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Bilder aus Buchstaben

 

KinderZEIT© Anja Maria Eisen
Am 23. April ist »Welttag des Buches und des Urheberrechts«. Gefeiert werden Leserinnen und Leser,
Autorinnen und Autoren – und ihre Geschichten

Von Susanne Gaschke
Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt« – so lautet ein arabisches Sprichwort. Das ist ein schönes sprachliches Bild (zum Angeben: eine Metapher) für die Dinge, die sich in unserem Kopf abspielen, wenn wir lesen. Eben sitzen wir noch an einem verregneten Sonntagnachmittag, an dem GAR NICHTS passiert, zu Hause herum und LANGWEILEN uns – vor uns ein Bündel Papierseiten mit Buchstaben drauf. Doch dann fangen wir an zu lesen, und plötzlich entsteht in unserem Kopf der Garten aus dem Sprichwort. Oder die schaurige Burg von Ritter Kato aus Mio, mein Mio. Der Nachtwald, wo Bilbo Beutlin, der kleine Hobbit, seine Freunde, die Zwerge, aus den Fängen der Riesenspinnen befreien muss. Wir sehen Harry Potter, der seinen unfreundlichen Onkel Vernon erstaunt beim Zunageln des Briefschlitzes beobachtet. Wir sehen das Magische Baumhaus. Oder die Schatzinsel.

© Anja Maria Eisen
© Anja Maria Eisen

»Das Land des Lesens ist ein geheimnisvoller, unendlicher Erdteil«, hat der Schriftsteller Erich Kästner dazu gesagt: »Aus Druckerschwärze entstehen Dinge, Menschen, Geister und Götter, die man sonst nicht sehen kann. Wer noch nicht lesen kann, sieht nur, was greifbar vor seiner Nase liegt oder steht … Wer lesen kann, hat ein zweites Paar Augen.«
Es ist für Wissenschaftler immer noch schwer zu erklären, wie dieses zweite Paar Augen funktioniert. Wie unser Gehirn es also schafft, aus den Buchstaben des Alphabets Bilder und Geschichten entstehen zu lassen. Einig sind sie sich aber darin: Je mehr man liest, desto mehr Spaß macht es, weil man sich umso weniger anstrengen muss, je mehr Übung man hat. Die alten Griechen, die vor fast 3000 Jahren das erste richtige Alphabet erfanden, waren sich am Anfang übrigens gar nicht sicher, ob sie da eine besonders gute Erfindung gemacht hatten. Der berühmte Denker Sokrates (er lebte von 470 bis 399 vor Christus) fürchtete, die Menschen würden ihr Erinnerungsvermögen verlieren, wenn sie alles aufschreiben könnten. Sie hätten es dann ja nicht mehr nötig, Geschichten wie die vom Helden Odysseus, von einäugigen Riesen, Seeungeheuern und griechischen Göttern auswendig zu lernen.
Sokrates’ Sorge hat sich als unbegründet erwiesen. Insgesamt sind die Menschen durch Bücher nicht dümmer geworden. Die Zeit, die sie früher mit Auswendiglernen verbrachten, können sie heute dazu verwenden, Neues zu lesen. Dabei ist es ein großer Vorteil, dass es in Ländern wie Deutschland einigermaßen billige Bücher gibt, und dass man sie in Büchereien und in Schulen umsonst ausleihen kann. Das ist längst nicht überall auf der Welt so.
Auch bei uns waren Bücher in größerer Zahl und zu bezahlbaren Preisen nicht immer selbstverständlich. Im Mittelalter gab es nur wenige Bücher, die sehr kostbar waren. Sie wurden von Mönchen mit der Hand abgeschrieben. Kaum jemand konnte sie sich leisten, und ohnehin konnten nur die wenigsten Leute lesen. Erst als der Goldschmied Johannes Gutenberg (etwa im Jahr 1440) eine Möglichkeit entdeckte, Bücher mit einer Presse zu »drucken«, konnte man sie billiger und schneller herstellen. Aber es dauerte noch lange, bis sie ein ganz normaler Gebrauchsgegenstand wurden: ein Stückchen Garten, das jeder in der Tasche tragen kann.
An diesem Donnerstag begehen auf der ganzen Welt Menschen, die mit Büchern zu tun haben, den »Tag des Buches und des Urheberrechts«. Dazu gibt es viele Aktionen, Wettbewerbe und Vorleseveranstaltungen, die alle auf die Schönheit von Büchern aufmerksam machen sollen. »Welttag des Buches« – das ist leicht zu verstehen. Aber es heißt ja »Tag des Buches und des Urheberrechts«. Was verbirgt sich hinter dem schwierigen Wort Urheberrecht? Es bedeutet, dass dem Autor (dem »Urheber«) eines Buches seine Erfindung, also seine Geschichte für immer gehört. Niemand darf sie einfach abschreiben und ohne Zustimmung des Autors verkaufen. Der Autor darf selbst entscheiden, wo er sein Buch veröffentlichen möchte, und er muss mit dem Verleger verhandeln, wie viel Geld er bekommt.
Mit dem Geld ist es nicht so einfach: Schriftsteller wollen mit ihren Geschichten ja nicht nur die Leser erfreuen, sie wollen auch von ihrer Arbeit leben können. Die Verleger aber, die den Druck der Bücher bezahlen, können nie sicher sein, wie erfolgreich ein Buch wird. Deshalb versprechen sie dem Autor möglichst wenig Geld. Von einem Buch, das zwanzig Euro kostet, bekommt er nur ungefähr zwei Euro. Wenn man Millionen Bücher verkauft, wie die Harry Potter-Autorin J.K. Rowling, kann man damit reich werden. Aber wenn ein Autor weniger Fans hat, reicht das Geld manchmal kaum zum Leben.

© Anja Maria Eisen
© Anja Maria Eisen

Weil sie aber vom Verkauf ihrer Bücher leben müssen, sind die Autoren besonders böse, wenn jemand ihre Texte ohne Erlaubnis ins Internet stellt. Das tun richtige Internetkriminelle, die auch Raubkopien von Filmen und Musik im Netz viel billiger verkaufen als im Laden. Das tun aber auch viele harmlose Leute, die denken, es sei ganz in Ordnung Bücher, Musik und Filme umsonst im Internet zu tauschen – obwohl das in vielen Fällen zum Schutz der Autoren verboten ist. Das tun schließlich auch große Firmen wie das amerikanische Internetunternehmen Google, das die Autoren ebenfalls nicht immer fragt, ob sie wollen, dass ihre Bücher kostenlos im Internet zu finden sind. Der »Welttag des Buches und des Urheberrechts« ist deshalb auch ein Protesttag gegen Buchdiebstahl im Internet. Das ist gut. Denn es ist doch nur fair, dass Schriftsteller weiter davon leben können, dass sie sich magische Gärten für uns ausdenken.


 

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