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Warum der Westen seine Werte vertreten muss

 

Am vergangenen Donnerstag habe ich in der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik diesen Vortrag gehalten – als Antwort auf den Direktor des Thinktanks der DGAP, Professor Eberhard Sandschneider. Angeregt durch unsere ZEIT-Debatte zur Außenpolitik wird die DGAP eine Reihe über das Verhältnis zwischen Werten und Interessen in der deutschen Außenpolitik veranstalten. (Wir werden berichten.) Am Donnerstag war die Auftaktveranstaltung.

Ich muss diesen Vortrag mit einer diplomatischen und menschlichen Unmöglichkeit beginnen. Was ich jetzt gleich tun werde, ist wirklich das Letzte. Ich werde mich selbt zitieren.

Verzeihen Sie, aber hier und heute kann ich es mir nicht verkneifen.

Vor nicht ganz zwei Monaten habe ich in der ZEIT geschrieben:

Wie wenig Stabilität taugt, die auf Kosten von Freiheit und Menschenrecht geht, zeigen heute die Eruptionen in den arabischen Ländern. Die fortschreitende Implosion der Staatenwelt des Nahen Ostens stellt auch einen vermeintlichen Realismus bloß, der sich nicht traute, über die Gewaltherrscher hinauszudenken. Das einflussreiche Milieu der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik wäre eigentlich der Ort für solche Reflexionen.

 

Als Journalist hat man nicht oft einen unmittelbaren Effekt mit kritischen Äußerungen. Um so mehr freue ich mich, dass die DGAP mit Herrn Professor Sandschneider den Ball aufgenommen hat und die Debatte weiterführen möchte, sogar mit einer ganzen Reihe von Vorträgen. Statt mir die DGAP-Mitgliedschaft zu kündigen, hat man mich hier eingeladen. Das ist großzügig und zeugt von Sportsgeist.

Und damit in den Ring:

 

Lieber Herr Sandschneider – einerseits sagen Sie: Es gibt neue Wertekonflikte, die sich aus dem Aufstieg neuer Mächte ergeben – und aus deren Anspruch, ihre eigenen Werte durchzusetzen. Der Westen bestimmt nicht mehr die Regeln.

Zweitens sagen Sie aber, es gibt eigentlich keinen Konflikt zwischen unseren Werten und unseren Interessen, das wird nur künstlich von Moralisten hochgespielt, die von Außenpolitik keine Ahnung haben.

Also was denn nun?

Ich finde, die beiden anfangs zitierten Aussagen passen nicht recht zusammen. Und möchte dagegen stellen: Es gibt tatsächlich einen globalen Wettbewerb, in dem unsere Werte – die der freiheitlichen und offenen Gesellschaften, durchaus nicht mehr nur des klassischen alten „Westens“ – herausgefordert und in Frage gestellt werden. Sie können das auf die einfach Frage reduzieren: Wer kommt besser durch die Krise – die freien Gesellschaften, oder die Gelenkten, die zigfach ausdifferenzierten Formen von Tyrannei, die wir heute sehen können?

Ich sehe eigentlich nicht die von Ihnen so häufig beschworene Gefahr des Predigens und Missionierens durch den Westen – sondern eher die einer Verzagtheit – aufgrund von bererchtigten und unberechtigten Selbstzweifeln. Denn: Ob es eigentlich noch legitim ist und erfolgsversprechend, für unsere Idee der Moderne einzutreten – in der wirtschaftliche und gesellschaftlich-politische Öffnung Hand in Hand gehen –, das ist zweifelhaft geworden.

Und selbstverständlich geraten deshalb in der Außenpolitik immer wieder Werte und Interessen aneinander.

Es kann unangenehm, unbequem, teuer sein, sich der Demokratie, den Menschenrechten, dem Rechtsstaat und den Bürgerfreiheiten verpflichtet zu wissen. Es stört manchmal vielleicht die Geschäfte. Nicht so oft, wie suggeriert wird, übrigens, ich komme gleich drauf. Es stört aber womöglich das außenpolitische Geschäft mit den herrschenden Eliten in manchen Ländern, die ihre Gesellschaften nicht öffnen wollen.

Es wird maßlos und strategisch – mit Absicht – übertrieben, welche negativen Konsequenzen eine Politik klarer Worte hat.

Vor allem von denen, die immer sagen: Bitte nicht so laut, bitte nicht auf dem Marktplatz, nicht in den Medien! Dazu ist zu sagen: natürlich sind Marktplatz und Megaphon nicht die erste Wahl! Allerdings ist das ja erstens auch gar nicht der Alltag deutscher Menschenrechtsdiplomatie. Die findet natürlich im Stillen statt. Manchmal aber – zweitens – muss es laut und deutlich sein.

Nehmen wir das letzte Jahr: Laut Ostausschuss der dt. Wirtschaft das bisher erfolgreichste beim Handel mit Russland. Tolle Wachstumsraten, tolle Zufriedenheit! Zugleich hat Deutschland noch nie zuvor so deutliche Worte gefunden für die undemokratische Tendenzen des Regimes Putin. Das Auswärtige Amt hat zwar versucht, eine Resolution des Bundestages im letzten Herbst abzumildern. Zum Glück aber ist das wegen öffentlichen Drucks nicht geschehen, und der Bundestag hat mit breiter Mehrheit Putins Rückabwicklung von Rechtsstaat und Demokratie scharf gegeißelt.

Dessen ungeachtet sind 80 Prozent der deutschen Unternehmen optimistisch, was das kommende Jahr angeht. Eigentlich sollte das nicht zusammenpassen. Diese Entwicklung widerspricht den Appellen zur Leisetreterei, die immer mit dem Argument daherkommen, wir würden uns Zugänge verspielen, wenn wir uns für Bürgerrechte einsetzen.

Wir sollten uns nicht kleiner machen als wir sind.

 

Was heißt das übrigens, dass der Westen nicht länger „die Regeln“ bestimmt, wie Sie ja auch gerade wieder in Ihrem Vortrag ausgeführt haben, Herr Sandschneider? Das ist eine merkwürdige postkoloniale Polemik, mit der oft blanke Interessen der anderen Seite aufgehübscht werden: Wenn man das Copyright nicht akzeptiert, sich übers Patentrecht hinwegsetzt, wenn die Korruption gedeiht, wenn Minderheiten und Andersdenkende unterdrückt werden, wenn Wahlen manipuliert und Medien behindert werden, dann kommt diese Polemik auffällig oft zum Einsatz. Wir sollten diese Propagandamasche unterdrückerischer Regime nicht mitmachen. Es geht in Wahrheit um universalisierte Normen, zu denen sich – jedenfalls auf dem Papier – nahezu alle Staaten bekennen.

 

Beruhen die UN-Menschenrechtskonventionen auf „westlichen Werten“? Warum werden sie dann so breit ratifiziert? Gerhart Baum hat bei uns in der ZEIT vor einigen Wochen noch einmal klar gestellt: „Niemand diktiert der Welt ihre Werte – weder der Westen noch die deutsche Außenpolitik. Die Werte wurden in einem beispiellosen historischen Akt 1949 in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen niedergelegt. Das war eine Reaktion auf die Schrecken der ersten Hälfte des dunklen 20. Jahrhunderts. In der Präambel heißt es: ‚Die Verkennung und Missachtung der Menschenrechte hat zu Akten der Barbarei geführt, die das Gewissen der Menschheit tief verletzt haben.’“

Betonung: „Gewissen der Menschheit“. Nicht „der westlichen Welt“.

 

Und was soll es heißen, dass die Politik „externer Demokratisierung“ gescheitert sei? Dass deutsche Außenpolitik, wie Sie sagen, zwar besser ist als ihr Ruf, aber immer dann desaströse Ergebnisse zeitigt, wenn sie ihre Wertegebundenheit nach außen kehrt? Mit Sicherheit ist es richtig, die Zielsetzung des Afghanistan-Krieges und des gesamten neuen Interventionismus der letzten 15 jahre einer kritischen Revision zu unterziehen.

Die Politik scheut davor zurück und reagiert mit einer klammheimlichen, nichterklärten Doktrin des Sichraushaltens in Kombination mit einer Lockerung der Waffenexportpolitik – explizit auch an undemokratische Mächte in Spannungsregionen wie Saudi-Arabien.

Ist das die richtige Konsequenz aus einer Ernüchterung beim Interventionismus? Stabilität schaffen mit immer mehr Waffen? Wer kann nach den Ereignissen der letzten Jahre in Arabien noch seine Hand für das Staatsmodell Saudi-Arabien ins Feuer legen?

 

Das neue Selbstbewußtsein der aufstrebenden Länder, das Sie immer wieder betonen, Herr Sandschneider, ist eine gute Sache – da, wo es auf Leistung und Reformbereitschaft mindestens im ökonomischen Bereich beruht, wie vor allem in China, aber auch in Lateinamerika und Afrika. Darüber sollten wir froh sein. Davon haben wir nichts zu berfürchten außer belebender Konkurrenz.

Zu unterscheiden ist davon die postkoloniale Propaganda autoritärer Regime, mit der gesellschaftliche Reformen abgewehrt werden sollen, weil sie schlicht die etablierte Herrschaft gefährden.

Meine Erfahrung ist: Wann immer das kulturrelativistische Argument kommt, dieser oder jener Wert tauge nicht für diese oder jene Kultur, ist meist etwas faul. Es klingt ja nicht grundsätzlich falsch, wenn vom Pluralismus der Lebensformen die Rede ist. Aber es wird natürlich oft strategisch eingestezt, gerade um Pluralismus zu verhindern! Ein Beispiel:

Kürzlich habe ich einen russischen Außenpolitiker getroffen, der im System Putin eine wichtige Größe darstellt. Wir hatten über Syrien, die Eurokrise, das iranische Atomprogramm und die Spannungen mit den USA diskutiert.

Doch richtig lebhaft wurde das Gespräch, als die Rede auf das Gesetz gegen die „homosexuelle Propaganda“ kam, das russischen Schwulen und Lesben ab dem Januar verbietet, über ihre sexuelle Orientierung zu reden.

Sehen Sie, sagte mein Gegenüber, warum regen Sie sich darüber auf? Wir drücken Ihnen in Deutschland doch auch nicht unsere Werte auf? Das ist eine russische Angelegenheit.

Wir haben das Recht, unsere Gesellschaft, unsere Familien, unsere Kinder vor diesen Erscheinungen zu schützen. Das ist nicht gesund für eine Gesellschaft. Wir wollen nicht, dass dieser Lebensstil sich verbreitet, aber wir kommen nicht zu ihnen und greifen Sie an, weil sie ihn dulden.

In Rußland aber haben wir Maßnahmen dagegen ergriffen. Das ist unser Recht. Sehen Sie, der Westen durchläuft gerade eine liberale Revolution – alles wird erlaubt, alle Lebensformen, alle Glaubenssysteme sind gleichwertig. Man kann aber solche Werte nicht importieren. Sie können nicht nach Moskau kommen und uns befehlen, diese liberalen Werte anzunehmen.

Sie im Westen durchlaufen eine liberale Revolution. Russland durchläuft eine konservative Revolution.

 

Das heißt in Wahrheit, ich übersetze das mal, „wir haben das Recht unsere Minderheiten zu unterdrücken, wie es uns passt“.

 

Soll die deutsche Regierung dazu schweigen? Ich glaube, das geht nicht mehr, gerade weil wir immer mehr mit Russland verflochten sind, und weil wir das gerne noch weiter treiben wollen. Russland hat die Europäische Menschenrechtskonvention unterschrieben. Russland will zu Europa gehören, seine Eliten schicken ihre Kinder hier zur Schule, sie kaufen Häuser und legen Geld in Europa an. Wer die Integration und Verflechtung unserer Gesellschaften befürwortet, kann Menschenrechtsverletzungen nicht ignorieren. Und da ist dieser Fall natürlich nur ein Symptom, aber ein wichtiges. Er ist ein Test dafür, ob wir uns und unsere Werte noch ernst nehmen.

 

Aber treten wir noch mal einen Schritt zurück.

 

Ich möchte hier kurz einige Elemente der Polemik gegen „überzogene Werte- und Moralbezüge“ aufgreifen, wie sie – prominent von Ihnen, Herr Sandschneider – immer wieder vorgebracht werden:

 

Erster Vorwurf: Der Westen hält sich nicht an seine eigenen Werte, darum soll er andere nicht belehren.

Ersteres ist leider sehr oft richtig. Das Zweite geschieht kaum noch. Im Gegenteil greift eine merkwürdige Verzaghtheit um sich, die aus westlichem Selbstzweifel gespeist wird: Es steht in Frage, ob unsere Gesellschaften am Ende die leistungsfähigeren sind. Das ermutigt die andere Seite, die Despotie als effiziente Alternative zu verkaufen. Dem muß man entgegentreten.

 

Zweiter Vorwurf: Der Westen missioniert die Welt mit seinen Werten und gibt sie doch für universale aus. Das ist eine Variante eines alten deutschen Vorurteils gegen den Westen, historisch besonders gegen die Briten: Werte sind nur Cover für Interessen. „Sie sagen Christus und meinen Kattun.“ (Fontane) Diese antiwestliche Tradition hat Deutschland in den Abgrund geführt. Ich verspreche mir nichts davon, daran anzuknüpfen.

 

Im Gegensatz dazu wird behauptet, dritter Vorwurf: Wer öffentlich von seinen Werten redet, will sich eigentlich nur selbst bespiegeln. Das kann natürlich vorkommen. Aber manchmal ist es wichtig zu zeigen, wer man ist und wo man steht – auch um der anderen Seite Ernst genommen zu werden. Ich stelle mir vor, dass der russsiche Präsident Putin eine ziemlich nüchtern-robuste Sicht der deutschen Außenpolitik hat: Ihr kritisiert uns zwar für Pussy Riot und für Chodorkowski und die NGO-Razzien, macht aber weiter „Rechtsstaatsdialog“, als wäre nichts passiert – wie verlogen ist das denn? Und ich soll Euch ernst nehmen? Ihr nehmt euch ja selber nicht ernst.

 

Vierter Vorwurf: Wertebezogene Politik wird nur fürs „Schaufenster“ beziehungsweise „die Medien“ gemacht. Das ist nicht auszuschließen, und es kann natürlich im Einzelfall falsch sein. Es kann dann größerer Schaden entstehen als bei einer leisen Vorgangsweise. Aber: Dass Diplomatie bei uns unter Druck steht, sich vor dem heimischen Publikum zu rechtfertigen, ist einerseits lästig für die Politik, kann aber auch eine Stärke sein.

Es gibt der Regierung ein Argument an die Hand: Wir wollen ein gutes Verhältnis, aber wir können euer Verhalten bei unseren Leuten nicht mehr rechtfertigen. Wenn ihr so weiter macht, kommen wir in ernsthafte Schwierigkeiten zuhause. Wir wollen uns für euch einsetzen, aber wir können das immer schwerer verkaufen….

Anders als in Zeiten des Kalten Krieges braucht in der globalisterten Welt von heute jeder schwierige Partner die Gewogenheit der Öffentlichkeit, auch der Öffentlichkeit hier bei uns, und das ist gut so. Darum wollen alle die Olympischen Spiele und die Fussball WM ausrichten. Und darum geht es einigen Lobbyfirmen hier in Berlin, die den Job der Aufhübschung von Autokraten machen, ziemlich prima.

 

 

Fünfter Vorwurf: Wertegeleitete Politik ist irrelevante „Symbolpolitik“ – im Gegensatz zur harten Realpolitik.

Das hat noch nie gestimmt, und es ist heute erst recht nicht wahr. Symbolik ist wichtig. Wenn Symbolpolitik so irrelevant ist, warum waren die Chinesen so verschnupft wegen der Sache mit dem Dalai Lama? Warum ist die israelische Regierung nachhaltig irritiert über eine deutsche Enthaltung vom letzten Herbst, als es um das Upgrade der Palästinenser in die Uno ging? Symbolpolitik ist eine schwierige, harte Sache.

 

Sechster Vorwurf: Werte lassen sich nicht exportieren/ eins zu eins übertragen/ verpflanzen.

Das ist eine Binsenweisheit. Und damit natürlich richtig – und falsch zugleich. Reeducation in Deutschland war offenbar ein Erfolg, Nationbuilding im Irak scheint eher ein Misserfolg zu werden.

Aus dem letzteren in eine Doktrin der Nichteinmischung zurückzufallen, wäre falsch und unzeitgemäß. Die Überdehnung westlicher Politik unter George W. Bush ist eine fatale Tatsache – aber warum soll dafür Amnesty büßen, oder „Memorial“ in Russland?

 

Siebter Vorwurf: Wir brauchen die Autokraten, Nichtdemokraten und Scheindemokraten zur Lösung internationaler Probleme und wegen der Rohstoffe, darum sollten wir lieber schweigen. Wenn wir zu laut sind, fühlen sie sich zurückgewiesen, vertrauen uns nicht mehr und kooperieren nicht mehr.

Ersteres stimmt zweifellos, das zweite nicht. Wir brauchen sie, aber sie uns auch. Auch die andere Seite hat Interessen, die sie an uns bindet. Es ist legitim, dass wir das nutzen.

 

Achter und letzter Vorwurf: Der Westen und auch Deutschland wenden seine Werte nur selektiv an – da, wo es gerade passt und keine negativen Rückwirkungen zu befürchten sind. Er kritisiert schwächere Länder, die sich nicht wehren können, lässt Saudi-Arabien aber zum Beispiel ungeschoren – wegen des Öls und der Bedeutung als „moderate“ Macht in der Region. Weil westliche Werte immer wieder mit doppelten Standards zur Anwendung kommen, sind sie diskreditiert.

Doppelmoral ist in der Tat ein Problem. Zwar wäre es naiv zu glauben, sie ließe sich ganz vermeiden oder durch reine Moralpolitik ersetzen. Das fordert auch niemand! Außenpolitik hat viele Interesssen abzuwägen – Friedenssicherung, Energiesicherheit, Umweltschutz, Wirtschaftsinteressen. Dabei müssen moralische Bedenken oft zurückstehen.

Aber nichts davon, kein einziges Ziel der deutschen Außenpolitik ist langfristig ohne das Drängen auf gesellschaftliche und politische Öffnung zu sichern. Das ist der harte Kern einer realistischen Moralpolitik, um die wir zum Glück endlich streiten.

 

 

279 Kommentare


  1. „Das ist der harte Kern einer realistischen Moralpolitik, um die wir zum Glück endlich streiten.“ Wer fühlte sich bei solcher Quintessenz nicht peinlich berührt? Das kann man auch umdrehen: „Das ist das flauschige Drumherum einer phantastischen Oralökonomik, bei der wir – der Menschheit sei Dank! – alle einig sind.“


  2. „Zweiter Vorwurf: Der Westen missioniert die Welt mit seinen Werten und gibt sie doch für universale aus. Das ist eine Variante eines alten deutschen Vorurteils gegen den Westen, historisch besonders gegen die Briten: Werte sind nur Cover für Interessen. „Sie sagen Christus und meinen Kattun.“ (Fontane) Diese antiwestliche Tradition hat Deutschland in den Abgrund geführt. Ich verspreche mir nichts davon, daran anzuknüpfen.“ – was sol das mit dem Vorurteil? Das haben die Angelsächsischen Völker seit dem 19. Jahrhundert wirklich getan, das ist kein Vorurteil, welches sich auf Nichts gründete. Es war auch nicht die „antiwestliche Tradition“. So mit den Stereotypen des sentimentalen Humanismus zu arbeiten… „qui dit humanité veut tromper“ – Proudhon!

  3.   Thomas Holm

    Völlig neuartigen Fragestellung:

    „Wer kommt besser durch die Krise – die freien Gesellschaften, oder die Gelenkten, die zigfach ausdifferenzierten Formen von Tyrannei, die wir heute sehen können?“

    Zur Erinnerung:

    „Wohlstand gegen Gehorsam – Kaum ein Land hat so von der Globalisierung profitiert wie Singapur. Um so härter trifft es die Wirtschaftskrise. Doch die strenge Regierung des Stadtstaates könnte am Ende gestärkt aus ihr hervorgehen.

    http://www.zeit.de/online/2009/20/singapur/komplettansicht

    Oder:

    „Unterdessen hat sich die Einsicht weithin durchgesetzt: »Keine Realisierung der Menschenrechte ohne Menschenpflichten«.“

    hxxp://www.zeit.de/2008/52/Glueckwuensche (an Helmut Schmidt)

    Zuletzt hatten wir uns aufgeregt, dass man in Singapur kein Streichholz fallen lassen darf und vorgestern wurde der Louvre dicht gemacht, wegen der Menschenrechte von Klau-Kindern.

    Ob jemand autoritär regiert, ist eine völlig andere Baustelle, als die Frage, ob sich jemand Einfluss erpresst, und Privilegien erschwindelt.

    Das Management strategischer (Un-)Abhängigkeit gegenüber Mächten (inkl. sog. „Kulturen“), die sich mit dem Schüren von Spannungen und dem Erpressen von Willfährigkeit über Wasser halten, sollten wir nicht mit fruchtlosen Belehrungen über Dinge belasten, die dort sowieso nicht, oder nur als unfairer Angriff verstanden werden.

    Östlich von Warschau und südöstlich vom Raum Wien – Prag – Budapest ist die Welt zum Thema liberale Werte nicht satisfaktionsfähig*. Jede andere Idee zu diesem Thema ist eine nicht verantwortbare Naivität.

    *die wenigen Ausnahmen, darunter Israel, sind bekannt.

    Genauso wenig, wie man, sofern man noch alle Tassen im Schrank hat, die meisten Käufer von deutschen Nobelkarossen aus diesem Raum zum Nachbarn haben möchte, genauso aussichtsreich ist dort die Verkündigung unserer Werte.

    Wir sollten die Idi Amins dieser Welt samt ihrer Völker behandeln, als das was sie sind – und niemandem etwas vormachen. Außer im äußersten Notfall – so wie Israelische Unterhändler angeblich Idi Amin das Himmelreich und den Friedensnobelpreis versprochen haben, um ihre Leute aus Entebbe raushauen zu dürfen.

    Gehasst werden wir sowieso von den Versager-Kulturen dieser Welt, da sollte für etwas mehr Kaltschnäuzigkeit (in unserem Interesse) wohl noch Spielraum sein.

    Außerdem erhöhen wir durch eine illusionslose Außenpolitik auch die Chancen, dass endlich mal Migranten zu uns kommen, die zu uns passen.

  4.   Jörg Lau

    @ Th. Holm: Mir geht es nicht um „Versager-Kulturen“, sondern bspw. um China. Da ist das alles nicht so einfach, wie Sie suggerieren.

  5.   Thorsten Haupts

    Zu Ihrem Beitrag, Herr Lau, passt hervorragend mein aktueller Lesestoff: Aciemoglu/Robinson, Warum Nationen scheitern. Hiermit allen Interessierten empfohlen.

    Die westliche Neigung zur Selbstgeiselung, Verzagtheit und Verduckstheit habe ich eh nie verstanden. Wie Timothy Garton Ash bei seiner Beschreibung der Öffnung Osteuropas ganz richtig bemerkte, wollen die Völker, die eine Tyrannei abschütteln, immer dasselbe – Demokratie, Marktwirtschaft, Rechtsstaat. Ich war schon 1980 davon überzeugt, dass die Sojetunion irgendwann fallen würde, genauso geht es mir aktuell mit dem chinesischen „Modell“, das sich seinem Verfallsdatum nähert.

    Dass Linke (unter langjähriger aktiver Beteiligung der ZEIT) aufgrund der Beispiele, in denen der Westen an seinen eigenen Idealen scheiterte, gerne das grundlegende Scheitern dieser gesellschaftlichen Ordnungsprinzipien herleitet, hat erheblich zu den Selbstzweifeln beigetragen.

    Und genau darum ging es ja auch – denn natürlich wusste die Linke immer, dass jede menschliche Realität unmöglich 100% mit einem Ideal übereinstimmen kann. Es ging (und geht noch heute) um die Diskreditierung des oben beschriebenen westlichen Wertedreiklanges.

    Putin und Konsorten sind dabei mit Beifall gerne behilflich.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  6.   Alexander Lieven

    Sehr geehrter Herr Lau,

    Sie berichten von einer Debatte. Was haben denn die anderen Teilnehmer gesagt?

    MfG Alexander Lieven

  7.   Thomas Holm

    @Jörg Lau

    „Mir geht es nicht um “Versager-Kulturen”“

    Dann habe ich mich durch Russland, die Saudis und Afghanistan in dem Artikel wohl von Ihrem eigentlichen Anliegen etwas ablenken lassen.

    „sondern bspw. um China. Da ist das alles nicht so einfach, wie Sie suggerieren.“

    Natürlich, China braucht die Rohstoffe, die die anderen haben, weil es etwas damit anfangen kann, was der Weltmarkt honoriert – und nicht nur etwas, was die Nachbarn fürchten. Das ist allerdings ein wichtiger Unterschied.

    Sagen Sie ja auch selber:

    „Das neue Selbstbewußtsein der aufstrebenden Länder, … ist eine gute Sache – da, wo es auf Leistung und Reformbereitschaft mindestens im ökonomischen Bereich beruht, wie vor allem in China, …

    Zu unterscheiden ist davon die postkoloniale Propaganda autoritärer Regime, mit der gesellschaftliche Reformen abgewehrt werden sollen“

    Um den Unterschied dann aber auch sogleich wieder zu zerreden:

    „Wann immer das kulturrelativistische Argument kommt, dieser oder jener Wert tauge nicht für diese oder jene Kultur, ist meist etwas faul. Es klingt ja nicht grundsätzlich falsch, wenn vom Pluralismus der Lebensformen die Rede ist. Aber es wird natürlich oft strategisch eingesetzt, gerade um Pluralismus zu verhindern!“

    China schießt mit der schweren Artillerie der wohlfeilen Preise erfolgreich in die falsche Richtung; wahrscheinlich werden die Genossen auch sonst genau das Gegenteil von dem machen, was man ihnen sagt. Über „selective law enforcement“ muss man sicher eh die ganze Zeit reden.

    Aber ob man zur Abschaffung der Todesstrafe raten kann, wenn alle paar Monate ein inneres Nordkorea von der Größe eines mittleren EU-Staates auffliegt ? Vielleicht, um Beweismittel zu bewahren, oder so. Aber insgesamt wäre es keine Schande vom Westen, wenn er sagen würde, dass er auch keine Ahnung hat, wie man so ein Land regieren soll.

    Man kann sagen, dass man mit westlichen Werten besser lebt, wenn man mehr oder weniger selbst drauf gekommen ist; aber dass man damit besser regiert, sollte man sich vielleicht verkneifen, einfach mal so zu behaupten.

  8.   Thomas Holm

    Nimmt der Westen das eigentlich irgend jemandem übel,wenn der Assad dem Islam die Salafisten wegnebelt ? Da war doch mal was.

    hxxp://blog.zeit.de/joerglau/2012/05/29/warum-nur-muslime-den-salafismus-besiegen-konnen_5581

    Israel verteil Atropin an die Aufständischen; Herr Bulut und Herr Gülay, bitte das Aufregen nicht verpassen.

    http://debka.com/article/22895/Chemical-warfare-looms-over-Syria-Israel-passes-atropine-to-rebels-

    Die Bild-Zeitung und Human Rights Watch ziehen auch schon mit … dann wird es wohl eine üble Intrige sein.

  9.   primavera

    Im März nahm ich an einem Vortrag im Auswärtigen Amt teil und die positive Ausstrahlung der Sprecherin des Auswärtigen Amtes, die von Krisengebieten in der Welt berichtete und auch davon wie sehr man die Verwaltung, das Dokumentenmanagement und die staatliche Ordnung in Deutschland schätzt, kam nicht nur bei mir sehr gut an. Sie berichtete weiter, „Wir werden um Rat gefragt und wir halten auch in schwierigen Situationen immer den Dialog. Wir müssen uns nicht klein machen, denn wir treten für unsere Werte ein und haben die Krise hervorragend gemeistert.“ Da dachte ich, „Hallo, sie hat ja recht, Wir sind wieder wer“. Mich kann man zwar leicht beeindrucken aber es ist ein gutes Gefühl wenn man auch einmal gelobt wird nicht wahr…Oft verteidige ich deutsche Tugenden und meine Wertvorstellungen bei Besuchen im Ausland. Die Eurokrise liefert da im Moment eine Menge Stoff für Diskussionen.


  10. @ JL – Danke für den korrekten Text.

    Sie befinden sich da übrigens in bester Gesellschaft mit dem Wirtschaftswissenschaftler und Philosophen Amartya Sen (Harvard University Cambridge / Massachusetts):
    http://academics.wellesley.edu/Polisci/wj/204/Readings/Sen%20Democracy%201999-2.pdf

 

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