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Im gelben U-Boot

 

400 Meter tief kann JAGO tauchen. Mit dem knubbeligen Unterwasserfahrzeug erforschen Wissenschaftler den Meeresboden. Die 12jährige Anna hat sich alles genau erklären lassen

Von Susanne Gaschke

Im gelben U-Boot
© Karen Hissmann/IFM-GEOMAR

Oh Mann, warum tun wir das? Karen Hissmann ist eine nette Biologin, und Jürgen Schauer ist ein vertrauenerweckender Techniker, und beide versichern uns, dass ihr Forschungstauchboot Jago absolut sicher ist – und vor allem, dass es in dem drei Meter langen und zwei Meter breiten Gefährt keinen Grund gibt, Angst zu haben!

Na, die beiden sind es ja auch gewohnt, auf engstem Raum bis zu 400 Meter unter der Wasseroberfläche zu arbeiten. Aber die zwölfjährige Anna und ich sind doch misstrauisch, als wir nacheinander mit Karen Hissmann in den Jago klettern dürfen – und dabei tauchen wir heute gar nicht! Sondern schauen uns nur einmal an, wie es aussieht in dem gelben U-Boot, Deutschlands einzigem bemanntem Unterwassergefährt zur Erforschung des Meeresbodens. Aber das vergisst man, wenn Karen Hissmann den Greifarm erklärt, mit dem die Wissenschaftler Proben von unerforschten Unterwasserbakterien, Korallen und Schwämmen einsammeln können. Oder den Luftfilter und die Sauerstoffzufuhr, die es einem Menschen erlauben würden, bis zu 96 Stunden mit dem Tauchboot unter Wasser zu bleiben. Oder die Pinkelflaschen – denn für eine Toilette ist kein Platz an Bord.

Warum der ganze Aufwand? Können die Forscher ihre Meeresboden- und Wasserproben nicht von Robotern an die Oberfläche holen lassen? Warum wollen sie selbst da hinunter, in die finstere, stille Tiefe, die das Licht von Jagos Scheinwerfern nur mühsam durchdringt?

Karen Hissmann versucht es zu erklären: Natürlich könnte man Proben von Bakterien, Plankton, Algen und Schwämmen auch mit Robotern einsammeln und im Labor untersuchen. Aber um die Unterwasserwelt mit ihren unzähligen Tier- und Pflanzenarten wirklich zu verstehen, muss man sie auch im Ganzen gesehen haben. »Das Tauchen am Meeresboden öffnet den Wissenschaftlern im wahrsten Sinne des Wortes die Augen«, sagt Jürgen Schauer.

Rund um die Welt, von Südafrika bis Island, von Indonesien bis Neuseeland, war Jago schon im Einsatz. Und mit ihm Jürgen Schauer: Er steuert das Boot, das am Leibniz Institut für Meereswissenschaften in Kiel zu Hause ist, und kann jeweils einen Wissenschaftler mitnehmen. Der Pilot (Kapitän heißt es nur bei Schiffen, die an der Wasseroberfläche fahren) achtet auf Ordnung an Bord und hat eine besondere Abneigung gegen Kekskrümel…

Oft geht es bei den Forschungsprojekten um die Frage, wie sich die Ozeane durch den Einfluss des Menschen verändern und welche Folgen das zum Beispiel für das Weltklima haben kann. Aber am lustigsten scheint es unter Wasser zu sein, wenn man es mit richtig großen Meerestieren zu tun bekommt: Robben etwa folgen Jago gern, weil sich die Fische im Lichtkegel des Bootes leichter fangen lassen. Einmal, als das Jago-Team ein Wrack erkundete, klammerte sich ein Riesentintenfisch an das Boot und fuhr ein Stück mit – durch die Plexiglaskuppel konnte man jeden einzelnen seiner Saugnäpfe sehen.

Das Lieblingstier des Jago-Teams ist aber der Quastenflosser. Wissenschaftler wussten seit 1938, dass so ein Tier noch heute existiert und nicht, wie man lange Zeit glaubte, seit Millionen von Jahren ausgestorben ist – der Urfisch wurde damals tot in einem Fischernetz gefunden. Doch kein Mensch hatte diesen Dinosaurier der Meere je lebend zu sehen bekommen. Und plötzlich, im Jahr 1987, am Ende einer anstrengenden und erfolglosen Reise mit dem Jago-Vorgänger Geo, sahen Jürgen Schauer und der Zoologe Hans Fricke das geheimnisvolle Wesen vor sich. Durch das Tauchbootfenster schaute ihnen das »lebende Fossil« mit großen Augen direkt ins Gesicht. Das war vor der Küste der Komoren, einer Inselgruppe im Indischen Ozean. Eine echte Sensation! Viele Zeitungen berichteten über die Entdeckung. Seither ist Jago fünfmal bei den Komoren gewesen, und Karen Hissmann und Jürgen Schauer wissen inzwischen viel über die fast zwei Meter langen Urtiere, die nachts jagen und tagsüber in Höhlen schlafen, ähnlich wie Fledermäuse.

Ein großes Rätsel hat das Jago-Team aber noch nicht lösen können: In all den Jahren, in denen sie den Quastenflosser beobachtet haben, haben Hissmann und Schauer nie Quastenflosser-Babys gesehen. Wo sind sie? Eine Theorie der Biologen lautet, dass sich der Quastenflosser-Nachwuchs vor seinen Eltern verstecken muss, um nicht mit Beutefischen verwechselt und gefressen zu werden. »Nur hätten wir in den 20 Jahren, in denen wir danach suchen, wenigstens einmal ein Jungtier sehen müssen«, sagt Karen Hissmann. Und so bleibt die Suche nach dem verborgenen Fischkindergarten eine Lebensaufgabe der Wissenschaftler.

Wenn Anna Lust hat, kann sie sich daran beteiligen – und muss sich noch nicht einmal beeilen. Quastenflosser werden nämlich uralt, wahrscheinlich über 100 Jahre. Anna könnte also in aller Ruhe Biologie studieren: Wenn sie dann alt genug wäre, um mit Jago abzutauchen, wären die kleinen Quastenflosser vielleicht gerade mal im Schulalter.

 

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