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Mit Gedanken spielen

 

Warum leben wir? Wie wird man glücklich? Was ist normal? Über solche Fragen
denken Philosophen nach. Manche sind noch ganz jung

Von Alena Schröder, Illustration Niels Schröder

Kann ein Tisch ein Philosoph sein – also jemand, der über die großen Fragen
des Lebens nachdenkt? Blöde Frage! »Nein!«, rufen die 13 Kinder, die im Hamburger Literaturhaus mit Kristina Calvert zusammensitzen. »Woher wisst ihr das?«, fragt sie. »Na, weil der Tisch gar kein
Lebewesen ist«, sagt Tim. »Das stimmt so nicht«, entgegnet Victoria. Der Tisch sei aus Holz, und Holz stamme von Bäumen, und Bäume seien schließlich Lebewesen. Kann der Tisch also doch philosophieren? Nein, sagt Yannik und findet eine Antwort, mit der sich alle zufriedengeben: Der Tisch kann nicht philosophieren, weil er keine Fragen stellen kann.

Fragen stellen – das können Kinder besonders gut. Sie fragen, wenn sie etwas nicht verstehen und schämen sich nicht, weil sie eine Sache noch nicht wissen, wie es Erwachsene oft tun. Deshalb redet Kristina Calvert besonders gern mit Kindern über knifflige Fragen – sie philosophiert mit ihnen. Das klingt nun sehr kompliziert, und viele stellen sich einen Philosophen wohl eher als alten, bärtigen Mann vor, der allein in einem Sessel sitzt und sich den ganzen Tag lang schlaue Gedanken macht. »Das ist natürlich Quatsch«, sagt Kristina Calvert. Frauen, Männer, Kinder und Erwachsene – jeder könne ein Philosoph sein. Und zum Philosophieren sollte man auch nicht allein zu Hause sitzen, sondern sich mit anderen treffen.

So, wie die Kinder in Hamburg es tun. Am Anfang der philosophischen Treffen steht immer eine Frage. Zum Beispiel: Ist Traurigkeit zu etwas gut? Bin ich frei? Was ist ein Freund? Mögen uns Pflanzen? Warum sehen wir so verschieden aus? Dazu kann jeder etwas sagen, und die anderen spinnen den Gedanken weiter. So entsteht ein großes, wildes Netz aus vielen verschiedenen Ideen und neuen Fragen. Das Spannende daran ist: Es gibt am Ende keine richtige Lösung oder nur eine wahre Antwort auf die Frage. Keiner der Gedanken ist besser oder schlechter als ein anderer. Und auch mit einer verrückten Idee kann das Netz weitergesponnen werden. Manchmal ergeben sich gerade daraus besonders tolle Antworten.

»Was ist eigentlich normal?« Das ist die Frage, über die Kristina Calvert an diesem Tag mit den Kindern philosophieren will. Eine knifflige Frage. Vielleicht findet man Antworten, wenn man umgekehrt fragt? Ein Junge hat jedenfalls eine Idee, was nicht normal ist: »Wenn Männer Lippenstift tragen.« Und nun kommt Schwung in die Runde: »Aber Michael Jackson hat Lippenstift getragen, und der war ein Mann.« – »Alle Lebewesen sind normal.« – »Aber Michael Jackson ist tot und deshalb kein Lebewesen mehr, also ist er vielleicht doch nicht normal.« – »Normal ist, was alle machen.« – »Normal ist das, was ich mag.« – »Normal ist, was gut ist.« – »Sind Superhelden dann normal, auch wenn sie keine Lebewesen sind?«

Immer wieder, wenn sich eines der Kinder mit einer Behauptung allzu sicher ist, fragt Kristina Calvert: »Woher weißt du das so genau?« Beim Philosophieren ist es nämlich nicht nur wichtig, zu fragen, sondern auch zu hinterfragen. Das bedeutet: etwas noch mal von einer anderen Seite zu betrachten. Auch dann, wenn man auf eine Frage schon eine Antwort gefunden, sich bereits eine feste Meinung gebildet hat – und denkt, dass diese richtig ist. Durch das Hinterfragen lernt man, seine Meinung gut zu begründen. »Weil meine Mama das gesagt hat!«, ist zum Beispiel keine besonders gute Begründung. Denn auch Mütter irren sich manchmal.

Das Wort Philosophie kommt übrigens aus dem Griechischen und bedeutet »Liebe zur Weisheit«. Und weil große und knifflige Fragen, über die auch Kristina Calvert mit den Kindern philosophiert, schon vor mehr als 2000 Jahren die Menschen interessiert haben, gab es auch damals Philosophen. Die Anfänge unserer Philosophie liegen im antiken Griechenland. Noch heute kennen viele Menschen zum Beispiel Sokrates, Aristoteles oder Platon. Die berühmten Denker hatten sogar eigene Schulen, in denen sie mit ihren Schülern zusammensaßen und gemeinsam diskutierten. Aus Deutschland kamen später ebenfalls viele bekannte Philosophen, zum Beispiel Gottfried Wilhelm Leibniz und Immanuel Kant. Deshalb sagten viele Menschen lange Zeit über Deutschland, es sei das »Land der Dichter und Denker«.

Aber auch in anderen Ländern und in allen Religionen der Welt gab und gibt es Menschen, die sich mit den wichtigen Fragen des Lebens beschäftigen – auf die sie ganz unterschiedliche Antworten finden. In einer Sache aber sind sich alle Philosophen der Welt einig: Weisheit kann nur erlangen, wer viel staunt und viel fragt. »Weisheit«, fragt Kristina Calvert. »Was ist das eigentlich?« Wieder so eine Frage, über die man toll philosophieren kann.

Aber wozu soll das alles eigentlich gut sein – herumsitzen, Fragen stellen und an Ideen spinnen? Philosophieren ist wie Sport fürs Gehirn. Wer mit anderen philosophiert, der lernt, dass man in einer Gruppe viele Antworten auf wichtige Fragen des Lebens finden kann. Und dass es oft mehr gibt als nur eine richtige Lösung. Man lernt, kritisch zu sein und sich nicht von Schlaumeiern beeindrucken zu lassen, die glauben, alles ganz genau zu durchschauen.
Ein echter Philosoph weiß nämlich, dass nichts richtig sein muss – auch nicht das, was Erwachsene sagen.

Wer auch einmal mit Kristina Calvert philosophieren will, kann sich beim Hamburger Literaturhaus für die Veranstaltungsreihe „Gedankenflieger “ anmelden. Infos unter www.literaturhaus-hamburg.de.

Buchtipps für Kinder, die Freude am Philosophieren haben:

Eva Muggenthaler
Als die Fische spazieren gingen…
Mixtvision Verlag
August 2010, € 14, 90

Oscar Brenifier
Ich – Was ist das?
Boje Verlag
Februar 2010, € 14, 95

Brigitte Labbé
Denk Dir die Welt
Loewe Verlag
Januar 2003, €12,90

 

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