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Was für ’n Zirkus!

 

Roncalli-Gründer Bernhard Paul verrät seine größte Panne und Tricks der Clowns

Ein Kinderzeit-Gespräch

© Martin Schlüter

Mit einem großen Zelt und 100 Wagen, auf denen in bunt-goldener Schrift RONCALLI steht, fährt der Zirkus in die Stadt. Chef in dieser Welt ist der Österreicher Bernhard Paul. Er ist 61 Jahre alt und hat den Circus Roncalli vor über 30 Jahren gegründet. Mehr als sein halbes Leben lang ist er also schon Zirkusdirektor. In seiner Manege trat er außerdem als der Clown Zippo auf, bis zum vorletzten Jahr.


In seinem Salonwagen empfängt der Direktor Lilli Janko (9 Jahre), Sascha Heinemann (11 Jahre) und Lorenz Engelbrecht-Schnür (11 Jahre) zum KinderZEIT-Gespräch. Sascha und Lorenz sind quasi Kollegen. Sie treten nämlich als Akrobaten und Clowns im Hamburger Kinderzirkus Mignon auf.

KINDERZEIT: Wie ist es, einen Zirkus zu haben?

Bernhard Paul: Erst einmal ist es schön. Nicht wegen des Wortes »haben«, sondern wegen des Wortes »Zirkus«. Man hat natürlich auch viele Sorgen und viel Verantwortung. Ich habe 150 Mitarbeiter. Und ich ärgere mich über die viele Bürokratie. In jeder Stadt müssen andere Regeln und Verbote beachtet werden: Mal darf man den Rasen nicht betreten, mal muss man irgendwelche Gebühren bezahlen. Aber wenn die Vorstellung beginnt, das Orchester spielt, dann schaue ich auf die Menschen. Zum Beispiel auf ein altes Mütterchen, dem man ansieht, dass es es nicht immer leicht hatte. Dann lächelt sie und ist glücklich. Das sind schöne Momente, da weiß man, wofür man es macht.

KINDERZEIT: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Zirkus zu machen?

Paul: Als ich etwa fünf Jahre alt war, habe ich einen guten Zirkus gesehen, und der hat mich entzündet. Zirkus ist etwas Schönes, es gibt kaum etwas anderes, bei dem ein kleines Kind und ein alter, kluger Mann an derselben Stelle lachen oder staunen.

KINDERZEIT: Was hätten Sie denn außer Zirkusdirektor noch machen können?

Paul: Ich habe erst Hoch- und Tiefbau studiert. Dann habe ich Grafik studiert und für eine Zeitung und eine Werbeagentur gearbeitet. Und ich habe Musik gemacht, um mein Studium zu bezahlen. Ich hatte also viele Interessen und war unschlüssig. Dann bin ich darauf gekommen, dass im Zirkus alles drin ist. Da konnte ich alle meine Talente abdecken.

KINDERZEIT: Glauben Sie, dass es in hundert Jahren noch Zirkus gibt?

Paul: Es gibt Zirkusdirektoren, die sagen: Solange es Kinder gibt, wird es auch Zirkus geben. Aber das eine ist ja nicht von dem anderen abhängig. Es gibt seit etwa 300 Jahren Zirkus, aber Kinder gibt es schon viel länger. Es kann durchaus sein, dass der Zirkus eines Tages wieder verschwindet. Wenn die Welt sich so furchtbar weiterentwickelt, dass das Ziel immer nur Geld ist; dann sehe ich schwarz für alle idealistischen und künstlerischen Aktionen.

KINDERZEIT: Haben Sie denn einen Nachfolger?

Paul: Meine drei Kinder wollen das weitermachen. Die sind immer dabei und arbeiten schon jetzt im Zirkus mit.

KINDERZEIT: Warum treten Sie nicht mehr als Clown Zippo auf?

Paul: Ich bin vorletztes Jahr noch aufgetreten, und ich trete auch wieder auf. Aber ich habe jetzt eine Schaffenspause. Denn mein Partner, mit dem ich viele Jahre gearbeitet habe, ist gestorben. Da kann ich nicht einfach so weitermachen. Man heiratet ja auch nicht sofort wieder, wenn der Partner gestorben ist.

KINDERZEIT: Wie entsteht denn eine Clownnummer bei Ihnen?

Paul: Es gibt das klassische Clowntrio: einen Clown in schönem Kostüm und die zwei Blöden. Ich spiele am liebsten den ganz Blöden. Das sind uralte Sketche, die man immer wieder neu spielt. Eine Clownnummer ist nie fertig. Dauernd wird etwas umgestellt. Die schwächsten Lacher müssen weg. Scherze haben auch ein Verfallsdatum, nur manche Klassiker sind immer lustig.
KINDERZEIT: Was war Ihre größte Panne?

Paul: Ich habe eine Zeit lang eine besondere Clownnummer gespielt, und dabei ist mir immer ein rohes Ei ins Gesicht geklatscht. Dann bin ich kurz raus, habe mich gewaschen und bin schnell wieder rein. Aber einmal habe ich vergessen, meine rote Clownsnase wieder aufzusetzen. Alle schauten mich komisch an. Da bin ich schnell wieder raus und habe die Nase aufgesetzt. Das war ein einschneidendes Erlebnis. Man fühlt sich so nackt ohne diese Nase.

KINDERZEIT: Haben Sie eigentlich Raubtiere?

Paul: Nein. Viele Tiernummern sind nicht artgerecht, zum Beispiel ein Schimpanse im Röckchen. Und ein Löwe würde seiner Natur nach nie durch einen brennenden Reifen springen. Ich liebe den klassischen Zirkus in seiner Urform, und dazu gehören Artisten und Pferde. Tiere wie Löwen, Krokodile oder Elefanten haben im Zirkus nichts verloren.

KINDERZEIT: Haben Sie noch Zeit für Hobbys?

Paul: Ich brauche keine Hobbys. Zirkusdirektor ist man voll und ganz. Nicht nur am Tag, sondern auch in der Nacht.

KINDERZEIT: Dann haben Sie nie mal Zeit zum Playstation-Spielen!?

Paul: Was ist das? Ja, ich weiß schon – ich habe ja drei Kinder. Nein, das mache ich nicht. Und ich versuche auch immer, dass meine Kinder malen, Musik machen oder Akrobatik, dass sie kreativ sind.

KINDERZEIT: Haben Sie ein Vorbild?

Paul: Mehrere. Ich wollte aber nie so sein wie irgendjemand anders. Es genügt mir, so zu sein, wie ich bin. Ich wäre nur gerne dünner.

KINDERZEIT: Waren Sie früher schlank?

Paul: Ich war ein lebendes Skelett. Aber meine Frau kommt aus Italien, sie kocht immer Spaghetti, und deshalb gibt es jetzt mehr von mir.

KINDERZEIT: Warum ist Ihre Frau denn dann so schlank?

Paul: Sie gibt die Spaghetti immer mir.

Das KinderZEIT-Gespräch wurde betreut von Tatjana Kimmel.

 

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