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Vorsicht, Tigergefahr!

 

Was geschieht mit gefährlichen Raubkatzen, die kein Zoo oder Zirkus mehr haben will? Sie finden eine neue Heimat in Deutschlands einzigem Tigertierheim
Von Jacob Vicari

http://zeus.zeit.de/bilder/2008/32/wissen/kinderzeit/tiger/tiger-450.jpg© China Photos/Getty Images

Achtung, Lebensgefahr! Gefährliche Raubtiere!«, steht auf dem gelben Schild hinter dem Goldfischteich. Ich gehe trotzdem weiter. Hinter dem dunklen Holzzaun ertönt ein lautes Kratzen. Dort steht Pamir und wetzt sich die Krallen. Pamir ist ein Sibirischer Tiger. Nur lebt er nicht in Sibirien, sondern in der kleinen Stadt Ansbach-Wallersdorf in Bayern – in Deutschlands einzigem Tigertierheim. Pamir teilt sich den Garten eines Einfamilienhauses mit sieben anderen Tigern und fünf Pumas.

Am Anfang wollte die Familie Schuster einfach nur Raubkatzen halten, als Hobby gewissermaßen. Deshalb baute Helmut Schuster in seinem Garten ein Gehege und kaufte sich zwei Tiger. Das ist über 35 Jahre her. Seine Frau Josy entdeckte in einem kleinen Zirkus einen unglücklich aussehenden Ozelot. Sie kaufte die kleine Raubkatze frei.

Nach und nach wurde bekannt, dass sich die Schusters um exotische Tiere kümmerten – und immer öfter riefen Behörden und Tierschützer bei ihnen an. Geschützte Tiere, die keiner mehr haben will, dürfen nämlich nicht einfach umgebracht werden. Deshalb waren alle Verantwortlichen froh, dass die Schusters die Tiere aufnahmen, die in Zoos oder Zirkussen aus irgendwelchen Gründen überflüssig geworden waren. Die Tigereltern gründeten den Verein »Exotische Tiere in Not«, der sich heute um das Tigertierheim kümmert.

In Empfang nimmt mich dort der Tierpfleger Stefan Simdon. Wir gehen in die Futterküche. In einer Badewanne liegt ein Stück Fleisch, so groß wie eine Torte. Das ist für Pamir bestimmt. Fast zehn Kilo wiegt der Brocken. So ein Stück frisst Pamir jeden Tag. Er würde sogar noch viel mehr verschlingen, wenn man ihn ließe. Schließlich weiß ein Tiger in der freien Natur nie, wann die nächste Beute vorbeikommt – deshalb haben Tiger immer Hunger. Aber hier wird die Beute jeden Tag pünktlich um vier Uhr nachmittags serviert. Schnell würde Pamir dick werden, darum bekommt er nur eine vernünftige Tagesration. Doch auch ein Tiger auf Diät ist ein richtig teures Haustier: Im Jahr frisst er mehrere Kühe, Fleisch für mindestens 2000 Euro. Auch der Tierarzt kostet Geld: Weil die Raubkatzen oft unter schlechten Bedingungen lebten, bevor sie nach Ansbach umzogen, sind sie häufig krank. Dann wird Dr. Achim Winger gerufen, der sich mit Tigern auskennt, weil er früher im Zoo gearbeitet hat. Nicht immer hat er es mit Bauchweh oder Schnupfen zu tun: Selbst wenn Pamir nur das Gehege wechseln soll, muss der Tierarzt die gefährliche Raubkatze betäuben.

Geboren wurde Pamir vor zwölf Jahren als Zirkustiger. In den Vorstellungspausen konnten die Kinder ihn auf den Arm nehmen und streicheln. Eltern bezahlten viel Geld für ein Foto ihrer Sprösslinge mit dem süßen Tigerbaby. Pamir war der kleine Star des Zirkus. Auch ein windiger Geschäftemacher war begeistert von ihm, weil er sah, wie viel Geld man mit einem Tigerbaby verdienen kann. Er überredete die Zirkusleute, ihm Pamir zu verkaufen. Der Mann behandelte den kleinen Tiger schlecht; die Polizei befreite ihn schließlich. Pamir kam ins Tigertierheim.

Höchstens 500 Sibirische Tiger gibt es noch in freier Wildbahn, sie sind wirklich selten. Trotzdem reißen sich Zoos nicht um die Tiere. »Es leben schon zu viele Tiger in Gefangenschaft«, sagt Tierpfleger Stefan Simdon. Jeder zoologische Garten, der etwas auf sich hält, besitzt ein paar Tiger. Ein Glück also für die Obdachlosen, dass es eine Zuflucht gibt!

Eigentlich ist es in Deutschland gar nicht so schwierig, einen Tiger zu halten: Man braucht einen Tierpfleger, ein großes Gehege – und ein Tierarzt vom Amt muss es erlauben. Ein bisschen staatliche Kontrolle ist auch ganz gut: Kämen Pamir und seine Kollegen frei, dann würden sie gehörig die Umgebung unsicher machen. Sibirische Tiger in Freiheit durchstreifen riesige Reviere, größer als Berlin und Hamburg zusammen. Pamirs Gehege in der Raubkatzenstation hingegen hat eher die Größe einer geräumigen Wohnung. Es ist komfortabler als jeder Zirkuswagen, bietet aber deutlich weniger Platz als viele Zoos. Dabei gäbe es im Garten durchaus noch Ausbaufläche. Aber dem Verein fehlt das Geld für größere Gehege. »Die Tiger müssten es natürlich tausendmal besser haben«, sagt Tierpfleger Stefan Simdon. »Aber immerhin geht es ihnen hier schon hundertmal besser als dort, wo sie vorher waren.« Einige Menschen in Ansbach machen sich Sorgen, dass so viele Tiger in ihrer Stadt leben. Das kann man auch irgendwie verstehen. Deshalb darf das Tigertierheim keine neuen Raubkatzen mehr aufnehmen.

Pamir mag seinen Pfleger Stefan. Als wir uns vor ihn hinhocken, bekommt sein Blick etwas Zutrauliches. Pamir sieht aus, als würde er gleich schnurren wie eine Katze. Stefan Simdon streicht durch das Gitter vorsichtig über seine Nase. »Sobald er Fleisch sieht, ist die Freundschaft aber vorbei«, sagt Simdon. Als hätte er den Satz verstanden, reißt der Tiger sein Maul auf: Ich sehe seine vier Schneidezähne und die lange rote Raspelzunge. Gott sei Dank hat er keinen Mundgeruch! Und zum Glück ist ein Gitter zwischen uns. Pamir schaut mich an, als gäbe ich eventuell ein gutes Steak ab. »Jetzt«, sagt Stefan Simdon, »gehen wir besser.«

Mit weichen Knien stehe ich auf und stolpere aus dem Raubkatzenhaus. Stefan Simdon schließt ab. In einer Vitrine vor dem Haus steht ein durchlöchertes orangefarbenes Plastikding. Früher soll es einmal ein Mülleimer gewesen sein, so steht es auf einer Tafel daneben zu lesen. Das Plastikding war so lange ein Eimer, bis ein Pfleger es bei Pamir im Käfig vergaß. Vielleicht dachte der Tiger, er habe einen ungewöhnlich gefärbten Hirsch vor sich. Er erlegte den Eimer.

Als das Taxi eintrifft, blicke ich mich noch einmal um. Pamir ist aus seiner Hütte gekommen und schaut mir hinterher, etwas missgelaunt angesichts der Tatsache, dass gerade sein Steak entweicht.

 

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