wunde legte, wurde von ihnen als rassistisch beschimpft. Und jetzt, wo das Monster, das sie durch ihre Toleranz erst groß gezogen haben, ihnen mitten in Berlin in die Wade beißt, fühlt eine Frau Liebert sich noch bemüßigt uns zu belehren: „Aber damit das klar ist: Es ist ein feministischer, kein religiöser oder gar antimuslimischer Kampf.“ Amen. Lieber Gott, wenn es dich gibt, dann mach bitte, daß Dummheit weh tut.


  2. […] ZEIT ONLINE – joerglau » Warum das Kopftuch eben doch ein Problem ist […]

  3.   Kelhim

    Eine sehr empfindliche Kollegin muss sie sein, wenn sie hinter der Kleidung anderer eine persönliche Beleidigung vermutet. Kleidung ist und war immer auch Ausdruck der eigenen Persönlichkeit, und für einige Menschen ist Religion integraler Bestandteil ihres Lebens und spiegelt sich im Äußeren genauso wider wie die Begeisterung für Musik oder gar für Mode selbst. Das Kopftuch ist nur eine von vielen Ausdrucksformen und nicht schlechter, nur weil es religiös unterfüttert ist.

    (Die ewige Diskussion, ob muslimische Frauen das Kopftuch freiwillig tragen oder nicht, würde den Rahmen wohl sprengen. Nur so viel: Ich kenne Frauen, die nicht von rohen, anatolischen Familientraditionen in die Verhüllung gezwungen werden, sondern sich aus persönlicher Überzeugung für das Kopftuch entschieden und sich dabei in keinster Weise minderwertig oder unterdrückt fühlen. Man muss das selbst nicht verstehen: Freiheit ist immer auch die Freiheit des Andersdenkenden.)

    Warum sich Frau Lieberts „Zorn“ so auf das Kopftuch konzentriert, mag im besten Fall mit ihrem Aufenthalt in Kreuzberg zu tun haben. Trotzdem sei darauf hingewiesen, dass auch keusche Dienerinnen des HErrn schon bei brütender Hitze mit Ausnahme des Gesichts ganzkörperverhüllt in Innenstädten und öffentlichen Verkehrsmitteln beobachtet wurden. 😉

    Und warum auch nicht?

  4.   Palmolive aka Bergpalme

    Dazu fällt mir nur der IGMG Freund Ekrem Senol, zitiert vom BVG, ein, auf dessen Blog irgendso ein Hosenscheißer aus der IT-Branche meinte, über die Scham von Mädchen zu sinnieren. Im Zusammenhang mit dem Schwimmuntericht. Passt perfekt in die longitudinale Konditionierung von Frauen für das Gesellschaftsmodell des Islam (longitudinal in Bezug auf die Lebensabschnitte, frühkindlich, vorpubertär, Pubertät, Geburtsmaschine, Senium).

    Das hat auch nichts mit freier Entscheidung oder gar Spiritualität zu tun, sondern das Kopftuch ist integraler Bestandteil des Chauvinismus, transportiert durch den Islamismus. Und wenn unsere Gesellschaft nicht aufpasst, wird der Islamismus in jeden Bereich eindringen.

    Islam go home.

  5.   Legrand

    @Kelhim
    Nein, Frau Liebert ist keine empfindliche Kollegin. Sie merkt nur allzugut, wo das Problem seine Wurzeln hat, auch wenn sie es aus Gründen der Political Corectness nicht offen zugeben will.
    Grundsätzlich bin ich auch der Meinung, daß jede und jeder sich kleiden darf, wie sie oder er es möchte und solange andere nicht dazu genötigt werden sollen, es ihr bzw. ihm gleich zu tun. Und genau hier liegt das Problem mit dem Kopftuch: es ist eben nicht nur eine „von vielen Ausdrucksformen“, es ist wegen des mit ihm einhergehenden religiösen Anspruchs ein Mittel der Unterscheidung in Gut und Schlecht. Wer sich ihm nicht unterwirft ist schlecht bzw. unrein und hat deshalb mit Konsequenzen zu rechnen. Das allein wäre ein Grund die spezifisch islamistische Form des Kopftuchs in der Öffentlichkeit grundsätzlich zu verbieten.

  6.   Palmolive aka Bergpalme

    Mit einem Kopftuchverbot kommt man nicht weit. Erstens weil der Islamismus mittlerweile hochorganisiert ist und jedes jurisdiktive Loch nutzen wird, um dies zu stoppen. Was immer einen Zeitgewinn mit sich bringen wird und wenig erfolgreich erscheint. Und zweitens weil es das Recht eines jeden ist, sich zu kleiden wie ihm beliebt.

    Wenn auf Frauen sanfter, sozio-adaptiver oder aggressiver Druck auf das Einhalten islamistischer Normen ausgeübt wird, ist das nicht Ausdruck des Fehlens von legislativen Verboten, sondern Ausdruck fehlenden Integrationsdruckes auf die Parallelwelt des Islam. Kopftuch als eine Form der Freiwilligkeit ist die Ausnahme. „Ich tue es freiwillig auf, damit es keinen Ärger gibt“, dürfte die häufigste Lesart sein. Alles andere ist pure Lüge.

    Warum bitteschön haben die ganzen Islamisten geklatscht, als Erdogan meinte, Integration ja, Assimilation nein? Exakt, weil es eine Umdefinition von Integrationsunwilligkeit ist. Hier muss angesetzt werden und nicht beim Kopftuchverbot. Bewusstmachung, dass die Definition von Integration nicht der Islam, sondern unsere Demokratie schreibt.

    Nur hierüber kann unsere Gesellschaft das Krebsgeschwür der Islamisierung stoppen. Dies muss auf kleinsten Ebenen beginnen, Kindergarten, Schule, Arbeitsstelle, Sportverein, etc. Keine Sonderrechte, keine Extrawürste (sic), Halal darf zuhause gefeiert werden, nicht im sozialen Kontext unserer Gesellschaft. Man muss Druck auf den Islam ausüben, die Freizügigkeit zu beachten und umzusetzen. Alles andere wird zur Abschaffung liberaler Normen führen. Nur so wierden irgendwann die Frauen wirklich selber entscheiden können, ob sie sich stigmatisieren lassen wollen oder nicht. Nur dann wird das Kopftuch freiwillig abgelegt, weil der soziale Kontext dann nicht der Islam ist, sondern unsere freiheitliche Demokratie. Kapito?

    Über kurz oder lang. Und genau dies ist es, was die Autorin spürt.

  7.   riccardo

    @Legrand

    Ich verstehe gar nicht, warum Frau Lieber ein Problem hat, denn wenn man das hier schreibt:

    Es ist ganz und gar widerwärtig, wenn Ausländerhasser und Rechte im Allgemeinen Kopftuch und Burka als angeblich ostentativ religiöse Symbole für ihre Zwecke funktionalisieren – inklusive des von Rudolf Walther kritisierten französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy“

    müsste man sich zur Abgrenzung von den bösen Rechten eigentlich noch ganz andere Sachen gefallen lassen. Wie arrogant muss man eigentlich sein, um Kritik nur dann zu legitimieren, wenn sie von der moralisch überlegenen Linken kommt.


  8. @ Palmolive: „Islam go home“ ist eine unfasslich dumme Botschaft. Ich kann das NPD-Plakat schon sehen. Wollen Sie das?

  9.   Jeanne

    Eine Religion, die mich als Schlampe darstellt, beleidigt mich. … (Danke, auch gelöscht, weil verfassungsfeindlich. Tschüs! JL)

  10.   Jeanne

    P.S. Es war ein Fehler, einer Religion Gastfreundschaft zu gewähren, die nicht den notwenigen Respekt gegenüber dem Gastgeber zu zeigen bereit ist.

 

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