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85 Quadratmeter Deutschland

 

Mein Bericht über den Flaggenstreit in der Berliner Sonnenallee aus der ZEIT von heute, S. 5:

Berlin-Neukölln
Youssef Bassals Gesichtsfarbe changiert schon ein wenig ins Graugrünliche. Er hat nicht viel geschlafen in den vergangenen Tagen – seit »diese komischen Deutschen« nachts vor seinem Laden in Berlin-Neukölln aufkreuzen und ihm seine Fahne herunterreißen wollen. Er lächelt müde, aber zufrieden wie einer, der einen gerechten Kampf ausficht. Bassal kämpft für die Ehre der deutschen Flagge: »Ich werde diese Fahne verteidigen – und wenn ich überhaupt nicht mehr zum Schlafen komme!« Über seinem Laden, Bassals Elektro-Shop, am oberen Ende der Sonnenallee in Berlin-Neukölln flattert das größte Schwarz-Rot-Gold der Hauptstadt – von der Traufe bis hinunter in den ersten Stock gut 17 mal 5 Meter. 85 Quadratmeter Deutschland, die zum Gegenstand eines bizarren Streits geworden sind.
An der Ecke Sonnenallee/Pannierstraße ist fast nichts so wie erwartet. Bassals Laden liegt neben dem Imbiss Al Hara, diversen Shisha-Lounges und gegenüber der Bäckerei Sultan Zwei. Das Ende der Sonnenallee ist auf dem Weg, Berlins »Arabtown« zu werden, mitten in einem Stadtteil, der wie kein anderer in Deutschland für das Scheitern der Integrationspolitik steht.
Die »komischen Deutschen« aber, die dem gebürtigen Libanesen das schwarz-rot-goldene Banner nicht gönnen, sind nicht etwa Rechtsradikale, sondern Angehörige der sogenannten »linksautonomen Szene«. Für diese Szene ist es schwer genug zu ertragen, wenn geborene Deutsche dieser Tage überall Fahnen schwenken. Doch der fröhliche Patriotismus des arabischen Migranten treibt die Autonomen zur Verzweiflung.

Im Internet kursiert denn auch bereits eine Ausschreibung: »Hiermit setzen wir 100 Punkte Kopfgeld auf die Fahne aus. Ihr müsst sie
ja nicht mitnehmen, unbrauchbar machen reicht. Aber Achtung: Angeblich will Bassal einen Nachbarschafts-Fahnenschutz organisieren, nachdem sie bereits in den letzten Tagen angezündet und abgeschnitten wurde. Deswegen geben wir noch 10 Punkte drauf. 110 Punkte für diese eine Fahne.«
Damit war die Jagd eröffnet. Und so kommt es, dass Youssef Bassal nun schon unter der dritten Fahne in zwei Wochen sitzt, die er jeweils für 500 Euro hat maßschneidern lassen. Gleich am ersten Tag, nachdem Bassal und sein Kumpel Khaled Husseini die Flagge am Dach montiert und über drei Balkone nach unten hatten flattern lassen, kam eine junge Frau in typischer schwarzer Autonomen-Kluft vorbei und stellte die beiden zur Rede, wie Bassal erzählt: »Wir sollten lieber eine Palästina-Flagge aufhängen, hat sie gesagt. Wieso Palästina? Ich bin Libanese, ich liebe die deutsche Mannschaft, und die Palästinenser spielen, soweit ich weiß, nicht bei der WM mit.«
Bassal grinst verschmitzt – und unverdrossen. Eines Abends kamen zehn schwarz Vermummte vorbei, rissen die Fahne herunter und konnten mit ihrer Beute fliehen. Die zweite Fahne, die er sofort am nächsten Tag hisste, wurde vermutlich wieder von Autonomen angezündet und dann an der Dachkante abgeschnitten.
Als die zweite Fahne hing und klar wurde, dass Youssef Bassal nicht leicht zu entmutigen sein würde, sei erneut eine junge Frau in Schwarz in den Laden gekommen, erzählt er. »Die sagte zu mir: ›Warum machst du das? Du weckst die Deutschen wieder auf!‹ Und dann hat sie irgendwas über den Geist der Nazis erzählt. Was habe ich denn bitte mit den Nazis zu tun?«
Der dritten Flagge soll es nun nicht ebenso ergehen, und darum sitzt Youssef Bassal mit seinem Kumpel Khaled Husseini seither Nacht für Nacht auf dem Trottoir der Sonnenallee und trinkt einen Tee nach dem anderen. »Wer diese Fahne beschädigt, beleidigt mich, meine Familie und Deutschland«, sagt er.
Aber 1500 Euro für drei Fahnen in zwei Wochen – das ist schon ziemlich verrückt. Wie Fußballfans halt so sind: Bassal liebt den unbeschwerten Stil der deutschen Mannschaft. Zusammen mit türkischen und deutschen Freunden macht er bei jedem Spiel der Löw-Elf aus dem Bürgersteig der Sonnenallee eine kleine Fanmeile. Die Fahne sollte ursprünglich nur ein überschwänglicher Ausdruck der Spiel- und Lebensfreude sein, die dieser Tage durch Schweinsteiger, Podolski, Klose und Özil verbreitet wird. Aber jetzt ist dank der Anfeindungen von links außen etwas mehr daraus geworden. Youssef Bassal und seine Kumpel verteidigen mit dem Schwarz-Rot-Gold ihr Bild von Deutschland und ihr Recht, sich zugehörig zu fühlen, auch wenn sie anders heißen und aussehen als der übliche Fahnenträger hierzulande: »Was deutsch ist, bestimmen wir schon selbst!«
Bassal ist Anfang der Achtziger mit 16 Jahren als Flüchtling nach Deutschland gekommen. Da wütete im Libanon ein Bürgerkrieg. Seiner Mutter, seiner Schwester und ihm habe Deutschland zu einem neuen Leben verholfen, sagt er. In seiner Erzählung ist Deutschland ein großzügiges, offenes, hilfsbereites Land. Wer ihm zuhört, muss sich beschämt fühlen angesichts mancher hässlicher und kleinlicher Debatten hierzulande über Quoten für Flüchtlinge oder Intelligenztests für Einwander. »Deutschland hat uns Sicherheit, Wohlstand und Freiheit gegeben. Wir dürfen das nicht vergessen. Da ist so eine große Fahne doch nur ein kleiner Dank.«
Aber eigentlich geht es Bassal nicht um die Vergangenheit, sondern um das Neue am deutschen Team: »Die Deutschen machen es richtig. Sie geben jedem eine Chance, egal, wo er herkommt. Sie machen keinen Unterschied. Das ist die Zukunft, während andere Teams wie Frankreich wieder zurückfallen in altes Misstrauen.« Im Bild eines offenherzigen Landes liegt für den autonomen deutschen Selbsthass eine ungeheure Provokation. Darum soll die Fahne verschwinden, ebenso wie die vielen anderen Wimpel, die linke Grüppchen bereits von den Dächern der Autos in der Sonnenallee gestohlen haben – die übrigens auch meist Türken oder Arabern gehören. In einschlägigen Webforen brüsten sich Vermummte mit Spitzenleistungen beim Sammeln der verhassten Symbole: »Wir, das Kommando Kevin-Prince Boateng Berlin-Ost, sind dem bundesweiten Aufruf, Nationalflaggen und -symbole zu sammeln, gefolgt und haben schon 1657 schwarz-rot-goldene Lumpen erbeutet.« Boateng, das ist der ghanaische Spieler mit Berliner Wurzeln, der den deutschen Kapitän Michael Ballack durch ein Foul aus dem Verkehr gezogen hatte. In rechtsradikalen Fan-Kreisen wird er dafür gehasst. Für die Linksradikalen ist Boateng dagegen ein Held, weil sein Tritt die verhasste deutsche Nationalmannschaft traf: der Migrant als Projektionsfläche deutscher Identitätskämpfe, eine alte Geschichte.
Vielleicht ist der Neuköllner Fahnenstreit ein Zeichen dafür, dass sich da etwas ändert: Bassal und seine Freunde wollen für so etwas nicht mehr herhalten. Sie wollen sich weder durch die Rechten, die »Deutschland den Deutschen« grölend durch die Sonnenallee ziehen, noch durch die Linksradikalen, für die ein Migrant offenbar immer Migrant zu bleiben hat, vorschreiben lassen, wie sehr und auf welche Art sie deutsch sein dürfen.
Auch Bassals Cousin Badr Mohammed ist häufig bei der Fahne anzutreffen. An diesem Montagnachmittag sitzt er gegenüber im Sultan Zwei und sieht mit Genugtuung, wie Fernsehkameras die Fassade mit der Fahne filmen und sein Cousin Interviews gibt. Mohammed ist ein Lokalpolitiker, der 17 Jahre für die SPD In­te­gra­tions­poli­tik machte, bevor er im vergangenen Herbst zur CDU wechselte. Als Mitglied der ersten Islamkonferenz von Wolfgang Schäuble habe er gespürt, dass »in der Union integrationspolitisch mehr möglich ist als bei den Sozis«. Mohammed packt die Wut über die »linken Blockwarte«, die seinem Cousin das Leben schwer machen: »Wir wollen keine Alibi-Ausländer für irgendjemand sein. Wir wollen nicht ewig Migranten bleiben und einen Migrationshintergrund haben bis ins siebte Glied. Wir sind neue Deutsche. Punkt.«
Das Spiel gegen Argentinien wird übrigens, wenn es nach Bassal, Mohammad und Husseini geht, mit einem 1 : 0 für Schweinsteiger, Özil und Klose enden. Dann werden sie wieder feiern auf der Sonnenallee, neue und alte Deutsche zusammen, unter der größten Fahne Berlins.

23 Kommentare

  1.   N. Neumann

    Habe ich das behauptet? Ging es darum in meinem Kommentar?

    Es klingt aber so.

  2.   Erol Bulut

    Herr Lau,
    ich weiß ja nicht, wie Sie im Artikel zu folgender Interpretation („offenbar“) gelangen:
    >>>
    noch durch die Linksradikalen, für die ein Migrant offenbar immer Migrant zu bleiben hat,
    >>>

    aber das ist schlicht Mobbing gegen Linke auf niedrigstem Niveau und hat auch nichts mit den Fakten zu tun. Wenn es um Einbürgerung geht, sind es weder normale Linke, noch die etwas radikaleren Linken, die Migranten die Einbürgerung verweigern. Das sind Rechtsradikale, und Rechte. Insofern ist die Bemerkung, dass für Linksradikale Migranten als Migranten zu bestehen haben, reiner Bullshit. Aber das habe ich ja schon im entsprechenden vorhergehenden Artikel schon ausführlich erläutert, und warum Sie Bullshit verbreiten müssen, werden Sie wohl wissen.

    Wenn Sie logisch korrekt folgern wollen, dann sollen in den Augen betreffender Linksradikalen die Bürger Deutschlands mit Migrationshintergrund genauso wenig patriotisch sein, wie es autochone Bürger sein sollen. das ist was ganz anderes, als die schlicht falsche Behauptung, dass Migrantzen Migranten bleiben sollen, und die nur als intellektbefreites Futter für Möchtegernlinkenbasher der Vernunft zuzuordnen ist.

  3.   Erol Bulut

    @Neumann

    >>>
    Um so bitterer für sie, dass Boatengs Foul gegen Ballack die Leistung der deutschen Nationalmannschaft nicht negativ beeinträchtigt hat, wenn nicht sogar noch gesteigert.
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    Ich weiß ja nicht, wieso Ballak wenig geschätzt wird, obwohl er stets mit Leistung für die Deutsche Mannschaft als Leistungsträger aufgetreten ist. Aber der Ausfall von Ballak hat mit Sicherheit die Deutsche Mannschaft geschächt, und das ein Khedira bei dieser WM Ballak auch nur halbwegs zu ersetzen vermag, glauben auch nur die, die noch nie richtig Fußball gespielt haben.


  4. @Jörg Lau

    In der Tat ein sehr guter, herzerwärmender Beitrag.
    Ich wurde die Tage gefragt, wie man am effektivsten Vorurteile gegen türkisch-/arabisch/-kurdisch-stämmige Migranten bekämpft. Meine Antwort: Nicht indem man die Menschen belehrt, dass es böse ist, Vorurteile zu haben, sondern indem man ihnen die Gelegenheit gibt, entweder von Angesicht zu Angesicht oder über Berichterstattung ganz normale (und nicht nur überfliegende) Vertreter dieser Ethnien kennenlernen, die diese Vorurteile Lügen strafen.

    Zurzeit führe ich Interviews mit irakischen Jugendlichen und Erwachsenen durch, die als Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Es sind Christen, Muslime und Jesiden darunter und sie alle denken so wie Youssef Basal. Einige konnte ich letztens in eine Talkrunde mit dem Oberbürgermeister holen, die ich moderiert habe. Es waren auch Jugendliche algerischer und türkisch-kurdischer Herkunft dabei (alles Hauptschüler oder ehemalige Hauptschüler). Mit ihrer entwaffnender Art und ihrer Motivation haben sie die Herzen der Zuschauer – und des OB – erobert. Normalerweise wenn man so einen Prominenten in der Runde hat, redet er und die anderen hören zu. Diesmal war es anders. Die Jugendlichen haben erzählt und die „Großen“ (status- und altersmäßig) haben zugehört. Am Ende der Veranstaltung – so bin ich mir sicher – wurden einige Vorurteile im Saal zurückgelassen. Und wenn die Leute sich in Zukunft „einen Türken“, „eine Kurdin“, „einen Iraker“, „eine Algerierin“, „eine Kopftuchträgerin“ oder einen Muslim bauen, werden sie auch die jungen Talkgäste heranziehen.

    Daher mein Motto: Lerne gute Leute kennen, interviewe sie, und rede darüber.

  5.   cwspeer

    @ Miriam G.

    Exakt so geht es! Sehr guter Beitrag! Wenn man sie auf diese Weise ernst nimmt und ihnen eine Stimme gibt, dann ist das auch ein Signal, dass man sie akzeptiert und nicht argwöhnisch als „Integrationsverweigerer“ abstempelt, nur weil sie Freitags in die Moschee gehen. Solche Aktionen helfen, die ganze Sache zu entkrampfen. Weiter so!

  6.   Thomas B.

    Vielen Dank für diesen Artikel Herr Lau.

    Am liebsten würde ich sofort meine Sachen packen und für ein paar Tage nach Berlin ziehen, um den Herrn Bassal bei seiner Flaggenverteidigung zu unterstützen. Deutschland ist in meinen Augen ein Land, in dem Menschen jeglicher Nationalität willkommen sind und begrüßt werden sollten.
    Ich selber wohne in einer Wohngegend, mit einer großen Anzahl verschiedener Nationalitäten und geniesse es, mitten in Hannover ein vereintes Europa, sogar eine vereinte Welt zu haben. Auf die Frage von Bekannten, warum ich denn in einem Stadtteil wohne, in dem es soviele Ausländer gibt, entgegne ich immer mit derselben Anwort: „Wieso Ausländer? Wir sind doch alles Menschen. Ausserdem ist es schön ruhig, da es keine Rechten und Linken gibt.“

  7.   Thomas

    Also wenn ich das richtig sehe, behandeln diese Linken in Neukölln die patriotischen Migranten genau so, wie sie das mit patriotischen Alt-Deutschen auch machen. Zum „Alibi-Migranten“ wird Herr Bassal doch von den nationalen Medien und leider auch von Herrn Lau gemacht.

    Dass Antideutsche und Antiimperialisten oft genug im selben Maße durchgeknallt sind, dass die ganze Aktion gegen die Riesenfahne lächerlich und kleinkariert daher kommt – geschenkt. Dass sie ein grundfalsches Signal an die hier lebenden Ausländer und neuen Deutschen aussendet – geschenkt. Allen, die mit guten Gründen besorgt sind ob des Gehabes dieser erwachenden Nation, fällt es durch solche Geschichten nur noch schwerer, Gehör zu finden.

    Aber zu unterstellen, dass für Linksradikale „ein Migrant offenbar immer Migrant zu bleiben hat“ ist nicht richtig und hier bereits mit der passenden Vokabel kommentiert worden.

  8.   klaus

    das gibts doch gar nicht die haben ein song bei youtube

    bassal song

  9.   Jonathan

    Ich finde es mehr als bewundernswert was Youssef Bassal und seine freunde/familie machen. Ich danke ihnen dafür das sie diesen linken chaoten die Stirn bieten und sich nicht unterkriegen lassen. Sie stehen für das neue offen und fröhliche Deutschland! Ich würde ihnen sogar gerne Geld spenden um einen teil ihrer kosten zu decken.


  10. @ Jonathan

    Sie bringen es auf den Punkt: Youssef Bassals Aktion ist ein Sinnbild für ein neues und fröhliches Deutschland. Wie das Sommermärchen und Lena.

    >>Ich würde ihnen sogar gerne Geld spenden um einen teil ihrer kosten zu decken.>>

    Vielleicht kann Jörg Lau dafür sorgen, dass man seine Spende auf ein ZEIT-Konto überweisen kann mit dem Verwendungszweck „Youssef Bassals Flagge“.

 

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