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Syrien: verschleierte Lehrerinnen unerwünscht

 

Interessante Parallele zum französischen Burkaverbot: Syrien geht unter der Hand massiv gegen Nikab tragende Lehrerinnen vor. Ein gesetzliches Verbot gibt es zwar nicht, denn man will die Konservativen im Land nicht gegen das baathistische Regime aufbringen.
Aber der Economist berichtet, dass bereits über 1200 (!) voll verschleierte Lehrerinnen in andere Tätigkeiten bugsiert worden seien, weil dass Assad-Regime die islamistische Unterwanderung des Schulsystems fürchtet:
„Ali Saad, the education minister, is reported to have told teachers that the niqab undermines the “objective, secular methodology” of Syria’s schools.“

Auch in Syrien gibt es, wie in Ägypten, einen Trend zur Verhüllung als Zeichen religiöser Observanz. Vor wenigen Jahren wäre das – vor allem in gebildeten städtischen Kreisen wie unter Lehrerinnen – noch undenkbar gewesen.

Syrien unterhält als nominell säkular-sozialistische Republik ein ambivalentes Verhältnis zum politischen Islam. Damaskus beherbergt Hamas- und Hisbollah-Führer, doch unvergessen ist das Massaker von Hama an der Muslimbruderschaft, bei dem über 10.000 Menschen umkamen.

Der Economist zitiert eine Frauenrechtlerin: “The niqab is a Wahhabi way of influencing Syria and is a form of violence against women,” says Bassam al-Kadi, the outspoken head of the Syrian Women’s Observatory, a lobby that strongly supports the curb.

13 Kommentare

  1.   N. Neumann

    Interessante Parallele zum französischen Burkaverbot: Syrien geht unter der Hand massiv gegen Nikab tragende Lehrerinnen vor.

    @ Jörg Lau

    Parallele? Kein westlicher Staat akzeptiert Niqab tragende Lehrerinnen. Sogar Großbritannien nicht. Syrien käme wiederum nicht auf den Gedanken, den Niqab auf der Straße zu verbieten.

    Ein gesetzliches Verbot gibt es zwar nicht, denn man will die Konservativen im Land nicht gegen das baathistische Regime aufbringen.

    Und hier stellt sich die Frage, ob diese „Konservativen“ auch nach syrischen Maßstäben lediglich konservativ sind.

    Syrien unterhält als nominell säkular-sozialistische Republik ein ambivalentes Verhältnis zum politischen Islam. Damaskus beherbergt Hamas- und Hisbollah-Führer, doch unvergessen ist das Massaker von Hama an der Muslimbruderschaft, bei dem über 10.000 Menschen umkamen.

    Auch Wahhabiten / Salafisten genießen in Syrien große religiöse Freiheiten. Die rote Linie ist Kritik am syrischen Staat. Da trifft es sich gut, dass die äußeren Feinde bzw. Feindbilder Syriens dieselben von Hamas, Hisbollah, Muslimbrüdern und Wahhabiten / Salafisten sind.

    Darüber hinaus entspricht das ambivalente Verhältnis des syrischen Staats zum politischen Islam jenem vieler mehr oder weniger säkularer Araber. Solange sich islamistische Gruppierungen auf Israel und die USA kaprizieren, gilt das als „Widerstand“ und geht völlig in Ordnung.

    Es ist gewissermaßen dasselbe (einerseits ideologische und andererseits vorpolitische) Denkmuster wie in der iranischen Linken vor der schiitischen Revolution. Allen Geländegewinnen des politischen Islam zum Trotz fürchten viele Säkulare nicht, dass es mit der gewissen Säkularität in vielen arabischen Staaten völlig vorbei wäre, wenn der politische Islam regieren würde.

  2.   schlaumeier

    bassam al kadi ist keine frauenrechtlerIN sondern ein mann

  3.   Hammer

    die muslimbruderschaft hatte nur 200 kämpfer der rest der toten waren zivilisten,manche quellen sprechen von bis zu 40000!vor der bombardierung wurden die strassen zerstört damit niemand fliehen kann.
    alte kirchen wurden bei der gelegenheit gleich mit weggebombt.


  4. Assad ist heute genau 10 Jahre im Amt.
    Reporter ohne Grenzen hat ‚zu diesem Anlass‘ einen Kurzbericht über die Lage der Meinungs- und Pressefreiheit verfasst. Dass die Baath die Entwicklung zivilgesellschaftlicher Strukturen hemmt, muss eigentlich nicht erwähnt werden.

    Wer als Journalist oder Internetdissident Kritik an der politischen Führung übt, muss mit einer Festnahme rechnen. Das „Syrische Zentrum für Medien und Meinungsfreiheit“ – die einzige Nichtregierungsorganisation im Land, die auf Presse- und Internetfragen spezialisiert war und die Medienberichterstattung während Wahlperioden beobachtete – ist im September letzten Jahres geschlossen worden.

    Den Bericht gibt es hier:
    http://www.reporter-ohne-grenzen.de/fileadmin/rte/docs/2010/100716_Syrien_ROG_Kurzbericht.pdf

    Kleine Randnotiz: Al-Jazeera hat bis heute noch keine Erlaubnis für die Errichtung eines Ablegers in Syrien erhalten.

    Was die verschleierten Lehrerinnen angeht, so würde mich interessieren, in welche ‚anderen Tätigkeiten‘ sie transferiert wurden. Einmal mehr wird jedenfalls der ambivalente Charakter des Regimes zum Islam offenbar.


  5. O.T.

    In Syrien gilt seit Ende April/Anfang Mai striktes Rauchverbot in öffentlichen Einrichtungen und Räumen.
    Besonders hart trifft das die Besitzer von Shisha-Restaurants.

    http://www.heise.de/tp/r4/artikel/32/32560/1.html

    „Ein gesetzlich verordnetes Rauchverbot ist immer ein zweischneidiges Schwert, solange der Staat weiterhin am Verkauf von Zigaretten verdient und sie obendrein auch noch selbst herstellt. Die staatliche GOT, der einzige Zigarettenproduzent Syriens, [extern] verkaufte 2007 12.500 Tonnen lokal hergestellte Tabakwaren im Wert von 252 Millionen Dollar. Dazu kamen importierte Zigaretten im Wert von 201 Millionen Dollar. Steuern sind in diesen Beträgen nicht mit eingerechnet. 2008 schloss die GOT einen Vertrag mit Britisch- Amerikanischer Tabak (BAT), dem zweitgrößten Zigarettenhersteller der Welt. In Lizenz werden nun in Syrien jährlich 800 Millionen Zigaretten der Marke Lucky Strike produziert. „Das verdoppelt unsere Profite“, meinte Salman Abbas, der Vizedirektor von GOT. „Ganz zu schweigen von der wertvollen Erfahrung unserer Arbeiter, die sie durch die Arbeit an neuen Maschinen und das BAT-Training erhalten.“

    Ein ähnlicher Deal war 2006 mit der französischen Altadis Gruppe vorausgegangen, um die Marke Gitanes in Syrien zu produzieren. Seit 2004 expandierte Altadis auch mit der, eigentlich spanischen, Marke Fortuna. Die Zigarette wird als billigste Zigarette auf den jeweiligen Märkten lanciert. In Marokko kostet eine Schachtel Fortuna 1,90 Euro, im Libanon dagegen nur 60 Cents.

    „Rauchverbot hin oder her“, sagt ein syrischer Taxifahrer, „das ist alles nur Lug und Trug. Uns wollen sie angeblich das Rauchen abgewöhnen, auf der anderen Seite wollen sie noch mehr am Rauchen verdienen.“

  6.   Loewe

    Könnte es sein, dass die Balance zu halten zwischen säkular und islamistisch eine recht gute Leistung von Assad ist – für die ihm viele Syrer dankbar sind?

    Was die Unfreiheit, die Unterdrückung anbelangt: die haben wir in Ägypten unter Mubarek genauso. Und der ist ein enger Verbündeter des Westens … Da sollte man nicht mit verschiedenem Maß messen, wenn’s um Demokratie und Menschenrechte geht.

    Irgendwo hab ich gelesen, dass Assad zurzeit zwischen Israel und der Türkei zu vermitteln versucht … Stimmt das?

    Viel Nicht-Negatives gibt’s nicht zu sagen über Assads Regime – aber der erste Punkt könnte für die Syrer selber von hohem Gewicht sein.

  7.   Bravoleser

    Was will uns dieser Blogeintrag sagen?

    Ein Staat der die Burka verbietet verhält sich parallel zu Syrien.

    Dann verhält sich ein Staat der die Burka erlaubt parallel zu…
    …Saudi Arabien
    …Pakistan
    …Somalia

  8.   Loewe

    Der Artikel von Lau hat den Bravoleser verwirrt.
    Seine Folgerung – Syrien wie Frankreich; Deutschland (?) wie Saudi-Arabien – will sich nicht reimen. (Ist Lau daran schuld?)

    Die Verwirrung kommt wohl daher, dass die Info über Syrien nicht ganz in sein binäres System hineinpasst, das eine eindeutige Verteilung von Gut und Böse erfordert. Syrien müsste konsequent islamistisch handeln und nach Möglichkeit Burka oder Niqab vorschreiben, dann wären die Verhältnisse wieder klar.

    Außerdem, lieber Bravoleser, macht es Syrien ja doch eher wie Deutschland: Man kann in Syrien wie Deutschland schon straffrei mit Burka oder Niqab rumlaufen, aber Lehrerin kann man damit nicht werden.

  9.   tati

    @Loewe

    Außerdem, lieber Bravoleser, macht es Syrien ja doch eher wie Deutschland.

    Aber klar doch, besonders oppositionellen Muslimen gegenüber.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Hama

  10.   Bravoleser

    Wer hat hier ein binäres Weltbild?

    Ich bin gegen das Burkaverbot- aber auch gegen die Burka.

    Das Burkaverbot ist sachlich gesehen ein Unsinn.
    Denn es beseitigt doch nicht die Burka-Ideologie.
    Atta & Genossen liefen schließlich auch nicht mit Rauschebart und Pluderhose durch die Gegend. Im Gegenteil.

    Ich hatte schon mal andernorts hier geschrieben das ich zeitweise
    (vor fast 20 Jahren) in einer ziemlich islamischen Gegend wohnte.
    Schon damals wurden dort die Frauen unterdrückt und mußten das tun
    was ihre eigenen zwölfjährigen Bengel ihnen befahlen.
    Diese Frauen trugen keine Burka, einige noch nicht mal Kopftücher.

    Merke:
    Frauen kann man auch ganz prima unterdrücken OHNE Burka.
    Doch nicht alles was aus fremden Kulturen kommt muß ich umarmen
    und klasse finden. Mache ich auch nicht. Das wäre binär.

 

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