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Der Krieg gegen den Terror ist vorbei, der Terror geht weiter

 

Mein Leitartikel aus der ZEIT vom letzten Donnerstag:

Der Schrecken des Anschlags von London rührte weniger von den blutbefleckten Händen und Hackebeilen der Attentäter als von dem banalen und doch ungeheuren Satz: »Ihr könnt uns filmen.« Der Soldat Lee Rigby lag noch in seinem Blut auf der Straße, da forderten seine Mörder Passanten auf, sie mit ihren Smart-phones aufzunehmen. Das Archaische eines Ritualmords hat sich in der Londoner Tat kurzgeschlossen mit der Allgegenwart neuester Medien. Das Böse will jetzt auch auf You Tube, Facebook und Twitter erscheinen, in Echtzeit.

Das ist die aktuelle Muation des Terrorismus, und es gibt keinen Anlass, zu hoffen, dass sie die letzte sein wird. Und doch hat der amerikanische Präsident, nur einen Tag nach dem barbarischen Anschlag, den »Krieg gegen den Terror« in einer großen Rede für beendet erklärt. Wie passt das zusammen?

Dieser Krieg müsse enden, sagte Obama, »wie jeder andere Krieg auch«. Es sei ein Fehler ge-wesen, so Obama, dass der Westen sich vom Terrorismus habe definieren lassen: Wir müssen das Wesen des Kampfes gegen die Terroristen neu bestimmen, damit dieser Kampf nicht uns bestimmt.

Das bedeutet: Rückzug aus Afghanistan (wie schon aus dem Irak), weniger Drohnenangriffe in Pakistan, Schließung von Guantánamo und statt Bushs entgrenztem »globalem Krieg gegen den Terror« künftig nur gezielte Aktionen gegen konkrete Netzwerke. Außerdem mehr Diplomatie und Entwicklungshilfe. Obama zieht mit seiner Rede einen Strich, selbstkritisch, ernüchtert: Es gibt keine totale Niederlage des Terrorismus. Dieser Krieg endet ohne Siegesfeier.

Der Abschied von der Kriegsrhetorik ist die richtige Strategie. Die neuen Mutationsformen des Terrorismus locken ihre Rekruten mit der Idee eines Kriegs zwischen dem Islam und dem Westen. Es hat sich eine Instant-Ideologie herausgebildet, und alle Attentäter der letzten Zeit haben sie übernommen. Auch die Londoner Mörder gaben sie in die Handys der Passanten zu Protokoll: Ihr besetzt unsere Länder, ihr stützt unsere Diktatoren, ihr tötet Zivilisten mit euren Drohnen.

Das ist eine extrem verzerrte Sicht der Welt. Heute sterben mehr Muslime durch die Hand anderer Muslime als durch »westliche Kreuzzügler«. Sunniten kämpfen in Syrien und im Irak gegen Schiiten. Sufis werden in Pakistan von Salafisten massakriert. Nigeria ächzt unter der mörderischen Islamistensekte Boko Haram, Somalia unter der Al-Kaida-Franchise Al-Shabaab. Aber es hilft alles nichts. Wer den Glutkern der heutigen Radikalisierung treffen will, muss sich mit der Parole auseinandersetzen: Eure Außenpolitik rechtfertigt unsere Taten. Wir schlagen nur zurück. Obama hat das getan. Seine Kriegsabsage unterläuft diese Logik.

Das hilft am Ende denen, die den eigentlichen Kampf gegen die Radikalisierung führen müssen: den friedliebenden Muslimen. Der Londoner Horror hat auch bei ihnen Lernprozesse offenbart. Vorbei die apologetischen Töne, der Terror sei eigentlich nur Gegenterror: Diesmal ließen islamische Verbände sich nicht lange bitten, die Tat angewidert zu verdammen – auch im Namen der Religion.

Anstelle nachträglicher Distanzierung wäre allerdings eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem Radikalismus gefordert. Die wird immer noch gemieden, auch weil man fürchtet, Klischees über eine ohnehin ungeliebte Religion zu bestätigen. Die Erkenntnis, dass so die Extremen gewinnen, setzt sich offenbar durch.

Zwei scheinbar widersprüchliche Entwicklungen müssen zusammengedacht werden: Al-Kaidas Führung ist schwer getroffen, nicht zuletzt durch Obamas Drohnenkrieg. Ihre lokalen Gruppen können zwar großen Schaden anrichten, in Mali, im Jemen, im Irak und in Syrien. Im Westen haben sie seit Jahren keinen großen Anschlag mehr vollbracht. Zugleich erfasst eine neue Welle des Radikalismus die Ränder islamischer Gemeinden hier und zieht die Gescheiterten, Entfremdeten und Instabilen an: Dschihadismus als Weg zum schnellen Ruhm, wenn es zum Rapper oder Boxer nicht reicht.

Schon am Samstag wurde aus Paris eine Nachahmungstat gemeldet, eine Messerattacke, die das Opfer, wieder ein Soldat, überlebte. Wenige Wochen nach dem Attentat von Boston wurden deutsche Geheimdienstler von russischen Kollegen gewarnt, Tschetschenen seien nun mit Anschlagsabsichten nach Deutschland gereist. Letzte Woche schlug die Religionslehrerin Lamya Kaddor Alarm, fünf ihrer ehemaligen Schüler seien aus Deutschland zum »Dschihad« nach Syrien gezogen. Nicht einmal deren Freundinnen hätten die Radikalisierung bemerkt.

Neodschihadisten, die sich selbst rekrutiert haben, sind der Albtraum der Sicherheitsbehörden. Die Täter fanatisieren sich schnell und selbsttätig mithilfe radikaler Prediger und des Internets. Sie haben nur flüchtige Kontakte zu Terrornetzwerken und verwenden keine auffälligen Materialien: Schwarzpulver und Kochtöpfe wie in Boston; Auto, Messer, Handy – mehr brauchten sie in London nicht zu ihrer Gewalttat.

Was tun? Zensurmaßnahmen gegen radikale Websites, Vereinsverbote gegen Extremisten, Überwachungskameras – jetzt werden wieder die üblichen Maßnahmen debattiert. Gegen die neuen Tätertypen bringt das wenig.

Ihre Radikalisierung kann nur die Diskreditierung und Isolation des Dschihadismus verhindern. Muslime müssen diesen Sieg erringen. Sie können jede Hilfe gebrauchen.

2.049 Kommentare

  1.   Thorsten Haupts

    „Ihre Radikalisierung kann nur die Diskreditierung und Isolation des Dschihadismus verhindern. Muslime müssen diesen Sieg erringen. Sie können jede Hilfe gebrauchen.“

    Soweit richtig. Die Frage ist, ob sie diesen Kampf aufnehmen wollen. In GB und den USA spricht einiges dafür, in Deutschland bisher zu wenig.

    Und die Radikalisierung zu Möchtegerndschihadisten ist nur eine der beiden Auseinandersetzungen, die Muslims im wesentlichen unter sich führen müssten. Der andere besteht in Deutschland im Kampf gegen die weitaus höhere Gewaltbereitschaft von Teilen der eigenen Jugend im Verein mit einer um sich greifenden Verachtung der Aufnahmegesellschaft und ihrer Regeln.

    Kann die grosse Mehrheit der friedlichen Muslime beide Kämpfe (in Europa) nicht bald gewinnen, droht ihnen die Radikalisierung der Aufnahmegesellschaften zu ihren Lasten. Diese hat bereits begonnen, beschränkt sich aber bisher im wesentlichen auf Teile der bereits älteren Generationen. Das ist auf Dauer eine schwache Garantie …

    Last but not least – der Syrienkonflikt könnte und sollte als Katalysator benutzt werden, um Muslimen klarzumachen, was ihnen droht, setzten sich die Radikalen unter ihnen durch – Mord, Plünderung, Vergewaltigung, Folter. Ein guter Grund, sich aus dem Konflikt jetzt rauszuhalten – der Zeitpunkt zum Eingreifen ist seit 1 1/2 Jahren eh vorbei. Nur kollidiert das mit dem bei vielen Journalisten jetzt erst einsetzenden Leidensdruck des seelisch empfindsamen Bequemlichkeitspazifisten …

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  2.   Thorsten Haupts

    Dazu passend – aus einem in der Qualitätspresse erstaunlich selten beachteten Blog:

    http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/archaisches_machotum_ehrpusselig_dummstolz_arbeitsunwillig_bildungsverachte

    Anscheinend schützt die Kombination aus halbwegs prominent und rhetorisch wehrfähig zuverlässig vor dem Rasismusvorwurf, totschweigen ist dann die politisch korrekte Altenative.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  3.   Serious Black

    @ ThorHa

    Wenn die Einheimischen schuld an der Desintegration vieler Muslime sind, wer ist dann verantwortlich für die gelungene Integration fast aller anderen Zuwanderer?

  4.   Thorsten Haupts

    @3 sb:

    Warum stellen Sie mir diese Frage? Die These, viele Einheimische seien schuld, stammt nicht von mir. Von mir stammt die These, wir hätten mehr für die Bildungsintegration tun sollen und können. Selbst das ordnet sich ein in meine seit 30 Jahren konstante Generalthese, dass die deutsche Mittelschicht an der Förderung der von Unterschichtkindern schlicht kein Interesse hat.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  5.   Erol Bulut

    @Haupts

    das, was die kognitiv minderbemittelten Leser ansprechenden Schreiber von Achgut vor Analysen mit der Feststellung ihres rassistischen Agierens schützt, ist die weite Nachfrage nach einer debilen Identitätsbildung über den Moslemhass.

    Es ist schon bezeichnend für die übliche Achguthetzerei, dass der Vorwurf an die Regierung lautet, inbesondere Fr.Merkel, die Muslime dieses Landes nicht pauschal als Totschläger zu verleumden, so wie es bei AchHetz üblich ist.

    Es ist auch bezeichnend, dass das Intelligenzniveau und die Neigung zu diesem Hetzblog in einem engen Verhältnis stehen. Kognitiv schwache suchen sich eben gerne einfache Erklärungen, insbesondere die, welche die eigene Person ohne Leistung nur durch das ausspeien von Hass über andere stellt.

    Aber die Diktion des verlinkten Artikels ist rassistisch, den man sicher mit niederen Kapazitätsgrenzen Gehaltvoll finden kann, dass Integration nur einseitig stattzufinden hat, und das der Kampf gegen Rechts ungefährlich sei, und das Moslems zwar nicht unbedingt Moslems wären aber wenn Sie es sind, sowieso das sind

    eine Mentalität archaischen Machotums, ehrpusselig, dummstolz, arbeitsunwillig, bildungsverachtend, gewaltbereit. Ihr Aktionsfeld ist der öffentliche Raum, die Straße, die Schule. Ihre Schimpfwörter heißen „Opfer“, „Schweinefleischfresser“ und „Scheißdeutscher“.

    Ich verstehe ja, dass Sie das mit Ihren Mitteln gehaltvoll finden und in der „Qualitätspresse“ gerne diesen Rassismus so wie ein paar Jahre zuvor verbreitet lesen würden. Aber erstaunlich ist nur die kollektive Selbstverblödung, mit der ehemals die „Qualitäts“presse den Rassisten von Achgut nachgeeifert und den kruden Thesen Plattform gegeben hat.

    Glücklicherweise haben die meisten der in Verantwortung stehenden die Einsicht gewonnen, dass man sich gegen die Kleingeistigkeit wehren muss, die in Blogs wie Achgut, PI oder sonstigen Islamophoben typisch ist, um den sozialen Frieden und den Wohlstand in der Zukunft Deutschlands nicht zu gefährden.

    Jenseits von Idiotenansammlungen, die im Leserbereich solcher Blogs anzutreffen sind, muss man sich mit solchen Fakten auseinandersetzen:

    Hxxp://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xbcr/SID-9517C986-6128DC07/bst/xcms_bst_dms_37904_37935_2.pdf

    hxxp://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xbcr/SID-9517C986-6128DC07/bst/xcms_bst_dms_37904_37935_2.pdf

    Auch damit, wie sich die gewünschte Islamophobe Ausgrenzung auf die deutsche Gesellschaft auswirkt (als ob die systematische Ausgrenzung in der Schule keinen Beitrag hatte, dass es eine problematische soziale Unterklasse von Migranten gibt). Und dass man mit dummer Argumentation zuliebe Islamophoben Wunschdenkens diesem Land und seiner Zukunft nur schadet.

    Aber man kann auch sich weiter zu den kognitiv schwachen Hetzern stellen, die keine akademischen Studien lesen und gegen Moslems hetzen, die eigentlich keine Moslems seien, aber dennoch als Moslems mit archaischen Machotums, ehrpusselig, dummstolz, arbeitsunwillig, bildungsverachtend, gewaltbereit zu gelten haben sollen. Dummheit schützt nunmal vor Erkenntnis.

  6.   cwspeer

    @TH

    „dass die deutsche Mittelschicht an der Förderung der von Unterschichtkindern schlicht kein Interesse hat“

    Den Eindruck kann man wirklich bekommen. An unseren Berufskollegs in NRW werden jetzt bereits kommende niedrigere Geburtenziffern bei der Stellenwiederbesetzung eingepreist. Deshalb werden alte, erfahrene und im Umgang mit Einwandererkindern erfolgreiche Kollegen nicht ersetzt wenn sie in Ruhestand gehen. Die Folge: Man ist immer wieder allein mit 30 Desperados aus den Vorstädten in einem Klassenraum. Das sind völlig absurde Lernsituationen. Auch langgediente Kollegen enden so im Burnout und auch minimalste Bildungsansprüche sind so nicht umzusetzen. Zum Glück haben wir einen Sozialpädagogen, dem wir die Kids wenigstens punktuell zu Einzelgesprächen schicken können. Aber auch für die Stelle dieses Sozpäd mussten wir eine volle Lehrerstelle streichen. Man hat den Eindruck an einem Außenposten des Bildungssystems zu arbeiten, den die Gesellschaft im Grunde aufgegeben hat. Wir versuchen zwar das Beste draus zu machen, aber unglaublich viel Potential geht da den Bach runter, denn diese Kinder sind keineswegs alle blöd. Vielen fehlt wirklich nur ein gewisser „Kick“ an gezieltem, ermutigendem Umgang mit ihnen. Das sieht man ja jedesmal, wenn jemand die Kurve kriegt. Schade um die Übrigen, für die wir einfach nicht die Leute haben.

  7.   K.Gerlach

    @ Erol Bulut

    Oh, Sie haben ein neues Wort gelernt:

    kognitiv

    Und benutzen es sofort mit der gleichen inflationären Weise
    wie das Wort Rassismus.

    Ne,det zieht nich mehr, Bulut, da können Sie noch so strampeln,
    die notwendig Kritik am Islam, seinen Vertretern, und EINEM TEIL
    der Migranten wird nicht mehr verstummen.

  8.   cwspeer

    @ K.Gerlach

    Gut, dann sagen Sie doch mal bitte konkret, welche Kritik Sie am Islam und an welchem Teil der Einwanderer üben wollen. Sollten darin Pauschalurteile und diskriminierende Äußerungen enthalten sein, können wir sie mit gutem Recht in den Bereich zumindest einen rassistischen Ansatzes einordnen.
    Also, legen Sie los! Beweisen Sie uns das Gegenteil!

  9.   Erol Bulut

    @CW

    Vorsicht, damit geraten Sie in einen Erkenntniswiderspruch von T.Haupts. Einerseits preist er den AchHetzartikel, der quasi den von Ihnen geschilderten Zusammenhang leugnet, da Deutsche Integrationsbemühungen (wie z.B. die Förderung einer Schulbildung) unnötig seien, da ja die Moslems immer Schuld seien. Andererseits räumt er aber selber ein, dass es genau da Integrationsdefizite seitens der Deutschen Gesellschaft gibt.

  10.   MRX

    @ Logikversager

    Die Einsicht darein, dass zwei Faktoren sich verstärkenkönnen, ist Ihnen offenkundig nicht gegeben.

 

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