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Gebt den Künstlern Erdbeerkuchen!

 

Liebe Kinder, hier soll euch kurz die Bedeutung des Urheberrechts erklärt werden. Immerhin hatte sich eine Plagiatsdebatte über das gesamte literarische Frühjahr gelegt und man hielt anschließend einen Schwanzlurch für unecht und eine Jungautorin für eine Diebin.

Und immerhin haben der Günter seinen Grass und die Christa ihren Wolf unter folgende Zeilen der Leipziger Erklärung gesetzt: „Kopieren ohne Einwilligung und Nennung des geistigen Schöpfers wird in der jüngeren Generation, auch auf Grund von Unkenntnis über den Wert kreativer Leistungen, gelegentlich als Kavaliersdelikt angesehen.“

Dank des Börsenvereins des deutsche Buchhandels könnt Ihr, liebe Kinder, nun lernen, worum es dabei im Wesentlichen geht: um Erdbeerkuchen nämlich. Davon bekommt jeder haufenweise, der Kraft seiner eigenen Einbildung und Geistesschärfe ein Kunstwerk schafft. Gibt es aber keine eigenen Ideen mehr, heißt es auch Schluss mit dem Kuchen, und dann wird die Welt so karg und hässlich wie in Wuuzelhausen.

Und nein, das war kein Witz. In Wuuzelhausen beginnt das Spiel, das sich der Börsenverein ausgedacht hat, um euch Kleinen zwischen acht und zwölf die Bedeutung geistigen Eigentums zu vermitteln. Ein medienpädagogisches Online-Abenteuer soll es laut Selbstbeschreibung sein, der Name: Cat Protect.

Cat Protect ist eine Privatdetektivin, eine Katze mit blondem Haar, die ins „Schloss der Ideen“ gerufen wird. Dort leben Wuuzel, kleine kreative Viecher, die den ganzen Tag malen, dichten und Sachen erfinden. Dafür werden sie mit Erdbeerkuchen entlohnt, was, liebe Kinder, ein vertriebsbasiertes Verwertungsmodell ist. Weil dieser in Wuuzelhausen aber plötzlich ausbleibt, ergraut das vormals bunte Schlossleben. Alle sind traurig. Und schnell wird klar: hier sind Ideendiebe am Werk und um denen das Handwerk zu legen, muss Cat Protect Schieberätsel lösen, Fahrstühle mit Walkmanmusik berieseln (Originalkassette, klar) und so allerhand mehr. Man lernt: Illegale Kopien „zerstören den Wert der Originale“.

Und während die Kleinen das ein, zwei Stunden spielen, schließen die Erwachsenen die Augen und stellen sich eine Taskforce des Börsenvereins vor, die sich um die Folgen des digitalen Wandels sorgt und den lieben Kleinen erklärt, warum bitte alles so bleiben soll wie bisher. Mit Minispielen beispielsweise, in denen „kreative Energie“ von oben nach unten fließt, aber nie kreuz und quer. In denen sie lernen, dass wer Ideen klaut, kein Schwanzlurch ist, sondern ein fauler Wurm mit Überbiss. Und in denen sie Sätze wie diesen hören: „Ist dir eigentlich klar, dass es nicht in Ordnung ist, wenn du andere beklaust?“

Soweit ist es also schon gekommen.

2 Kommentare


  1. Interessant ist auch der Ablauf des Spiels. Man bekommt gesagt was man zu machen hat, bei den Dialogen gibt es eigentlich keine Wahlmöglichkeit und wie nach diesen Prinzipien Wissenschaft oder Kultur funktionieren soll. bleibt auch außen vor.

    Sinnvoller wäre es gewesen, den Alltag eines Journalisten oder eines Historikers zu beschrieben, der viel Zeit und Geld in etwas investiert, dass für viele Leute wichtig seien könnte und das irgendwie bezahlt und vertrieben werden muss.

    Das Spiel aber benutzt die Methoden der Film- und Musikindustrie für Schrifttum. (Diebstahl, Diebstahl! Knast!) Irgendwie keine gute I-D-E-E! (Was ist eine Idee ist, taucht in dem Spiel vermutlich auch nicht auf, aber so lange habe ich nicht durchgehalten.)


  2. Ilja Braun hat am 19.04 auch einen Text hierzu verfasst, der eine „Idee“ ausführlicher ist:

    Ilja Braun, Online-Spiel des Börsenvereins – Erdbeertörtchen für alle, irights.info

 

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