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Nazis machen mobil gegen „Islamisierung“

 

Heute war eine Postwurfsendung der NPD in meinem Briefkasten – eine 4 Seiten starke Zeitung.
Ich wohne in Charlottenburg in einer alten Reihenhaussiedlung. Kein klassisches Neonaziterrain. Die Zeitung setzt denn auch auf ein neues Thema: „Islamisierung“.
Das Titelfoto zeigt eine Frau mit Kopftuch. Ein dazu gehöriger Text versucht mit zweifelhaften Zahlen zu erweisen, dass in wenigen Jahrzehnten Muslime die Mehrheit in Deutschland stellen werden. Falls nicht … die NPD ein Wörtchen mitreden wird.
Im Grunde hat der Flyer nur dieses eine Thema: die Verdrängung der Deutschen durch Muslime. Auf der Rückseite werden Werbematerialen angeboten. Darunter ein T-Shirt in rot-weißen Farben mit dem Aufdruck: „Danke Schweiz! Minarettverbot auch hier!“ Die Grafik: Ein fallendes Minarett.
Im Inneren ist ein Comic zu sehen, der sich wohl an jüngere Leser wendet. Da sieht man eine Schulklasse mit lauter schwarzen Haarschöpfen. Nur ein blonder Junge sitzt in der vordersten Reihe. Er meldet sich, wird aber nie drangenommen. Stattdessen die dunkelhaarigen Kinder, die grotesk falsches Deutsch sprechen und schreiben. Der Lehrer lobt sie dafür auch noch. Und der Ausländerbeauftragte „Zottel“ rügt das deutsch-blonde Kind, das sich darüber beschwert, als rassistisch.
Es wird das Bild einer korrupten Medien- und Politikelite gezeichnet, die sich heimlich dem Ziel der Islamisierung verschworen hat. Schon das Plädoyer für „Integration“ gilt hier als Indiz für die Zugehörigkeit zu dieser korrupten, vaterlandslosen Clique.
So geht es immer weiter auf diesen 4 nicht schlecht gemachten Seiten. Nach der Ächtung des Antisemitismus bis weit in die deutsche Rechte hinein (-> Homann) hat der völkische Rassismus ein neues Thema gefunden, das er für mehrheitsfähig hält. Auch in meinem kleinbürgerlich-soliden Berliner Westend. Ich glaube, wie ich hier verschiedentlich schon geschrieben habe, nicht daran, dass die Rechtsextremen das Thema der Integration des Islams werden kapern können.
Aber sie arbeiten hart daran. Und ihr Diskurs über die drohende Islamisierung ist sehr geschickt darum bemüht, sich mit einer landläufigen Islamkritik zu überlappen. Ein Grund mehr, auf genaue Begriffe und klare Argumente zu achten.

117 Kommentare

  1.   Samuel

    Klare Argumente?
    Nun, wenn man die „Islamisierung“ verabscheut, weil man auf Sex, Drugs und Rock’n Roll steht, dem Zionismus nicht abgeneigt und schwul ist, für Globalisierung, Kapitalismus und die Freiheit des Einzelnen einsteht, dann könnnen einem Nazis gar nichts anhaben.

  2.   Andreas Wetter

    Dann bin ich mal gespannt, ob diese Flyer auch im Wedding verteilt werden.

  3.   Jörg Lau

    @ Samuel: Ich würde nicht den Kampfbegriff „Islamisierung“ verwenden, als bezeichne er ein Faktum, das man zwar so oder so bewerten kann, aber nicht anzweifeln.
    In Berlin gibt es keine „Islamisierung“, wie sie die Nazis suggerieren.


  4. „In Berlin gibt es keine “Islamisierung”, wie sie die Nazis suggerieren.“

    Als ich kürzlich mit Bekannten aus Göppingen (Ba-Wü, 50 000 Einwohner) in Berlin war – sie waren das erste mal in der Hauptstadt -, meinten diese: „In Berlin gibt es ja weit weniger Türken als bei uns!“

  5.   M. Riexinger

    @ Samuel

    Ihre Äußerungen empfinde ich als heterophob.


  6. @Hans Joachim Sauer

    >>“In Berlin gibt es ja weit weniger Türken als bei uns!”>>

    Das liegt wohl daran, dass viele in ihrem Kiez bleiben.


  7. Die Vorlage für den Ausländerbeauftragten Zottel ist wohl Günter Piening, zu sehen in diesem Panorama-Bericht von Güner Balci. Das von Balci bemängelte Verschweigen des Problems spielt der NPD in die Hände.

  8.   M. Riexinger

    @ Miriam

    Bezogen auf den Bevölkerungsanteil, dürfte HJSens Bekannter kaum danebenliegen.

  9.   Samuel

    @ Jörg Lau

    Ich habe den begriff „Islamisierung“ nicht ohne Grund in Anführungsstrichen geschrieben.

    @ M. Riexinger

    Was kann ich denn dafür, wenn Nazis das Konzept Mann+Frau so toll finden (von Ausnahmen (Ernst Röhm, Michael Kühnen) abgesehen)?

  10.   Hippodamos

    Ein weiterer zu erwartender Schritt in die von mir und anderen vorgezeichnete Katastrophe. Dass die Extremen sich nun dieses Themas annehmen ist ausschließlich auf die feige und verantwortungslose Ignoranz der wirklichen Probleme der Integration durch den Mainstream
    zurückzuführen.
    Die Rechtsextremen werden dieses Thema sehr wohl „kapern“, mich wunderte schon länger, dass sie das Potential nicht schon früher erkannt haben.
    Da gab es wohl noch Affinitäten zu überwinden, die auf dem Hass gegen den gemeinsamen Feind „Jude“ und Israel und kameradschaftlicher Verbindungen aus den Kriegen beruhten, zu überwinden.
    Aber wie gesagt, der Weg ist vorgezeichnet; Ignoranz der Etablierten, Vakuum, Polarisierung Bürgerkrieg.
    Wer hat eigentlich den dämlichen Satz „Geschichte wiederholt sich nicht“ geprägt?

    Aber wie Stefanie schon einmal sehr richtig sinngemäß bemerkte: „Man hat sich schon so an demokratische Verhältnisse gewöhnt, dass man es nicht mehr für möglich hält.“

 

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