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Der Muslim und die blonde Bestie

 

Der bayerische Landesvorsitzende der Partei „Die Freiheit“, Christian Jung, hat sich in einem Videoblog mit meinem Kommentar zum verdienten Untergang seiner Partei bei der Berlin-Wahl beschäftigt. Herr Jung wiederholt in seinem Kommentar den Vorwurf, ich hätte mit dem Wort von der „blonden Bestie aus Limburg“ Geert Wilders das Menschsein abgesprochen. Das ist Humbug. Man soll seine Witze nie erklären, beziehungsweise: wenn sie erklärt werden müssen, waren sie meist nicht gut.

Dennoch: Mir ging es um mehr als einen Witz. Es handelt sich bei der blonden Bestie um ein Nietzsche-Zitat aus der „Genealogie der Moral“. Das große Manifest Nietzsches gegen das „Gutmenschentum“ (wie man heute gerne sagt) präsentiert die „blonde Bestie“ als positives Gegenmodell zu dem von der christlichen „Sklavenmoral“ verzwergten „zahmen und zivilisierten Haustier“ des modernen Menschen.
Nun passt diese Anspielung auf den Herrn Wilders eigentlich recht gut, wenn man den Anspielungskontext kennt, und nicht nur wegen der Haarfarbe: „blondierte Bestie“ wäre da vielleicht noch besser gewesen. Ist es denn nicht ein immer wiederkehrender Refrain der rechtspopulistischen Moralkritik, dass die Weichheit der (im Gutmenschentum verallgemeinerten) christlichen Sklavenmoral uns dem unzügelbaren Machtwahn der eben nicht durch diese Moral gebremsten Muslime ausliefert (die wissen noch, was ein Wille zur Macht ist, und der Koran ist doch ihr „Mein Kampf“, wie Wilders sagt…)?

In gewisser Weise sind nämlich die Muslime im Blick der „Islamkritiker“ auch „blonde Bestien“ (wie Nietzsche den Begriff verstand, der übrigens explizit auch den „arabischen Adel“ dazu rechnete). Sie sind eben noch nicht verzwergte Gutmenschen, sondern (nietzscheanische) Barbaren mit einer (politischen) Barbarenreligion, die sie stärker macht als die abendländisch-christlichen Gutmenschen je sein können. So wird es doch in den entsprechenden Foren fortwährend dargestellt. Es liegt eine geheime Bewunderung für die vermeintlich barbarisch ungezügelt machtwilligen Muslime in der islamkritischen Suada: Es ist dies die Bewunderung, die Nietzsche für die „blonde Bestie“ aufbrachte, für die

frohlockende(n) Ungeheuer, welche vielleicht von einer scheusslichen Abfolge von Mord, Niederbrennung, Schändung, Folterung mit einem Übermuthe und seelischen Gleichgewichte davongehen, wie als ob nur ein Studentenstreich vollbracht sei.

Herr Jung bestätigt in seinem Videobeitrag, dass ich damit nicht falsch liege, wenn er zwar einräumt, dass die Ahmadiyya dem Dschihad abgeschworen haben mögen (Aha! Aber war denn der Proteste gegen deren Moschee trotzdem richtig?) – dann aber postuliert, dass dies im Umkehrschluss ja heißen müsse, dass es „ansonsten zum Islam dazugehört, eine Politikreligion zu sein und den Dschihad auch zu betreiben, also den Kampf gegen Ungläubige zur Verbreitung der Religion“. Die wissen noch, wie man kämpft! Die sind durch nichts von ihrem Welteroberungsplan abzubringen!

Wer wollte bestreiten, dass „das“ (Dschihad, Machtstreben) zum Islam „dazugehört“! (Dieses Blog ist entstanden, um daran nochmal zu erinnern, um einen iranischen Dissidenten zu unterstützen, der von den Ajatollahs eingesperrt wurde.) Nur wie gehört es dazu?  Ist es identisch mit „Islam“, ist es der unwandelbare Kern?

Die gesamte rechtspopulistische „Islamkritik“ kommt ohne die dekadenzkritische Denkfigur Nietzsches aus der „Genealogie der Moral“ nicht aus, und – das zeigen die empörten Reaktionen auf meine Anspielung – sie weiß das nicht einmal: Der Westen, wird da suggeriert, werde an seinem Moralismus, seiner Bedenkenträgerei (Rechtsstaat) und seiner Naivität eingehen und im Dhimmitum enden, während ein vormoralisches Volk, getrieben von einer auf Herrschaft um jeden Preis angelegten Religion sich anschickt, sich und seinem Gott, der eigentlich nichts ist als Wille zur Macht, die Welt zu unterwerfen. Das ist das Weltbild von Wilders, Freysinger, PI und „Freiheit“, und darum war meine Pointe mit der „blonden Bestie“eben  kein Versuch, dem blondierten Herrn aus Limburg sein Menschsein abzusprechen – sondern vielmehr, im ironischen Gestus einen Hinweis auf seine ideologischen Grundlagen zu geben.

Soll man nicht tun, Ironie funktioniert nicht in der Blogosphäre. Ich weiß. Aber manchmal muss es doch sein. Und ich habe aus den Reaktionen durchaus etwas gelernt.

 

509 Kommentare


  1. Sehr geehrter Herr Lau, Sie haben sich in der Sache wohl kaum etwas vorzuwerfen, aber dass Sie hier Ihre eigene Wortwahl so selbstkritisch reflektieren, zeugt von Größe und verdient in jedem Fall Respekt.

  2.   Und die Erde dreht sich doch

    Der Spiegel schreibt:

    http://einestages.spiegel.de/static/authoralbumbackground/23548/_abstossend_ist_vor_allem_seine_antrainierte_kaelte.html

    „Blonde Bestie“, „Dämon“, „Todesgott“: Holocaust-Organisator Heydrich gilt als Inkarnation des Bösen – sein Leben wurde nie systematisch erforscht.

    Sie haben also Herrn Wilders mal soeben mit dem GESTAPO-Chef gleichgesetzt!!! Der Mann, der einen Teil meiner Vorfahren, die zum politischen Widerstand gehoerten, auf dem Gewissen hat.

    Moechte gar nicht wissen, welche Rolle Ihre Vorfahren gespielt haben.

    Es ist ungeheuerlich widerlich wie die Verbrechen der Deutschen immer wieder fuer eigene politische Zwecke instrumentalisiert werden.

    Ihr selbsgerechter Fanatismus macht mir Angst. Ich halte Leute wie Sie fuer ungeheuer gefaehrlich. Was fuer ein Hohn, den Eindruck erwecken zu wollen, uns vor Hasspredigern schuetzen zu wollen, wenn Sie selbst einer sind.

    Eine Schande fuer die Zeit einer derartigen Anstachelung zum Hass auch noch ein Forum zu bieten.

  3.   Saki

    Jörg Lau,

    na das ist doch mal eine schöne Kategorisieung Blode Bestie vs. von der christlichen Sklavenmoral verzwergtes, zahmes und zivilisiertes Haustier. (Das Konzept hat Herr Nietsche doch wohl von Hegel abgekupfert, von wegen „Herr und Knecht“, oder?)

    Aber irgendwie hab ich mal gelernt dass solche Sprachspiele hohles Gebrabbel sind, insbesondere wenn man den gesteckten Rahmen verläßt. Wenn man aber drin bleibt, muss man halt konsequenter Weise alle danach Kategorisieren. Sind die Muslime jetzt blonde Bestien, oder nicht, insbesondere wenn man sie mit Wilders vergleicht?

  4.   Marin

    Der Anfang der 15ten Sure passt irgendwie zu Jörg Laus Beschreibung, dass die Anti Islam Leute eigentlich heimliche bewunderungen hegen gegenüber ihrem Feind, denn da steht geschrieben:

    15.2. Es mag wohl sein, daß die Ungläubigen wünschen, sie wären Muslime geworden

    Irgendwie erstaunlich dieser Vers, und auch danach bleibt es interessant, denn es geht um Themen die auch die Anti islam Leute thematisieren, Dekadente Blindheit, Untergang von Völkern, usw:

    15.3. Lasse sie essen und genießen und von Hoffnung abgelenkt werden; bald werden sie es erfahren.
    15.4. Und Wir haben nie eine Stadt zerstört, ohne daß ihr eine wohlbekannte Frist bemessen gewesen wäre.
    15.5. Kein Volk kann seine Frist überschreiten; noch können sie dahinter zurückbleiben.
    15.6. Und sie sagten: „O du, zu dem die Ermahnung herabgesandt wurde, du bist wahrlich ein Verrückter.
    15.7. Warum bringst du nicht Engel zu uns, wenn du einer der Wahrhaftigen bist?“
    15.8. Wahrlich Wir senden die Engel nur mit der Wahrheit hinab. Dann wird ihnen kein Aufschub gewährt.
    …..
    …..

  5.   kwk

    Es bringt nichts, mit Koran-Zitaten die Gefährlichkeit des Islam belegen zu wollen. Mit Talmud- und Bibelzitaten könnte man die Herrschaftsansprüche von Juden belegen und deren Missachtung gegenüber Nicht-Juden nachweisen. Die Schriften sind leider in der Welt, aber auch die Aufklärung. Und ich hoffe, dass Europa stark genug ist, diese letzteren Werte zu leben und sich nicht auf Diskussionen mit denjenigen einzulassen, die nach solchen „Offenbarungen“ leben wollen. Es wird immer eine Minderheit bleiben, sowohl im Judentum wie im Islam, die diese Weisheiten leben wollen und zum Gesetz für alle machen.

    Ich vermute, dass der härteste Widerstand gegen orthodoxe Fanatiker von säkularisierten Moslems geleistet werden wird, die sehr genau wissen, warum sie nach Deutschland gekommen sind und was diese Gesellschaft ihren strebsamen Kindern bietet.

  6.   Mates

    Rom wird niemals untergehen!

  7.   Thomas Holm

    „Der Westen, wird da suggeriert, werde an seinem Moralismus, seiner Bedenkenträgerei (Rechtsstaat) und seiner Naivität eingehen … “

    Es gehört zur leidvollen Erfahrung von sehr vielen Menschen, darunter gerade auch auch Migranten und Muslimen, das die Freiheits- und Schutzversprechen eines liberalen Rechtsstaates gegenüber den Bestimmungsansprüchen von Kollektiven in vielen persönlichen Alltagsangelegenheiten wirkungslos bleiben. Die Mahnung: „Freiheit ist nicht für uns gemacht“ sollte hier als Hinweis genügen. Wer diese Diagnose bestreitet und statt dessen anfängt, von Kolonialismus dun Diskriminierung zu reden, zeigt nur, wo er steht.

    „… und im Dhimmitum enden“

    Die Projektion eines Fluchtpunktes solcher Erfahrungen als ein Endschicksal in minderberechtigter Verfassung tut allerdings der „vitaleren“ Gegenseite zu viel Ehre an. Sie können gerade keinen Staat machen.

    Vom Alltagstyrannen aus der U-Bahn bis zum Sonderrechte einfordernden Verbandsfunktionär droht nicht die Etablierung eines anders gearteten politischen Systems; sondern nur die Verfestigung von Nischentyranneien in den eigenen Gemeinden begleitet von einer Dauerskandalisierung der verbliebenen freien Gesellschaft, inklusive gelegentlicher Übergriffe, die als nicht fromm aber provoziert entschuldigt werden.

    Aus der Wahrnehmung von Unterdrückungsverhältnissen schlußfolgert ein Teil von „Islamkritikern“ die Fähigkeit zur Systemveränderung.

    Um die Legitimität dieser verfehlten Schlußfolgerung dreht sich ein Streit, in welchem Absicht und Vermögen ständig miteinander verwechselt werden.

    Wie die Kritiker solcher „Islamkritiker“ es fertig bringen können, sich durch Hinweise wie, man würde schon wollen, könne aber gegenwärtig nicht, (das göttliche Gesetz zum höchsten zu machen) beruhigt fühlen können, erregt Anstoß und Mißtrauen gegenüber den Vertretern einer solchen Marke von Liberalität, die mit dem Etikett „gutmenschlich“ noch viel zu gut wegkommt.

    Das Rezept, wie sich eine freie Gesellschaft gegen die handfesten und propagandistischen Dauerattacken auf ihre Moral verwahren kann, ist noch nicht gefunden.

    Wir würden gerne in unserer übergroßen Mehrheit liberal bleiben, aber wie das gehen kann, wenn Homosexualität, Frauenrechte und ein freier Sinn sichtbar zu persönlichen Risiken (unter Schlagworten wie: Provokation, Ungehorsam, Ehrlosigkeit, Gotteslästerung, etc.) gemodelt werden, ist noch nicht ganz klar. Wenn wir uns das alle mal eingestehen könnten, dann wären wir für mein Dafürhalten einen Schritt weiter.

  8.   Thomas Holm

    „Wer wollte bestreiten, dass “das” (Dschihad, Machtstreben) zum Islam “dazugehört”! … Nur wie gehört es dazu?“

    Gibt es eine Islamische Theologie, die sagt, dass die offenbarten Gottesgesetze nur zur Abhilfe der sittlichen Nöte von historischen Wüstenarabern taugen sollten ? Und wenn ja, wie einflußreich ist diese Theologie ?

    “ Ist es identisch mit “Islam”, ist es der unwandelbare Kern?“

    Wo wird der Allgültigkeitsanspruch Göttlicher Rechtsinterventionen – vielleicht als eine kleine Refernz vor der kulturellen Moderne und der wissenschaftlich-technischen Weltzivilisation – denn theologisch „historisiert“ und: soweit dies der Fall sein sollte, wie einflußreich ist diese Position ?

    Gestalten wie Gaddafi, Saddam und Assad beweisen, dass man auch schon mal 40 Jahre lang persönliche Willkür und haarsträubende Extravaganz den Moslems als „Islam“ verkaufen kann.

    Ob jedoch Freiheit und Gleichheit ähnliche Duldungschancen bei den Muslimen erlangen können, wo diesen menschlich auch willkürlioch gesetzten Werten allerdings Folter und Mord gerade nicht zu Gebote stehen ?

    Ich habe keine Ahnung, wie das gehen soll, aber auch nichts dagegen, positiv überrascht zu werden.

  9.   Jörg Lau

    @ thomas holm: es gibt dazu viele ansätze, die alle keine chancen im mainstream der theologie der islamischen welt haben. sie sind weitgehend auf westliche universitäten beschränkt, die ankaraner schule mal ausgenommen. und manche theolgische dissidenten im iran, z.b.
    aber warum auf die kirche schauen, wenn man aufklärung will? was mich für die lage hier bei uns positiv stimmt, ist der weit verbreitete pragmatismus unter den leuten muslimischen glaubens, die sich trotz mangelnder theologischer fundierung mit der moderne anfreunden. die allermeisten türken lassen sich nicht von irgendwelchen hodschas zurückhalten. problematisch sind oft gerade die religiös ungebildeten jugendlichen ohne feste identiät, die bei den salafis landen. aber das ist eine moderne protestbewegung, gerade nichts „archaisches“.
    was sie in ihrem beitrag fordern, soll ja in den lehrstühlen für islamische theologie geleistet werden, die gerade entstehen. keine ahnung, ob das gelingen wird. einen versuch ists wert.
    ansonsten: die bedeutung der religion nicht überschätzen für die probleme hier. das ist genau das spiel der fundis, der islam ist die lösung beziehungsweise das problem. er ist nur ein problem, und auch das nicht immer.

  10.   N. Neumann

    (Das Konzept hat Herr Nietsche doch wohl von Hegel abgekupfert, von wegen “Herr und Knecht”, oder?)

    Eher nein.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Herrschaft_und_Knechtschaft

 

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