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Für eine Republik der Außenseiter

 

Für das soeben erschienen Sonderheft des Merkur habe ich eine etwas antyzyklische Liebeserklärung an Amerika verfasst. Derzeit dominieren ja aus vielen guten Gründen die Abgesänge auf die Vereinigten Staaten – innere Zerrissenheit zwischen Tea Party und Obamas Versuchen einer politischen „Zentrierung“ der USA; Aufstieg neuer Mächte und geopolitische Schwächung durch Überdehnung; Niedergang des Modells einer Dienstleistungs- und Outsorcing-Wirtschaft. Alles leider richtig.

Nicht vergessen werden sollte aber, dass es politisch weltweit keine bewährte Alternative zu dem amerikanischen Erbe einer Verfassung der Freiheit gibt (siehe Europas eigene Krise).

Und daher fühlte ich mich veranlasst, Amerika als Republik der Außenseiter zu preisen. Ein Land, dass den Außenseiter als Heilsfigur und Helden der Selbstkritik hervorgebracht hat, das ist etwas Bemerkenswertes in der Geschichte.
Hier ein paar Absätze vom Schluß des Essays:

Thoreau, der Unausstehliche, der die Natur umarmte und die Menschen vor den Kopf stieß, war ein Virtuose der Fernstenliebe. Unfähig zu den alltäglichsten Freundlichkeiten, riskierte er für die Befreiung eines Sklaven seine Freiheit. Er nahm viele Wendungen der Alternativbewegung des folgen- den Jahrhunderts vorweg, vom gesinnungsmäßigen Vegetarismus bis zur Apologie des politischen Terrors des Abolitionisten John Brown. Wer wissen will, was vom Alternativbewusstsein bleibt in einer Welt ohne Alternativen, der muss auch heute noch Thoreau lesen, den Mystiker, die Nervensäge, das moralisch-politische Genie.
Aber in dem archetypischen Außenseiter der amerikanischen Literatur ist auch der Vordenker eines liberalen Individualismus zu entdecken, der er- staunlich aktuell klingt. Die Autorität der Regierung, sagt Thoreau am Ende seiner Rede Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat, bedarf »der Vollmacht und Zustimmung der Regierten. Sie kann nur so weit Recht über meine Person und mein Eigentum haben, als ich es ihr konzediere. Der Fortschritt von einer absoluten zu einer begrenzten Monarchie, von einer begrenzten Monarchie zur Demokratie, ist Fortschritt hin zu wahrer Achtung für das Individuum. Ist die Demokratie, so wie wir sie kennen, die letzte mögliche Verbesserung der Regierungsform? Ist es nicht möglich, einen weiteren Schritt hin zur Anerkennung und Organisation der Menschenrechte zu nehmen? Es wird niemals einen freien und aufgeklärten Staat geben, so lange der Staat das Individuum nicht als eine höhere und unabhängige Macht anerkennt, von der all seine Macht und Autorität abgeleitet sind, und es entsprechend behandelt.«
Thoreau geht am Ende weit über die Begründung des Rechts auf zivilen Ungehorsam hinaus: »Ich mache mir das Vergnügen, mir einen Staat vorzustellen, der es sich leisten kann, zu allen Menschen gerecht zu sein und das Individuum respektvoll als Nachbarn zu behandeln; der es nicht als unvereinbar mit seiner Würde ansähe, wenn einige in Distanz zu ihm lebten, sich weder mit ihm einließen noch von ihm in Anspruch genommen würden, so lange sie die Pflichten von Nachbarn und Mitmenschen erfüllten. Ein Staat, der solche Früchte trüge und sie fallen ließe, sobald sie reif sind, würde den Weg für einen vollkommeneren und ruhmreicheren Staat bahnen, den ich mir auch vorstellen kann, aber noch nirgends gesehen habe.«
Das ist eine liberale Utopie von unerwarteter Seite. Ausgerechnet der Hypermoralist Thoreau schafft ein Gegenbild zum Konzept des Gouvernantenstaats, das in unseren Tagen die politischen Phantasien beflügelt: ein Staat, der die Leute in Ruhe lässt, weil er die individuelle Freiheit als Quelle seiner Legitimität anerkennt − eine Republik der Außenseiter.

Hier der (lange) Text.