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Käpt’n Katze

 
Eine Schiffskatze schaut zwischen kleinen Booten auf das tosende Meer/ © Getty Images
Eine Schiffskatze schaut zwischen kleinen Booten auf das tosende Meer/ © Getty Images

Wie Chibley das Land hinter sich ließ und auf einem Dreimaster anheuerte

Von Ruth Helmling

An einem winterlichen Tag im November 2011 schrieb Kapitän Dan Moreland den letzten Eintrag zu Misses Chibley Bits in sein Logbuch: »Gestern Nacht, an einem dunklen und stürmischen Abend in Lunenburg in Kanada, wurde Chibley, die Katze, von einem Auto angefahren und starb. Zweifellos war sie auf dem Weg zurück zum Schiff, um ein zweites Abendessen zu fangen oder einfach um die Lage zu kontrollieren. Man könnte leicht sagen, dass sie nicht draußen hätte rumlaufen sollen. Aber wer das sagt, der kannte Chibley schlecht – Chibley tat, was ihr beliebte, und ihr Wunsch war uns Befehl.«

Glaubt man dem Kapitän, war Chibley das erfahrenste Besatzungsmitglied an Bord der Picton Castle, eines großen Segelschiffs mit drei Masten und sehr vielen Segeln. Manchmal kletterte Chibley in die Wanten wie ein Pirat, am liebsten aber balancierte sie auf der Reling und behielt ihre Crew im Auge. Über die Jahre hat sie sich von ungefähr tausend Schiffskameraden am Bauch kraulen lassen und in ihren Kojen geschlafen. Statt Mäusen fing sie fliegende Fische, statt Ratten jagte sie verirrte Seevögel, die sich an Deck ausruhten. Und sobald »ihre« Matrosen einen Thunfisch oder einen Wahoo an der Angel hatten, flitzte Chibley zu Fisch und Fänger und stellte sicher, dass das erste und beste Stück auch wirklich an sie ging.

Als Chibley beschloss, Schiffskatze zu werden, konnte Kapitän Dan Moreland gar nicht anders: Er musste sie mitnehmen. Damals war Chibley ein kleiner namenloser Wurm in einem Tierheim. Der Kapitän seufzte ein wenig, schaute einmal tief in die Katzenaugen, seufzte noch mal und nahm Chibley mit an Bord seines Segelschiffes. Sie hatte ihn ausgesucht, davon ist Dan Moreland überzeugt. Nicht umgekehrt. Chibley war damals nicht viel größer als ein Fussel oder als eines dieser kleinen Stückchen Dreck, die sich beim Barfußlaufen über Deck im Laufe eines Tages zwischen den Zehen sammeln und die nachts im Bett wieder herausfallen. Auf Seefahrer-Englisch heißen diese Zehenfussel chibley bits, und das wurde dann auch ihr Name: Misses Chibley Bits.

Chibleys erste Erinnerung als Schiffskatze war allerdings gar nicht erfreulich. Platsch! Brrr! Miiiiaaaauuu!!! Plötzlich lag Chibley im Wasser. Bauch nass. Schwanz nass. Alles nass! So pudelnass, wie eine Katze überhaupt sein kann. Miiiaauuuu! Ein Tau wurde ins Wasser geworfen, Chibley krallte sich fest. Einen Augenblick später baumelte sie ungefähr drei Meter über dem Wasser. Und dann kam ein Gesicht mit Knubbelnase auf sie zu, das sie über die Reling gebeugt anstarrte. Der Mann mit der Knubbelnase am anderen Ende des Taus war Kapitän Dan Moreland. Er hatte sein neues Tigerkätzchen gerade ins Wasser geworfen. Es sollte nie wieder vergessen, dass über Bord fallen eine ganz schlechte Idee ist. Zurück auf Deck, schüttelte Chibley sich, bis sie aussah wie ein kleiner Igel. Ohne ihren abscheulichen Kapitän auch nur eines Blickes zu würdigen, stolzierte sie davon. Auf dem Deck hinterließ sie kleine Pfützen in Katzenpfotenform.

Seit diesem Tag ist Chibley nie wieder ins Wasser gefallen, sonst wäre sie nicht die erfahrenste Schiffskatze der Welt geworden. Sie hat eben zwei wesentliche Schiffskatzenweisheiten beherzigt. Erstens: Nie über Bord fallen. Zweitens: Immer an Bord sein, bevor es »Leinen los!« heißt. Egal ob sie gerade die Fischmärkte auf Rarotonga oder Bora Bora im Pazifik plünderte oder den in Kiel – kurz vor Abfahrt stolzierte sie ganz selbstverständlich an Bord, als habe sie soeben beschlossen, dass es Zeit zum Auslaufen sei.

In Bergen, einer Stadt in Norwegen, kam Chibley einmal nicht von ihrem Landgang zurück und versetzte so die ganze Stadt in Aufruhr. Chibley schaffte es in die Zeitungen und sogar ins Fernsehen. Ein ganzes Heer an Freiwilligen präsentierte den Crewmitgliedern jede halbwegs gestreifte norwegische Straßenkatze. Die aber schüttelten immer wieder den Kopf: Nein, nicht unsere Chibley. Bis in einem kleinen Haus am Stadtrand ein norwegisches Pärchen erst sich und dann ihr neues Tigerkätzchen anguckte: Bei ihnen auf dem Sofa lag gar kein Cheeseburger fressender Streuner – sondern Chibley, die berühmteste Katze des Landes!

Vierzehn Jahre verbrachte Chibley auf See. Fünfmal ist sie in ihrem Leben um die Welt gesegelt: nach Amerika, Europa, Afrika, Asien, Australien und zu Inseln mit exotisch klingendem Namen, weit, weit weg. Wäre sie in die Höhe geschippert statt um die Welt, hätte sie es bis zum Mond geschafft und sogar noch ein Stückchen weiter. Vermutlich wäre Chibley heute noch immer auf den Meeren unterwegs, wäre sie nur an Bord geblieben. Dass sie ausgerechnet auf einer Straße überfahren wurde, beweist: Sie war eben eine echte Schiffskatze!