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Macht das Internet dümmer oder klüger?

 

Neue Medien wurden in der Geschichte schon immer ängstlich beäugt. Zwar antworteten sie auf offenkundige Bedürfnisse, sonst hätten sie sich ja nicht durchgesetzt. Aber ob nun die Erfindung des Buchdrucks, des Volkstheaters oder des Romans – die Gruppe der Mahner war nur unwesentlich leiser als die der Fans und Optimisten. Die Vorwürfe rangierten dabei von der Sorge vor der Massenverdummung bis hin zum Nachweis widerwärtiger und schädlicher Konsequenzen, sollte sich die Mehrheit der Menschen dem verführerischen Medium zu sehr hingeben.

Eine ähnliche Debatte wird seit Jahren auch um das Internet geführt und gipfelte 2008 in der Frage von Nicholas Carr, ob Google uns dümmer mache. Das Wall Street Journal hat diese nun noch einmal gestellt. Beziehungsweise war es erneut Nicholas Carr, der seine These in leicht abgewandelter Form dort präsentierte und fragte: „Macht das Internet Dich dümmer?“

Wie schon früher antwortete ihm darauf Clay Shirky mit einem Nein, beziehungsweise dem Text: „Macht das Internet uns schlauer?“. Letztlich hätte die Gesellschaft immer Strukturen ausgebildet, glaubt der amerikanische Netzexperte und Buchautor, die halfen, dem zunächst größer werdenen Chaos und Überangebot an Informationen wieder Herr zu werden. Und dabei Mehrwert zu ernten. Als Beispiel nennt er das Peer-Review-Verfahren, das wissenschaftliche Artikel dem kritischen Blick verschiedener Experten unterzieht, bevor ein Text als verifiziert gilt. Ähnliches passiere auch im Netz – in der Wikipedia etwa, dem Online-Lexikon, das innerhalb von nur zehn Jahren zu der wichtigsten englisch-sprachigen Referenz geworden sei.

Carr dagegen glaubt, das Netz verwandele seine Leser in oberflächliche Denker und zahlreiche Studien belegten das. Carr zählt dann allerhand auf: Verlinkter Text sei unverständlicher als linearer, Multitasking ein Ding der Unmöglichkeit und die ständige Ablenkbarkeit durch Mails und spontane Suchbegehren der Tod jeglicher, konzentrierter Auseinandersetzung mit einem ernsten Thema. Der Mensch verliert durch das Netz mehr und mehr die Fähigkeit, komplexe Systeme zu verstehen.

Die beiden Texte widersprechen sich nicht unbedingt. So könnte man Carrs Verwirrung als gegenwärtige Zustandsbeschreibung akzeptieren, selbst wenn man sie in der Schärfe nicht teilt. Und auf Shirkys Optimismus und darauf setzen, dass sich Strukturen entwickeln werden, mit diesen Ablenkungen und Zerstreuungen klar zu kommen. Carr jedoch glaubt, dass Medien Veränderungen auszulösen vermögen, die unumkehrbar sind. Dass wir so viel Zeit vor Bildschirmen verbringen etwa führe dazu, dass unter unseren kognitiven Fähigkeiten vor allem die visuelle immer stärker ausgeprägt werde.

Stellt sich nur eine Frage: Wer kann beurteilen, ob dass das eine Veränderung zum Schlechteren oder zum Besseren ist?

25 Kommentare

  1.   Loopkin

    „Dass wir so viel Zeit vor Bildschirmen verbringen etwa führe dazu, dass unter unseren kognitiven Fähigkeiten vor allem die visuelle immer stärker ausgeprägt werde“

  2.   Loopkin

    „Dass wir so viel Zeit vor Bildschirmen verbringen etwa führe dazu, dass unter unseren kognitiven Fähigkeiten vor allem die visuelle immer stärker ausgeprägt werde“
    Das erscheint mir unlogisch, vor allem die daraus abgeleitete Schlussfolgerung, „das Internet mache dumm“. Beim Bücherstudium sind ebenfalls die visuellen Fähigkeiten gefragt. Weshalb sollte das Internet diese stärker fordern und trainieren? Kognitiv kann das Internet zudem bedeutend anspruchsvoller als das Fernsehen sein, da textbasierte und grafische Repräsentationen aufeinader bezogen und integriert werden müssen. Insofern müsste Herr Carr das Internet als bedeutenden Fortschritt gegebüber dem TV preisen. Letztlich ist es noch nie klug gewesen, ein Medium zu verdammen. Vielmehr muss man herausfinden, für welche Aufgaben sich welche Medien am besten eignen und sie entsprechend einsetzen.


  3. Zu meiner Schulzeit – vor etwa 40 Jahren – hat man uns den kritischen Umgang mit Medien (Presse) gelehrt. Davon zehre ich noch heute, bin zum kritischen Umgang mit dem Internet in der Lage und sehe in der weltweiten Vernetzung eher Vorteile als Nachteile. Ob Medien, Internet überhaupt „schlauer“ machen sollen? Ich sehe deren Aufgabe eher im Verteilen von Informationen. „Schlauer werden“ muß man woanders lernen: In Schule, Elternhaus, Universität.

  4.   E. Leonhardt

    Es ist nicht das Medium, das verdummt, sondern die eigene Dummheit. Oder die Gewöhnung an die allgemeine Konsumhaltung. Wer Facebook für ein soziales Medium hält, während seine Daten für Marketing-Zwecke verwertet werden, hat einfach die Konsum-Oberfläche, die ihn ausspäht, nicht durchschaut, schon kritiklos in sein Leben integriert und den Verlust der Privatsphäre mit eitlem Selbstdarstellungsinteresse kompensiert. Das wird noch ein böses Erwachen geben. Ich stelle in meinem Bekanntenkreis fest, dass es immer mehr Menschen gibt, die das Versprechen eines Internet-Angebots mit der Realität gleichsetzen und sogar reale Beziehungen durch die vermeintliche „operationalisierte Herstellung von Kundenzufriedenheit“ des Internets in ihr vertrautes Konsummuster übersetzen. Dem Wunsch wird ein Vorrang vor der selbst erlebten Realität gegeben, was notwendigerweise zu Konflikten mit dem Gegenüber führen muss. Was grundlegend fehlt, ist die Fähigkeit, Codes in Bild und Sprache richtig zu deuten. Oder: Die Realität ist im Medien-Overkill schon längst abhandenn gekommen.


  5. Zitat, das hier immer wieder passt:

    „The internet makes the smart smarter, and the dumb louder.“

  6.   Arlong_Lives

    Carr wurde hier falsch wiedergegeben. Im Original-Artikel kritisiert er nicht die Visualität, sondern die Oberflächlichkeit und Zersückelung der Internetinhalte. Er beklagt sich darüber, dass sich ein User kaum noch mit den Inhalten auseinandersetzt, die er liest – geschweigedenn sich merkt.
    Carr meint, durch das Internet gehe den Leuten die Tiefe im Denken verloren.

  7.   Arlong_Lives

    P.S.
    Mein Kommentar bezog sich auf Kommentar #2 von Loopkin.

  8.   Shatterhand

    Nicht die Medien machen dümmer oder klüger, sondern nur individuelle Haltungen und Einstellungen. Also, was soll diese Internetdiskussion eigentlich? Da wird gegen ein Phantom gekämpft. Auch der Vorwurf, dass das Internet zur Oberflächkeit in Denken und Erkennen führe ist haltlos. Das ist schlicht die Menge der Informationen. Das muss jeder für sich organisieren können. Manchmal auch durch Verzicht!

  9.   th_hsc

    so ein quatsch, warum soll ich unkonzentrierter sein nur weil ich im inte

  10.   boelwerkr

    Das Internet macht die Denkfaulen dumm und die Neugierigen Intelligent. Jeder entscheidet selber auf welcher Seite er steht.

 

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