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Für ein neues Verständnis des Islamismus

 

Marc Lynch hat in Foreign Policy eine ausführliche Auseinandersetzung mit Tariq Ramadan und seinen Kritikern (vor allem: Paul Berman) vorgelegt. Lynch ist der beste amerikanische Kenner der internen Debatten der Muslimbruderschaft. Sein Blog ist eine hervorragende Quelle über Diskussionen in der islamistischen Bewegung.

Sein Plädoyer für eine differenzierte Betrachtung des neueren Islamismus – vor allem unter Berücksichtigung der Deutungskämpfe zwischen Salafisten, Al-Kaida und moderateren Teilen der Bewegung (wie der ägyptischen Muslimbruderschaft und der palästinensischen Hamas) – scheint mir überzeugend. Lynch warnt auch eindringlich davor, allzu viele Hoffnungen auf „Ex-Muslime“ zu setzen, die vom Mainstream islamischer Gesellschaften isoliert sind, aber in unseren Öffentlichkeiten gut ankommen, weil sie dem Glauben abgeschworen haben, Israel unterstützen und die Außenpolitik des Westens verteidigen. Diesen Stimmen ihren Platz zu geben in der öffentlichen Debatte, sei kein Ersatz für den Dialog mit denen, die vielleicht keine liberalen, aber doch Demokraten sind – wie etwa Tariq Ramadan:

„In trying to understand Islamism, two approaches are possible. The first sees Islamism as essentially a single project with multiple variants, in which the similarities are more important than the differences. In this view, the Muslim Brotherhood and al Qaeda represent two points on a common spectrum, divided by tactics rather than by goals. Such an understanding makes it possible — if not unavoidable — to see Osama bin Laden lurking in the figure of Ramadan.

The second approach sees consequential distinctions in the ideology and behavior of various Islamist strands. In the years since 9/11, the United States has moved from the former camp to the latter. The United States‘ experience of cooperating with nationalist Iraqi insurgents against al Qaeda in Iraq has led many U.S. policymakers to favor a strategy that identifies differences among Islamists and uses them to accelerate al Qaeda’s marginalization. Many observers in the United States and elsewhere adopted a similar tack after watching the Muslim Brotherhood contest elections and defend democracy in countries such as Egypt, even as the Brotherhood opposed U.S. foreign policy objectives.

(…)

Those, such as Berman, who see Islamism as flat and uniform claim that Islamists of all varieties — despite differences over the use of violence or the value of democratic participation — ultimately share a commitment to achieving an Islamic state. But this is misleading. There is a vast and important gap between the Salafi vision of enforced social uniformity and the moderate Islamist vision of a democratic state, with civil institutions and the rule of law, populated by devout Muslims. The gap is so great as to render meaningless the notion that all Islamists share a common strategic objective. Ramadan stands on the correct side of this gap, and by extension, he stands on the right side of the most important battle within Islamism today: he is a defender of pragmatism and flexibility, of participation in society, and of Muslims‘ becoming full citizens within liberal societies.

Ramadan’s defense of participation places him opposite the literalists and radicals with whom Berman attempts to link him. The hard core of the Salafi jihadists view all existing Muslim societies as fundamentally, hopelessly corrupt — part of a jahiliyya, which means „age of ignorance,“ from which true Muslims must retreat and isolate themselves. Ramadan, by contrast, calls for change from within. Groups such as the Muslim Brotherhood offer clinics, charities, schools, and other services, while pursuing the dawa, or „spiritual outreach.“ Their approach would be familiar to anyone who has engaged with American evangelicals — the polite conversation, the pamphlets and other literature, the self-presentation as honest and incorruptible. There is an obvious difference between a woman who is forced to wear a veil for fear of acid being thrown in her face and one who does so to show respect for God. But there are other forms of coercion — peer pressure, societal norms, and economic need — that can be difficult to detect from the outside. These are topics for serious study.

But Berman does not even try.

173 Kommentare


  1. @ JL

    Die Hamas und die Muslimbruderschaft als „moderat(er)“ oder gar demokratisch zu bezeichnen, geht m.E. zu weit.

    Die Hamas hat in Gaza blutig geputscht und ist nicht bereit, ihre Macht auf demokratischem Weg wieder abzugeben.
    Ich schätze, die ägyptischen Ichwan würden sich im Falle des Machtgewinns ähnlich verhalten.


  2. Nachtrag: Tariq Ramadan ist für die MB nicht repräsentativ.


  3. Hamas ist gemäßigt? Kürzlich rief noch einer ihrer Häuptlinge die Brüder in der Westbank dazu auf Kassamraketen ins israelische Kernland zu schießen.

    Man schaue sich nur mal die Charta der Hamas genau an.

    Mit Hamas kann Israel nur über Art und Zeitrahmen der Endlösung 2.0 verhandeln, aber definitiv nicht über Frieden!

  4.   J.S.

    Es soll ja jetzt auch schon moderate Taliban geben.

    „keine liberalen, aber doch Demokraten“

    Sowas wie NPD usw. nur unter islamischem Vorzeichen? Ich finde nicht das es das eine ohne das andere gibt.

  5.   J.S.

    „watching the Muslim Brotherhood contest elections and defend democracy in countries such as Egypt,“

    Es braucht wirklich nicht viel um zu erkennen das sich die Muslimbruderschaft nur bis zur Machtübernahme für die Demokratie einsetzen wird. (Siehe Hamas)

    Islamisten sind keine Muslimdemokraten.

  6.   Jörg Lau

    @ All: Na dann ist ja alles klar. Bomb the living hell out of them.
    Mal im Ernst: Ein bisschen mehr Nachdenken wäre nett.
    Die IHH zum Beispiel haben wir hier heftigst kritisiert für die Marmara-Geschichte.
    Man muss aber sagen: Die haben gewonnen. Israel korrigiert seinen Kurs.
    Irgendwann wird Israel dann auch mit Hamas reden müssen. Und warum nicht? Mit der Atombombe in der Hand und der Möglichkeit, jederzeit den Gaza-Streifen nach Belieben platt zu machen – warum nicht reden? Die werden nicht einfach weg gehen. Auch die Fatah war mal der Feind, mit dem man unter keinen Umständen reden konnte. Arafat würde in der Mukata belagert, noch vor wenigen Jahren! Und jetzt redet selbst Netanjahu von „economic peace“…


  7. @ JL

    Dan Diner hat einen unkonventionellen Vorschlag zum Gaza-Konflikt:

    http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/tuerken_nach_gaza_1.6246276.html

    „Träfe die Erwägung tatsächlich zu, die der Türkei zugewachsene Rolle wirke sich nicht nur in eine Richtung aus, dann wäre Ankara aufgefordert, nach Zustimmung aller betroffenen Parteien wie der internationalen Gemeinschaft in Gaza Verantwortung zu übernehmen. Die sunnitische Türkei wiese gegenüber der Hamas eine grössere religionspolitische Nähe auf als der schiitische Iran; sie wäre als muslimische, indes nichtarabische Macht aus der näheren Region eher gegen interessenpolitische Verdächtigungen gefeit als die umliegenden arabischen Staaten. Als Nato-Staat wäre sie weiterhin in den Westen eingebunden und als Kandidat der Europäischen Union den Argusaugen aus Brüssel ausgesetzt. Sie wäre jedenfalls nicht von vornherein dazu verdammt, einem Fluch Yasir Arafats gemäss Wasser aus dem Meer von Gaza zu trinken, also erbärmlich zu scheitern.

    Ein solches Manöver – Gaza unter der Obhut und damit der Kontrolle der Türkei – könnte einer Perspektive Tür und Tor öffnen, zu der die unmittelbar am Konflikt beteiligten Parteien – Israeli und Palästinenser – ohnehin verurteilt sind: die Glut des Konflikts durch neutralisierende Einflussnahme von aussen erkalten zu lassen. Die Türken in Gaza mögen die Ersten sein. Vielleicht folgen ihnen von Israeli und Palästinensern willkommen geheissene Marokkaner aus dem «fernen Westen» auf dem Fuss. Der Sharif als Abkömmling des Propheten wäre ein nicht ungeeigneter Hüter der Heiligen Stätten des Islams in Jerusalem alias al-Kuds.“

  8.   Zagreus

    Sein Plädoyer für eine differenzierte Betrachtung des neueren Islamismus

    Ein entschiedenes: JAIN!

    Oder anders: es kommt darauf an. beide Sichtweisen haben etwas für sich und sind in differenter Sichtweise gut (beziehungsweise besser als die jeweilige andere).

    Aus unserer *westlich-europäischen Sicht* heraus gibt es (min.) zwei Sichtweisen:

    a.) Inwieweit bei und für uns akzeptabel.
    b.) Inwieweit (aus unserer Sicht) eine fortschrittliche bzw. progressive Strömung innerhalb des islamischen Diskurses.

    Davon muss aber ein Punkt geklärt sein, nämlich die Def. *Islamismus*.
    Wenn ich unter *Islamismus* in Anlehung an Wiki (http://de.wikipedia.org/wiki/Islamismus) als „ wesentliche Eigenschaft aller Strömungen die Ansicht zu Grunde, dass der Islam als ganzheitliche Religion, die sowohl soziale, juristische, politische und wirtschaftliche Dimensionen beinhaltet, einzige Quelle für ein politisches System sein kann und sogar muss. “ verstehe, dann ist unter einer weiteren Prämisse die *Paul Berman*-Sichtweise
    die Adäquatere.
    Die weitere Prämisse ergibt sich aus einer Antwort auf a.)Inwieweit bei und für uns akzeptabel. Um das zu beandworten benötigen wir Kriterien – und zumindest meine sind, wie vor kurzen wiedermal vorgestellt:
    „- Trennung zwischen Staat und Politik ( = Abschaffung alles gesellschaftsrelevanten Bestandteile/Aussagen der Scharia auf theologischen Ebene – anerkennung des Primats eines säkularen weltlichen Rechts vor religiösen Rechtsnormen)
    – Historisch-kritische Lesart der *Heiligen Schriften*

    – grundsätzliche Anerkennung bzw. Primat der Menschenrechte (aller) in der 1948er Auffassung (und nicht verwässerungen a là: “diese müssen sich der scharia unterordnung” wie sie in der kairoer erklärung festgelegt wurden).

    – symbolische Abgrenzung ( = über Bezeichnungen &,Ritus etc…) von Interpretationen, die das nicht leisten wollen/können.“

    Werden diese erfüllt, gilt aber die obrige (Wiki-)Definition von *Islamismus* nicht mehr – da ja wesentliche, allen Erscheinungsformen des islamismus inherente Merkmale, sich zu den *Kriterien* im Widerspruch befinden. Da sie aber auch *übergreifende* Merkmale sind (laut wiki-def.), macht einfach die Barman-sichtweise:
    […] who see Islamism as flat and uniform claim that Islamists of all varieties — despite differences over the use of violence or the value of democratic participation — ultimately share a commitment to achieving an Islamic state. “ Sinn – sie ist die Geeignetere und nicht die von Lynnch.
    Einfach deshalb, weil ja aufgrund des widerspruchs zwischen Akzeptanzkriterium und Übergreifende islamismus-definition interne Widersprüchlichkeiten, Strömungen usw… nur eine sekundäre Rolle spielen können. Gefragt wird nach Entwicklungen die aus dem Islamismus herausgefallen sind und maybe dann nur noch als *Islamisch* oder *Moslimisch* [wenn ich diesen gegensatz hier auf einer theoretischen Ebene setze] sind.
    Die Fragestellung ging ja dahingehend, was FÜR und BEI uns akzeptabel wäre [Vereinbar mit einem ’säkularen‘, demokratischen und individualistischen Staatsverständnis].

    Lynnch Sichtweise ist hingegegn bei b.) „Inwieweit (aus unserer Sicht) eine fortschrittliche bzw. progressive Strömung innerhalb des islamischen Diskurses.“ besser. Denn diese brlaubt uns Interne Differenzierungen und könnte uns sagen, welche der Strömungen und Richtungen stützenswert ist, oder mit welchen Vertretern wie umzugehen sei etc….
    Was sie aber nicht leisten kann, ist uns zu sagen, welche Strömung oder Richtung bei uns für uns akzeptabel sei – und welche nicht.
    Das ginge nur, wenn er die definition von ‚Islamismus‘ ändert.
    Und das versucht er auch:
    Their approach would be familiar to anyone who has engaged with American evangelicals — the polite conversation, the pamphlets and other literature, the self-presentation as honest and incorruptible […] “ nämlich dadurch, daß er einige Strömungen in die Nähe der US-Evangelikalen rückt und sie so ‚akzeptabel‘ erscheinen läßt.
    Die Frage, ob diese Strömungen deshalb aus der obrigen Definition herausgefallen ist, beantwortet er nicht.
    Er macht aber eine Aufweichung – und es entsteht da die Frage nach der definitorischen Abgrenzung von *Islamismus* versus *Islam* erneut – oder sind dann doch *Islamismus* und *Islam* partiell synonym hier?

    Laynnch sein ansatz überzeugt mich zumindest nicht – weil er ihn aus einer in meinen Augen durchaus sinnvollen Bereich, dem von b.), auf a.) überträgt durch dieses ‚Gleichsetzungen‘ von Evangelikalen und gemäßigten Islamisten a là Ramadan. Mit einem mal, sollen Leute, die die (Wiki-)definition von Islamismus erfüllen (denn bei aller Demokratiebestrebungen wollen sie ja doch einen Gottesstaat in Gestalt eines nach der Sharia ausgerichteten Gesetzesgrundlagen – oder wir reden überhaupt nicht mehr von islamisten) akzeptabel erscheinen, weil es nicht schlimmere gibt, die zudem propagandistisch ungeschickt auftreten.

  9.   Zagreus

    Nachtrag:

    „akzeptabel erscheinen, weil es nicht schlimmere gibt, die zudem propagandistisch ungeschickt auftreten.“

    in diesem Satz das ’nicht‘ durch ’noch‘ ersetzen – danke.


  10. @ Zagreus # 8

    Es geht in dem Beitrag um Außen-, nicht um Innenpolitik.

    Daher: Thema verfehlt.

 

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