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Alle anders, aber gleich

 
Wo und als wer man geboren wird, das kann sich niemand aussuchen/ Illustration: Gert Albrecht für DIE ZEIT

Es gibt keine Menschen, die mehr wert sind als andere. »Rechtsextreme« behaupten das Gegenteil. Einige begehen sogar schreckliche Verbrechen

Von Toralf Staud

Jeder Mensch ist anders. Der eine ist groß, der andere klein. Der eine isst am liebsten Spinat, der andere Spaghetti. Der eine hat dunkle Haut, der andere helle. Der eine kann schnell laufen, der andere gut rechnen. Keinen Menschen gibt es zweimal; sogar eineiige Zwillinge unterscheiden sich in vielen kleinen Dingen.

Es ist auch völliger Zufall, wo und in welche Familie hinein jemand geboren wird. Deshalb ist es auch völliger Quatsch, Menschen nach ihrer Herkunft beurteilen zu wollen. Vielleicht kommen die Eltern Deiner Freundin aus der Türkei, oder der beste Freund Deiner Schwester ist vor einem Jahr aus China in die Stadt gezogen. Ob jemand nett ist oder interessant, hängt nicht vom Wohnort ab, genauso wenig wie vom Aussehen. Wichtig ist, was in ihm steckt. Niemand ist mehr wert als jemand anderes! Jede und jeder hat die gleichen Rechte!

Doch es gibt Leute, die das anders sehen. Diese Leute nennt man Rechtsextremisten. Das ist ein ziemlich kompliziertes Wort. »Extrem« steckt drin, das Gegenteil von normal. Denn rechtsextremistische Ansichten sind nicht normal. Rechtsextremisten werden häufig auch als Nazis bezeichnet. Das hat mit der deutschen Geschichte zu tun, dazu kommen wir später noch.

Rechtsextremisten haben jedenfalls Probleme mit Menschen, die anders sind als sie. Zum Beispiel würden sie am liebsten jeden, der im Ausland geboren ist oder dessen Eltern von dort stammen, aus Deutschland hinauswerfen. Sie behaupten auch, es wäre gut, wenn nur noch Menschen zusammenleben, die möglichst gleich aussehen. Rechtsextremisten teilen die Menschheit gern in »Rassen« ein. Man nennt sie deshalb auch Rassisten.

Sie sagen, man müsse seine »Rasse sauber halten«. Was sie meinen, ist zum Beispiel, dass Japaner nicht mit Deutschen Kinder bekommen sollen. Rassisten sagen auch, dass ihre eigene »Rasse« besser sei als andere. Bis vor etwa hundert Jahren haben noch viele Menschen an so einen Blödsinn geglaubt. Beispielsweise war in Europa häufig zu hören, wir seien mehr wert als Afrikaner. Das ist natürlich Unsinn. Und Forscher haben längst bewiesen, dass es bei uns Menschen überhaupt keine Rassen gibt – anders als bei Tieren.

Was Forscher nachweisen, interessiert Rassisten aber nicht. Sie wollen an Rassen glauben. Die meisten Rechtsextremisten gleichen mit ihrem Denken nämlich nur Probleme aus. Oft haben sie Angst vor etwas, sind unzufrieden mit ihrem Leben oder einfach unsicher. Wenn sie dann auf andere Menschen herabschauen können, fühlen sie sich stark und überlegen.

Es gibt auch Politiker, die rechtsextremistische oder rassistische Dinge sagen. Sie tun das zum Beispiel, um von Missständen abzulenken. Es ist ja auch sehr bequem, wenn man die Schuld für Dinge, die in einem Land, einer Region oder einer Stadt nicht klappen, jemandem in die Schuhe schieben kann. Wenn es zum Beispiel viele Arbeitslose gibt, ist die einfachste Ausrede, zu sagen, dass Ausländer daran schuld seien. Weil sie angeblich den Deutschen die Arbeit wegnehmen. Das stimmt natürlich nicht – was man schon daran sieht, dass es in Ostdeutschland die meisten Menschen ohne Arbeit gibt, dort aber die wenigsten Ausländer leben. Doch leider kommen Politiker mit solchen Aussagen bei vielen Menschen an. Einzelne rechtsextremistische Gedanken sind sehr, sehr weit verbreitet.

Und jetzt kommen wir zurück zur deutschen Geschichte. Bei uns gab es vor achtzig Jahren den Politiker Adolf Hitler, seine Partei hieß abgekürzt NSDAP. »NS« stand für »nationalsozialistisch«, die Parteianhänger wurden deshalb kurz Nazis genannt. Am 30. Januar 1933 wurde Hitler Reichskanzler und begann mit seiner Partei, die Demokratie abzuschaffen. Dieses Datum nennen viele »Machtergreifung«.

Hitler wollte der mächtigste Mann der Welt werden. Er redete den Deutschen ein, sie müssten sich gegen andere »Rassen« wehren, vor allem gegen Menschen jüdischer Religion. Hitler hat dann einen schlimmen Krieg angefangen, in dem Millionen Menschen starben.

Vieles, was Hitler sagte, sagen heute die Rechtsextremisten. Deshalb werden sie oft auch Nazis genannt oder Neonazis, also »neue Nazis«. In der Politik spielen sie keine große Rolle. Aber auch heute überfallen Rechtsextremisten Menschen, die ihnen nicht gefallen – in den letzten Wochen wurde zum Beispiel viel über eine Bande berichtet, die über Jahre gemordet hat, mitten in Deutschland. In den letzten 20 Jahren haben Rechtsextremisten mindestens 147 Menschen getötet und viele Tausend verletzt. Zum Beispiel Leute, die aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind, oder Obdachlose, also Menschen ohne Wohnung.

Rassisten und Rechtsextremisten sagen, alle Fremden seien gefährlich. Und es stimmt ja, dass man erst mal vorsichtig sein sollte, wenn man jemanden noch nicht kennt. Aber das gilt für Deutsche genauso wie für Ausländer. Man ist natürlich nicht gleich ein Rassist, wenn man sich mal über einen ausländischen Mitschüler ärgert. Übel ist es, wenn man Fremde ablehnt, weil sie fremd sind. Rassismus ist, wenn man Menschen nur mit ihrer Herkunft erklärt – wer sagt: »Alle Schwarzen sind faul«, oder: »Alle Juden sind geldgierig«, der ist rechtsextremistisch. Und er ist dumm. Genauso gut könnte er ja behaupten: »Alle großen Menschen sind klug.« Rechtsextremisten sagen noch andere dumme Sachen: zum Beispiel, dass sich Frauen nur um Kinder und Haushaltsarbeit kümmern sollten. Oder dass es gut ist, wenn einige über alle anderen bestimmen.

Rassisten und Rechtsextremisten gibt es überall. Aber kein Kind kommt als Rechtsextremist auf die Welt; Kinder spielen mit anderen Kindern, egal, welcher Hautfarbe. Meist lernen sie von ihren Eltern, Fremde zu hassen. Wenn Du also rassistische Sprüche hörst, dann widersprich! Du kannst sicher sein, dass Du damit recht hast.