23. Juli 2020 – Ausgabe 31

Leserbriefe zu „Es begann mit einem Foto (…)“ von Kai Biermann et al.

 

Dank an die Redaktion. Sachlich und doch eindrücklich geschildert. Mit diesem Artikel hat die Zeitredaktion das Thema Kindesmissbrauch aus dem Schatten ins Licht geholt. Dem Journalisten-Team ist es gelungen den Missbrauch und das dahinterliegende Netzwerk in einer für den Leser gerade noch erträglichen Dosis darzustellen, die ausreicht zu erschüttern, das Ausmaß dieser scheußlichenTaten aufzuzeigen und der Öffentlichkeit die Augen zu öffnen. Ich hoffe, dassimmer mehr Menschen sensibilisiert werden und nicht mehr nur wegschauen. – Eva Schwenk

 

Ich danke den Autoren für die fundierte Recherche, präzisen Formulierungen und professionelle und einfühlsame Distanz, mit deren Hilfe sie es schafften, das Wesentliche mitzuteilen und „Schocker“-Meldungen zu vermeiden. Selten fiel es mir so schwer, eine ZEIT Artikel wie diesen zu lesen. Immer musste ich Pausen einlegen, tief Luft holen, während mir die Tränen in den Augen standen. Ich wollte den Artikel beiseite legen, aber ich sagte mir, wenn die Kinder das erleiden müssen, kannst du ihn dir (in schon „abgemilderter“ Form) durchlesen. – Marion Rissart

 

Ein Dossier, das mir den Atem nimmt. Auch wenn ich weiss, dass es häufig so ist, fällt es mir schwer hinter diesen Monstern die ebenfalls missbrauchten Kinder zu sehen. – Konstanze Burger

 

Die katastrophalen physischen Auswirkungen der sexuellen Gewalt auf Kindern ist ersichtlich aber die oft bis zum Tod anhaltenden psychischen Konsequenzen sind leider noch viel verheerender und immer noch viel zu verkannt. Den Opfern ist ihr Urvertrauen, ihre Basis für ein integres und sicheres Leben und ihre Kindheit beraubt und zerstört worden. Ein Leben lang, wenn sie nicht in der geschlossenen Anstalt landen, müssen sie durch Psychotherapien lernen, mit ihrer verkehrten Scham, ihrer Angst und ihrem verkrüppelten Selbstwertgefühl umzugehen.

Ihr Artikel hat über den entsetzlichen Taten und derer Aufdeckung sehr klar, brutal, aber wahr berichtet und hat eine Art Aufwachen hervorgerufen. Bitte schreiben Sie weiter über das Thema und auch unbedingt über das psychische Leid und deren Folgen! Durch dieses Wissen werden die Gesellschaft und die rechtlichen Institutionen wacher und sensibilisierter. Sie werden verhindern, dass noch mehr Kinder zum Opfern von ihren netten Familienvätern fallen werden. Es ist an der Zeit, dass die Täter angemessenere, schärfere Strafen bekommen. –Irène Favre

 

Sie stellten sich die Frage: Soll sexuelle Gewalt gegen Kinder in einem ZEIT-Artikel dargestellt werden. Ich fragte mich seit Jahren, insbesondere wegen meiner Erfahrungen als Lehrerin mit der Thematik, vor allem dem unermesslichen Leid der betroffenen Kinder konfrontiert, warum wir Erwachsenen, verantwortlich für den Schutz aller Kinder so wenig Zivilcourage zeigen. Aus der Perspektive der Autor*innen mag die Entscheidung für den Artikel ein Dilemma gewesen sein. Aus meiner- und der Perspektive der betroffenen Kinder/Jungerwachsenen, zu denen immer noch Kontakt besteht , kann ich zweifelsfrei bestätigen: Wenn freie Presse für Bürgerinformation und Aufklärung steht, dann ist es gelungen, einen wesentlichen Beitrag gegen sexuelle Gewalt an Kindern zu leisten. Geschwiegen worden ist viel zu lange, jetzt und zukünftigmuss das schwer geschädigte Kind mutig schützende Erwachsene erleben, denen es vertrauen kann, die für Kinder einstehen. – Dr. Dagmar Sommerfeld

 

Danke für den Artikel aus dem Dossier zu sexueller Gewalt gegenüber Kindern. Danke für das klare Benennen! Danke für die Konfrontation mit dem Unsagbaren! Es kann nicht oft genug deutlich gemacht werden, dass die eigene Familie der gefährlichste Ort für Kinder ist und nicht der große Unbekannte auf dem Spielplatz, wie die immer noch gängige gesellschaftliche Vorstellung. Geheimhaltung und Schweigen sind die Strategien der Täter, greift das nicht mehr, wird die Glaubwürdigkeit des Opfers angegriffen. Ihr Artikel trägt dazu bei, den gesellschaftlichen Prozess von Verdrängung und Verleugnung zu verhindern. – E. Uhlig

 

Man kann die Gefühle,beim lesen des Dossiers,kaum beschreiben,es tut fast körperlich weh und der Kopf wehrt sich soetwas zu glauben,aber es ist leider so u. schlimmer ! Aber dann auch noch,in dem sonst excellent geschieben Dosier, den,mit Verlaub, unfassabar dämlichen Satz von Hannah Arendt „Die Banalität des Bösen “ zugebrauchen ,ist weit unter Niveau ! Das Böse kann nie banal sein, sind 6 Mio. einfach banal ? Was würde einer von ihnen sagen wenn (G’tt behüte) die Polizei vor der Tür stände und ihnen mitteilte ihr Kind sei schwer mißhandelt worden u. tot,das ist zwar sehr böse,aber doch auch banal? Der Mensch siehe Himmler ,Eichmann,den NSU,den Typen aus Halle,das sind banale Menschen,ihre Taten aber nicht ! Hannah Arendt war immer das Sprachrohr des Nazis Heidegger,sie war ihm nun mal hörig ! – Ruth R.Kaulbach

 

Dieser Artikel war längst überfällig. Es stellt sich mir die Frage, ob und was wir Alle noch mehr tun können zum Schutze der Kinder. Dabei fällt mir die Aktion „free them all“ ein. Vielleicht können die Printmedien sich einige und mal ein Jahr lang mit Bezug auf Kindesmissbrauch Schlagwortsätze wie Sie brauchen unseren Schutz oder protect them all oder help all of them Oder save our kids oder dann doch noch eine deutsche Version Sie haben Mehr Aufmerksamkeit verdient Klar das sind nicht ganz ausgereifte Sätze und Ideen, aber ich bin überzeugt davon, dass in Ihren Redaktionen kluge Köpfe Sitzen, die das viel besser können als ich. – Manfred Mengewein

 

Mit großem Interesse habe ich Ihren Artikel zum sexuellen Missbrauch gelesen. In meiner Arbeit als ärztliche Psychotherapeutin mit dem Schwerpunkt Traumafolgestörungen habe ich täglich mit den Auswirkungen dieser Gewalt an Kindern zu tun. Dabei kommt mir in Ihrem Artikel ein wenig zu kurz, dass es nicht nur um die körperlichen Auswirkungen und die erlittenen Schmerzen des Missbrauchs geht, sondern vor allem auch die seelische Bemächtigung der Opfer durch die Täter fatale Folgen hat. Als Kind abgerichtet worden zu sein, so zu tun, als ob einem das, was man gar nicht tun will, auch noch Spaß machen würde, macht der kindlichen Seele große Schwierigkeiten und kann oft nur dadurch bewältigt werden, in dem es zu einer Abspaltung dieses Tuns mit weitreichenden Folgen kommt. Dieser „Seelenmord“ ist es, unter dem die Opfer jahre- und jahrzehntelang leiden und der die Behandlung so langwierig macht. Über die perfiden Strategien der Täter aufzuklären und alle Institutionen (z. B. Jugendämter, Familiengerichte) darüber aufzuklären, könnte dazu beitragen, in Zukunft Kinder besser schützen zu können. – Dr. Dorothee Lansch

 

Sie schreiben: „Den Tätern kann nur durch langfristige Therapie geholfen werden“. Was ist denn mit den Opfern? Ich finde es unerträglich, dass Sie deren Therapiebedarf unerwähnt lassen. Mussten auch die Autoren einen Teil ihrer Empathie ausblenden, um diesen Artikel überhaupt schreiben zu können? Kinder, die im Vorschulalter systematisch zu Sexualobjekten regelrecht abgerichtet werden, entwickeln sich zu zerstörten, oft multiplen Persönlichkeiten. Die psychotherapeutische Behandlung einer Person, die das überlebt hat, ist ein Großprojekt über viele Jahre, dessen Finanzierung meist nicht gesichert ist: Nach 80 Sitzungen traumaspezifischer Verhaltenstherapie winken die Krankenkassen mit Verweis auf die Richtlinie ab. Dabei wären mehrere hundert Sitzungen erforderlich – das ist ein Skandal! Nebenbei bemerkt ist nur ein Bruchteil der Täter pädophil. Dass es hier auch und vor allem um Macht, um ein Milliardengeschäft, um rituelle Gewalt und organisierte Kriminalität geht, wurde leider nicht erwähnt. – Dr. Rebecca Leopold

 

In Ergänzung zu Ihrem Dossier möchte ich auf folgende Aspekte hinweisen: Das Ausmaß sexualisierter Folter an (kleinen) Kindern ist in Fachberatungsstellen wie „Wildwasser“ oder in Psychotherapiepraxen durch Schilderungen betroffener Frauen seit Jahrzehnten bekannt. Nur: Je grausamer das, worüber sie aus ihrer Kindheit berichteten, als desto unglaubwürdiger wurden ihre Aussagen vielfach von Kolleg*innen, in Behörden oder von der Justiz bewertet.

Bei der Vernetzung der Täter*innen geht es auch um sehr hohe Summen für Menschenhandel. Um abgerichtete Kinder – wie von Ihnen beschrieben – benutzen zu können, sind reiche „Kunden“ bereit, viel Geld zu zahlen. Täter*innen und „Kunden“ bewegen sich auch in hohen Gesellschaftskreisen wie Politik, Polizei, Wirtschaft oder Medizin. Sie wirken in eigenem Interesse darauf hin, das Thema klein zu halten. Umso mehr macht Hoffnung, dass Männer in verantwortlichen Positionen wie Herr Reul, die begriffen haben, worum es geht, handeln: Sie werden Durchhaltevermögen brauchen und viel „manpower“ einsetzen müssen, um die im Ausmaß und in den Handlungen unvorstellbare, aber doch reale Gewalt an Kindern zu stoppen. – Elisabeth Kirchner

 

Die sparsamen vier (Niederlande, Österreich,Dänemark und Schweden) und die verschmitzten zwei (Ungarn und Polen) sowie die leichtfertigen (Italien und Spanien) und der leichtgläubige Rest sind doch wohl nicht das Bild einer einheitlichen EU. Da sei das EU-Parlament davor: Milliarden als Hilfen (Zuschüsse oder Kredite) zu verteilen ohne das die jeweilige Rechtsstaatlichkeit und die Verteilung der Gelder in den Empfängerländern eingehend geprüft wird kann und darf nicht, wie durch den Rat geplant, erfolgen. Eigentlich muss hier der Grundsatz Berücksichtigung finden, dass bei Geld die „Freundschaft“ aufhört. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Ob sich dieser Deal, vor allem auch für Deutschland, rechnet wird sich noch erweisen. Ebenso ob die Fremdfinanzierung durch massive Kreditaufnahmen zur Einheitlichkeit der EU beiträgt wird sich erst in der Zukunft zeigen = Europa reitet auf einem griechischen Stier in den Sonnenuntergang und hoffentlich nicht ins Verderben. – Felix Bicker

 

Sehr erschütternd, aber sachlich geschrieben. Was mich bei solchen Berichten beschäftigt: Warum tut ein Mensch so etwas? Ist dieser psychisch gestört? Dann: in die Psychiatrie und evtl. mit lebenslanger Sicherheitsverwahrung! Oder ist er einfach nur ein Sadist: Dann in den Knast MIT lebenslanger Haft! So etwas zu tun ist einfach nur widerwärtig und ekelerregend!!! – Rainer Fischer

 

Da ich zur Zeit auf Reisen bin, habe ich genug Zeit die neue Ausgabe DER ZEIT intensiv zu lesen, somit auch Ihr Dossier. Beim Lesen ist mir zum Teil Wut, Entsetzen, Widerwärtigkeit, Scham, Ekel usw. hochgekommen. Ich habe bis zum bitteren Ende alles gelesen. Ich kann es nicht fassen, was die eigenen Väter ihren Kindern angetan haben. Sexuelle Handlungen oral, rektal und vaginal, sogar bei einem Säugling. Wie absurd ist so ein Verbrechen an Schutzbefohlenden. Diese widerliche Sexgier so vieler Männer macht mich sprachlos. — Ich muss dabei an eine Äußerung denken, die ich vor einiger Zeit von Frau Schulz aus Ihrer Redaktion bekam:“warum ich Sex denn so verpönt?“ Da kommt erst recht Wut hoch! Auch muss man fragen dürfen, ob es richtig ist, in den neuesten Ausgaben der ZEIT diese so genannten Sex-Kolumnen darzustellen, denn damit wird diesen Männern ihre Gier nach Sex noch angefeuert. Ist das auch der Grund, weshalb die Auflagen der ZEIT in die Höhe schnellen? Ich hoffe nicht. Dieser Missbrauch an Kindern macht mich sehr traurig und wütend. – Ute Koch

 

Wie bringt man ein Thema wie die sexuelle Gewalt an Kindern zur Sprache? Ein Thema, das sich im ZEIT-Dossier offenbar einer griffigen Überschrift entzieht. Wie veröffentlicht man das schockierend Verborgene, ohne reißerisch enthüllend zu werden? Ohne nur Reflexe auszulösen? Ohne nur Entrüstung, Rat- und Hilflosigkeit zu hinterlassen? Wie stellt man die Gewalt und das Leid da, ohne selbst zum Täter zu werden. Wie bringt man unfassbare Inhalte in eine lesbare Form? In einen Aufbau mit Anfang und Ende, mit einer Struktur, mit einem roten Faden? Wie schreibt man sachlich über ein derart perfides Gewaltphänomen, ohne die Wahrheit zu verfehlen und verharmlosend zu werden? Das ZEIT-Dossier: Ein guter Anfang. Die Aufgabe: Dran bleiben! Weiterhin Öffentlichkeit herstellen! Hinschauen! Sexuelle Gewalt an Kindern sollte nicht nur ein Thema für die Ermittler sein. Es muss ein gesellschaftliches Thema werden. Es muss ein politisches Thema werden (nicht nur für die Innenministerien). – Reinhard Koine

 

Ich möchte mich bei Ihnen bedanken, dass Sie den Mut aufgebracht haben dieses Thema in solcher Breite und mit so viel Taktgefühl zu behandeln. Damit haben Sie einen wichtigen Beitrag geleistet, dieses den sexuellen Missbrauch an Kindern in das Bewusstsein Ihrer Leser zu rücken. Selbst die WHO hat erkannt, dass es sich hier um einen Flächenbrand handelt. 1 Mio Kinder in der BRD entspricht jedem zehnten Kind unter 14 Jahren. Im Vergleich dazu gab es ca. 250 bekannt gewordene Morde im Jahre 2019. Wenn wir 10000 Morde im Jahr hätten – ein Bruchteil der Missbrauchsfälle, wäre der Aufschrei riesig. Der Mord an einer Kinderseele bleibt immer noch zu oft unbemerkt. Daher ist es umso wichtiger diesem Thema weitere Aufmerksamkeit zu schenken, wodurch die Beachtung in der Öffentlichkeit größer wird.

Welch ein „Glück“, dass es gelungen ist das Herz des Innenministers von NRW so stark zu berühren, dass er die große Not erkannt und gehandelt hat. Daran wird sichtbar, dass es möglich ist mehr zu tun. Es braucht mehr Mittel für die Bereitstellung, Schulung und fachliche Betreuung von Behördenmitarbeitern, die dieses Leid einzudämmen helfen. Ich wünsche mir, dass Sie den Missbrauch weiterhin zum Thema machen, denn das größte Risiko für jedes Kind ist, dass diese Vorgänge unbemerkt bleiben. Es kann jedes Kind treffen. Jeder Täter hat eine Wahl, die Kinder nicht. – Dr. med. Cornelia Dilley

 

Mit großer Bestürzung habe ich den aktuellen Artikel zum Thema „Kindesmissbrauch“ gelesen. Er berührt mich dreifach – als Nina, als ehemalige Erzieherin, als Mutter und als erfolgreiche Kinderbuchautorin und -illustratorin (Die Schule der Magischen Tiere, Das Sams, Die Haferhorde, Boje hebt ab, etc.) der Kinder von Herzen am Herzen liegen. Wie das mit solchen Dokumentationen und Berichten so ist, bleibe ich nach dem Lesen ratlos zurück. Man wird auf eine Katastrophe aufmerksam gemacht, man will helfen. Ja, ja, die Augen offen halten, Verdachtsfälle melden, aber kann das alles sein? Gibt es für Privatleute eine Möglichkeit konkret und praktisch zu helfen/zu unterstützen? Wenn ja, welche? Gibt es für mich als bekannte Kinderbuchautorin und -illustratorin eine Möglichkeit konkret und praktisch zu helfen? Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mich (und sicherlich auch so manchen anderen Leser) hier nicht im Regen stehen lassen, wenn Sie es schon geschafft haben, mich (uns) derart zu berühren. – Nina Dulleck

 

Mir ist schlecht, kotzübel, mein Herz bricht. Wahrlich keine Lektüre zum Sonntagsbrunch. Und dennoch: Danke für diesen Artikel der aufgrund seiner eindringlichen Darstellung im Ansatz nachvollziehen lässt, mit welcher Gewalt, Brutalität und Systematik Körper und Seele der Kinder Schaden nehmen. Am meisten schockiert haben mich neben der Zahl der Bilder und Täter auch die verwandschaftlichen Beziehungen zwischen Täter und Opfer.

Ich hoffe, dass nicht nur die personellen und finanziellen Mittel der Polizei, sondern auch für Jugendämter, Psycholog*innen, Therapeut*innen und Ärzt*innen immens aufgestockt werden. Sodass nicht nur die Täter erfolgreich begleitet werden können, sondern auch die Kinder nicht in einer Spirale der Gewalt und des Missbrauchs landen, wenn sie älter werden. Auch für präventive Maßnahmen wäre das sinnvoll. – Henriette Seydel

 

Das Dossier ist inhaltlich sehr wichtig und gut dass endlich auch Dinge der sexualisierten Gewalt klar benannt werden! Was mir in dem Dossier zu kurz kommt bzw. überhaupt nicht benannt wird, ist die Tatsache, dass es für Opfer, zu wenig bzw. keine adäquate Hilfen gibt und welche Auswirkungen sexualisierte Gewalt für Opfer mit sich bringt! Ich bin selbst anerkanntes Opfer nach dem Opferentschädigungsgesetz und kämpfe seit acht Monaten für eine Kostenübernahme bei meiner Therapeutin durch den LVR. Am 28.07.2020 wird es nun einen Erörterungstermin beim Sozialgericht geben. Hier geht es um meinen Antrag auf Einstweilige Anordnung zur Kostenübernahme meiner Therapie und meine Klage gegen den Widerspruchsbescheid des LVR.

Durch nicht bewilligte Therapie und zeitlich befristete Therapie ist es mir als Opfer nicht möglich an die Aufarbeitung meiner Traumata zu gehen, da es hierfür sehr viel Sicherheit benötigt. Es muss eine gute, tragende Therapeuten/innen und Opfer Beziehung hergestellt werden. Dies nimmt viel Zeit in Anspruch. Nach ca. zwei Jahren Therapie ist dies bei mir gelungen. Die Aufarbeitung solcher grauenvollen Erlebnisse bringt mehr mit als die tatsächlichen Übergriffe. Ich arbeite immer noch daran, innerlich anzunehmen, dass all dies wirklich mir passiert ist. Hier möchte ich betonen, dass der Täter zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Die erlebte Grausamkeit muss abgespalten werden um zu Überleben. Ein ganzes System was nicht hingeguckt hat bzw. mitgetragen hat das all dies über viele Jahre funktionieren konnte.

Und heute ein System das wieder nicht hinguckt und den Opfern die notwendigen Hilfen zukommen lässt. Es werden halbherzige Vorstöße vorgenommen wie z. B. der „Fonds sexueller Missbrauch“. Sehr guter Ansatz, die Umsetzung eine einzige Katastrophe. Durch jahrelanges Warten auf Bewilligung und dann monatelanges und auch jahrelanges Warten der Zahlungsanweisungen kommt es zu massiven Retraumatisierungen der Opfer. Therapien müssen abgebrochen werden, da auch Therapeuten/innen auf die Bezahlung ihrer Leistungen angewiesen sind. Wenn dann nach jahrelangem Warten endlich eine Bewilligung erfolgt ist der Therapieplatz nicht mehr vorhanden, da dieser durch zahlende Klienten besetzt wurde. Dies sind nur einige wenige Darstellungen der Not in der sich Opfer befinden und ich würde mich sehr freuen, wenn Ihre Redaktion sich diesem Thema intensiv annimmt und darüber berichtet. – Simone Heuser

 

Schon häufiger ist mir als DIE ZEIT lesende Sozialarbeiterin, also zur „Holzklasse“ der AkademikerInnen gehörig, aufgefallen, wie weltfremd und lebensfern von den Realitäten der Mehrheit der Bevölkerung die für Ihr Blatt tätigen Journalisten zu sein scheinen. Nach der Lektüre Ihres Dossiers zu sexuellem Missbrauch nun wiederum 3 verwunderte Anmerkungen: Die von Ihnen mit aller sorgsamen Vorbedacht angekündigten 5 Passagen über beispielhafte Tathergänge bei sexuellem Missbrauch sollen äußerst verstörend sein. Für wen? Doch allenfalls für Menschen, die ihre empfindsame Seele bisher vor dem Phänomen und seinen – selbst wenn abgemilderten – Erscheinungsformen erfolgreich verschließen konnten. Zur Zeit meiner beruflichen Auseinandersetzung mit sexuellem Missbrauch galt noch, dass es sich bei den „Geschädigten“ zu 80 – 90 % um weibliche Kinder, vulgo: Mädchen handelt. Hat sich daran etwas geändert?

Falls nicht: wieso wird das hier – im Rahmen der Unkenntlichmachung der Fälle zum Schutze der „Würde der Betroffenen“ – gleich mit verschleiert und nicht wenigstens bei den Beschreibungen quer durch den Artikel in 9 von 10 Fällen von Mädchen gesprochen? Die anhaltende virulente Gewalt gegen Frauen, subtil oder brachial, fängt bei den Mädchen schließlich an. Dieser Umstand mindert das Leiden der missbrauchten Jungen in keiner Weise, trägt jedoch zu einer realistischeren Abbildung im Bewusstsein aller bei. Und ja: auch die Täter brauchen keine politisch korrekten Gender-Suffixe: es sind in überwältigender Mehrzahl schlicht Männer – quer durch alle Schichten. Zur Verdeutlichung: ein Teil Ihrer Leserschaft gehört also dazu, ebenso wie ein Teil ihrer (männlichen) Redaktion. Könnte mir vorstellen, bei all Ihrer offenbar gut-?-bürgerlichen Herkunft: VERSTÖREND.

Besonders konsterniert nehme ich zur Kenntnis, dass (pars pro toto) in NRW im „Fall Kless/Bolz“ sämtliche Schulungen, Fortbildungen/ Einsätze von Multiplikatoren zum einschlägigen Themenkreis versagt zu haben scheinen. Das ist angesichts all der Arbeit und Bemühungen, die wir uns damit gemacht haben, überall, in Kitas, Schulen, Jugendämtern u. a. maximale Aufklärung zu leisten, Warnhinweise in den Köpfen und Präventionsmechanismen zu etablieren, nicht nur frustrierend sondern wirklich erschütternd. Es kam mir so vor, als läse ich einen Artikel über die Zustände im Berlin der späten 80er und frühen 90er Jahre. Insofern: doch, nun hat´s auch mich gegruselt. – Gigi Schach

 

Vielen Dank für diesen hervorragenden Artikel. Ich arbeite seit 25 Jahren mit Menschen, die unter den Folgen von in der Kindheit erlittener sexualisierter Gewalt leiden und ja, ich kann Sie darin bestätigen, dass ein solcher Artikel wichtig ist und zwar genau so, WIE Sie ihn gestaltet haben. Alles, was Sie darin über das Geschehen, das Umfeld etc. schreiben, entspricht meinen Erfahrungen, es gab so gut wie keine Widersprüche. Und der Artikel ist in einem Stil gehalten, der mir feinfühlig und sorgfältig erscheint, wie ich es für notwendig halte. Danke für diese sehr gute Recherche und sprachliche Ausarbeitung! Nur Eines möchte ich Ihnen ans Herz legen: Es ist ungünstig, davon zu sprechen, dass den Kindern die Würde genommen würde!

Was wäre das für ein Leben, ohne Würde? Es ist eine Frage des Menschenbildes, wie man das betrachtet. Für die Betroffenen ist es ganz erheblich, das Empfindenihrer Würde wiederzuerlangen, sollten sie es verloren haben. Ihre Würde wurde verletzt, nicht beachtet, sodass Sie das Empfinden, das Gefühl für ihre Würde verloren haben. Auch die Täter verletzen ihre Würde. Aber auch sie verlieren sie nicht. Diese Sichtweise bzw. dieses Menschenbild halte ich für wichtig. Nach meiner Erfahrung ist diese Wortwahl und Sichtweise hilfreich für alle: Opfer, Täter und Gesellschaft. Noch etwas zum Wortgebrauch: Kinderschänder – dieses Wort sollte gestrichen werden. Wenn es Kinderschänder gibt, sind die Kinder geschändet – wie soll man weiterleben, wenn einem Schändung zugeschrieben wird? Zum Glück haben Sie diese Wörter nicht verwendet. Auch sexueller Missbrauch ist kein gutes Wort. Sexueller Machtmissbrauch wäre passender oder eben sexualisierte Gewalt, das ist das Fachwort. Wenn es sexuellen Missbrauch gäbe, dann gäbe es auch sexuellen Gebrauch. Es geht um die Macht, die missbraucht wird.

Sie haben – sicherlich sehr bewusst – nicht von Pädophilen gesprochen, was ich ebenfalls für richtig und wichtig halte. Es sind eben keine ungewöhnlichen Menschen mit bestimmten Eigenschaften die Täter, sondern ganz gewöhnliche Menschen aus allen Bevölkerungsschichten. (Lediglich das männliche Geschlecht erhöht die Wahrscheinlichkeit, Täter zu sein.) Solche Artikel wie Ihrer tragen dazu bei, in angemessener Weise (!) in der Gesellschaft eine Sensibilität für diese verbreitete Form der Gewalt gegenüber Schutzbefohlenen zu wecken und darüber aufzuklären, sodass hoffentlich den betroffenen Menschen – Opfern und Tätern – immer öfter und schneller Hilfe oder aber Strafe zukommen. Ich wünsche Ihnen weiterhin Mut und Kraft für diese wichtige Arbeit! – Dr. med. Sibylle Riffel

 

Dass Menschen bei sexueller Gewalt an Kindern wegsehen, hat eine lange Tradition. So beschrieb bereits 1896 Sigmund Freud in einem bemerkenswerten Vortrag, dass bestimmte psychische Krankheitssymptome, als Hysterie zusammengefasst, auf frühkindliche Erfahrungen sexueller Gewalt zurückzuführen sind. Freud stieß mit dieser revolutionären Erkenntnis bei seinen ärztlichen Zuhörern auf eisige Ablehnung und sah sich im Kollegenkreis zunehmend isoliert. In den folgenden Jahren „verdrängte“ Freud selbst seine eigene Entdeckung wieder und deutete entsprechende Berichte seiner Patientinnen und Patienten im allgemeinen nur noch als Produkte kindlicher Phantasie. Heute ist unsere Gesellschaft zwar für das Thema sensibilisiert. Dennoch verdienen Innenminister Reul und die Ermittler des LKA besondere Anerkennung, da sie den Mut haben, in den Abgrund sexueller Gewalt an Kindern zu schauen, und die kriminellen Netzwerke mit beachtlichem Ressourceneinsatz verfolgen. – Klaus Botzenhardt

 

Es hat viel Kraft gekostet Ihren Beitrag über die Brutalität der Pädokriminalität zu lesen, weil ich mehrfach vor lauter Wut und Zorn auf die widerliche Täter, über die Sie in Ihrem Artikel berichten mussten, nicht mehr weiterlesen wollte. Aber dieses brutale Thema darf nicht totgeschwiegen werden und deshalb ist Ihre Recherche ungemein wichtig und hoffentlich hilfreich. Einen großen Dank dafür. Ein noch größerer Dank gilt NRW-Innenminister Herbert Reul und den Kriminalbeamten, die sich mit dem Thema Pädokirminalität auseinandersetzen und so enormen persönlichen Aufwand betreiben, um Täter zu überführen und die gepeinigten Kinder zu retten. Man kann nicht einschätzen, unter welchem kräftezehrenden, hoch belastenden Druck diese Beamten bei der Sichtung der Videos, Bilder und Ihrer tagtäglichen Arbeit stehen. Ein unglaubliche Arbeitsleistung vor der man sich nur verbeugen kann, hoffend, dass die Gesetzgebung alles daran setzen wird, diese Ermittler optimal zu unterstützen .Die Rettung der betroffen Kinder muss die entscheidende Maßeinheit sein. – Michael Reschke

 

Ich möchte Ihnen – und vor allem Astrid Geisler und ihrem Team – von Herzen Danken über das Dossier der aktuellen ZEIT. Ich selbst habe als Kind sexuelle Gewalt erlebt. Eine Therapie und viele liebevolle Menschen, die ich in meinem Leben wissen darf, haben mir geholfen, weiterzuleben – und gut zu leben. Auch wenn, wie bei jedem anderen Ereignis, das einen im tiefsten Kern verletzt, das, was vor langer Zeit passiert ist, mich bis zum letzten Tag begleiten wird und immer wieder meinen Alltag, vor allem mein Sexual- und Beziehungsleben, beeinflusst.

Mein Eindruck ist, dass es kaum ein Thema gibt, von dem sich Menschen instinktiv derart vehement abwenden. Damit lassen sie uns, die wir uns nicht abwenden können, allein. Deshalb danke ich Ihnen für die klaren Worte, Ihren Mut, das, was geschehen ist, zu benennen, ohne die Opfer bloßzustellen. Und auch für die einordnenden Zahlen, vor deren Hintergrund die Dimension der Taten deutlich werden – die Dimensionen des Problems. Ein gesteigertes gesellschaftliches Problembewusstsein lässt, so die laute Hoffnung, Jugendamtmitarbeiter*innen in Zukunft vielleicht (häufiger) anders agieren als in Ihrem Artikel geschildert und könnte vielleicht sogar zu mehr Präventionsarbeit führen.

Ich selbst habe, völlig losgelöst von der Gewalterfahrung, nie wieder so viel „Aufmerksamkeit“ von Männern auf der Straße bekommen, wie mit zehn oder elf Jahren. Und als vor ein paar Wochen in Reaktion auf die Pro7 Sendung „Männerausstellung“ viele Frauen und einige Männer ihre Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen in sozialen Medien öffentlich machten, war ich traurig, aber nicht überrascht, wie groß der Anteil derer war, die bei den geschilderten Ereignissen Kinder oder Jugendliche waren. Zu wessen Schutz machen wir uns eigentlich etwas vor? Danke, dass Sie nicht mitmachen. – Nina Rühmeier

 

Ich finde es gut und richtig, dass Sie auf das Thema des sexuellen Missbrauchs aufmerksam machen. ABER bitte setzen Sie unbedingt eine Trigger Warnung vor solche Artikel, wenn in so detaillierter Form ein Missbrauch beschrieben wird. Solch eine genaue Beschreibung eines Missbrauchs kann sehr starke Reaktionen oder Retraumatisierungen hervorrufen bei Menschen, die selbst sexuell missbraucht wurden. Bei einer Trigger Warnung können Betroffene dann für sich besser eine Entscheidung treffen, ob sie den Artikel lesen wollen oder nicht. – Andrea Cheli

 

Liebes Zeit-Team, liebes Autoren-Team des Artikels „In deutschen Wohnzimmern“, zunächst einmal möchte ich mich sehr herzlich für diesen Artikel bedanken, der dieses überaus wichtige und schreckliche Thema m.E. sehr gut aufbereitet! Nachdem ich leider Anfang diesen Jahres im Freundeskreis mit dem Verdacht eines sexuellen Missbrauchs konfrontiert worden bin, habe mich in den letzten Monaten notgedrungen näher mit dem Thema beschäftigen müssen. So schrecklich der Verdacht alleine schon war, noch deutlich erschreckender war, wieviel Desorganisation, Inkompetenz und Ignoranz auf Seiten Jugendämtern und Gerichten bei diesem Thema besteht. Sie schildern in Ihrem Artikel kurz die Rolle des Jugendamtes – es gibt Verdachtsmomente, keiner glaubt der Mutter, obwohl das Kind vorliegend doch offenbar sehr deutliche Aussagen gemacht hat. Der Täter streitet alles ab und das Jugendamt glaubt dem netten Mann.

Das Kind will zum Schluss sogar zum Täter… Sie äußern in Ihrem Artikel den Verdacht, dass das Jugendamt die Mutter für eine „Problemmutter“ hielt, weil die Eltern getrennt waren und sich über das Sorgerecht stritten. Diese Schilderung ähnelt verblüffend dem was ich selbst im Freundeskreis erlebt habe, mit dem Unterschied, dass die Verdachtsmoment ggf. weniger eindeutig waren und die möglichen Taten offenbar deutlich weniger gravierend (das hoffe ich zumindest immer noch inständig). Diese Ähnlichkeit wundert mich nach dem selbst Erlebten allerdings nicht mehr, da m.E. im Bereich der Organisation der Jugendämter und Gerichte offenkundig erhebliche strukturelle Defizite im Hinblick auf das Thema „sexueller Missbrauch“ bestehen. Im Einzelnen: Jugendämter sind in Deutschland auf Kreisebene organisiert. Dies führt nicht nur dazu, dass jeder Kreis ein eigenes Jugendamt hat, sondern auch dazu, dass jedes Jugendamt anders organisiert ist. Die Organisation ist schlicht dem zuständigen Behördenleiter überlassen. Folglich hat auch jedes Jugendamt den Umfang mit dem Thema „sexueller Missbrauch“ selbst zu organisieren.

Einheitliche Vorgaben hierfür existieren nicht (weder auf Bundes- noch auf Länderebene). Meines Wissens gibt es auch keinerlei „Best Practice“ Empfehlungen im Hinblick auf Organisation und Vorgehen für solche Fälle. In der Folge hat jedes Jugendamt offenbar seinen eigenes Vorgehen entwickelt, das mal mehr, mal weniger professionell ist. Das Jugendamt dessen Vorgehen ich mitbekommen durfte, verfügt über eine „Missbrauchsbeauftragte“. Die Befragung des sechsjährigen möglichen Opfers wurde jedoch nicht von dieser Mitarbeiterin, sondern von einer anderen Mitarbeiterin durchgeführt, die offenkundig nicht speziell für dieses Thema geschult war und das Kind auch sonst nicht kannte. Das Kind wurde hochoffiziell zu dem Gespräch per Brief eingeladen, womit auch dem potentiellen Täter das Gespräch bekannt wurde (wenn auch nicht dessen Zweck). Nicht wirklich verwunderlich, gab es nach dem Gespräch Anzeichen dafür, dass der Täter das Kind für das Gespräch entsprechend „vorbereitet“ hatte.

Das Fazit des Jugendamtes war am Ende, dass man zwar der Mutter glaube, dass das Kind die entsprechende Äußerung getätigt habe, das Kind die Aussage jedoch wohl aufgrund des Scheidungskriegs erfunden habe. Mir ist bewusst, dass die Aufklärung von sexuellem Missbrauch äußert schwierig ist, wenn es kein eindeutiges Beweismaterial gibt. Das beschriebene Vorgehen hat bei mir jedoch einen extrem unprofessionellen Eindruck hinterlassen. Mitarbeiter von Jugendämtern sind in aller Regel „Sozialpädagogen“. Ich bin mir bewusst, dass ich hier als Rechtsanwältin (nicht im Familienrecht tätig) ggf. in Klischees denke – aber Sozialpädagogen neigen meinem Eindruck nach dazu, immer das Gute im Menschen zu sehen. Entsprechend halte ich diese Berufsgruppe geradezu für prädestiniert dafür, auf die Geschichten der Täter hiereinzufallen. Die Aufklärung von Missbrauch erfordert misstrauisches Hinterfragen und nicht gutgläubiges Vertrauen. Ein weiteres Problem sind Ressourcen und Mittel. Stellt sich ein Verdacht auf einen Missbrauch und kann der andere Elternteil das Kind nicht schützen, muss die Behörde das Kind entnehmen.

Unabhängig davon, dass es sich hierbei natürlich um eine sehr gravierende Entscheidung handelt, verursacht ein solcher Vorgang jedoch natürlich auch jede Menge Arbeit und Aufwand. Es müssen Gericht, Polizei und Betreuungseinrichtung eingeschaltet werden und eine Pflegefamilie organisiert werden. Selbst wenn im Jugendamt eine gesonderte Stelle für die Bearbeitung des Missbrauchsverdachtes zuständig ist, bedeutet dies immer noch, dass jede Entscheidung für eine Entnahme den Kollegen Arbeit bereitet…. Es ist mehr als menschlich, wenn man nur in sehr eindeutigen Fällen der Buhmann sein möchte, der bei den ohnehin schon überlasteten Kollegen solche Mehrarbeit verursacht…. Bei den Familiengerichten sieht es leider nicht wirklich besser aus: Auch viele Richter gehen offenbar davon aus, dass die in der Lage sind kindliche Missbrauchsopfer adäquat zu befragen, ohne hierfür gesondert geschult worden zu sein.

Die Ressourcen bei den Familiengerichten sind offenbar so knapp bemessen, dass es selbst bei Verfahren in denen ein sexueller Missbrauch im Raum steht drei Wochen dauert, bis eine Entscheidung getroffen wird. Sämtliche beruflich an dem Verfahren beteiligten Personen (Anwälte, Verfahrensbeistand, etc.) finden das offenbar auch völlig normal, d.h. solche Verfahrensdauern scheinen an der Tagesordnung zu sein. Auch die Erstellung von Gutachten dauert nicht Wochen, sondern Monate. Hochproblematisch in diesem Zusammenhang erscheint auch das deutsche Kindschaftsrecht. Dieses wird davon geprägt, dass Umgang beider Elternteile mit dem Kind unabdingbar für das Wohl des Kindes gehalten wird. Grundsätzlich ist eine solche Maxime natürlich zu begrüßen. Allerdings führt diese Maxime dazu, dass Elternteile die Kritik am anderen Elternteil äußern als „nicht bindungstolerant“ gelten und je nach Vehemenz und Uneinsichtigkeit schlimmstenfalls selbst ihr Recht auf Umgang mit dem Kind verspielen können. So sinnvoll ein solcher Ansatz im Rahmen eines normalen Trennungsszenarios auch sein mag, so dramatisch wird ein solcher Ansatz im Rahmen einer Missbrauchssituation, die sich im Rahmen eines Trennungsszenarios ergibt. Hier wird sehr schnell der alarmierte Elternteil als „bindungsintolerant“ abgestempelt.

Schlimmer noch – selbst nach nachgewiesenem Missbrauch wird den Tätern wieder Umfang mit den Missbrauchsopfern eingeräumt, wenn sie sich nur einsichtig und geläutert zeigen. Denn – der Umgang mit beiden Elternteilen ist ja heilig… Es gibt mittlerweile diverse Best-Pratice Handreichungen für Schulen, Einrichtungen, etc. sowie Eltern wie sexueller Missbrauch erkannt werden kann. Diese Handreichungen enden immer damit, dass das Jugendamt eingeschaltet wird. Für die effektive Bekämpfung von sexuellem Missbrauch, darf aber an diesem Punkt nicht Schluss sein, sondern es bedarf auch einer massiven Verbesserung der Arbeit der Jugendämter und Gerichte. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie dieses Thema im Rahmen eines Folgeartikels aufgreifen würde. In Zeitungsartikeln (wie auch dem Ihren) wird das Versagen der Jugendämter (und Gerichte) immer kurz angesprochen, jedoch nie wirklich der Frage nachgegangen, wie es hierzu eigentlich gekommen ist. – Eine Leserin

 

Die Art wie ihre 4 Journalisten über Kindermissbrauch berichten, ist „BILD“ Stil und macht mich fassungslos ! Es wird in süsslich – säuselndem Betroffenheitston geschrieben ! Es werden sehr wohl Praktiken beschrieben, die nichts in einem objektiven Bericht , verloren haben ! Dass – die „besonders grauslichen Details ausgelassen werden“ – ist wohl selbstverständlich – wird aber extra von ihnen erwähnt. Dazu haben sie mehrfach Adressen für kommende Neueinsteiger , veröffentlich. Unfassbar ! Letztklassig auch , dass sie sich extra ´ die Erlaubnis von Fachleuten ´holen müssen ! – Gabriele Wilcek

 

Sie haben sich gefragt, ob und in welcher Form Sie in Ihrem Medium über sexuelle Gewalt gegen Kinder schreiben wollen und dürfen. Ich finde: Sie haben ganz richtig entschieden. Die Menschen müssen von dieser Art von Verbrechen erfahren. Davon, dass sie eben nicht die Taten Einzelner sind, und davon, was es mit den Kindern macht, wenn sie solchem Leid in so jungen Jahren ausgesetzt sind. Dass die Steine ins Rollen geraten, wenn Menschen von diesen Verbrechen in ihrer Eindrücklichkeit erfahren, haben Sie am Beispiel Herbert Reus‘ deutlich gemacht. Mit Ihrem Artikel gerät vielleicht noch der eine oder andere Stein ins Rollen. – Fee Hovehne

 

Ich finde den og. Artikel sehr gut recherchiert und geschrieben. Ich bin dankbar für diese umfassende und umfangreiche Berichterstattung. Allerdings möchte ich einen Punkt einbringen, den ich wichtig finde: Viele Leser setzen sich vielleicht nicht in der Tiefe mit dem Inhalt des Textes auseinander sondern überfliegen diesen nur. Überlesen womöglich den Hinweis auf die erfundenen Namen. Ich möchte nur auf diese Gefahr hinweisen, für Personen, die eben genau diese Namen tragen. Stefan Bolz würde ich nicht gerne heißen….vielleicht könnte man dies entschärfen durch verkürzte Namensdarstellung wie bspw. Stefan S. Bitte verstehen Sie dies nicht als Kritik am Artikel selbst. Den kann ich nur loben. Ich finde nur die Verwendung dieser erfundenen Namen problematisch. Vielen Dank für die großartige journalistische Arbeit! – Simone Thomsen

 

In Ergänzung der von Ihnen dargestellten Sachverhalte möchte ich Ihnen hiermit gerne die Gegenseite darstellen, die die man erfährt, wenn man als Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie hellhörig ist und eine vom Gesetzgeber vorgesehene Gefährdungsmeldung an das zuständige Jugendamt macht. Vor ein paar Jahren machte ich mir, zusammen mit meinem sozialpsychiatrischen Fachteam, der Schule und dem Kinderarzt große Sorgen um eine meiner Patientinnen. Aus Gründen der Schweigepflicht kann ich nicht ins Detail gehen, aber von der Symptomatik erschien eine bloß zu enge, dysfunktionale Beziehung zu einem Elternteil bis hin zu einem möglichen sexuellen Missbrauch alles möglich. Ich versuchte, über den Zeitraum von einem Jahr, die Familie zu einer vollstationären Diagnostik zu bewegen, was von den Eltern jedoch abgelehnt wurde. Da ich die Sicherheit des Mädchens nicht mehr gewährleisten konnte, teilte ich den Eltern mit, dass ich in diesem Falle das zuständige Jugendamt einschalten müsste. Die Eltern entzogen mir daraufhin sämtliche Schweigepflichtsentbindungen und kündigten die Zusammenarbeit auf.

Ich verfasste eine sachlich fundierte Gefährdungsmeldung nach §8a SGB VIII (basierend auf §4 Kinderschutzgesetz, der mich ausdrücklich von der Schweigepflicht entbindet, wenn Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung vorliegen, wobei nicht eindeutig definiert ist, was hierunter genau zu verstehen ist) an das zuständige Jugendamt. Was danach zwischen der Familie und dem Jugendamt geschah entzieht sich im Detail meiner Kenntnis. Lediglich dass das Familiengericht eingeschaltet wurde, ist mir bekannt.

Die Familie hat danach Strafanzeige gegen mich erstattet, wegen Bruch der ärztlichen Schweigepflicht. Dieses Verfahren wurde zweimal „sauber“ eingestellt. Von Amts wegen wurde ein Strafverfahren gegen ein Familienmitglied aufgrund der durch die Familie selbst erfolgte Anzeige bei der Staatsanwaltschaft eingeleitet. Nun versucht die Familie seit mehreren Jahren zivilrechtlich gegen mich vorzugehen. Man wirft mir vor, ich sei verantwortlich für das familiengerichtliche und das staatsanwaltschaftliche Verfahren (was beides nicht zutreffend ist) und verlangt knapp 95.000 € schadensersatz und schmerzensgeld. das mädchen wurde in anwesenheit des anwaltes der familie (!!!) vernommen, ob es von jemand in der familie unsittlich angefasst wurde. als das kind dies verneinte, war für die staatsanwaltschaft klar, dass hier auch nichts vorliegen könne.

Vor dem Landgericht Köln scheiterte die Familie in der 1. Instanz, weil sie trotz mehrfacher aufforderung, keine belege für einen kausalen zusammenhang zwischen meiner 8a-meldung und dem geltend gemachten schaden beibringen konnte. Daraufhin zog die familie in revision vor das OLG Köln. in einer anhörung ende 2018 wurde deutlich, dass die kammer – bestehend aus drei richtern – von dem §8a SGB VIII und dem kinderschutzgesetz keine ahnung hat. der vorsitzende vorverurteilte mich in der anhörung verbal vor der familie: „Ihnen muss doch klar sein, dass sie durch ihre „anzeige“ (sic!) unerträgliches leid über die familie gebracht haben und in nicht unerheblicher weise in die persönlichkeitsrechte der familie eingegriffen haben“. und weiter: „wenn Sie keine klaren anhaltspunkte für eine kindeswohlgefährdung haben, sondern lediglich die befürchtungen von Ihnen selbst, Ihrem team, der schule und dem kinderarzt“, dann reicht das nach vorliegender meinung des gerichtes nicht, um eine „anzeige“ beim jugendamt zu machen.

dass das jugenamt als eigenständige instanz eine eingegangene gefährdungsmeldung selbständig überprüft und eigenständig über weitere maßnahmen entscheidet, die mit der ursprünglichen gefährdungsmeldung nicht unbedingt in einem zusammenhang stehen, wollte die kammer nicht hören. auch verweigerte sie zunächst die hinzuziehung der verwaltungsakte des jugendamtes.

mittlerweile ist ein gutachten erstellt worden, das mein vorgehen in allen punkten stützt. weder meine noch die gegenseite legten explizit wert darauf, den gutachter zu explorieren. doch das gericht gab an, es habe seinerseits „noch fragen an den gutachter“. entsprechend ist nun ein verhandlungstermin am 31.08. in köln angesetzt.

auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass ich verurteilt werde – ganz ausschließen möchte ich es nicht. keiner der richter scheint das kinderschutzgesetz zu kennen – oder aber es wird juristisch völlig anders ausgelegt, als uns medizinern dies auf fortbildungen immer mitgeteilt wurde. hier hieß es, sobald es um kindeswohlgefährdung ginge, wäre die schweigeplicht und der bruch derselben nachrangig. dies scheint jedoch aufgrund der von mir gemachten erfahrungen nicht der fall zu sein. eigentlich dürfte es diesen fall vor gericht überhaupt nicht geben……- und das werden Ihnen auch alle Mitarbeiter im Kinderschutz, Jugendamt etc. bestätigen.

Sollte es zu einer Verurteilung kommen, wären die Auswirkungen auf gesellschaftlicher Ebene auch klar: wird ein Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie nach einer lege artis erstatteten Gefährdungsmeldung gemäß §8a SGB VIII rechtsmäßig verurteilt, wird kein Profi in diesem Land jemals mehr eine entsprechende Meldung ans Jugenamt machen. Lüttge und Bergisch Gladbach wären dann vermutlich recht schnell überall. ich persönlich werde nur noch anonym melden. das damokles-schwert der beruflichen existenzvernichtung im falle einer verurteilung möchte ich kein zweites mal erleben. Da das verfahren noch nicht abgeschlossen ist, darf mein name in diesem zusammenhang nicht der zeitung stehen.hierfür bitte ich um verständnis. sowohl dem familienminsterium als auch dem missbrauchsbeauftragten ist der fall bekannt. beide seiten zeigen „großes interesse am weiteren fortgang“. – Ein Leser

 

DIE ZEIT hat eine brutale Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen aufgegriffen, die über alle fachlichen und politischen Ressortgrenzen hinweg von verantwortlichen Entscheidungsträger*innen immer noch vielfach ignoriert wird. Die Realität sexueller Gewalt – auch bereits gegenüber Säuglingen – wird in Brutalität und Monstrosität der Taten massiv abgewehrt und geleugnet. Der Bericht der Zeitredaktion hat hier die unsägliche Sprachlosigkeit über diese Verbrechen deutlich vor Augen geführt.

Ich arbeite seit 1983 zunächst als Förderschullehrerin mit gewaltgeschädigten Kindern und Jugendlichen, die mit ihren extremen Verhaltensstörungen ihre seelischen Ver- und Zerstörungen zum Ausdruck bringen und in den Regelschulen nicht mehr zu unterrichten sind. Damals erfahrene Hilflosigkeit und Überforderung, aber auch fehlendes Fachwissen der pädagogischen Fachkräfte, erhebliche Defizite in der interprofessionellen Kooperation zwischen schulischen, außerschulischen pädagogischen oder therapeutischen Institutionen bestehen leider auch heute noch ebenso wie kaum in Worte fassbare Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen. Mit der Digitalisierung ist Kinderpornographie ein profitträchtiger Kriminalitätsbereich: seriösen Schätzungen zufolge werden mit Kinderpornographie global jährlich bis zu 20 Milliarden Dollar Umsatz gemacht.

Als Professorin an der Universität Hamburg seit 1996 und seit 2009 an der Leibniz Universität Hannover zielt mein Bestreben in Lehre und Forschung insbesondere auf die Qualifizierung von pädagogischen Fachkräften in öffentlichen Institutionen in Kernthemen des Kinderschutzes. In Deutschland besteht Schulpflicht; mit dem Bundeskinderschutzgesetz von 2012 zählen Lehrkräfte zur Verantwortungsgemeinschaft im Kinderschutz und die Bundesländer sind aufgefordert, Kinderschutzkonzepte auch für Schulen zu entwickeln. In der Forschung erlebe ich allerdings, dass bspw. in Niedersachsen bisherige Projektanträge mit konkreten Zugängen, Inhalten und zu Prozessen einer pädagogischen Professionalisierung im Kinderschutz abgelehnt wurden. Auch eine Initiative für interdisziplinäre Forschung zur Etablierung einer traumapädagogischen Ambulanz als Ort der Fallkonsultation und Weiterbildung für pädagogische Fachkräfte wurde vom Sozialministerium ebenso abgelehnt wie ein uniinterner Förderantrag für die Evaluation eines Lehrangebotes, um Kinderschutz als Querschnittsthema für alle Lehrämter zu implementieren.

Es mag sein, dass ich eine unqualifizierte Forscherin bin; ich vermute allerdings vielmehr, dass die Verantwortlichen bei ihren Ablehnungsbescheiden eher von der mangelnden Vorstellungsfähigkeit über das Leid der Kinder geleitet wurden und die Dringlichkeit eines wenigstens minimalen Wissens von Lehrkräften um sexuelle Gewalttaten an Kindern nicht sahen – trotz der wegweisenden Initiative der Bundesregierung und des hohe Engagements des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Herrn Johannes-Wilhelm Rörig.

In der Lehre können immerhin seit 2016 bundesweit einmalig 20 Studierende des Bachelor-Studiengangs Sonderpädagogik ein Curriculum Kinderschutz sowie sich weitere zehn Studierende im Master eine vertiefende Spezialisierung studieren – unter der Auflage, dass dieses Studienangebot der Abteilung Pädagogik bei Verhaltensstörungen kapazitätsneutral ist. Diese Beschränkung auf Sonderpädagogik bleibt letztendlich inakzeptabel, weil alleLehrpersonen zur Verantwortungsgemeinschaft zählen. Aktuell stehen unserem Institut Ressourcenkürzungen bevor, wovon vermutlich zuerst die Lehre betroffen sein wird.

Wer je beruflich mit den Auswirkungen der Gewalthandlungen an Kindern und Jugendlichen und der Monstrosität der Täterhandlungen konfrontiert ist, der wird sich – und da ist der Beitrag ein anschauliches Beispiel, immerfür die betroffenen Kinder und Jugendlichen einsetzen. Die Opfer werden brutal und systematisch ihrer Entwicklungspotentiale beraubt, und mit dieser Last erkennen wir sie manchmal schattenhaft als „Systemsprenger“, „Austherapierte“, Erziehungsresistente“, „Unbeschulbare“ „Junkies“, „Kriminelle“ und unter weiteren diskriminierenden Begriffen in der schulischen und außerschulischen Erziehungshilfe, der Kinder- und Jugendpsychiatrie oder in den Jugendstrafanstalten. – Prof. Dr. Birgit Herz

 


 

 

Leserbriefe zum Titelthema „Wann kehrt die Freiheit zurück?“ von Ulrich Bahnsen et al.

 

Der Titel ist etwas irreführend. Sind Sie eingesperrt? Wir leben in Freiheit! Wir können das Haus verlassen, wir können spazieren gehen, wir können einkaufen, in den Wald gehen, uns ans Wasser begeben und schwimmen. Wir können mit dem Fahrrad die Natur erleben usw. Natürlich sind wir etwas eingeschränkt und tragen hin und wieder, wenn es nicht anders geht, Mund-Nasen-Schutz. Aber, wird Ihnen dabei Ihre Freiheit geraubt? Nur weil man nicht dicht bei dicht sitzen kann, nicht mit Gleichgesinnten Alkohol und Sonstige Dinge trinken kann, und zwar auf engstem Raum, wird man noch lange nicht seiner Freiheit beraubt. Dieses ewige gemeckere und genörgel wegen CORONA geht einem langsam auf den Geist. Muss man eigentlich immer im Rudel auftreten? Wir sollten froh und dankbar sein, dass wir in Deutschland so glimpflich davon gekommen sind. – Ute Koch

 

Herzlich willkommen auf BILD-Niveau! Angesichts der Tatsache, dass wir in Deutschland in einer der freiheitlichsten Gesellschaften weltweit leben dürfen, sollten wir daran denken, dass unsere Freiheit aktuell nicht von einer Maske o.ä. beschränkt oder eingeschränkt wird, sondern von einem offenbar gefährlichen Virus. Und bis es dagegen ein Mittel gibt, helfen Abstand und Masken dabei, unsere Freiheiten im Alltag zu bewahren. Leben und Gesundheit, also körperliche Unversehrtheit (soweit es geht) sind so ziemlich die wichtigste Freiheit die wir haben. Auch in Deutschland. Die Beiträge an sich sind gut, die Schlagzeile darüber ist reißerisch und nicht auf ZEIT-Niveau. – Erik E. Schürmann

 

Political correctness ist teilweise nur noch furchtbar bis Furcht einflößend. Sie beschreiben es vielfach. Aber zum Titelbild: Welche Freiheit soll bei der Botschaft des Bildes zurück kommen? Wären es nicht 4 Personen sondern 5, dann wäre klar, wer das 5.Rad am Wagen ist und warum diese Person Zuschauer der praktizierten Lebensfreude ist. Meiner Meinung nach ist dieses Bild ein Fehlgriff. Aber, vielleicht soll es ja differenzierte Reaktionen hervorrufen. Insofern kennen Sie jetzt meine. – Martin Kraus

 

In Ihrem Beitrag DIE WELT-IMPFUNG schreiben Sie es handele sich bei SarsCoV-2 um einen neuartigen Erreger. Bisher habe ich oft gehört es sei eine Grippe-Variation. Darauf basieren auch die Argumente vieler Rücksichtsloser, die sagen Grippe sei harmlos und das irriger Weise mit den 20.000 Grippetoten je Jahr begründen. Es fände es gut einmal die Beziehungen zw. Grippe und SarsCoV-2 klar zu bekommen. Weiter heißt es die Russiche Grippe sei heute harmlos. Warum? HAt das Virus sich verändert oder wir uns angepasst? Auch frage ich mich: Wenn ständig Viren mutieren, sind die alten ja nicht weg. Müssten also nicht viele verschiedene Grippewellen jedes Jahr durchs Land laufen? – Iman Schwäbe

 

Ein erschreckender Artikel: „keine andere Wahl“ – „Hunderte Millionen Euro“ – „müssen Milliarden Menschen … verabreicht bekommen“ – „Genmaterial“ u.s.w. Aber warum eigentlich? Die Zahl von 600.000 Todesopfern scheint gewaltig und erzeugt Angst, wie viele andere Berichte auch. Wesentlich weniger bedrohlich wirkt die Situation, wenn man die Tatsache bedenkt, dass in diesem Jahr bereits 32.500.000 weltweite Todesfälle zu verzeichnen sind. (Quelle: worldometers.info) Somit starben 31,9 Mio. Menschen aus verschiedenen Gründen und 0,6 Mio. eben im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion.

Betrachtet man weiterhin das Geschehen in Europa, denn dazu gibt es zuverlässige Daten (euromomo.eu), dann offenbart sich ein ganz anders Bild. Im vergangenen Jahr (von Juli 2019 bis Juni 2020) ereigneten sich in Europa ca. 2,875 Mio. Todesfälle, in den entsprechenden Zeiträumen der Vorjahre waren es durchschnittlich ca. 2.745 Mio. Es starben also von 10.000 Personen im letzten Jahr 39 anstelle von 37 in den Jahren zuvor. (bei 740 Mio. Einwohnern) Der Leser möge selbst entscheiden, ob er darin eine Begründung für all die einschneidenden Maßnahmen und Beschränkungen erkennen und akzeptieren kann. – Hartmut Koch

 

Wenn die Regierung das Regieren per Notverordnung einstellt und die Legislative ans Parlament zurückgibt. Wenn die im Jubiläumsjahr 2019 noch gefeierten Grundrechte wieder vollumfänglich gelten und nicht versucht wird, diese durch die Hintertür auszuhebeln. Wenn es wieder einen breiten öffentlichen kontroversen Diskurs ohne Diffamierung und Zensur gibt und die vierte Gewalt sich auf ihre Rolle besinnt. Alles eigentlich in einer Demokratie so üblich. – Betty Langhoff

 

Was soll die blöde Schlagzeile? Haben Sie wirklich solch einen verengten Freiheitsbegriff oder wollen Sie der Boulevardpresse Konkurrenz machen? Übrigens ist die Fotosituation durchaus gestattet! Ich bin richtig verärgert! – Marita Monse

 

Welcher Gaul ist denn da mit Ihnen durchgegangen?! So ein Titelbild mit der Überschrift „Wann kehrt die Freiheit zurück?“ zu konnotieren. Geht’s nicht auch eine Nummer kleiner? z.B. „Wann kehren frühere Zustände zurück?“ o.ä. Müssen Sie sich denn unbedingt dem Bildzeitungs-Mainstream anschließen? Auf jeden Fall ist diese Überschrift ein Schlag ins Gesicht aller Menschen, die um und für Freiheit kämpfen! Vielleicht wollen Sie aber auch Ihre Leser auf zukünftiges Niveau einstimmen: „Der Staat will mir (dem Motorradfahrer) die Freiheit nehmen, mit 180dB durch kleine Ortschaften zu brettern“ – lassen Sie sich einfach von den entsprechenden Vertretern der jeweiligen Freiheitssuchenden (oder der Bildzeitung) beraten … – Dieter Hückel

 

Schade, eigentlich lese ich die Zeit gerne. Eigentlich halte ich die Zeit für seriös und nicht überschriftengeil wie die BILD. Ich bin kein Germanist oder Jurist sondern Ingenieur, der Dinge genau nimmt, ABER dass Corona uns unfrei macht, ist ja wohl der größte Quatsch! Vielleicht nimmt Corona uns die Unbeschwertheit, Leichtigkeit und Leichtsinnigkeit ABER keine Freiheit! Wie könnt Ihr nur so populistisch-schlecht überschriften?! Wie könnt Ihr Euch auf so ein Niveau begeben. Es ist an der Zeit, dass ich mein Abo kündige! – Ansgar Johanson

 

Mir fehlt völlig ein längerfristiger Plan unserer und anderer Regierungen. Das einzige was von dort kommt, ist die Hoffnung auf den im Artikel angesprochenen Impfstoff. Der soll dann bitte wie der deus ex machina auf der Bühne erscheinen und alle Probleme lösen. Aber wie ist der Plan, wenn dieses Wunder nicht passiert? Was nebenbei realistisch ist, auf den Impfstoff gegen AIDS warten wir immer noch und der gegen Ebola ist nur mittelmäßig wirksam. Und wie Sie selber darstellen, hat die Wissenschaft Impfstoffe gegen andere Krankheiten erst nach jahrzehntelanger Forschung bereitstellen können. Nächstes Jahr werden wir die Wirtschaft in Deutschland nicht wieder mit 200 Mrd. oder die in der EU mit 1.800 (!) Mrd. retten können. Unsere Geldreserven haben wir dieses Jahr verbrannt, ohne daß es einen Plan gibt, wie wir weiter ohne Impfstoff machen wollen.

Wie wäre es mit dem dauerhaften Ausbau von Intensivbetten, der Neuanschaffung von Beatmungsgeräten, der Aufstockung von Krankenhauspersonal und der dann geplanten schrittweisen Rückkehr zur Normalität. Die Einschränkungen könnten wir dann in Monatsschritten oder anderen Zeitabständen bei ständiger Kontrolle der Infektionszahlen einzeln aufheben. Momentan riskieren wir nur den Niedergang ganzer Branchen wie Tourismus, Flugunternehmen, Busunternehmen. Eventagenturen, Veranstaltungsbranche, Gastronomie, Hotellerie, Oper, Theater etc. Nicht zu vergessen: den Profisport. Wer bitte schaut sich noch eine Saison Geisterspiele oder -rennen an? Quo vadis, große Koalition? Wir haben nun neben den bisher bekannten Krankheiten wie Grippe, Mumps, Masern, Röteln oder Windpocken eine neue Krankheit ausgelöst durch einen neuen Virus. Damit müssen wir uns abfinden und sollten uns langsam längerfristig darauf einstellen, anstatt den Blick gen Himmel zu richten und darauf zu warten, daß von dort ein Impfstoff wie Manna herunter fällt. – Volker v. Moers

 

Es reicht! Leider muss ich das sagen, nachdem seit mindestens 10 Jahren die Zeit im Abo beziehe. In der Vergangenheit war ich bereits mehrfach entsetzt, wie Sie in der Corona-Krise Meinung machen. Da wird eine Corona-App als Schutz vor einer Infektion angepriesen, nicht ohne den unterschwelligen Hinweis, sich doch mal eine Scheibe an Südkorea abzuschneiden und nicht ohne den versteckten Vorwurf, die Deutschen würden quasi hinter dem Mond leben, wenn sie sich nicht auf ein Überwachungssystem wie dort einlassen würden.

In einer Ausgabe wird Prof. Bhakdi, der sehr klare, ernst und durchdachte Beiträge zum Thema Corona brachte und bringt, als Verschwörungstheoretiker abgestempelt. Warum eigentlich, dazu lassen Sie sich nicht hernieder. Hauptsache, der Name wurde einmal in Zusammenhang mit Verschwörungstheorie gebracht, dann ist der Name auf jeden Fall ruiniert. Im Moment versucht man sowieso allerorten, andersdenkende Personen als Rechtsradikale, Verschwörungstheoretiker oder linksradikale Impfgegner zu verunglimpfen, eine recht billige Masche, die anscheinend immer noch gut funktioniert.

Die Krönung allerdings ist für mich der Artikel „Die Welt-Impfung“. Sie verkaufen damit allen Ernstes den Impfstoff, den es noch gar nicht gibt als den Retter der Welt?! Sie tun so als ob alle Welt sich darum reißen würde den Impfstoff als erster zu erhalten?! Sie schreiben wohlwollend über Größenwahnsinnige die sich damit brüsten, die Welt zu retten, indem sie 5 oder 6 Milliarden Menschen impfen lassen wollen?! Glauben Sie ernsthaft, dass die Aborigenes und die Inuit nur darauf warten, sich endlich gegen Corona impfen zu lassen?! Das nennt man Übergriffigkeit!! Wer dann auch noch die Bilder aus Italien mit Leichenlastwägen immer wieder heraufbeschwören muss, muss sehr verzweifelt sein in der Absicht, die Angst und die Hysterie in Deutschland aufrechtzuerhalten. Ich kann nur noch hoffen dass Sie nicht selbst glauben was Sie schreiben.

In dem Artikel „ Der Widerspruchsgeist“ kratzen Sie gerade noch die Kurve, bevor auch Prof. Kekule verunglimpft wird. Wie kommen Sie dazu zu behaupten, dass nur ein Forscher, der publiziert, sich aktiv an der Debatte um Corona-Maßnahmen beteiligen darf? Hat nicht gerade jemand, der unabhängig ist von dem Publikationsdruck in der Forschung, einen ganz anderen Blick auf die Tatsachen? Ach ja, ich vergaß, andere Blickwinkel sind in Ihrer Zeitung offenbar nicht erwünscht. Deshalb wiederhole ich noch einmal: Es reicht!! Die Kündigung meines Abos der Zeit und von Zeit Leo für meine Kinder geht direkt mit diesem Schreiben raus. – Dr. Ruth Sandvoß

 

Die Bevölkerung ist eh schon ziemlich „fix und foxy“, richtig voll im „Hü-und-Hott-Coronawahn“! Was tun wir nun in dieser Situation? Machen wir endlich Schluß mit dieser „Endlos-Testerei“, eben „Augen zu und durch“ oder testen wir munter weiter und voll drauf los; Tests „rund-um-die-Uhr“, von frühmorgens bis spät in die Nacht hinein, solange bis wir endlich fündig geworden sind? Mit welchem Ergebnis würde es sich dann wohl besser (über)leben lassen! Ob es diesen Impfstoff wohl jemals geben wird? – Riggi Schwarz

 

Ein erschreckender Artikel: „keine andere Wahl“ – „Hunderte Millionen Euro“ – „müssen Milliarden Menschen … verabreicht bekommen“ – „Genmaterial“ u.s.w. Aber warum eigentlich? Die Zahl von 600.000 Todesopfern scheint gewaltig und erzeugt Angst, wie viele andere Berichte auch. Wesentlich weniger bedrohlich wirkt die Situation, wenn man die Tatsache bedenkt, dass in diesem Jahr bereits 32.500.000 weltweite Todesfälle zu verzeichnen sind. (Quelle: worldometers.info) Somit starben 31,9 Mio. Menschen aus verschiedenen Gründen und 0,6 Mio. eben im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion.

Betrachtet man weiterhin das Geschehen in Europa, denn dazu gibt es zuverlässige Daten (euromomo.eu), dann offenbart sich ein ganz anders Bild. Im vergangenen Jahr (von Juli 2019 bis Juni 2020) ereigneten sich in Europa ca. 2,875 Mio. Todesfälle, in den entsprechenden Zeiträumen der Vorjahre waren es durchschnittlich ca. 2.745 Mio. Die Todesrate erhöhte sich also von 0,596% auf 0,625%, bzw. es starben von 10.000 Personen im letzten Jahr 63 anstelle von 59 in den Jahren zuvor. (bei 460 Mio. Einwohnern Datenbasis euromomo) Der Leser möge selbst entscheiden, ob er darin eine Begründung für all die einschneidenden Maßnahmen und Beschränkungen erkennen und akzeptieren kann. – Hartmut Koch

 

„Wann kehrt die Freiheit zurück?“ Ich greife nach der Zeit, will sie kaufen und schrecke zurück. Diese Schlagzeile hat mich nachgerade erschüttert und ich habe mich gefragt ob die Redaktion eigentlich eine Ahnung hat was sich bezüglich Umgang mit dem Virus gerade abspielt. Freiheit ist ein sehr problematischer und dehnbarer Begriff, der zur Zeit von allen möglichen Gruppierungen für ihre ganz persönlichen Interessen inflationär missbraucht wird – inzwischen sogar von Bikern – und vielen ist dabei überhaupt nicht klar, dass nahezu jede beanspruchte Freiheit, die eines anderen einschränkt. Dass Freiheit zuerst die Freiheit des Andersdenkenden ist, ist in diesem Zusammenhang eine sehr grundlegende Erkenntnis Rosa Luxemburgs gewesen. Dass Sie in dieses Horn blasen und damit eine nahezu schon hysterisch sich gebärdende Welle weiter anfachen, ist für mich gerade für die Zeit in keiner Weise akzeptabel und erscheint mir völlig unreflektiert. Ich hätte mir einen Schwerpunkt Verantwortung gewünscht. – Dr. Hans Dieter Knoll

 

Titelzeile „Wann kehrt die Freiheit zurück?“ Was hat die Redaktion denn da geritten? ad hoc habe ich es verärgert in „Wann kehrt die Narren-Freiheit zurück“ umtituliert. In dem gut recherchierten Artikel auf S. 29-30 taucht die von manch Bürgern vehement geforderte Narrenfreiheit gottlob nicht auf. Oder leider? vllt. eine neuer Artikel: Trotz(t der) Pandemie – die Gier nach Narrenfreiheit. BRD-Bürger sind im Vergleich zum Ausland seit Mitte März m.E. nur mäßig eingegrenzt, als Single leide ich eher unter social distancing. Nasen-Mund-Schutz: Chirurgen und Intensivmediziner/pfleger müssen sie tgl. bis 10 h tragen, während Corona zusätzlich zig Schutzkittel, Gesichtshelm, Stiefel, bis abends der Schweiss in den Schuhen trieft.

Welch Dekandenz, pralles Abfeiern bis zum symbolischen Umfallen fordern, statt den gern gepriesenen Menschenverstand, dem teils jedwede Vernunft abhanden gekommen, einzuschalten. Umfallen trotz hohen Rauschpegels klappt bei Massenevents dank Heringsdoseneffekt eh nicht (knallvolle Fußballstadien, Loveparade usw.). Freiheit: kein BRDler hat nur 2 qm wie arme Zuchtsauen im Metallgestänge. Selbst in hiesigen Gefängnissen steht mehr Bewegungsfläche zur Verfügung als sich jedes Lebewesen in Massentierhaltung wie Lege-/Masthuhn, Milchkuh, Kalb, Mastschwein/-rind nur in kühnsten Träumen wünschen kann. Quintessenz: Der Ruf nach mehr Freiheit(en) während der Pandemie ist MECKERN AUF SEHR HOHEM (HYPERKAPITALISTISCHEM) NIVEAU – Dr. R. Kerler

 

Ich kann nur hoffen, dass dieses Gerät mit DIESER Kanüle kein Prototyp ist, und aus einer Impf-Hoffnung ein Impf- Schrecken wird. – Wolfgang Burkhardt

 


 

 

Leserbriefe zu „Die Feinde des Liberalismus“ von Josef Joffe

 

Ach, Herr Joffe. Um Ihre Unwortbildung „Gleichdenk“ abzuwandeln: Was Sie schreiben, halte ich für Schwachdenk. Frau Judith Shklar, die bedeutende Philosophin, hat schon recht, „Philosopfische Fragen werden nie durch Gebrüll gelöst“, aber sie werden auch nicht nur in der Studierstube gelöst. Wieviel Verwirrung und Unglück haben Philosophen (und Theologen) ohne gesellschaftliches Bewusstsein in den Jahrhunderten angerichtet. Ein Beispiel: Herr Joffe polemisiert gegen die Parole der nicht nur schwarzen Demonstranten „Black lifes matter“. Wenn in den USA seine Alternative „All lifes matter“ gelten würde, wenn sie in der Geschichte je gegolten hätte, trotz der bekanntermaßen bemerkenswerten amerikanischen Verfassung, wäre es zu diesem Aufschrei unter den US-Amerikanern, und nicht nur bei ihnen, nie gekommen- (Ähnliches Defizit gilt auch für unseren schönen, zur Phrase verkommenen Satz „Die Menschenwürde ist unantastbar“.

Übrigens wird man den Liberalismus in seiner kostbaren, lebenswichtigen Freiheitsidee vor den Feinden des Liberalismus nicht retten können, wenn es weiter bei der verhängnisvollen Praxis bleibt, mit der Reagan und Thatcher ihn in rein ökonomistisches Denken und Handeln verwandelt haben: als Praxis des räuberischen Kapitalismus. Aber ein Liberalismus ohne soziale Komponente ist keiner. Dazu kann Herrn Joffes tiefgründige Diagnose „Das Übel kommt aus der Gesellschaft“ allerdings nichts beitragen. – Leopold Glaser

 

Gibt es denn bei Ihnen keinen, der Herrn Joffe Grausamkeiten wie „Gleichdenk“, „Gutdenk“, „Falschdenk“ ausredet? – Albert Prahl

 

Die inhaltliche Auseinandersetzung mit dieser aberwitzigen Apologie der Schrumpeleier aus Stahl verbietet sich angesichts des unterirdischen Niveaus. Man muss der ZEIT allerdings dankbar sein, weil sie durch den Abdruck dieser Schmähschrift ihres Herausgebers sichtbar macht, warum wir neuen Linken auf zivilgesellschaftlichen Druck setzen müssen: Wegen des schamlosen Machtmissbrauchs von Menschen wie Josef Joffe, die mit Geld und Einfluss einen Feldzug gegen gesellschaftliche Emanzipationsbewegungen führen. Dagegen hilft in der Tat nur die Grausamkeit der Moral! – Justus Jaguar

 

Wir leben in Zeiten, in denen viele Bewegungen entstehen, um Anliegen aufzugreifen, die in den regulären demokratischen Prozessen nicht hinreichend vorkommen. So empfinden das jedenfalls diejenigen, die sich diesen Anliegen und Bewegungen anschließen. Menschen, die von ihrem Tun überzeugt sind und auch andere überzeugen und mobilisieren wollen, um eine Kraft zu entwickeln, die wirksam werden kann. Nicht zwingend Feinde des Liberalismus. Auch die Bewegung „Black lives matter“ ist nicht illiberal, wenn sie dem nicht erfüllten Teil von „All lives matter“ Ausdruck und Sichtbarkeit verleihen möchte. Soweit also kein Grund, Gesellschaft bzw. gesellschaftliche Bewegungen allgemein zu dämonisieren und pauschal unter Generalverdacht der Illiberalität zu stellen.

Problematisch wird es sicherlich dann, wenn Bewegungen zu wissen vorgeben, was gut und richtig für alle anderen ist. Wenn sie glauben, für andere denken zu können. Wenn sie ihre Überzeugungen verabsolutieren und sich berufen fühlen, Bewusstsein zu schaffen. Wenn die Zugehörigkeit zu dieser Bewegung über ein- bzw. ausschließende Rituale hergestellt und gesichert wird. Wenn der Zweck der Bewegung ihre Mittel in der Auseinandersetzung heiligt. Noch problematischer wird es, wenn Bewegungen Opfer von Illiberalität werden, z.B. wenn sie brutal unterdrückt werden. Wenn die Teilnehmer stigmatisiert oder kriminalisiert werden. Wenn sie für andere Zwecke instrumentalisiert, von unerbetener Seite vereinnahmt oder ungewollt in einen Stellvertreterkrieg hineingezogen werden. Alles kann vor den eigenen Karren gespannt werden. Was da in den Dienst genommen wird, kann sich in der Regel selbst kaum wehren. Das Risiko ist groß, auf dem Wege der Inanspruchnahme unter die Räder des Karrens kommen. Die Lage ist sehr unübersichtlich. Nicht einfach, in dieser Lage ein Plädoyer für den Liberalismus zu halten, ohne mit unhaltbaren Voraussetzungen in Ideologieverdacht zu geraten oder das Kind mit dem Bade auszuschütten. – Reinhard Koine

 

Im Folgenden sende ich Ihnen meinen Leserbrief zu Ihrem Artikel „Die Feinde des Liberalismus“ von Josef Joffe im Feuilleton der ZEIT vom 23.07.2020: Vielen Dank für diese Ausführung über die Gefährdungen des Liberalismus, der eine freiheitliche politische, ökonomische und soziale Ordnung anstrebt. Eine geistesgeschichtliche Betrachtung der Demokratie, die auf freiheitlichen Grundlagen ruht, ermöglicht es, meiner Meinung nach, noch einige Punkte zu ergänzen.

Vielen Dank für diese Ausführung über die Gefährdungen des Liberalismus, der eine freiheitliche politische, ökonomische und soziale Ordnung anstrebt. Eine geistesgeschichtliche Betrachtung der Demokratie, die auf freiheitlichen Grundlagen ruht, ermöglicht es, meiner Meinung nach, noch einige Punkte zu ergänzen. Nach allgemeiner Beobachtung der Geschichte scheint die vom Egoismus und von der Angst getriebene Natur des Menschen massiv gegen die Entwicklung oder Beibehaltung einer Demokratie zu streben. Man kann aus der Geistesgeschichte der Demokratie folgende Punkte und Impulse ableiten:

1) Es gibt keine automatische Höherentwicklung der Menschheit hin zur Demokratie.Vor etwa dreißig Jahren behauptete der bekannte Politikwissenschaftler Francis Fukuyama überschwänglich optimistisch, „[d]ie liberale, westliche Demokratie bedeute den Endpunkt der Entwicklung der Menschheit“. Dann kamen „der 11. September, die Finanzkrise, die Flüchtlingskrise …“. Das Ignorieren einer übergeordneten Wirklichkeit und Wahrheit, moralischer Relativismus und Subjektivismus sind offensichtlich nicht geeignet, diesen Optimismus in Krisenzeiten aufrecht zu erhalten. Konstruktive Kritik und Alternativen zu totalitären, demokratiegefährdenden Entwicklungen erfordern einen speziellen, in gewisser Hinsicht archimedischen Hebelansatz und Standpunkt, der sich an nichtrelativen und nichtsubjektiven Werten orientiert, die keinen Ideologien unterworfen sind.

Daher wäre eine bewusste Rückbesinnung auf die schriftliche Selbstoffenbarung und das Liebesangebot des Schöpfers eine erfolgversprechende Gegenreaktion einer zwischen Orientierungslosigkeit und Totalitarismus eingezwängten Menschheit. So sind ja, wenn auch in leidvollen Geburtswehen, neuzeitliche Formen der Demokratie entstanden und haben in dankenswerter Weise Freiheit ohne Chaos und Ordnung ohne Diktatur in gewissem Maß und auf manchen Gebieten möglich gemacht. 2) Wahlen machen noch keine Demokratie Wenn wir uns in der Zeitgeschichte umschauen, entdecken wir viele Autokraten, die sich durch demokratische Wahlen bestätigen lassen. Wahlen können nicht verhindern, dass eine Demokratie diktatorische Eigenschaften annimmt.

3) Der klassische Humanismus ist keine ausreichende Grundlage für die Entwicklung und Erhaltung der Demokratie. Der Einfluss des Christentums reicht viel weiter als die Kirchenmauern. Das kann ein Blick in die Geschichte der Demokratie bestätigen. Die christliche Weltsicht verleiht entscheidende Maßstäbe. Dazu schreibt der Soziologe Rodney Stark in seinem Buch Sieg der Vernunft : „Die klassische Welt lieferte zwar Beispiele für Demokratie, aber diese wurzelten nicht in der Annahme, dass alle Menschen gleich seien, sondern bezogen sich nur auf die Elite. Selbst als sie von gewählten Gremien regiert wurden, waren die verschiedenen griechischen Stadtstaaten und Rom von einer großen Zahl von Sklaven abhängig. Und so wie es das Christentum war, das die von Griechenland und Rom ererbte Institution der Sklaverei beseitigte, so verdankt die westliche Demokratie ihre wesentlichen intellektuellen Ursprünge und ihre Legitimität den christlichen Idealen und nicht irgendeinem griechisch-römischen Erbe. …

Jesus vertrat eine revolutionäre Auffassung von moralischer Gleichheit, nicht nur in Worten, sondern auch in Taten. … Paulus macht deutlich, dass die Gleichheit in den Augen Gottes Auswirkungen darauf hat, wie die Menschen in dieser Welt behandelt werden sollten, so wie Jesus es auch praktizierte. So wurde das Muster festgelegt. … Von diesem Punkt aus war es nur ein sehr kurzer Schritt zu der Feststellung, dass jedes Individuum Rechte hat, die nicht ohne triftigen Grund verletzt werden dürfen, zu den Grundsätzen der Gleichheit vor dem Gesetz und der Sicherheit des eigenen Heims und Eigentums. Solche Grundsätze waren natürlich ein Gräuel für die Despoten.“

In seinem Buch Demokratie in Europa weist der Politikwissenschaftler, Historiker und Philosoph Larry Siedentop CBE auf den Ursprung der Idee der Gleichheit und seine Bedeutung für die Demokratie hin: „Wir kommen also auf die Idee der Gleichheit zurück. Wir müssen nun ihre Verbindung mit dem christlichen Glauben genauer betrachten. Denn wenn wir das nicht tun, werden wir das Wesen der modernen Demokratie, ihre Quellen und ihre Dilemmata nicht verstehen. Wenn wir sowohl die Idee als auch die Praxis der Demokratie in der Antike betrachten, stellen wir fest, dass sie eng mit der Annahme der „natürlichen“ Ungleichheit, d.h. mit dem Glauben an unveränderliche Statusunterschiede, verbunden ist. … Es war der Einzug des Christentums, der die moralische Neuausrichtung vollbrachte. Auf diese Weise lieferte das Christentum die moralischen Grundlagen der modernen Demokratie, indem es einen moralischen Status für die Individuen – als Kinder Gottes – schuf, der schließlich in einen sozialen Status oder eine soziale Rolle umgesetzt wurde.“

Der berühmte Neurochirurg und frühere US-Präsidentschaftskandidat Dr. Ben Carson schrieb in seinem Buch America the Beautiful über die Grundlagen der Demokratie: „Als der Franzose Alexis de Tocqueville 1831 nach Amerika kam, um die Geheimnisse unseres enormen wirtschaftlichen Erfolgs zu entschlüsseln, war er von unserem Schulsystem so angetan, dass er ausführlich über dieses Phänomen schrieb, das er als einzigartiges, mächtiges Instrument zur Förderung einer produktiven neuen Nation betrachtete. Im Gegensatz zu den Schulen in Europa lehrten die amerikanischen Schulen den Kindern Werte, wie er feststellte, und die Heilige Schrift wurde in den öffentlichen Schulen intensiv eingesetzt. In seinem Buch Über die Demokratie in Amerika schrieb er: ,Bei meiner Ankunft in den Vereinigten Staaten war der religiöse Aspekt des Landes das Erste, was mir auffiel; und je länger ich dort blieb, desto mehr erkannte ich die großen politischen Konsequenzen, die sich aus diesem neuen Zustand der Dinge ergaben. In Frankreich hatte ich immer gesehen, wie der Geist der Religion und der Geist der Freiheit in entgegengesetzte Richtungen marschierten. Aber in Amerika fand ich, dass sie eng miteinander verbunden waren und dass sie gemeinsam über dasselbe Land herrschten.

… Ich suchte den Schlüssel zur Großartigkeit und zum Geist Amerikas in seinen Häfen … in seinen fruchtbaren Feldern und grenzenlosen Wäldern, in seinen reichen Minen und dem riesigen Welthandel, in seinem öffentlichen Schulsystem und seinen Bildungseinrichtungen. Ich suchte ihn in seinem demokratischen Kongress und in seiner unvergleichlichen Verfassung. Erst als ich in die Kirchen Amerikas ging und hörte, wie von ihren Kanzeln flammende Predigten über Recht und Unrecht gehalten wurden, begriff ich das Geheimnis seines Geistes und seiner Macht. Amerika ist großartig, weil Amerika gut ist, und wenn Amerika jemals aufhört, gut zu sein, wird Amerika aufhören, großartig zu sein'“. Soweit der Franzose Alexis de Tocqueville im frühen 19. Jahrhundert. Es gibt also für Christen in unserer Zeit sehr viel zu tun. Der christliche Glaube kann, ohne ausgesprochen politisch zu sein, entscheidende Stärkung der Freiheit, der Demokratiebereitschaft und -fähigkeit in der Gesellschaft bewirken, wenn er persönlich und authentisch ausgelebt wird.

4) Streben nach Realitätssinn ist eine Grundlage für die freiheitliche Demokratie Differenzierte, spezifische Objektivität statt Relativität und Subjektivität können wir anstreben, wenn wir uns an einer höheren, übergeordneten Perspektive orientieren. Ich benutze eine kleine Geschichte, um das ein wenig zu erklären. Ein Fotograf trifft eine Hochzeitsgesellschaft (etwa 50 Personen) auf einem wenige Meter breiten Felsvorsprung, nur ein paar Schritte vor einem abrupten und steilen Abgrund. Hundert Meter unter den Menschen liegt das Meer. Die Aussicht ist atemberaubend. Er möchte die Gruppe fotografieren. Aber der Abstand ist zu gering. Nicht jeder passt ins Bild. Sollten die Leute ein paar Schritte zurücktreten oder der Fotograf? Es ist wirklich schwer, sich ein Gesamtbild zu verschaffen. Man kann abstürzen und den Liberalismus, die demokratische Freiheit und den Humanismus verlieren, wenn man nur aufgrund einer materialistischen, naturalistischen Basis ein Gesamtbild der Realität gewinnen möchte. Der Fotograf könnte ein paar Schritte zurückgehen, wenn er – von einem Seil gehalten wird, das an einem Hubschrauber hängt. Wir brauchen eine persönliche, rationale Verankerung in der Methaphysik, um eine Gesamtschau der Wirklichkeit zu bekommen.

5) Nächstenliebe als Grundlage der freiheitlichen Demokratie. Die anderen Menschen in meine Ziele mit einschließen und Nächstenliebe üben, das erfordert eine höhere Perspektive. Im persönlichen christlichen Glauben wird Jesus als die personifizierte Wahrheit gesehen. Weil wir Menschen nicht wirklich in der Wahrheit leben, hat Jesus der Wahrheit zum Sieg verholfen, indem Er als der Wahre für alle Menschen in die Bresche springt. Wenn wir etwas als ethisch böse beurteilen, was wir ja ständig machen, muss es auch das Gute geben, sonst gäbe es das Böse nicht, und es muss ein gültiges Moralgesetz existieren, nach dem Gut und Böse unterschieden werden können. Wenn es im Menschen ein von der Schöpfung her angelegtes Moralgesetz gibt, muss es auch einen Moralgesetzgeber geben. Es gibt eine letzte moralische Instanz für Gut und Böse.

Es gibt einen obersten Richter. Es ist der Gott, der sich in der ganzen Bibel mitgeteilt hat – ein Gott der Gerechtigkeit und Wahrheit, der den Menschen, den Er zur freiwilligen Liebe zu sich hin geschaffen hat und der sich gegen Ihn entschieden hat, wieder zu sich zurückbringen will. Er hat einen Heilsplan innerhalb der menschlichen Geschichte. Gott, der Gott der Gerechtigkeit und Liebe, gibt uns Menschen trotz unserer Verkehrtheit nicht auf. Er liebt uns. Und deshalb gibt es eine Stelle in der Menschheitsgeschichte, wo Wahrheit und Liebe ein Rendezvous haben – Gott selbst erniedrigt sich unendlich tief, um uns alle unvorstellbar hoch zu erhöhen, so dass wir niemanden mehr erniedrigen müssen, um uns in unseren Augen selbst zu erhöhen. Das ist am Kreuz von Golgatha geschehen, wo der gerechte Gott den Gott-Menschen Jesus, wie es im Alten Testament, z.B. in Jesaja 53, Jahrhunderte zuvor angekündigt worden war, für uns sterben ließ.

So blieb er seinem Wahrheitsanspruch als moralische Instanz des Universums gerecht, bezahlte für unser aller Vergehen, völlig unabhängig davon, wer wir sind, und wir gehen frei aus und werden gerecht gesprochen, wenn wir unsere Schuld einsehen, diese Liebestat für uns annehmen und Ihm in tätiger Dankbarkeit und Liebe folgen. Die frühen Christen waren Zeugen der Auferstehung, sie lebten gewöhnlich bescheiden und praktizierten Nächstenliebe, kauften Sklaven frei, nahmen ausgesetzte Kinder auf, halfen Kranken, Sterbenden, Armen, Alten, Waisen, Behinderten, Reisenden und Fremden, bewirkten ein Ende der Gladiatorenkämpfe und der damaligen Sklaverei und krempelten das Römische Reich von innen her um. Die Kraft der Auferstehung Jesu und der Befreiung durch den Glauben an Ihn zeigt gesellschaftliche Spuren durch die Jahrhunderte bis heute:

Solidarische Werke und Katastrophenhilfe, Bildungsprojekte, Aufwertung von Frauen und Kindern, Offenheit für alle sozialen und ethnischen Gruppen, die Würde der Arbeit, das Konzept von Gleichheit vor dem Gesetz, soziale Gerechtigkeit, Menschenwürde und Menschenrechte leiten sich stark aus jüdisch-christlichem Weltverständnis ab. Der Aufstieg der modernen, analytischen Wissenschaft ist direkt mit der christlichen Weltsicht verbunden. Unzählige veränderte Leben aufgrund einer befreienden Begegnung mit dem auferstandenen Christus haben über die Zeit hinweg Familien und Gesellschaften positiv verändert.

6) Das Problem von Schuld und Sühne kann gelöst werden. Das bietet eine Grundlage für freiheitliche Demokratie, bei der Rache und Vergeltung der Vergebung, Liebe und Wahrheit weichen – als persönliche Prinzipien mit gesellschaftlichen Auswirkungen. Schuld und Rache, Aktion und Reaktion, gespeist von Feindbildern und Gier, ziehen sich durch die Menschheitsgeschichte und hinterlassen ihre blutigen Spuren. Wir scheinen nicht drum herum zu kommen: Eine nicht enden wollende, unheilvolle Spirale von Misstrauen, Unrecht, Verletzung, Zerstörung, Schmerz und Rache – selbst erlitten und anderen zugefügt – wälzt sich wie ein Strom durch die Beziehungen von einzelnen Menschen und Kollektiven. Die Augen vor den Tatsachen verschließen und vergessen ist keine dauerhafte Lösung. Hier genau setzt die christliche Weltsicht an. Jesus hat sich als menschgewordener Sohn Gottes, als personifizierte Wahrheit, mitten in diesen tosenden Mahlstrom hineingewagt, ist von ihm erdrückt worden, am Kreuz von Golgatha, hat sich aber nicht von ihm mitreißen lassen, sondern hat ihn gestoppt.

Er ist für uns in die Bresche gesprungen. Vergleichen kann man das mit jener Mutter, die sich im letzten Moment vor das Auto warf, das mit ihren zwei kleinen Kindern auf eine Klippe zurollte. Jesus sagte: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Und er kehrte am dritten Tag wieder zum Leben zurück. So hat er einen Strom des Erinnerns und Aufarbeitens mit gleichzeitigem Verzeihen ins Leben gerufen, eine Spirale des Guten und der Versöhnung. Und seine Nachfolger, die Christen, die mit ihm leben, lassen sich von diesem Strom der Vergebung, der Erlösung und Befreiung, der Veränderung, der Nächsten- und sogar Feindesliebe mitreißen. Obwohl nach Auskunft der Organisation OPEN DOORS zur Zeit weltweit mehr als 260 Millionen Christen einem hohen bis extremen Maß an Verfolgung ausgesetzt sind, fließt dieser Strom, der Realitätssinn und Nächstenliebe ausstrahlt, immer weiter. – Gerhard Jahnke

 

Die Feinde des Liberalismus Wer sind „die“ und was meint hier „Liberalismus“? Schon die Überschrift ist ein „echter Joffe“: Als Draufgängertum getarnter hard core Konservativismus. Bereits im ersten Satz wird unmissverständlich klar gemacht, wer hier die diskursive Lufthoheit beansprucht. Anders als „Gretchen“ Thunberg kann ER schon mit dem ersten Wort die Faust auf den Tisch hauen und seinen Meinungsadel nachweisen. (vgl. den verbalen Ausfall von Steven Muchin in Davos) ER ist Harvardianer, ergo Princeps inter Plebs. Als Fortgang der anekdotischen Intro folgt sofort das Signal an seine Peers: Hey Jungs, keine Sorge, locker bleiben, auch ich war mal jung, he he. Aber selbstredend habe ich die nötige Lektion an Unterwürfigkeit verinnerlicht, die in unserem Corps von Geist zeugt. Woher wohl die pessimistische Weltsicht ihrer (respektierten, aber wohl nicht gänzlich verstandenen) Professorin Shklar herrührt?

Mann käme der Antwort vermutlich näher, versuchte Mann zu verstehen, was es bedeutet, einem Geschlecht anzugehören, das jahrhundertelang zur dominanten Kraft, mit der Lizenz zum Töten und Mundtotmachen der Mehrheit der Bevölkerung dieses Planeten, zugerichtet wurde (Frauen, andere Kulturen, Religionen, Hautfarben…). Womit diese dominante Gruppe das „Normale“ festlegt und damit allein bestimmt, was als schwach, inkompetent, unwichtig, minderwertig, negativ, böse, erstrebenswert oder auszumerzen gilt. Dies ist von den Mitgliedern dieser dominanten Alpha-Gruppe gar nicht mehr bewusst nachzuvollziehen, ohne das anerzogene und verinnerlichte Selbstbild zu beschädigen. Die meisten der im ZEIT-Beitrag folgenden Informationen, Einschätzungen und Analysen über „Liberalismus“, „Moralismus“, „Rassismus“, kurz wie sie es nennen, das ganze „Theater der moralischen Grausamkeit“, ließe sich unter diesem ganz grob skizzierten Aspekt der dominanten Alphas versus minderwertige, minderleistende, minderbemittelte, als nicht einmal bemitleidenswert (von der dominanten Gruppe) definierte Gruppen, erforschen.

Auch ich möchte dem Harvardianer ein Buch zur Lektüre empfehlen: (deutsch nur noch antiquarisch, aber erhältlich) Jean Baker Miller: Die Stärke weiblicher Schwäche von 1976. (Die Stärke des Texts liegt darin, ohne Schuldzuweisungen am Beispiel der Frauen das ganze „Theater der moralischen Grausamkeit“ unserer Zeit zu analysieren). Falls sie, Herr Joffe, der Problematik eher auf dem Kunstweg nachspüren möchten: Anselm Kiefers Werk Daphne (derzeit ausgestellt im Franz Marc Museum Kochel ) erhellt wie ein Blitz die ganze traurige Tragik: Die Nymphe Daphne kann sich vor den Nachstellungen Apolls nur durch die dauerhafte Verwandlung in einen Baum retten.

Die Menschen der verfemten Gruppen richten sich ihr Leben natürlich in irgendeiner Weise trotz der Unterdrückung „sinnhaftig“ ein, sonst wäre ihnen ein Überleben ja gar nicht möglich. Ein Leben „als Baum“ mag „sinnvoll“ sein: Ein Baum spendet Schatten, liefert Sauerstoff, schafft Leben, stellt Baumaterial, ist hundertfach und (für die dominante Gruppe ganz selbstverständlich) ausbeutbare und nutzbare Ressource. Und trotzdem werden solche „verwandelten Bäume“ nicht das Gefühl einer geglückten menschlichen Existenz empfinden. Es fehlt dazu der entscheidende Punkt der Selbstwirksamkeit, sich Freiheiten nach eigenen Vorstellungen nehmen zu können. (Die dominante Gruppe zahlt übrigens ebenfalls einen heftigen Preis durch Abtrennen und Verleugnen wesentlicher menschlicher Persönlichkeitsanteile). Das ist die derzeit typische, „normale“, über sehr lange Zeit eingeübte lose-lose-Situation. Hier liegt der Kern für die pessimistische Grundeinstellung ihrer Professorin.

Keine Sorge Herr Joffe, sie müssen nicht gleich ins Umerziehungslager, aber wie wäre es mit einer lauten Forderung die Forschungen über Gruppendominanz und ihre verheerenden psychischen und gesellschaftlichen Folgen, wieder neu aufzunehmen und deutlich auszuweiten? Einmal nicht in die eingespielten Muster der Konfliktverdrängung unter dem Vorwand des Krawalls zu rennen? Permanente vorsätzliche und systematische Erniedrigung findet statt. Freiheitliche Gedanken kann und darf nur die Alphagruppe haben; Gedankenfreiheit zwar alle, viele Mitglieder der subdominanten Gruppen werden irre daran (hohe Raten an Depressionen, Neurosen, Schizophrenie) Diese Dominanz der ausbuchstabierten Männlichkeit ist, wie mir ihre selbstgewisse Eloquenz zeigt, ungebrochen.

Auch ich sehe eher schwarz für die Zukunft, weil wieder einmal alle Unterprivilegierten die Problembären abgeben sollen. Und von den Alphamännchen ein weiteres Mal der Kelch der Erkenntnis verweigert wird, dass die Welt, so wie sie durch ihre Privilegien eingerichtet ist, nur für ihr eigenes fehlerhaftes Männlichkeitskonstrukt taugt. Und das auch nur noch bis der Planet „an die Wand gefahren ist“ mit dem gewählten Mantra Wachstum ist gleich Fortschritt. – Monika Fath-Kelling

 

„Philosophische Fragen werden nie durch Gebrüll gelöst, nur im bedachten Disput“ – schön, dass ich dieses Zitat von Judith Shklar durch Sie kennengelernt habe, danke! Es gilt für jeden Konflikt. Durch Aggression kann man den Kontrahenten zum Schweigen bringen, Befriedung bringt sie nicht. Mit einem anderen Satz aus Ihrem Artikel dagegen bin ich nicht einverstanden. Zwar ist Schuld immer persönlich, aber Naziverbrecher wurden nicht „einzeln in ordentlichen Verfahren verurteilt“. Ich erinnere mich noch gut an die Parolen vom „Tätervolk“ und „Opfervolk“, das eben die für „Freiheit und Recht“ kämpfenden deutschen! Studenten im Munde führten, die alle Deutschen, die in der Nazizeit gelebt hatten, kollektiv schuldig gesprochen haben.

Ich möchte Sie auf ein interessantes Phänomen hinweisen. Je nachdem, in welcher Besatzungszone die Deutschen nach dem Krieg lebten, wurde ihr Verhalten währen der 12 Jahre Nationalsozialismus verschieden beurteilt bzw. geahndet. Ich will dabei keineswegs die Bemühungen zum Dialog mit den Siegermächten seither unterschlagen, aber die Ereignisse von damals waren schon richtungsweisend. Die Russen bevölkerten z. B. das geräumte K.Z. Buchenwald wieder mit Nazis, wobei sie bei der Auswahl nicht gerade zimperlich waren. Plünderungen und Massenvergewaltigungen durch Soldaten der Roten Armee werden bis heute kaum erwähnt, sind aber in der Bevölkerung noch nicht vergessen.

Amerikaner schufen „Das Land des Fragebogens“ (John Dos Passos), die Franzosen verhielten sich ziemlich willkürlich. Der Hunger in ihrer Besatzungszone und bei ihren Kriegsgefangenen „zur Strafe“ war groß und auch da gab es Plünderungen und Vergewaltigungen. Die Engländer verzichteten in ihrer Besatzungszone auf Kollektivstrafen. Wenn Sie heute wieder auflebende ultrarechte Tendenzen betrachten, wo gibt es die wenigsten und am meisten Ablehnung für sie? Und wo werden die Gräueltaten der Nazis oft heute noch geleugnet? – Vielleicht ließe sich etwas daraus lernen. Egal, welche Art Radikalismus gerade „in“ ist, „bedachter Disput“ hilft weiter als Gebrüll! – Erika Albert

 

Der zunehmende Mangel an der menschlichen Fähigkeit zur Triangulierung ist der Nährboden für den gegenwärtig weltweiten Populismus. Die Psychoanalyse nennt einen wichtigen individuellen psychischen Reifungschritt Triangulierung. Er sorgt dafür, dass das Kind sein Gegenüber als jemand anderes erkennt und als getrennt von ihm erlebt werden kann. Grundsätzlich führt Triangulierung zu der Fähigkeit den Anderen als ein eigenständiges Individuum, mit eigener Wahrnehmung und eigener Interpretation dieser Wahrnehmung zu akzeptieren. Daher ist auf dieser Ebene Kommunikation immer ein Versuch der Verständigung oder besser noch ein Versuch Verständnis-Schnittmengen herzustellen.

Die menschliche Fähigkeit zu dieser Form der Triangulierung ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass sich ein demokratisches System mit Gewaltenteilung, Mehrparteiensystem, unabhängiger Presse, kurz: Der liberale Rechtsstaat entwickeln konnte. Leider ist dieser Reifungsschritt nicht unumkehrbar, sondern im Gegenteil, individuell und kollektiv durch Gefühle und Affekte wie z.B. Angst, Neid, Kränkung ständig bedroht. Die Folge ist ein fast vollständiger Mangel an Differenziertheit wie sie Josef Joffe in seinem Artikel: „Die Feinde des Liberalismus“ beschreibt. Ich gehe davon aus, dass die vielfältigen Folgen der digitalen Globalisierung zu einer immensen kollektiven Zunahme dieser Gefühle und Affekte geführt hat. Ein Blick in die Geschichte fördert bei mir eher den Kulturpessimismus: Das Römische Reich begann als Republik, jedoch die von Julius Cäsar eingeführte Diktatur bestand um ein Vielfaches länger. Aber vielleicht verschafft, wie es Sigmund Freud schon vorsichtig formulierte, „sich die leise Stimme der Vernunft“ doch an der einen oder anderen entscheidenden Stelle wieder Gehör. – Martin Stäb

 

Herr Joffe spricht ein tatsächliches Problem an, scheitert aber an seiner eigenen ideologischen Stoßrichtung. Gegen eine Linke, die Linke diffamiert, hilft nur eine Linke, die sich der Ideale des Liberalismus bewusst ist, aus dem sie kommt. Aber kein konservativer Backlash, der sich „liberal“ oder „Mitte“ nennt. – Timothy Bidwell

 

„Die Gedanken sind frei,“ singt der Liberale, will keine Einschränkung, weder von links noch von rechts. Übertreibt er aber seinen Freiheitsdrang, ist er Liberalist, schädlich so wie alle -ismen. Wenn die Liberalen jedoch die „Kommandohöhen“ besetzen – wie Josef Joffe Lenin zitiert – in Gestalt der „progressiven Aktivisten“, in den USA acht Prozent der Bevölkerung, dann fragt man schon, wohin sich die übrigen 92 Prozent wenden. Zieht man die Parallelen auch zu uns, dann scheint die Waage sich nach rechts zu neigen. Was unsere bundesdeutsche Gesellschaft lange stabil machte – die breite Mitte, repräsentiert von Volksparteien mit sozialem Gewissen, leidet an Schwindsucht. Liberale müssen auch sozial denken (und handeln). – Werner Bohn

 

Danke, Herr Joffe, gerade hatte ich mit Zwanzigjährigen (weiß) hitzig über den „Zwar-noch-kein-Rassismus-aber“ eines Dozenten debattiert. Bei einer Preisverleihung an zwei Studenten hatte er eine launige Bemerkung machte, aus der hervorging, dass einem Asiaten der Name Kimeher zugeordnet wird als der Name Philipp. Zwar wurde nicht sein Kopf gefordert, doch zumindest sollte auch ich dieses Verhalten geißeln. Einen Tag später konnte ich Ihren Beitrag forwarden an die mir sehr lieben jungen Leute im Aufstieg auf die „Kommandohügel der Wissensökonomie“ – Danke auch für diesen Begriff! – Ingo Klamann

 

Vielen Dank für Ihre Verteidigung des Liberalismus, den ich als Erwiderung auf die Polemiken in der Zeit vom 16. Juli 2020 („Muss der Liberalismus an die Kett“ und „Vorbeiflug der Dementoren“) verstehe. Gerade Die Zeit war für mich bisher ein Hort von Toleranz und Diskurs. Dass ein Zeit-Autor Liberalismus und Liberale (wohlgemerkt im politischen, nicht wirtschaftspolitischen Sinn) wie ein Schimpfwort gebraucht und der Beihlfe zur Brandstiftung bezichtigt, hat mich aufgebracht. Ebenso wie vor einigen Wochen die beiläufige und selbstverständliche Charakterisierung der unsäglichen taz-Kolumne „ACAB: All cops are berufsunfähig“ als „Satire“. Der „bedachte Disput“ kann doch nur gelingen, wenn alle Kontrahenten ihn als notwendige Vorbedingung akzeptieren. Dass diese Grundvoraussetzung immer weniger akzeptiert, ja ausdrücklich abgelehnt wird, zeigt, wie sehr unsere Demokratie in Gefahr ist. – Lena Dannenberg-Mletzko

 

Mit Interesse und zunehmender Irritation habe ich Ihren Kommentar „Die Feinde des Liberalismus“ vom 23. Juli gelesen. Ihre Meinung, dass die political correctnessgerade – rein sprachlich – sehr weit getrieben wird, teile ich. Darunter leidet das gesellschaftliche Klima und konstruktive Gespräche, die zur Beleuchtung der offensichtlich vorliegenden gesellschaftlichen Missstände beitragen würden, werden erschwert und finden meiner Erfahrung nach kaum mehr offen statt. Die Gesellschaft driftet auseinander – und zwar in links und rechts, demokratisch und republikanisch, und beides betrachte ich mit Sorge. Allerdings bin ich sehr irritiert davon, was Sie in Ihrem Text mit so groben Pinselstrichen mal eben alles zusammenklittern: Critical Whiteness Studies, die Benennung an einem bis vor Kurzem kaum benannten Set an implizierten Privilegien (white male privilege), Straßenproteste gegen Polizeigewalt in erster Linie gegen Afro-Amerikaner, den US-amerikanischen Bürgerkrieg und den Rauswurf von Redaktionschef*innen und Personalchef’*innen.

Klar, da lässt sich eine Linie durchziehen, wenn man das so will, und Sie tun das so, dass man nach der Lektüre Ihres Kommentars dastehen kann und sagen kann: Stimmt, diese 8% der US-amerikanischen Bevölkerung, die sich mit der Macht der Sprache befassen, sind es, die letztlich dafür verantwortlich sind, dass Trump von den ‚zurückgelassenen‘ Weißen gewählt wurde. Aber ehrlich? Das ist das Ergebnis Ihrer Analyse? Als Amerikanistin, die gut 30 Jahre nach Ihnen in den USA studiert hat, habe ich einige Anmerkungen. Critical Whiteness Studiesist eine akademische Richtung, die sich seit etwa 25 Jahren darum bemüht, die in der US-amerikanischen Gesellschaft tatsächlich und faktisch vorhandenen Privilegien für Personen mit weißer Haut sichtbar zu machen und ihre Entstehung und Wirkweisen zu beleuchten. Das wird mit großer Sorgfalt und Ernsthaftigkeit nach wissenschaftlichen Prinzipien betrieben – und, das war auch zur Entstehungszeit des Fachs noch bemerkenswert, es sind sehr häufig kaukasische, also ‚weiße‘ Akademiker*innen, die sich dieser so wichtigen Aufarbeitung widmen.

Rassismus ist in den USA (und nicht nur dort) systemisch. Selbstverständlich. Deshalb ist es wichtig, ihn und seine Wirkweisen sichtbar zu machen, auch und insbesondere für die, die ihn eben nicht täglich selbst durch Benachteiligung erleben, sondern für die, die implizit davon profitieren, es aber erstmal nicht bemerken. Daran arbeiten dieCritical Whiteness Studies. White male privilegeist dabei ein Begriff, der die dichteste Verschränkung von strukturellen Privilegien in der Gesellschaft benennt, sicher ließe sich noch straight, also heterosexuell, hinzufügen. Daran gilt es nichts zu rütteln. Mit Blick darauf ist die US-amerikanische Gesellschaft gebaut, schauen Sie sich alleine die Entwicklung des Wahlrechts an, da ist das deutlich.

Ist das die ‚Schuld‘ von ‚weißen‘ Männern heute? Nein, nicht direkt. Aber sie profitieren weiter unverhältnismäßig stark davon, und wenn sie in einer egalitären, liberalen Gesellschaft leben wollen, dann ist es auch ihre Aufgabe, sich damit zu befassen, dass diese Strukturen sich verändern. Und nein, dafür braucht es keine Terreur, wie 1789. Und jemanden aus der Redaktion entlassen oder jemanden auf inheränt rassistische Aussagen und Verhaltensweisen hinweisen, ist nicht das selbe wie jemanden zu guillotinieren. Es braucht auch keinen blutige Revolution, um systemischem Rassismus und anderen systemischen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten entgegenzutreten. Es braucht kontinuierliche geselllschaftliche Arbeit und zwar nicht nur derjenigen, die offensichtlich benachteiligt sind, sondern auch derjeniger, die von der Ungleichheit profitieren. Diese Arbeit wird gerade auf der Straße geleistet und in anderen Räumen, in denen man sich der Sprache zuwendet.

Wie übrigens auch während der Bürgerrechtsbewegung in den 1960ern. Wie in der Bürgerrechtsbewegung gehen übrigens auch heute ‚weiße‘ und ’schwarze‘ Menschen gemeinsam auf die Straße, um gegen Polizeigewalt zu demonstrieren. Die Moms, die in Portland zum Schutz aller Demonstrierender antreten, bilden die gesamte US-amerikanische Gesellschaft ab. Und seit Beginn der Black Lives Matter-Bewegung finden sich viele ‚Weiße‘ unter den Aktivist*innen. Wo Sie das Bild her haben, dass sich ‚weiße‘ Demonstrierende schuldbewusst im Büßergewand niederknien müssten, ist mir nicht ganz klar. Man kann es abstoßend und entsetzlich finden, wenn überwiegend afro-amerikanische Menschen wegen Banalitäten von der Polizei auf der Straße erschossen werden, ohne selbst ’schwarz‘ zu sein. Und weil es überwieged afro-amerikanische Leben sind, die immer und immer wieder auf diese Weise ein Ende finden, ist es auch legitim, in dieser Situation daraufhinzuweisen, dass, ja Black Lives Matter. Natürlich: All Lives do Matter.

Das steht völlig außer Frage. Aber hier ist es notwendig, deutlich zu machen, dass es nicht zu ertragen ist, wenn ’schwarze‘ Familien Angst davor haben müssen, dass ihre Söhne nicht nach Hause kommen, weil sie beim Joggen im Park oder beim Bezahlen im Kiosk oder bei einem Schläfchen auf dem Parkplatz von der Polizei erschossen werden. Diese Leben zählen. Es sind Leben. All Lives Matterist zu diesem Zeitpunkt eine Antwort, die das Entsetzen über diese Tatsache sofort wieder nivelliert. Daher ist es zu diesem Zeitpunkt nicht die Antwort der Wahl. Zum Bürgerkrieg: Was der in Ihrem Narrativ zu suchen hat, erschließt sich mir nicht. Wenn Sie sagen, dass 600.000 Amerikaner für die Emanzipation gestorben sind, ist das erstens faktisch falsch. Zweitens weiß ich nicht, was das belegen soll. Dass 600.000 (‚weiße‘?!) Amerikaner sich stark dafür gemacht hätten, dass die Sklaverei abgeschafft wurde und sich deshalb heute niemand darüber beklagen darf, dass die USA ihre rassistische Vergangenheit nicht aufgearbeitet hat?

Der US-amerikanische Bürgerkrieg ging bis zum 1. Januar 1863 (also die ersten beiden Jahre) überhaupt nicht um Sklaverei. Es war ein Krieg, in dem es um wirtschaftliche Interessen und die Rechte der einzelnen Staaten ging. Die ersten beiden Jahre des Kriegs liefen für den Norden nicht gut. Die Befreiung von versklavten Personen durch Abraham Lincoln, den Präsidenten der Union,– ausschließlich in den Staaten der Confederacy! – war eine politisch geschickte Entscheidung, die dem Krieg eine neue Bedeutung gab. Jetzt ging es um Sklaverei und Menschenrechte. Frankreich hatte seine große Revolution hinter sich, Großbritannien hatte Sklavenhandel und Sklaverei bereits abgeschafft. Der Norden war in ständiger Sorge gewesen, dass beide als wichtige Handelspartner der Südstaaten auf deren Seite in den Krieg eingreifen könnten. Diese Gefahr war damit gebannt, weder Frankreich noch Großbritannien konnten sich auf die Seite derer stellen, die nun scheinbar für die Sklaverei und gegen die Menschenrechte kämpften.

Ein entscheidender politischer Vorteil für die Nordstaaten war entstanden. Dass whitenessals mit Privilegien behaftete Kategorie dann noch einmal zusätzlich an gesellschaftlicher Wirkmächtigkeit erlangt, hängt übrigens auch unmittelbar mit dieser Befreiung versklavter Personen zusammen. Im Süden war vorher allein durch den Umstand der persönlichen Freiheit geklärt, wer welche Privilegien innehatte. Jetzt gab es (neue) Privilegien für ‚Weiße‘, die man den nun freien ‚Schwarzen‘ vorenthielt. Auch das eine politisch kluge Strategie übrigens, das beugte nämlich einer Solidarisierung der in armen Verhältnissen lebenden Gruppen untereinander vor. Und hier haben Sie einen der Gründe, warum es in den USA keine ‚Klasse‘ im europäischen Sinne gibt und dementsprechend auch keinen Klassenkampf. Die Verwerfungslinie war und ist ‚race‚, das sich allzuoft mit Klasse verschränkt. Nach den 1960ern ist die USA jetzt also in eine weitere Phase getreten, in der für eine weitere Verbesserung der Strukturen, für eine weitere Demokratisierung der Gesellschaft demonstriert wird. Wie in den 1960ern geht es dabei bisweilen heiß her, Polizisten werden gegen Demonstrierende eingesetzt, es gibt militantere Gruppen und gesprächsbereitere Gruppen.

Malcolm X reklamierte ja in den 1960ern ebenfalls die Diskurshoheit für sich und hatte phasenweise kein Interesse daran, sich mit ‚Weißen‘ zu solidarisieren. Solche Ausprägungen und Strömungen finden Sie zu allen Zeiten und auch sie bilden eine plurale, vielstimmige Gesellschaft ab, in der man sich und seine Meinung äußern kann. Zu Beginn Ihres Kommentars loben Sie Ihre Professorin Shklar, in Harvard, und deren Ansicht, dass gesellschaftliche Fragen im philosophischen Diskurs zu lösen seien. Am Ende Ihres Kommentars werfen Sie denen, die sich elitär (also akademisch?) mit Critical Whiteness Studies, Privilegien und Sprachgebrauch befassen, vor, dass sie nur Symbolpolitik betreiben. Dass sie bisher keine ausreichenden Antworten gefunden haben auf die Fragen der Zeit, die sich am besten umgehend in realpolitische Sozialgesetzgebung übersetzen lassen sollten. Ist das konsistent und inheränt logisch?

Ich bin mir nicht sicher, denn ich verliere bei der Lektüre Ihres Kommentars zwischenzeitlich den roten Faden. Ihren Kommentar nehme ich als leidenschaftlichen Ausruf wahr, der sich gegen ein Zuviel an Sprachpolizei richtet, gegen gesellschaftliche Spaltung. Dass Sie dabei im Interesse Ihres Anliegens geringfügig geschichtsklittern, bisweilen vereinfachen und polemisieren, ist für einen Diskursbeitrag in einer gesellschaftlich bewegten Zeit symptomatisch. So kann man Aussagen treffen, die emotional unterfüttert sind, die Gehör finden, mit denen man andere von den eigenen Anliegen überzeugt. Da sind Sie denjenigen nahe, die sich in den USA zu Wort melden. Die bestimmte Dinge nicht mehr lesen, hören und vor allem nicht mehr erleben wollen. Es stimmt, eine gerechte Sozialpolitik soll alle im Blick haben, die Unterstützung brauchen. Und zugleich kann es nicht sein, dass die nach wie vor bestehenden Anliegen, die viele mit einem wachen Blick auf die sozialen Strukturen haben, gleich wieder unter den Teppich gekehrt werden, weil man ‚Weiß‘ und ‚Schwarz‘ (und alle bisher nicht erwähnten anderen ethnischen Gruppen) wieder in einen Topf wirft. Auch heute geht es der ‚weißen‘ Familie in prekären Verhältnissen besser als der ’schwarzen‘ Familie in prekären Verhältnissen.

Deshalb brauchen wir Bewegungen wie Black Lives Matter. Eine Sprachpolizei und ‚Gutdenk‘-Kontrolle brauchen wir nicht. Auf keiner Seite. In einer bewegten Übergangszeit wird häufig über das Ziel hinaus geschossen, bevor sich alles auf einem neuen Niveau einpendelt. In der Zwischenzeit kann es passieren, dass auch ‚Weiße‘ sich unfaire, beleidigende Dinge anhören müssen und sehr starke Reaktionen auf ihre möglicherweise weiterhin nicht reflektierten, den Status Quo manifestieren wollenden Aussagen erfahren müssen. Und wer als ‚weiße‘ Personalchefin eines großen Konzerns die Debatte über Rassismus in der jetzigen Zeit als störende Nebengeräusche (‚noise‚) oder Lärm bezeichnet, spiegelt möglicherweise die Haltung dieses Konzerns zu Fragen der Diversität und die gesamte Unternehmenskultur wider. Da mag es konsequent sein, die Position anders zu besetzen. – Dr. Christina Hein

 

Als langjährige Abonnentin der ZEIT frage ich mich nun schon seit einiger Zeit, an welches Publikum sich eigentlich Ihr Blatt wendet- denn immer öfters habe ich das Gefühl, dass ich und meine Freunde sich immer wieder nicht mehr so richtig angesprochen fühlen. Als politisch interessierter kritische (vielleicht als linksliberal zu bezeichnende?) Leserin bin ich immer wieder überrascht, welche Töne in der mir eigentlich sehr sympathischen Zeitung angeschlagen werden. Ich spreche dabei weniger von Herrn Martensteins Kolumne, deren eher seichte Witzchen über gängige Kabarett- Floskeln in Bezug auch die Gender-Thematik oder politisch-correctness-Auswüchse nicht hinausgehen. Ich wundere mich nur, dass man das in einer seriösen Zeitung publiziert. Interessant, dass er immer wieder einmal betonen muss, dass er politisch nicht „rechts“ eingestellt sei und auch die AfD nicht wählen würde – offenbar ist ihm manchmal seine Nähe zum Gedankengut dieser Kreise selbst schon aufgefallen.

Es sind eher die Glossen von Josef Joffe, die mich oft fragen lassen, ob dies noch kritischer Journalismus im Sinne der ZEIT ist oder einfach nur Polemik. Dass ich den ersten Leserbrief meines Lebens schreibe hängt vor allem damit zusammen, dass er seine Tiraden gegen alle kritische Intelligenz sogar auf der ersten Seite des Feuilletons veröffentlicht hat, – das beunruhigt mich nun doch. In diesem Artikel werden alle Ressentiments, die man gegen die sogenannten „akademischen Eliten“ in eher obskuren Veröffentlichungen finden kann, repliziert. Diese Eliten „unterdrücken“ natürlich die ganze Gesellschaft mit ihren „Denkverboten“, ja sie bedrohen den liberalen Staat offenbar auf das gefährlichste. Es wird kein Aufwand gescheut, um dies zu demonstrieren und mit Hinweisen auf verschiedene Philosophen zu garnieren.

Als Psychoanalytikerin bin ich gewohnt, Assoziationsketten auf ihren sublimen Gehalt hin zu durchleuchten und verborgene Botschaften darin zu entschlüsseln. J.Joffe macht es einem dabei eher leicht. Da wird in wenigen Zeilen hintereinander gebündelt: verfolgte Juden im den Dreißigerjahren, kommunistische Diktaturen mit dem Zwang zur Selbstbezichtigung, der brutale Polizeieinsatz in den USA – all dies in einem Atem mit der „moralischen Grausamkeit“ mit der in unserem Staat angeblich liberale Menschen „erniedrigt“ werden – natürlich von denen, die das N-Wort nicht benutzt sehen wollen oder eine binäre Geschlechterordnung in frage stellen. Auch die 68er Revolten werden da hineingepackt. Anti-Rassismus scheint ebenfalls verdächtig. Weiße seien „ gebrandmarkt wie ein Sklave im Baumwollfeld“ (ob dies ein Zitat ist oder vom Autor selbst gefunden, geht aus dem Artikel nicht hervor). Egal, ob solche Assoziationen gewollt sind oder nicht: sie entlarven sich von selbst. Denkverbote allerorten: die Krise des Liberalismus steht „unter der Fuchtel des Jakobinismus“, Rede- und Meinungsfreiheit bröckeln, laut Joffe, langsam ab. Ich denke allerdings, durch solche Artikel in einer hoch angesehen Zeitschrift droht das (Gott sei Dank immer noch starke) Bollwerk des „Bürgers gegen rechts“ abzubröckeln.

Nach wie vor erfreue ich mich natürlich an den brillanten Essays von Thomas Assheuer, an den klugen Literatur-Analysen von iris Radisch und Ijoma Mangold – und diese (mit etlichen anderen) Autoren sind es, die mich nach wie vor als ZEIT-Leserin bei der Stange halten und jeden Donnerstag mit Freude auf die neue ZEIT warten lassen. Trotzdem die Frage: aus welchem Grund sollte man Glossen und Artikel publizieren, die ganz offensichtlich der Diffamierung von Menschen dienen, die sorgfältig darauf achten, wie Sprache gebraucht wird und darauf hinweisen, dass der Sprachgebrauch sehr viel mit Machtmissbrauch zu tun hat? In meinem Freundeskreis jedenfalls werden Artikel wie derjenige von Joffe doch sehr kritisch gesehen. – Prof. Dr. Eva Jaeggi

 

Trauriger Rekord an Übereinstimmung mit der alten Adorno – Weißheit „Es gibt nichts Richtiges im Falschen“. Und für das Falsche lieferte Phönix (German television proudly presents) kürzlich ein Beispiel unter der Überschrift „Antike – die Geburtsstunde der Zivilisation“.Als wissenschaftlicher konsenz wurde presentiert, dass die ersten Städte der Menschheit in Mesopotanien -4000 Jahre vor unserer Zeitrechnung – an inneren Unruhen (Bürgerkrieg) aufgrund zu großer sozialer und materieller Unterschiede zugrunde gegangen sind. Wir haben also seit 6000 Jahren nichts dazugelernt! Und ist es nicht gerade der „Liberalismus“ der die Unterschiede immer wieder feiert? Sie können gar nicht groß genug sein. – Dieter Herrmann

 


 

 

Leserbriefe zu „Das rechnet sich“ von Mark Schieritz

 

Vielen Dank für den sehr lesenswerten Leitartikel. Ich verstehe Ihre Punkte. Sie schreiben auch das folgende. „Wer bezahlt, der bekommt eine Gegenleistung. In diesem Fall besteht die Gegenleistung darin, dass in Deutschland Arbeitsplätze gesichert werden….“ Karl Valentin z.B. würde daraus sicher einen Sketch machen können. Wir bezahlen, um Arbeiten zu dürfen. Ich finde das witzig. Unterm Strich jedoch finde ich die Massnahmen schweren Herzens richtig. Ich hoffe die Saat geht auf. Bauchschmerzen bereitet mir die sehr schwache Rechtsstaatsklausel. Vor dem Hintergrund der hohen Transfers sollten wir uns meiner Meinung nach aber in Deutschland keine Rentenkürzungen, Steuererhöhungen, Dienstpflicht oder andere Beschwernisse mehr zumuten lassen. Das sollte Teil des ungeschriebenen Abkommens sein. – Marko Becker

 

Mark Schieritz entgegnet auf das Argument von Kritikern der Entscheidungen des EU-Gipfels, die Deutschen, die Österreicher, Dänen und Niederländer würden mit den Milliarden nicht rückzahlbarer Zuschüsse am Ende wieder für Italien bezahlen, mit einem irritierend schrägen Hinweis. Wir würden schließlich auch für ein Mittagessen, einen Urlaub und ein paar Schuhe bezahlen. Dann haben wir aber einen Gegenwert! Welches soll der Gegenwert für die über 100 Milliarden Euro sein, die Deutschland in den Geschenktopf von 390 Milliarden einzahlt? Die Antwort des Autors: Italiener können davon wieder deutsche Autos kaufen und hiesige Arbeitsplätze erhalten. Was ist das für eine Rechnung? Ich gehe in ein Restaurant, esse ein Menu und der Wirt bezahlt, damit sein Koch Arbeit hat?

Mit diesen Milliarden könnten eine Millionen Arbeitsplätze einige Jahre erhalten werden auch ohne den Umweg über Italien, Spanien etc. Dass sie zurück nach Deutschland fließen und Österreich etc. ist pure Spekulation. Es sind Steuermilliarden, die von allen aufgebracht werden. Kein Wunder, dass die Autobosse und Wirtschaftsverbände anderer Branchen nichts dagegen haben. Sinnvoll wären diese geschenkten Milliarden eingesetzt, wenn ihre Vergabe ausschließlich an Zukunftsprojekte, Umstrukturierung der Wirtschaft, Bildungsprojekte, Forschung und Entwicklung gebunden wäre und nicht für Konsum (Autos) verpulvert werden dürften. – Dr. Uwe Cardaun

 

lassen Sie mich genau so direkt und pauschal antworten wie Herr Schieritz titelt: Das ist Unsinn. Nach Schätzungen der Bank Credit Suisse(Stand Mitte 2019) beträgt das durchschnittliche Vermögen pro Erwachsenem (Geld, Immobilien, Aktien): 1. Wert Median, 2. Wert arithmetischer Mittelwert Italien 91.889 € 234.139 €, Spanien 95.360 € 207.531 € Deutschland 35.313 € 216.654 € Es ist mir ein Rätsel, wie solche Zahlen, zu dem Schluss führen können, Deutschland müsse Italien Geld schenken. Italien agiert nach dem Prinzip armer Staat, reiche Bürger. Eine Schuldenunion ohne eine Angleichung der Steuer- und Sozialsystem funktioniert nicht! Ich schenke jemandem Geld, dass er bei mir einkaufen kann. Nein, das ist vollkommen verfehlt. Das entfacht vielleicht ein Strohfeuer, aber das war es dann. Es ist doch so, Herr Schieritz, wofür die beschenkten Länder das Geld hernehmen, ist diesen freigestellt.

Italien hat sich vehement gegen diesbezügliche Auflagen gewehrt. Die Regierung könnte die Renten erhöhen oder Steuern senken, alles, was eine Wiederwahl sichert, aber zu keiner nachhaltigen Verbesserungen der Leistungsfähigkeit führen. Eventuell sinnvoll wäre gewesen, eine Verpflichtung, unsere Außenhandelsbilanz mit anderen EU Staaten ausgeglichener zu gestalten. Leider ist der deutsche Wirtschaftsjournalismus mehrheitlich zu einem vor allem moralisch, zeitgeistpopulistisch argumentierenden Schatten seiner selbst degeneriert. Dafür fehlt mir jegliches Verständnis. PS: Letzte Woche hatten Sie ein ein sehr gutes Interview mit dem Ökonomen Werner Issing im Blatt. Das weckte in mir die Hoffnung, dass ich die ZEit noch eine Weile lesen könnte. Da habe ich mich wohl getäuscht. Vermute, Postionen, wie sie Issing vertritt, werden in der ZEIT bald nicht mehr veröffentlicht, sind sie doch denen Ihrer Wirtschaftsredaktion diametral entgegengesetzt. Und ich werde mein Abo nicht fortsetzen können. – Dietmar Baier

 

Die Zeilen von Herrn Schieritz sind sicherlich gut gemeint und sollen wohl so manchen beruhigen, dem es bei den in Brüssel verhandelten EU-Milliarden schwindelig wird; waren doch vorher kaum wenigen Millionen möglich, wenn es Verbesserungen im Schulwesen ging. Was ja nun zweifelsfrei eine Investition in die Zukunft bedeutete. Also, den Optimismus, dass die von der EU aufgenommenen Kredite dann auch bald wieder zurückgezahlt werden, den teilen durchaus nicht alle. Dann doch wohl eher Rückkauf von Kreditforderungen durch die EZB. Die Schulden lassen grüßen.

Worauf sollen wir uns eigentlich einlassen, wenn Herr Schieritz schreibt. „Es wäre nicht das erste Mal, dass Milliarden aus Brüssel versickern“ ? Darauf, dass die Überwachung der Verwendung der Hilfsgelder sowieso nicht klappen wird, weil Herr Conte und Verbündete das kategorisch ablehnen? Also schon hier: Ende der Europäischen Solidarität, die natürlich immer von den anderen kommen muss ! Und die Vorstellung, dass die die zahlen, auch etwas zurückbekommen, nämlich in Form gekaufter Produkte, können wir getrost dahin gehen lassen, denn im Moment schauen unsere italienischen Partner eher in Richtung “ihrer neuen besten chinesischen Freunde“. Aber wir wollen auch die Empfänger von Hilfen nicht lediglich als Märkte für unsere Produkte behandeln – oder ? Es könnte da die Erinnerung an die neuen Bundesländer hochkommen. Das wäre dann auch zu kurz gegriffen!

Es führt eben kein Weg daran vorbei, dass die Hilfen nur dazu dienen können, die Wirtschaft jedes Euro-Landes in Richtung Konkurrenzfähigkeit für den Weltmarkt zu entwickeln und die dafür notwendigen Strukturen in Verwaltung und Gemeinwesen zu schaffen. Hier muss aber jedes Land seinen eigenen, eventuell schmerzhaften Beitrag leisten. Davon ist bei den gegenwärtigen Brüsseler Gesprächen noch wenig zu hören. Und zurecht haben die anfangs gescholtenen Länder mit dem Label „ die Sparsamen“ die Zweckbindung und Kontrolle der EU-Hilfen in den Mittelpunkt etwaiger Einigung gerückt. Denn es wird nur mit dem bewährten Prinzip „Fördern und Fordern“ gehen, mit dem in der Welt schon viel bewegt wurde. – Alfred Walter

 

Hier wird eine sehr erstaunliche Rechnung aufgemacht. „Wer bezahlt, der bekommt für sein Geld eine Gegenleistung“, zum Beispiel ein Paar Schuhe. Nur, wer Arbeit bekommt (die Deutschen), musste nach meinem bisherigen Verständnis nicht dafür bezahlen, sondern wurde bezahlt. – Frank Lamprecht

 

Und ob sich das rechnet! Zuerst arbeiten wir (und die geizigen Fünf), um ein Produkt herzustellen und es zu verkaufen. Das erlöste Geld verschenken wir und stellen dann wieder ein Produkt her, welches der Beschenkte kauft. Die Arbeit verteilt sich einfach statt 1:1 jetzt 2:0. Da rechnerisch das gleiche Ergebnis erzielt wird, ist das die neue Volkswirtschaftslehre und alle (?) freuen sich. – emer. Prof. Werner Koetz

 

In der Zeit vom 24.07.2020 schreiben Sie auf der Titelseite u.a. „Natürlich bezahlen wir, aber wir bezahlen auch für ein Mittagessen, einen Urlaub oder ein Paar Schuhe. Wer bezahlt, der bekommt für sein Geld eine Gegenleistung. In diesem Fall besteht die Gegenleistung darin, dass in Deutschland Arbeitsplätze gesichert werden, wenn die Italiener dank der Aufbauhilfe ihre Märkte offen halten und wieder mehr deutsche Autos kaufen. Vielleicht sogar elektrische.“ Wenn dies das neue Geschäftsmodell sein soll, bleibt nur zu hoffen, dass es in Washington und Peking nicht bekannt wird. Denn in die USA und nach China verkaufen deutsche Autohersteller sicher mehr Autos als nach Italien, sodass mit deutlich höheren Forderungen zu rechnen wäre. – Manfred Wiech

 

EU auf dem Prüfstand.Auch, wenn man notgedrungen und unter vielen Zugeständnissen, die teilweise sachlich begründet wurden, teilweise einfach Ausnutzung des Zwanges der Einheitlichkeit waren, einen noch zustimmungsbedürftigen Kompromiss bei den Corona-Hilfen gefunden hat, zeigt sich die Unbeholfenheit der EU-Konstruktion deutlich. Gleiches gilt entsprechend für die nicht endenden Migrationsverhandlungen. Bei noch dringenderen Themen, etwa einem militärischen Einsatz, wäre sie desaströs. Eine Union, die aus idealistischen und strategischen Erwägungen schnell vergrößert wurde (Ausweitung nach Osten) und ggf. weiter wird, die aber noch nicht einmal imstande war, sich eine Verfassung zu geben, ist und bleibt ein zahnloser Tiger. Dass Groß-Britannien sie verlässt, weil es schlicht seine eigene Suppe kochen will, ist unschön, vor allem in finanzieller Sicht, vielleicht aber besser als ständig einen Quertreiber mitzuschleppen.

Auch, wenn Herr Schieritz richtig meint, dass sich der Corona-Deal für Deutschland lohnt, es ist der falsche Ansatz, dass er sich lohnen muss. Es kann nur eine „Europäische Union“ in der Welt eine Rolle spielen, die sich ihren einheitlichen und gesetzten Werten vor allem Anderen verpflichtet fühlt, sich also auch zu einer Verfassung durchringen kann, und die darüber hinaus eine höhere Integration will und zulässt, also eher i.S. Bundesstaat als Staatenbund. Das bedeutet vor allem eine Vereinheitlichung des Finanz-, Steuer- und Sozialsystems sowie des Militärs. Staaten, die diesen Integrationsschritt nicht mitgehen wollen, könnten als EU-Partner ähnlich der heutigen Gegebenheiten angebunden bleiben. Also eine EU der zwei Geschwindigkeiten, was verschiedentlich schon vorgeschlagen war.

Für die „Kern-EU“ wäre auch an eine Demokratisierung im Sinne einer realen Gewaltenteilung unter einer sich gegebenen Verfassung zu denken. Wenn die EU, die ja wirtschaftlich noch einen Weltfaktor darstellt, auch politisch ernst genommen werden will, muss sie es aufgeben, in alten Staaten zu denken und aus einer Hand sprechen können. Aus der EU-Kommission ist eine EU-Regierung zu entwickeln. Den alten Staaten bleibt die Hoheit über (ehemals) innenpolitische und infrastrukturelle Aufgaben. Wird diese Richtung nicht eingeschlagen, wird die EU zur Freude der Weltmächte in den Status eines „Drittlandes“ zurückfallen. – Wolfgang Clausmeyer

 

Herr Schieritz vergleicht die überbordende Schuldenaufnahme der EU, die früher oder später zu höheren Steuern führen wird, und die Einführung von EU-Steuern mit dem historischen Fortschritt durch die französische Revolution und die Boston Tea Party. Diese beiden historischen Ereignisse waren nicht zuletzt gegen wachsende obrigkeitliche Besteuerung ohne demokratische Mitbestimmung gerichtet. Bei den üppigen Mitteln, die der EU nun zuwachsen, wurde leider ebenfalls unterlassen, das Volk durch allgemeine und gleiche Repräsentation an der Entscheidung über Steueraufnahme, -verteilung und –verwendung zu beteiligen.

Der Gipfel wurde durch den Zwang zur Einstimmigkeit erpresst und im Europaparlament sind Deutsche deutlich unterrepräsentierte Bürger zweiter Klasse. Es wird durch die Beschlüsse Geld großzügig an Staaten verteilt, deren Bürger im Durchschnitt deutlich mehr Vermögen haben als wir Deutschen, die aber nicht so viel Steuern zahlen wollen. Hoffentlich führt diese Gemengelage nicht eines Tages zu einer Berlin Tea Party! Es hat im Neuen Deutschland nicht an unkritischen Jubelmeldungen gefehlt, dennoch ist die DDR untergegangen. – Benno Blessenohl

 

Immer wieder dieses volkswirtschaftliche Mantra, dass Deutschland Steuergelder herschenken muss, um seine Exporte zu stützen. Abgesehen davon, dass Italien & Co niemals Geld nach außen geben würden – sie sind gegenüber anderen geiziger als die Sparsamen – und trotz eigener Exportabhängigkeit dies auch nicht für nötig halten, solange sich „Gutstaaten“ finden lassen, die per Überweisung dies mitfinanzieren. Deutschland als Finanzier der eigenen wie der konkur- rierenden Exportwirtschaft. Gutmenschlicher geht‘s nicht! Dass parallel dazu von deutschen Touristen Abermilliarden Euro sowieso nach Italien, Spanien, Griechenland verbracht werden, wird auch in journalistischen Kreisen unter der Decke gehalten. Warum eigentlich? Vielleicht, weil sonst die innerstaatliche Begründung “Stützung des Exports“ absurd würde?

Oder gar die Forderung aufkommen könnte, die Urlaubsländer müssten im Gegen- zug ihr diesbezügliches wirtschaftliches Interesse mit Zahlungen an Deutschland fördern? Mir als Nicht-Wirtschaftswissenschaftler erschließt sich auch nicht, warum es besser sein sollte, deutsche Steuergelder in die Urlaubsregionen zu schicken – unverbindlich und keinesfalls mit der Auflage, dafür deutsche Waren zu kaufen! – statt mit diesem Geld z.B. das Einkommen der wich- tigen, aber schlecht bezahlten Pflegeberufe anzuheben. Im letzteren Fall würde das Geld ganz sicher in der heimischen Wirtschaft landen. Denn ein anderes und für mich viel plausibleres Theorem sagt, dass ein starker Binnenmarkt stabiler und leichter zu steuern ist als ein Exportmarkt (siehe USA). Bliebe als Zahlungsmotivation noch der suggerierte deutsche Reichtum. Doch auch dessen Stichhaltigkeit gelingt nur, wenn einige Wahrheiten unter den Teppich gekehrt werden:

– dass der italienische Privathaushalt im Durchschnitt mehr Vermögen besitzt als der deutsche. – dass vor dem griechischen Finanzdesaster noch der Spruch galt, Athen sei die europäische Großstadt mit der höchsten Porsche-Dichte. Und sicher wegen übergroßem Reichtum lehnte Griechenland Steuerzahlungen seiner Reeder ab. – dass in Frankreich manche Berufsgruppen mit 55 Jahren in Rente gehen können, von Privile- gien anderer Berufsgruppen und den grundsätzlich höheren Sozialleistungen ganz abgesehen. Ist es ein solidarischer Akt, wenn darum dem deutschen Privathaushalt unnötig hohe Steuern abgeknöpft werden (der deutsche Staat ist reich, weil …), damit “Erzengel“ Merkel deutsches Geld über Italien herabregnen lassen kann, und die italienische Regierung dieses Geld nicht etwa von ihren wohlhabenden, aber streitbereiten(!) Bürgern einfordern muss? Macron gelingt es nicht, in Frankreich die unhaltbare Finanzierung der 55-jährigen Jungrentner und anderer überbordender Wohltaten abzuschaffen – sonst droht die Wiederholung von 1789. Auch da ist es solidarischer, 66-jährige deutsche Arbeiter/innen länger in die Hände spucken zu lassen und mit deren Steuerzahlungen Frankreich um drei Ecken versteckt zu unterstützen. Seit Charles de Gaulle hat noch jeder französische Präsident die Staatsraison befolgt, Frankreich vor Nettozahlungen an die EU zu bewahren!

Dies zu beeinflussen gelingt am besten, wenn man selber die EU-Reformvorschläge einbringt und sie vorher “passend“ gemacht hat. Wer stößt die meisten Reformen an? Doch wessen Beiträge steigen kontinuierlich? P.S. Als langjähriger ZEIT-Leser kann ich eine Karikatur in der ZEIT nicht vergessen (Murschetz vermutlich), die während der Kanzlerschaft Helmut Schmidts entstand. Da wurden die sechs EWG-Chefs dargestellt wie Atlas, der die Welt trägt. Helmut Schmidt, Giscard d’estaing und Co trugen gemeinsam, mit strammen Muskeln, das Gebäude Europa. Doch nur beim französischen Präsidenten erlaubte sich der Zeichner, einen kleinen Lichtspalt zwischen den Händen und dem Tragebalken zu lassen. Damals grübelte ich über die für mich nicht erkennbare Pointe, und über das vergebliche Nachdenken brannte sich das Bild ins Gedächtnis. – Ernst Kaffanke

 

Ich habe keine Zeit und Lust, mich inhaltlich mit Ihrem Leitartikel auseinanderzusetzen. Sie sollen nur wissen, dass ich einen solch schwachen, von wenig Sachkenntnis gekennzeichneten Leitartikel nie in der ZEIT für möglich gehalten hätte. – Reiner Krug

 

Woraus muss das Fundament einer menschlichen Gemeinschaft bestehen? Diese Frage sollten sich die Vertreter aller EU-Mitgliedsstaaten, aber auch ihre (wahlberechtigten) Bürger und Bürgerinnen ernsthaft stellen. Eine Gesellschaft ohne eine immaterielle Wertschätzung, in der zwar Frechheit, nicht aber Rechtsstaatlichkeit und Fairness weiterkommen, wird käuflich bleiben, wird stets dem unbilligen Argument des Geldes folgen. Doch die Fliehkräfte dieser Argumentation, die bestenfalls kurzfristig, keinesfalls jedoch ursächlich greift, verwässern und verwirken sinngebende und zielgerichtete Motivationen und nachhaltig verbindende Gemeinsamkeiten. Die Grundmauern der EU sind inzwischen übermäßig belastet und brüchig geworden, weil notwendige Reparaturen und Investitionen nicht mehr mit der wertvollsten Währung bezahlt werden (können):

Vertrauen; basierend auf der Unveräußerlichkeit eines gemeinsamen Wertekanons. Der (Er-)Kenntnis, dass die EU von einem großen Gedanken zwar leidlich gehalten, dieser jedoch seit geraumer Zeit mitnichten verbindlich geteilt wird, entwächst in der europäischen Gegenwart allein jenes stillständige Verantwortungsgefühl, die Gemeinschaft nicht (auch) formal beenden zu wollen. Das dürfte zumindest den verhandelnden Politikern durchaus klar sein. Indes, wer jetzt nicht die Kraft aufbringt, zumal vor dem Hintergrund globaler Relevanzen und Perspektiven, klein beizugeben und somit die Union auch innerlich wieder groß zu machen, rüttelt weiter am erodierenden Fundament des alten Kontinents. Kurzum: Das europäische Glas Wasser betrachte ich vorwiegend als ein halbleeres; es hat zwar gewiss Luft nach oben, aber eben auch schon etliche Krakelees (Risse). Zudem werden die Herren Orban und Morawiecki für die Rechtsstaatlichkeit in ihren Ländern ob der bemerkenswerten Interpretationsvolatilität des EU-Gipfelpakets zukünftig kaum angemessener Sorge tragen. – Ira Bartsch

 


 

 

Leserbriefe zu „Nach euch die Sintflut?“ Streit von Franziska Heinisch und Winfried Kretschmann

 

Solidarität als Geldgeschenk gibt es nur innerhalb von Recht und Guthaben, hier also nicht, da die BRD über die bis zum Ende des Gesetzgebungszeitraums 2021 zu erwartenden Einnahmen bereits verfügte. Heutige Machthaber dürfen künftigen Wählern mittels Kredit auf ihre Leistung nichts ungefragt wegnehmen. Die Zwangslage der jetzt Minderjährigen ist alternativlos bei ihrer Beraubung; sie können, außer durch Auswanderung und Freitod, die Schuldenerbschaft nicht ausschlagen. Es gibt kein Entrinnen für die junge Generation eines Schuldenstaats, sie muß für die Verbindlichkeiten ihrer Vorfahren einstehen, in Armut, Massenelend, Hungertod und Währungskrach. Dieser finanzielle Kindesmißbrauch steht in seiner Sittenwidrigkeit mit dem sexuellen auf der gleichen niedrigsten Stufe, er beraubt Kinder für Erwachsenenzwecke der Menschenwürde. Staatsgewaltausübung ultra tempus ist also genauso verfassungswidrig (Hochverrat) wie ultra vires und nur ihr zeitlicher Unterfall. – Claus Plantiko

 

Als ich das Streitgespräch zwischen Franziska Heinisch und Manfred Kretschmann las, kam mir die Situation im Ruhrgebiet in den 1960er Jahren in den Sinn: Damals wurden Milliarden investiert, um den – jedem klar denkenden Menschen unabweisbar vor Augen stehenden – Niedergang der traditionellen Steinkohle- und Stahlindustrie abzuwenden. Den um ihre Arbeitsplätze bangenden Menschen wurde von Politikern wie Kretschmann vorgegaukelt, es würde um sie „gekämpft“, anstatt ihnen die Wahrheit zu sagen und auf zukunftsträchtige Beschäftigungen vorzubereiten. Das Ende ist bekannt: Die einstige Wohlstandsregion versank im Elend, zukunftsorientierte Bundesländer (wie etwa Bayern) erlebten einen grandiosen Aufschwung.

Franziska Heinisch hat also Recht, wenn sie darauf hinweist, dass auch heute wieder ein – diesmal durch die Klimakrise unausweichlich gewordener – Strukturwandel allenfalls verzögert, nicht aber verhindert werden kann. Und dem selbst ernannten Obergrünen Manfred Kretschmann möchte man Albert Einstein in Erinnerung rufen, der erkannte, „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind!“ Bemerkenswert, dass sich der auf seine Lebenserfahrung berufende Manfred Kretschmann in diesem Sinne von einer jungen Studentin belehren lassen muss… – Dr. Wolfgang E. Fischer

 

Als Baby-Boomer mit Kindern im Teenageralter macht mir das Streitgespräch von Franziska Heinisch mit Winfried Kretschmann schmerzlich den Zustand deutlich, in dem wir uns politisch befinden. Der grüne Ministerpräsident verweigert die politische Mitarbeit bei der Suche nachhaltiger Lösungen für existentielle Problemstellungen im Klimaschutz. Während Frau Heinisch beeindruckt, indem sie gleichzeitig souverän, sachlich und provokant sowohl Probleme als auch Lösungsansätze in die Zukunft gerichtet beschreibt, ist bei Herrn Kretschmann die Verzweiflung überdeutlich, sein politisches Dasein nicht zu riskieren. Leider verpasst er vollständig die Gelegenheit, die Vorbehalte der sachlich-kritischen jungen Generation gegenüber der älteren zu relativieren und damit die Herausforderungen der Zukunft als gemeinsame Aufgabe der Generationen zu verstehen.

Statt dessen erfüllt er alle Klischees. Eine intelligente Jugend, die den kritischen Diskurs aufgenommen hat, wird Herr Kretschmann nicht wieder los, indem er den weisen Lehrmeister gibt, in der Vergangenheit nach fremden Federn für seinen Hut sucht, polemisch ist, Phrasen drischt, oder den zu recht kritisierten Status Quo verteidigt. Die Jugend ist davon zu Recht nicht beeindruckt. Aber nicht nur ihr stellen sich vernünftige Fragen zu einer gesellschaftlich zeitgemäßen Automobilindustrie. Schafft die Politik die richtigen Anreize, wenn Sie undifferenziert Unternehmen mit Steuermitteln versorgt, die, wie zum Beispiel der Volkswagenkonzern mit seinen Marken Bentley, Bugatti, Lamborghini oder Porsche, Lifestyle-Produkte für wohlhabende Kundengruppen zu Lasten der Umwelt herstellt? Ich halte es für vertretbar, diese und vergleichbare Teilnahmen anderer Firmen am freien Markt vollständig dem unternehmerischen Risiko auszusetzen, und statt dessen die politischen Privilegien und die Beiträge der Steuerzahler*innen dafür einzusetzen, neue Arbeitsplätze in Unternehmen zu schaffen, deren Output der Allgemeinheit nutzen. Da bin ich ganz bei Frau Heinisch. – Uwe Christoph

 

Das Streitgespräch zwischen Frau Heinisch und Herrn Kretschmann macht mich schlicht fassungslos. In fast lehrbuchhaft paternalistischem Tonfall versucht er, sein politisches viel-zu-wenig-handeln zu verteidigen und klingt dabei gleichzeitig wie ein weinerlicher Bub, dem man am Strand die Sandburg kaputt gemacht hat. Frau Heinisch spricht von Ängsten, die ihre Generation hat, darauf geht er kein bisschen ein – klar, er muss ja auch keine Angst haben, bevor die Klimakrise richtig eng wird, ist er vermutlich längst tot. Die größte Enttäuschung ist für mich aber der Schlusssatz, als er Frau Heinisch „Viel Kraft“ für ihre Herausforderungen wünscht. Viel Kraft??!??!! Ich hab mich ja wohl verlesen! „Und ich werde Sie nach Kräften dabei unterstützen“ wäre die Antwort gewesen, die ich mir von einem (grünen) Ministerpräsidenten (!!) an dieser Stelle erwartet hätte! Das ist der Gipfel der Herablassung und ich bin einfach nur fassungslos! Ich bin überzeugte Grün-Wählerin, aber würde ich in BaWü leben, wüsste ich jetzt nicht mehr, ob ich dieser Partei meine Stimme geben wollte. – Claudia Kettenhofen

 

Unfassbar was hier aus dem Mund eines Grünen-Politikers zu hören ist. Die Positionen von Herrn Kretschmann erscheinen mit starr und rückwärtsgewandt, er sonnt sich lieber in früheren Erfolgen, statt in die Zukunft zu blicken. Er ist doch der Ministerpräsident, der Entscheidungen fällt und Entwicklungen in die Wege leiten kann. Aber da fiel ihm vor kurzem leider nichts Anderes ein, als sich auf Seiten der Autobranche für eine weitere Abwrackprämie stark zu machen. Während Frau Heinisch sehr sachkundig argumentiert, die wunden Punkte benennt und konkrete Vorschläge macht, antwortet Herr Kretschmann ausweichend und floskelhaft. Außerdem führt er kein Gespräch auf Augenhöhe, sondern sieht doch als erfahrener Mann auf die junge Frau herab. Ich gehöre übrigens nicht zur Altersgruppe von Frau Heinisch, sondern zu der von Herrn Kretschmann. – Renate Bachschuster-Greßmann

 

Studentin beklagt, Ministerpräsident hält dagegen. Bereits die zusammenfassende Überschrift beschreibt, wie heutzutage Diskussionen zwischen den Generationen geführt werden, in denen es eigentlich darum gehen sollte, etwas weiterzuentwickeln. Frau Heinisch wird hier vom mürrischen Ministerpräsidenten sofort in eine Rolle gedrängt, die besagt, Mädel schulmeistere mich (uns) nicht und erhält ein geheimnisvolles „Ich weiß schon was ich tue“ und nun ab wieder auf die Hochschulbank und schön lernen.

Hierbei übersieht der Ministerpräsident, dass Frau Heinisch in dieser Zeit durch die Politik von heute geradezu gezwungen wird, die Methoden des Design Thinking anzuwenden. Er bestärkt Sie noch, indem er ihr keine neuen Entwicklungsziele aufzeigen kann, nur ein „weiter wie bisher“. Altersgerecht störrisch erscheint dieses Verhalten. Wirkt jedoch sehr ratlos. Es freut mich, dass Frau Heinisch trotz dieser Situation, für mich wäre sie unangenehm, Herrn Kretschmann genau zugehört und hieraus ihre Standpunkte und Argumente dargestellt hat. Doch eine Frage habe ich. Wenn jemand aus ihrer Partei die besten Argumente dazu hätte, dass das Studienfach, was sie belegt hat schädlich ist, würde sie dieses vernünftiger Weise sofort aufgeben und etwas neues lernen? Und um die Frage noch zu verschärfen, dies gedacht im Alter von 40 oder 45 Jahren? Denn lebenslanges Lernen ist bewiesen und wichtig.

Muss ich meinen Arbeitsweg von 33 Kilometern (ein Weg) in dicht gedrengten Menschenmassen in Zügen und Bussen zu Zeiten von Infektionsgefährdung trotzdem zurücklegen? Oder soll ich meinen Beruf aufgeben und auf ein Arbeitsfeld umschulen, dass mir evtl. die Möglichkeit gibt, meine Arbeitsstätte zu Fuß bzw. mit dem Fahrrad erreichen zu können? Vielleicht ja auch nur noch aus dem Homeoffice heraus, Kranken-/ Altenpflege, Feuerwehr, Rettungsdienst oder Lebensmittelverkauf macht dann jemand anderes. Verkehrskonzepte neu zu Denken in diesen Zeiten bleibt sicher notwendig und gleichzeitig sollte man nicht störrisch sondern wirklich innovativ sein. Auch von Frau Heinisch vermisse ich eine Konkretisierung. So kommen wir nicht weiter Frau Heinisch und Herr Kretschmann. Denken Sie weiter und bringen Sie das stagnierend und wachsend wirkende Mindsetting einander näher. – Thorsten Kraatz

 

Ach wie flüchtig, ach wie nichtig ist der Menschen Leben! Wie ein Nebel bald entstehet, und auch wieder bald vergehet, so ist unser Leben, sehet! Ach wie nichtig, ach wie flüchtig sind der Menschen Tage! Wie ein Strohm beginnt zu rinnen und mit lauffen nicht helt innen, so fährt unsre Zeit von hinnen! Ach wie flüchtig, ach wie nichtig ist der Menschen Freude! Wie sich wechseln Stund und Zeiten, Licht und Dunckel, Fried und Streiten, so sind unsre Fröligkeiten! Ach wie nichtig, ach wie flüchtig ist der Menschen Schöne! Wie ein Blümlein bald vergehet, wenn ein rauhes Lüfftlein wehet, so ist unsre Schöne, sehet!

Ach wie flüchtig, ach wie nichtig ist der Menschen Stärcke! Der sich wie ein Löw erwiesen, überworfen mit den Riesen, den wirfft eine kleine Drüsen! Ach wie nichtig, ach wie flüchtig ist der Menschen Glücke! Wie sich eine Kugel drehet, die bald da, bald dorten stehet, so ist unser Glücke, sehet! Ach wie flüchtig, ach wie nichtig ist der Menschen Ehre! Über den, dem man hat müssen, hüt die Hände höflich küssen, geht man morgen gar mit Füßen! Ach wie nichtig, ach wie flüchtig ist der Menschen Wissen! Der das Wort kunt prächtig führen und vernünftig discurriren, muß bald alle Witz verlieren!

Ach wie flüchtig, ach wie nichtig ist der Menschen Tichten! Der, so Kunst hat lieb gewonnen und manch schönes Werck ersonnen, wird zu letzt vom Todt erronnen! Ach wie nichtig, ach wie flüchtig sind der Menschen Schätze! Es kann Gluht und Fluth entstehen, dadurch, eh wir uns versehen, alles muss zu trümmern gehen! Ach wie flüchtig, ach wie nichtig ist der Menschen Herrschen! Der durch Macht ist hoch gestiegen, muss zu letzt aus unvermügen in dem Grab erniedrigt liegen! Ach wie nichtig, ach wie flüchtig ist der Menschen Prangen! der im Purpur hoch vermessen ist als wie ein Gott gesessen, dessen wird im Todt vergessen! Ach wie flüchtig, ach wie nichtig sind der Menschen Sachen! Alles, alles was wir sehen, das muss fallen und vergehen: Wer Gott fürcht, wird ewig stehen! von Michael Franck (1609-1667), deutscher Kirchenlieddichter und Komponist. – Klaus P. Jaworek

 

Im Gespräch mit Winfried Kretschmann erwähnt Frau Heinisch sechsmal den Begriff „meine Generation“. Ich glaube, Frau Heinisch überschätzt sich, wenn sie der Ansicht ist, dass die Mehrzahl „ihrer“ Generation hinter ihr steht. Franziska Heinisch ist – Gott sei Dank – nur eine kleine Minderheit in „ihrer“ Generation. Das Gespräch macht mir sogar den baden-württembergischen Ministerpräsidenten sympathisch, der einst einer Partei angehörte, die mich und andere nach der Revolution in ein Bergwerk stecken wollte. Nun bin ich nicht im Bergwerk gelandet und Herr Kretschmann ist Ministerpräsident. Alles ist gut gegangen. – Rolf Schikorr

 

Einem führenden Grünen-Politiker wie Winfried Kretschmann stünde es gut zu Gesicht, das durchdachte und für Unternehmen sofort umsetzbare alternative Wirtschaftsmodell der Gemeinwohl-Ökonomie zu kennen, das Franziska Heinisch geduldig versucht, ihm zu erklären. Stattdessen behandelt er die klug und sachlich argumentierende junge Frau wie ein verträumtes Dummerchen. Die Fragen der ZEIT in Richtung „Sie waren ja auch mal jung, können Sie den Überschwang verstehen?“ unterstützen leider die arrogante Haltung des Politikers. Ein Lesetipp zum Nachsitzen für Winfried Kretschmann: „Gemeinwohl-Ökonomie“ von Christian Felber. Ein Einstieg auf dem Weg zum kompetenten Gesprächspartner mit jungen Aktivist*innen und mit UnternehmerInnen, die sich derzeit zuhauf auf diesen standardisierten Weg der Gemeinwohlorientierung begeben. – Claudia Mönius

 

Beim Gespräch der Studentin Franziska Heinisch mit dem grünen Ministerpräsident Winfried Kretschmann geht’s um gewichtige Fragen: Wie kann Deutschland seine führende Stellung als Export-Nation halten (und so Vollbeschäftigung sichern) und gleichzeitig ein Vorbild abgeben beim Stoppen (oder zumindest Begrenzen) des Klimawandels und beim Wahren der Menschenrechte? In der gleichen Ausgabe der Zeit ist zu lesen, dass in der Türkei fehlende Umweltauflagen, besseres Wetter und 71 Prozent tiefere Löhne bewirken, dass in Deutschland produzierte Kirschen doppelt so teuer sind, wie türkische Importware. Eines von vielen Beispielen dafür, dass die Zukunftsprobleme nicht einfach dadurch gelöst werden können, dass (wie Heinisch fordert) «Unternehmen verpflichtet sind, Gemeinwohlbilanzen zu erstellen.»

Angesichts der demographischen und ökonomischen Gräben innerhalb der Menschheit und angesichts der divergierenden politischen Schwerpunktsetzungen (Beispiele liefert u.a. die aktuelle Politik der Türkei, Chinas oder Brasiliens) ist der Pragmatismus Kretschmanns zur Absicherung des Erreichten nötig. Gleichzeitig sind aber auch viel grundsätzlichere Überlegungen nötig fürs Lösen von Aufgaben, die die Mitarbeit aller Staaten und Systeme herausfordern. Es geht dabei vor allem um Zielkonflikte, die gelöst werden müssen, um ein gemeinsames höheres Ziel, das gute Fortbestehen der Menschheit, zu erreichen. – Dr. tech. Gernot Gwehenberger

 

Nachdem wir seit Jahrzehnten einer Wirtschaft huldigen, die uns dahin gebracht hat, wo wir jetzt stehen, wäre es wirklich angebracht, dass „alte, eingefleischte“ Politiker wie Herr Kretschmann anfangen Leuten wie Franziska Heinisch zuzuhören anstatt sich beleidigt und trotzig zu zeigen und darauf hinzuweisen, was sie alles bereits geschafft haben. Ja, sie ist radikal in ihren Forderungen und ja, sie muss radikal sein in anbetracht der Situation, in der wir uns befinden. Es ist billig, das alte Argument hervorzukramen, dass man selbst in der Jugend radikal gewesen ist, und dass eine Wende, wie sie Franziska Heinisch fordert nicht zu machen ist. Gerade jetzt wäre der beste Zeitpunkt an den Stellschrauben zu drehen, die sich dadurch bieten, dass man am Geldhahn sitzt. Frau Heinisch hat recht: wir brauchen eine radikale Wende, was die Wirtschaft angeht: eine verpflichtende Gemeinwohlbilanz wäre ein guter Anfang. – Rut Kittel

 


 

 

Leserbriefe zu „Born to be laut“ von Marc Widmann

 

Der Beitrag deckt geistiges Brachland auf. Die Neigung sich durch Lärm groß zu fühlen erinnert mich an das Imponiergehabe von Schimpansen. – Iman Schwäbe

 

Ich möchte Ihnen danken für Ihren hintergrundstarken Beitrag zum Thema Motorradlärm. Sie beleuchten hervorragend dieses dunkle Kapitel deutscher „Ingenieurskunst“, Lobbyismus, unterwanderter Fachausschüsse und vermeintlicher Freiheitsliebe — ein Denkmäntelchen des Egoismus, wenn Sie mich fragen, für diese brüllende Minderheit. Dieses in der Szene tolerierte Verhalten wird sich ohne Denkanstoß Fahrverbot nicht ändern. Wo ich in den Medien noch Nachholbedarf sehe, und an der Stelle würde ich Ihnen ganz frech eine Rennradtour auf meine Hausstrecke, den Schauinsland bei Freiburg, an einem sonnigen Freitag nach Feierabend vorschlagen: Die Schäden der Lautstärke illustrieren Sie wenig. Und es wäre gerade gut diese den Gewinnen der Tuning-Branche gegenüber zu stellen. Wie viele Hausbesitzer im ländlichen Raum erleiden einen herben Wertverlust ihrer Immobilien und wie groß sind die schwer messbaren psychologischen Folgen an Mensch und Wildtieren!?

Sogar im Auto zuckt man bei manchem Überholmanöver zusammen. Die Situation in einem Schwarzwalddorf kann ich als Großstädter und Gelegenheitsrennradler nur erahnen. Es ist doch vermutlich besipiellos, dass sich aus kommunaler Ebene heraus eine Bundesratsinitiative entwickelt. Und das übersteigt jetzt den Rahmen des Artikels weit, aber weitergehend befürchte ich auch die Folgen des mangelnden Lärmregulierung innerhalb der Motorradszene. Wer laut ist gilt als stark und wild, unbezähmbar. Wer sich beim Lärmen nicht reinreden lässt, tut dies erfahrungsgemäß auch nicht im Fahrstil. Meine Erfahrung: Die Lauten überholen schneller, enger, risikoreicher. Das Ergebnis kann man sich dann regelmäßig am Straßenrand anschauen: Im besten Fall sind die Fahrer nur alleine verunglückt und haben niemanden verwickelt. – Florian Kraemer

 

ich bin sehr enttäuscht über Ihren Artikel zum Thema Motorradlärm. Sehr einseitig, das habe ich von DIE ZEIT nicht erwartet. Alle Motorradfahrer an den Pranger zu stellen, halte ich für unangemessen. Sie haben sich fast ausschließlich auf die Auspuffe der lautesten Bikes konzentriert, vor allem Harley. Nicht aber mit vielen Sportwagen, getunt und mit einem legalen Klappenauspuff ausgestattet. Seit fünf Jahren fahre ich Motorrad, eine leise Maschine, mit dem Fahrgeräusch von 79 dB(A). Ich bin oft im Schwarzwald, gleich um die Ecke und weiß, dass die Gemeinden keinen Lärm wollen, aber die Motorradfahrer schon, die Vernünftigen, die Meisten. Biker lassen viel Geld im Schwarzwald, mehr als Wanderer. Sie übernachten dort, gehen essen. Der Vorschlag der Gemeinden und der Biker sind Polizeikontrollen.

Diese gibt es ab und an, ja, aber viel zu wenige. Ich, die mehrere Tausend Kilometer im Jahr fährt, werde höchstens einmal im Jahr kontrolliert. Die meisten Motorradfahrer fahren vernünftig. Vielleicht interviewen Sie mal die Bürgermeisterin von Sasbachwalden im Schwarzwald. Sie wünscht sich Biker in ihrer Gemeinde, nur nicht die Lauten. Es gibt, wie in jeder anderen Sparte auch, schwarze Schafe, die sich nicht an die Vorschriften halten. Diese sind unter uns, Motorradfahrer, nicht erwünscht. Aber leider gibt es sie. Und diese sollen von der Polizei von der Straße geholt werden. Gegen zu laute Motorräder bin ich auch, es soll bei der Herstellung passieren, aber nicht gegen Fahrverbote. Diese werden schließlich auch nicht für Sportwagen verhängt. Und zum Schluss: Vielleicht sollten Sie einen Kollegen solch einen Artikel schreiben lassen, der selbst Motorrad fährt und eine Ahnung vom Motorrad fahren hat. – Marta Peterziel

 

Es ist schon erschreckend welche gesellschaftliche Grundeinstellung sich bei dem Klientel der in Ihrem Artikel beschriebenen Hersteller von After-Market Auspuffanlagen (aber auch leider mehreren Serienherstellern) offenbart. Es geht darum schlauer zu sein als der Gesetzgeber. Sieger ist, wer die Lücke findet und den Anderen dann legal den Mittelfinger zeigen kann. Man könnte natürlich auch mal kurz darüber nachdenken, warum es die Regulierungen gibt und was sie eigentlich bewirken sollen – einen fairen Umgang miteinander und den Ausgleich von Interessen. Dann könnte man auch die Negativspirale immer neuer Regeln und immer erbitterter Anfeindungen vermeiden. §1 STVO gibt da einen ganz hilfreichen Hinweis…

Was mich als passionierten Motorradfahrer aber am meisten enttäuscht ist, dass auch in der ZEIT wieder einmal keine Korrektur der öffentlichen Wahrnehmung erfolgt. Kein Wort darüber, dass es mindestens genauso viele rücksichtslose Autofahrer gibt, die mit Brülltüten nachts durch die Ortschaften schwadronieren. Der Klappenauspuff ist keine Erfindung der Motorradindustrie. Und leider auch kein Wort darüber, dass die weit, weit überwiegende Zahl der Motorradfahrer schon aus Eigenschutz ruhig und kontrolliert und ohne Geräuschbelästigung ihrem Hobby nachgeht. Wenn man die gefahrenen Kilometer zur Grundlage eines Vergleichs macht, ist der Anteil der Lärmbelästigung durch Motorräder sicher weit unterhalb der „Tuning“-Katastrophen von testosterongetriebenen 18 jährigen Autofahrern. Nicht nur weil der im Schnitt 50+ jährigen Harley-Fahrer mit Geltungsbedürftigkeit es im Jahr wohl nicht einmal auf die durchschnittliche Motorrad Laufleistung von ca 2500 km/p.a bringen dürfte. – Marco Lechner

 

Es ist unerklärlich wenn der Gesetzgeber es immer noch erlaubt, dass einige wenige, ewig Gestrige mit ihren Motorrädern ganze Landstriche und Städte tyrannisieren. Wir geben einerseits Milliarden für Lärmschutz aus und erlauben gleichzeitig, dass eine kleine testosterongesteuerte Minderheit das Bedürfnis nach Ruhe von vielen Menschen mit den Füßen tritt. Dass Verkehrsminister Scheuer hier wieder mal der PS-Lobby hinterherläuft, kann in diesem Land wirklich keinen mehr überraschen. – Oliver Breiter

 

Der in Ihrem Artikel beschriebene Irrsinn mit den überlauten Motorrädern ist mitnichten legal. Es gilt immer noch die Straßenverkehrsordnung, in deren § 30 Abs. 1 es unmissverständlich heißt: „Bei der Benutzung von Fahrzeugen sind unnötiger Lärm und vermeidbare Abgasbelästigungen verboten.“ Es wäre also durchaus angebracht und rechtlich geboten, gegen den ständig zunehmenden Lärmterror vorzugehen. Zumal das von vielen beanspruchte Grundrecht auf unbeschränktes Lärmen tatsächlich nicht existiert. – Dr. iur. Wolfgang Tzschaschel

 

Als jahrzentelanger überzeugter Zeitleser bin ich erschrocken über die geballte Ansammlung so vieler plakativer Klischees und Vorurteile in Ihrem Artikel. Ich bin nun seit über 40 Jahren überzeugter Motorradfahrer und finde weder mich noch einer meiner vielen motorradfahrenden Freunde und Bekannten in Ihrem Artikel wider. Zur aufklärenden Sachlage: der Sound eines Motorradmotors wird im Wesentlichen durch die Bauart des Motors bestimmt, nicht wie im Artikel dargestellt durch die „Tüten“(was weder ich noch meine Freunde so benennen). Es gibt Einzylinder, Zweizylinder, Dreizylinder, Vierzylinder, eher selten mal Sechzylinder-Motoren: Diese wiederum in Reihen-Vau_Boxer Anordnung etc.

Unter Helm wird`s übrigens immer laut, und zwar in erster Linie durch die Fahrtwindgeräusche, Motorgeräusche spielen eine Nebenrolle. Ich trage deshalb seit Jahren speziell angefertigte Ohrstöpel auch beim Autofahren mit meinem Cabrio. Ein Liste der Standgeräusche aktueller Motorräder habe ich mir erlaubt beizufügen. Darin erkennen Sie, dass gerade mal 22 % über dem von Ihnen erwähnten Wert von 95 dB (A) liegen. Das Fahrgeräusch meiner KTM 790 beträgt übrigens 77dB (A). kleine Anmerkung zum Nachdenken: für stihl Motorsägen gibt es im Werk einen speziellen Techniker, der sich um das Sounddesign kümmert! – Kurt Körner

 

Es ist die jahrelange Kumpanei zwischen Industrie und Politik die zu der Situation geführt hat. Es war zu erwarten, dass irgendwann ein nachhaltiger Protest der vom Lärm Betroffenen entstehen würde. Jahrelang hat der Staat und die EU ohne auf die Gesundheit der Bürger zu achten laute Fahrzeuge (das gilt auch für Sportwagen) für den Strassenverkehr zugelassen und eine pubertäre Gruppe von Lärmprotzern geschont. So wurden technische Standards unter Mitarbeit der Industrie so festgelegt, dass sie – vergleichbar dem „Thermofenster“ beim Diesel – zum trickreichen Umgehen geradezu eingeladen haben. Die Ausreden der Hersteller waren immer die gleichen: wir bauen was gefragt wird und wir halten die gesetzlichen Vorgaben ein.

Und wie bei der Dieselaffäre macht sich der Bund wieder einen schlanken Fuss: die Landkreise sollen besonders betroffene Strecken sperren oder der Besitzer eines Motorrades soll sich ein leiseres anschaffen. Die Mehrheit der Biker, die ihre Maschine so fährt, dass sie möglichst wenig Lärm macht, versteht das Anliegen der lärmgeplagten Bürger. Sie befürchten aber zu Recht, dass sie das Bauernopfer in einem Konflikt werden können, den die Masse nicht zu verantworten hat. Die Regeln für Abgas- und Lärmemissionen stellt die Politik auf. Sollte der Dieselskandal die Blaupause für die Lösung der zukünftigen Lärmkonflikte sein, dann wird Bürger und Biker allein gelassen werden. Die örtlichen Gerichte werden dann entscheiden, wann und wo welches Motorrad fahren darf. – Helmut Fehler

 

„…für sie ist die Lärmbelästigung ein Ausweis von Stärke und Dominanz.“ Über die Gründe, warum Menschen mit extra Lärm durch Wohngebiete fahren, bin ich mir nicht im Klaren. Gibt es da wissenschaftliche Untersuchungen? Wenn ich Ihre Aussage spiegle, kommt als Ursache Schwäche und Unterdrückung bei den Fahrern von lauten Motorrädern heraus. Stimmt das? – Wilfried Huber

 

Man könnte meinen, Motorradfahrer sind born to be blöd. Was treibt Menschen dazu, die akustischen Fürze ihrer Maschinen für wichtiger zu halten als ein entspanntes Miteinander mit möglichst wenig Lärm? Wer unbedingt „Sound rauslassen“ will, der soll das meinetwegen tun: in seinen vier Wänden (im Leerlauf aufdrehen, bis die Gläser in den Vitrinen scheppern…) Ansonsten: Silence is golden. Das gilt auch für Pannenminister Andreas Scheuer, der statt der Motorradlobby nach dem Mund zu reden, diesen besser hielte. – Eckhard Hooge

 


 

 

Leserbriefe zu „Der Widerspruchsgeist“ von Martin Spiewak und Jan Schweitzer

 

Sehr bedenklich sind Kekule’s öffentliche Bemerkungen zu Masken , die nicht nützlich sein sollten (Chinesen haben schon immer sofort Masken getragen). Bedenklich ist die Aussage zur Durchseuchung die besonders in England viel Unheil angerichtet hat. Am bedenklichsten aber die Aussage, dass ein angestecktes Kind für über 100 Tote verantwortlich sein könnte. Leider wurde Kekule nicht nach einem unerfüllten Lebenstraum gefragt und ich nehme an es ist die Schauspielerei. Vielleicht sollte DIE ZEIT einmal Wissenschaftler interviewen die es nicht nach öffentlicher Anerkennung verlangt. Wir schaden uns doch selbst mit unserer Gier nach der Person die gut aussieht, gebildet ist und gut reden kann. Bitte mal diejenigen nach vorne lassen, die ihre Arbeit einfach tun und oft kluger sind als diejenigen die das Rampenlicht suchen. – Marianne Werner

 

Sie mögen Herrn Kekulé nicht ganz so wie Christian Drosten? Kekulé hat doch sehr dezent die Schwächen an der Kinderstudie von Drosten kommentiert. Man muß doch nicht Virologe sein, um in diesem (wie auch in dem Fall Heinsberg) primär statistische Schwächen einer Untersuchung aufzudecken. In beiden Fällen ging es um die Frage, ob die unstrittige virologische Beobachtung bei einer Stichprobe (Sample) repäsentativ für eine Gesamtheit ist, für die man die eigentliche Aussage (These) machen möchte. Bei der Heinsberg-Studie Hendrik Streeck hatte die Art der Erstpräsentation ein Geschmäckle. Auch hier gab es interessante Beobachtungen, etwa, dass die Veranstaltung der Hotspot war – jedoch die Teilnehmer nicht vermehrt ihre Familienmitglieder angesteckt haben und Zahlen über die Ensteckungsfolgen.

Aber die Studie als repräsentativ für unsere Republik zu nehmen, würde kein Statistiker auf die Idee kommen. Bei Meinungsumfragen etwa wird filigran darauf geachtet, verschiedene Eigenschaften der Teilnehmer/innen zu berücksichtigen. Allein die katholische Prägung von Heinsberg bedeutet einen sog. Bias! Wobei Streeck vorsichtig war; die Studie wurde vielleicht durch die Medien zu sehr als repräsentativ verbreitet. Zu den Paper-Statistics: Die Heinsberg-Studie zählt 21(!) Autoren. Die werden also alle mit der Studie gezählt! Das wiss. Renommee auf der Veröffentlichungsstatistik aufzubauen ist umstritten. https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.05.04.20090076v2Wenn die Drosten-Kritik, nur wer selbst forscht darf Studien aus seinem Fach kommentieren/kritisieren, dürfte es keine Fachkritiker, auch keine Literaturkritiker geben. Das war eine fragliche Äußerung von Prof. Drosten. – Gerhard Schroeder

 

Ich gratuliere zu Ihrem Artikel, insbesondere die „Neu-Einordnung“ der gesellschaftlichen Funktion von Prof. Kekulé. Bravo ! Vermutlich sind Sie bei der Recherche zu dem Artikel selbst über die erstaunliche Karriere des Herrn „Professor“ Dr. Karl Lauterbach gestolpert. Über den Herrn würde ich mal gerne eine Einordnung lesen. Er hat sich weder habilitiert, noch -meines Wissens- jemals Studenten ausgebildet, von Doktoranden ganz zu schweigen. Seit fast dreißig (!) Jahren sitzt er formal auf dem Stuhl des Institutsvorstands eines Instituts, das er selbst mit Seilschaften gegründet und nur ein paar Monate geleitet hat. Praktisch keine wissenschaftlichen Publikationen. Keine Forschung. Keine Patientenversorgung. Nichts. Er hat wohl Epidemiologie studiert; dann kam die Vollbremsung. Seitdem nur Interviews und Schaumschlägerei. Eine Witzfigur in der Epidemiologenszene. Nur so eine Idee…. – PD Dr. Michael Rohe

 

Darf jemand wie Alexander Kekulé für die Wissenschaft sprechen? So die Frage, die Sie in Ihrem Beitrag unbeantwortet bleibt. Bei der Lektüre drängt sich mir der Eindruck auf, es werde hier der Versuch unternommen, mich bei meiner Urteilsfindung in eine ganz bestimmte Richtung zu lenken. Dafür einige Beispiele: •          Wenn Kekulé sich mit einem Appell an Kollegen, Wissenschaftler und Entscheidungsträ-ger wendet, man möge doch einmal darüber nachdenken, die Regeln guter Wissenschaft neu zu formulieren, fassen die Autoren deren Reaktion in dem Satz zusammen: „Ausge-rechnet der Kollege Kekulé mischt sich ein!“ Was soll das Wort ‚ausgerechnet‘? Und was heißt mischt sich ein? Sprache ist bisweilen verräterisch. •„Woher nimmt dieser Alexander Kekulé sein Selbstbewusstsein? •     Sind in Zeiten der Pandemie „Fachexperten“ gefragt, „oder ist das die Stunde von Ge-neralisten wie Kekulé, der nicht aktiv in der Forschung steckt“.

„Kekulé studierte nicht ein Fach, sondern gleich drei: Medizin, Biochemie und Philoso-phie.“ Macht ihn das etwa verdächtig? •„Das Verhältnis zwischen Alexander Kekulé und der etablierten Wissenschaft ist gestört.“ Was heißt etablierte Wissenschaft? Und was heißt gestört? Wer hat gestört? In diesem Zusammenhang wäre es vielleicht hilfreich, über einige grundsätzliche Fragen nachzu-denken: •Was erwarten wir von den Universitäten? Sind Universitäten nichts weiter als Ausbildungsstätten für Spezialisten? Für diese Experten, die immer mehr über immer weniger wissen? Messen wir deren Qualifikation an der Zahl ihrer Publika-tionen? Ist einer, der in wenigen Jahren 500 Veröffentlichen vorzuweisen hat, besser und mehr wert als der, der es nur zu 50 gebracht hat? Gibt es da vielleicht auch Unterschiede zwischen Geistes- und Naturwissenschaften?

Was ist Wissenschaft, was ihre Aufgabe? Ziel von Wissenschaft und Forschung ist es, Erkenntnis zu erlangen, Wissen zu vermehren. Dies aber nicht allein: es gilt auch, Wissen und Erkenntnisse zu vermitteln und Forschungsergebnisse in einem Gesamtzusammenhang zu betrachten und – immer auch das – es kritisch zu hinterfra-gen, permanent also die Frage: cui bono? Und: gehören solchen Fragen an eine Universität? Ist es Aufgabe von Professoren oder ist das das alleinige Metier von Wissenschaftsjournalisten? Wissenschaft dient der Wahrheitsfindung. Die alte Frage: „Was ist Wahrheit?“ setzt ein Nachden-ken über manche philosophischen Fragen voraus, die in zunehmendem Maße aus dem Blickfeld (zumindest des ‚mainstreams‘ moderner Wissenschaften) geraten zu sein scheinen.

Ein Wort zum Fächerkatalog der verschiedenen Studiengänge. Mein langjähriges Arbeitsfeld als Hochschullehrer lag im Bereich des Zusammenwirkens ökologi-scher und gestalterischer, kulturhistorischer und ästhetischer Aspekte in der Landschaftsplanung, also im Zusammenspiel natur- und geisteswissenschaftlicher Aspekte. Es schien mir stets wichtig, mich bei der Arbeit in Studienkommissionen und in Diskussionen über neue Studienpläne dafür einzusetzen, im Grundstudium der verschiedenen Fachrichtungen eine zweisemestrige Lehrver-anstaltung Philosophie einzuführen. Ich halte das für eine wichtige, ja, unverzichtbare Hilfestel-lung bei interdisziplinären Auseinandersetzungen. Die Frage „Was soll das denn?“ von naturwis-senschaftlich hochqualifizierten Kollegen allein beweist die Berechtigung einer solchen Forderung. Nach meiner Auseinandersetzung mit Ihrem Beitrag möchte ich die von Ihnen gestellte Frage (vermutlich im Gegensatz zu Ihnen) folgendermaßen beantworten:

Ich halte Herrn Kekulé für einen qualifizierten Wissenschaftler, und nicht, wie Sie glauben machen wollen, für einen Widerspruchsgeist oder Quertreiber. •Ich halte es für sehr positiv, dass Herr Kerkulé neben Medizin und Biochemie auch Philo-sophie studiert hat. •  Ich halte es nicht für verwerflich, wenn Herr Kekulé den Erfolg seiner Arbeit nicht mit Hun-derten von Publikationen nachweisen muss. •     In Zeiten wie diesen brauchen wir Generalisten wie Herrn Kekulé, die bei wachsendem, bisweilen kaum noch überschaubarem Detailwissen stets das Ganze im Blick haben. •       Der qualifizierte Sachverstand des Herrn Kekulé hat mir als medizinischem Laien die Prob-leme der Pandemie nachvollziehbar verdeutlicht. Ich halte die von ihm formulierten Ver-haltensmaßregeln nach wie vor für richtig und einleuchtend. Es wäre für uns alle hilfreich gewesen, wenn die Politik sich noch konsequenter an seine Empfehlungen gehalten hät-te, die für mich im Verbund mit den Aussagen seiner Fachkollegen eine Einheit bildeten.

Durch die Ausführungen Kekulé‘s ist mir deutlich geworden, wie verantwortungsbewusst, behutsam und konsequent zugleich, man mit diesem Virus umgehen muss, was sich in diesen Tagen durch die sich abzeichnenden Folgen des Ferntourismus im Flugreisever-kehr bewahrheitet. •    Die Antwort auf die von Ihnen gestellte Frage sollte deshalb lauten: Ja, er darf! Ich bin in dieser Krise froh darüber, dass wir im Zusammenwirken von Expertenwissen und Politik bisher den Schaden einigermaßen begrenzen konnten. Dazu haben Leute wie Alexander Kerkulé maßgeblich beigetragen. Ich finde es beschämend, ihn jetzt auf diese Art herabzuwürdigen. Das wird seiner Leistung und seinem Engagement nicht gerecht. – Prof. Dr. Hans Hermann Wöbse

 

Warum sollte Herr Kekulé nicht für die Wissenschaft sprechen dürfen? Was derzeit fehlt, ist der öffentliche kritisch-kontroverse Austausch von Wissenschaftlern zum Thema Covid 19. Prof. Drosten ist ein begnadeter Virologe, der noch dazu so kommunizieren kann, daß auch Nicht-Mediziner etwas verstehen. Aber: Er ist Virologe. Und die Festlegung von staatlichen Maßnahmen gegen die Pandemie mit Corona ist keine medizinische, sondern eine politische Aufgabe. Würden wir uns bei der Diskussion über die Einführung von Tempo 30 in Innenstädten einen begnadeten Abgasregulierungselektroniker als maßgebenden Berater der Politik wünschen? – Dieter Weigel

 

Ein gewisser Karl Lauterbach (deutscher Politiker, Mediziner, Gesundheitswissenschaftler und Mitglied der SPD) stellt zur Zeit alle Experten in den Voll-Schatten. Er ist zur Zeit der schnellste aller Besserwisser, hier in den deutschen Landen. Da kann selbst Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Alexander S. Kekule, Virologe und Inhaber des Lehrstuhls für Med. Mikrobiologie an der Universität Halle, nicht mehr mithalten. Ihm bleiben da nur zweimal zehn Minuten pro Woche im Corona-Podcast beim Mitteldeutschen Rundfunk, um den Radiozuhörern alles rund um „Covid-19“ zu erklären. Gut ein paar Talkshow-Auftritte kommen noch hinzu; aber nicht der Rede wert! – Klaus P. Jaworek

 

Ich habe gerade in diesem Moment den Artikel über Alexander Kekulé zu Ende gelesen und mich direkt dazu entschlossen – das erste Mal in meinem Leben – Ihnen einen Leserbrief zu schicken. Vor Beginn des Lesens war mein Bild von Herrn Kekulé doch sehr einseitig. Ich hatte über die von mir konsumierten Medien den Eindruck, dass es sich um einen Wissenschaftler handelt, der sich mit steilen Thesen und markigen Worten ins „Rampenlicht“ bringen und auch um jeden Preis gehört werden möchte; dem es nicht gefiel, dass Christian Drosten die wissenschaftliche Elite des Landes fast ausschließlich alleine repräsentierte. Das Portrait hat jedoch aufgezeigt, dass Herr Kekulé differenzierter zu betrachten ist und es immer wichtig ist, sich mit den Hintergründen einer Person zu beschäftigen, bevor man über diese urteilt. Gerade in der heutigen Zeit, in der oftmals Menschen viel zu voreilig – insbesondere über die sozialen Medien – gebrandmarkt werden, war es umso erhellender einen solch ausgewogenen Bericht über eine ambivalente Persönlichkeit zu lesen. Vielen Dank dafür! – Anselm Brocks

 

Sie schreiben: „Da beschäftigt sich ein Mediziner seit Jahrzehnten mit Pandemien und beriet Politiker schon, als ein weltbedrohendes Virus nur ein Szenario war – es gibt nicht viele Virologen in Deutschland, die so viel Erfahrung in Sachen Bevölkerungsschutz haben wie Kekulé.“ Richtig wohl: Es gibt keinen anderen, jedenfalls keinen, der so wie er lebensnah, erfahrungs- und wissensgesättigt und mit undogmatischem Urteil Orientierung für breite Bevölkerungskreise liefert. Dies tut er in seinem Podcast (Corona-Kompass beim MDR) und in seinen immer sachlich fundierten und motivierten öffentlichen Interventionen (im Unterschied zu oft desorientierenden Kollegen, die nur um öffentliche Beachtung buhlen!).

Das kann jede/r selber überprüfen, wenn sie/er sich einen beliebigen Podcast (z.B. Nr. 69 zur Corona-App) anhört. Er scheut – auch wie kein anderer – keine konkreten Empfehlungen und lässt kaum eine Frage unbeantwortet, weil er aus dem Vollen schöpft und sicher urteilen und klar formulieren kann. Diese Kompetenz sollte von der Politik eingebunden werden: Spätestens im Herbst steht die Pandemiebekämpfung vor neuen und größeren Aufgaben, da wird diese kompetente Stimme gebraucht. Dispute zwischen den Experten gehören nicht in die Öffentlichkeit, sondern sollten intern ausdiskutiert werden. Und: Natürlich „darf so jemand für die Wissenschaft sprechen“! – Norbert Pfaff

 

Ihr Artikel von Spiewak und Schweitzer, mit der Überschrift ‚Der Widerspruchsgeist‘, ist u.a. mit dem Satz im Untertitel versehen: „… Darf so jemand für die Wissenschaft sprechen?“ Unabhängig vom Inhalt des Artikels. Auf mich macht dieser Satz den Eindruck, als ob die ‚Zeit‘ hier jemandem das Recht auf Äußerungen für die Wissenschaft absprechen wollte. Dieser Satz geht mir gegen den Strich. Wie konnte dieser Satz der ‚Zeit‘ passieren? Jeder hat das Recht, sich zu äußern, jeder! Auch die Herren Spiewak und Schweitzer, auch zur Wissenschaft. Auch Herr Kekulé. – Ulrich Haas

 

Zunächst einmal vielen Dank für die wertvolle, offene Berichterstattung und die vielen kompetenten Recherchen Ihrer Zeitung. In dieser Woche möchte ich allerdings ein paar Anmerkungen zum Artikel „Der Widerspruchsgeist“ über Alexander Kekulé aus der ZEIT Nr. 31 vom 23.07.20, S. 35-36, loswerden. Vorweg: Ich besitze keine fachliche Qualifikation dafür, die Arbeit von Herrn Kekulé zu bewerten. Mich irritiert lediglich die Art und Weise, auf die der Wissenschaftler in Ihrem Artikel kritisiert wird. Der durchgängige Vergleich mit Herrn Drosten erscheint arg vereinfacht. Unter Wissenschaftlern, die sich gegenseitig kritisieren, steht nicht zwangsläufig auf einer Seite ein Querulant – im Gegenteil: Kritik belebt das Geschäft, wie Sie richtig anmerken. Welche Relevanz hat denn das – sicherlich umfassende – wissenschaftliche Renommé von Herrn Drosten für die Bewertung von Herrn Kekulés öffentlichem Auftreten?

– Vermutlich keine allzu große. Schön wäre es stattdessen gewesen, beurteilbare Fakten über die Arbeit von Herrn Kekulé zu erfahren. Dass er nur „drei Dutzend Aufsätze in zwei Jahrzehnten“ publiziert hat, während Herr Drosten es „auf 400 Veröffentlichungen, davon 13 Papers“ (zu Deutsch: Aufsätze) bringt, ist für den geneigten Laien leider völlig unverständlich ohne eine Erklärung, um was für Veröffentlichungen es sich da eigentlich handelt. Dass der knapp fünfzigjährige Professor Drosten seine 400 Publikationen – nach gängiger Praxis – nicht als Alleinautor, sondern zumeist in der Rolle des Supervisors herausgegeben hat, sollte in diesem Zusammenhang zumindest erwähnt werden. Konstante zwanzig Publikationen pro Jahr schafft selbst der fleißigste Professor nicht im Alleingang – schon gar nicht, wenn er zusätzlich noch 13 Aufsätze schreiben muss. Hinter all diesen Zahlen stehen Fragen nach der Zusammensetzung von Arbeitsgruppen, nach personellen und finanziellen Ressourcen der jeweiligen Institute, nach inhaltlichen Schwerpunkten, Lehrdeputaten und einer Reihe weiterer Faktoren.

Unkommentierte quantitative Vergleiche von Publikations-Output eignen sich daher selten für eine differenzierte Bewertung der Qualität von Forschungstätigkeiten einzelner Arbeitsgruppen. Auch die Legenden über Herrn Kekulé, die offenbar in der Community kursieren, sind für Außenstehende nur schwer einzuordnen. Hier wären wiederum Fakten hilfreich. Das Rätsel, ob er seiner Lehrverpflichtung vollumfänglich nachkommt, sollte doch wohl ohne juristisches Urteil lösbar sein: Zum Beispiel mit einer Anfrage im Studienbüro, wo Vorlesungsverzeichnisse erstellt und Prüfungen dokumentiert werden. Dass Wissenschaftler zudem nicht unbedingt am Standort wohnen, ist aufgrund vielfacher Stellenwechsel in der Mittelbauphase weit verbreitet.

Einzelfälle mögen sich hier anhand der persönlichen Lebensumstände voneinander unterscheiden. Die Entfernung zum Wohnort aber zusammenhanglos als einen Mangel an wissenschaftlicher Seriosität zu deuten, ist ohne nähere Informationen schlicht unfair. Vorschlag: Kritisieren Sie Herrn Kekulé! Aber bitte nicht mit schwer nachvollziehbaren Vergleichen, vagen Gerüchten, biographischen Anekdoten oder Kommentaren über Dialekt und Wohnort. Die Grundlage für eine Bewertung der wissenschaftlichen Integrität eines Forschers schafft man am besten durch ein ganz bestimmtes, vielfach bewährtes Mittel: Nachvollziehbare Fakten. – Monja Reinhart

 


 

 

Leserbriefe zu „Wir müssen reden!“ von Julian Nafe

 

In vielen Punkten fordern Sie das Richtige. Und halten sich selbst nicht daran. Sie scheren die Medien recht pauschal über den taz-Kamm, behaupten, dass es zunehmend Generalbezichtigungen gegenüber der Polizei gäbe. Es tut mir Leid, ich sehe das nicht. Es gibt rassistische Tendenzen in der Gesellschaft. Dass es sie auch bei der Polizei geben dürfte, ist wahrscheinlich. Dass in der Ausbildung heute daran gearbeitet wird, ist erfreulich. Ob das in allen Bundesländern so ist und war?

Lesen Sie die ZEIT? Letzte Woche gab es einen Artikel zu dem Thema. Ach was, es gibt dauernd welche. Und die Polizei wird nicht unter Generalverdacht gestellt. Aber deswegen muss man doch genau hinsehen. Das gilt auch für rechtsextreme Netzwerke, die es durchaus geben könnte und allem Anschein nach auch gibt. Das gilt für falsch verstandenen Korpsgeist, wo offenbar üble Dinge gedeckt werden (gefesselt verbrannt: Selbstmord. Sie wissen, was ich meine). Gefilzte Journalisten bei Pegida-Umzügen …

Das heißt nicht, dass die Mehrzahl der Polizisten unkorrekt handeln würden. Aber Polizisten freizusprechen, weil sie Polizisten sind, ist eben auch falsch. Und – ich lebe in Sachsen. Hier ticken die Uhren vielleicht auch anders? Die Bürger hier haben viel weniger Kontakt mit migrantisch aussehenden Leuten. Das könnte Wirkung haben. Ich sehe regelmäßig Ausweiskontrollen bei anders aussehenden Menschen, ohne dass die irgendwie auffälliges Verhalten zeigen würden. Bei „Ureinwohnern“ gibt’s Kontrollen nur, wenn die Fetzen fliegen. Ist das racial profiling? Ich glaube schon … Trotzdem: Danke für ihren differenzierten Artikel. Und trotzdem: Selbstkritik kommt kaum vor! Sorry! – Fritjof Möckel

 

Wenn angehende (Polizistinnen und) Polizisten in der Lage sind, zu einem heiklen Thema wie Rassismus eine so kluge und auch noch selbstkritische Meinung zu äußern, dann lässt das doch für die Zukunft unserer Polizei und auch unseres Rechtsstaates hoffen. Zumal Herr Nafe, und das kann ich als Lehrender an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung mit Fug und Recht behaupte, zum Glück kein „bedauerlicher Einzelfall“ ist. – Professor Dr. Joachim Burgheim

 

Nachdem ich den ersten Absatz des Artikels gelesen hatte, bin ich in den Keller gegangen und habe mein 1964 verfasstes Bewerbungsschreiben für den Polizeidienst des Landes NRW geholt. Es enthält die gleichen Begriffe. Julian Nafe hat es aber wohl sicher nicht abgeschrieben. Die darin zum Ausdruck kommende Motivation hat mich in der über 40jährigen Dienstzeit bei der Polizei begleitet. Sie war in gleicher oder ähnlicher Weise bei fast allen Kollegen festzustellen und ein starkes Indiz dafür, dass hier Menschen am Werke waren, die sich mit all ihren Möglichkeiten für die Erfüllung ihrer Aufgaben eingesetzt haben. Das war, ist heute und wird auch in Zukunft nicht immer erfolgreich sein, ich bin aber sicher, dass eine Polizei, die ihre jungen Beamten so ausbildet wie es Julian Nafe in beneidenswerter Art schildert, für unsere Sicherheit mehr tut, als irgendjemand der gierig nach Aufmerksamkeit und Auflage auf die K….. haut. – Kurt Heinz

 

Die Welt von heute offenbart: Polizei und Militär können die größten Gefahren für eine Demokratie sein. Diktatoren, Despoten und Autokraten könnten ohne sie nicht ihr Volk tyrannisieren. Die Polizei bei uns sollte nicht Spiegelbild unserer demokratisch verfassten Gesellschaft mit immerhin bis zu 20 % Demokratiefeinden sein, sondern nach Möglichkeiteine eine bewußte Auslese an Bewerberinnen und Bewerbern, die denArt. 1 GG,die Achtung der Würde seiner Bürger als Verpflichtung der staatlichen Gewalt, verinnerlichen können und bewußt zur Richtschnur ihres Handelns zu machen auch in der Lage sind. Ist bei der Polizei bereits die kritische Masse an demokratiegefährdenden Strukturen überschritten?

Um eine gesellschaftliche Debatte zur Beantwortung dieser Frage überhaupt führen zu können, bedarf es einer fundierten Wissensbasis, die bisher nicht vorhanden ist (T. Singelnstein, Uni Bochum). Der Bundesinnenminister hält sie offensichtlich aus parteipolitischen Gründen auch nicht für erforderlich. Wie kann aber ohne Kenntnis der objektiven Fakten sonst die Polizei vor nicht zurechtfertigenden Anwürfen geschützt und, wenn erforderlich, nachhaltig und demokratietfest reformiert werden? – Manfred Eckelt

 

Theoretisch stimme ich den Ausführungen von Julian Nafe durchaus zu. Doch in der Praxis verschieben sich allzu oft die zuvor noch trennscharf wie sachlich ausgemachten Grenzen in diffuse Grauzonen. Es entstehen, bewusst und unbewusst, diverse Blickwinkel und Bewertungen hinsichtlich Sachverhalten, Beweisen und Indizien. Der auf Vernunft basierenden Rechtsstaatlichkeit ist – zum Glück – eine weitreichende Differenzierung und Klageführung bis hin zum Ausschluss eines gerichtlichen Zweifels immanent. Die andere Seite dieser Medaille, ebenfalls geprägt von der Conditio Humana, indes sorgt regelmäßig dafür, dass wir die Regeln, die wir uns verständig und prinzipiell allgemein gültig zugesagt haben, im speziellen, nämlich im persönlichen Sujet, bevorzugt abwegig davon interpretieren. Daher darf der Rest in der Tat keinesfalls fatalistisch wirkendes Schweigen, sondern muss (die Schmidt‘sche Konditionierung zum demokratischen) Diskus sein. – Ira Bartsch

 

Selten habe ich einen so ausgewogenen und trotzdem engagierten Beitrag zu diesem Thema gelesen. Das hätte ich von den „Profis“ in der Redaktion erwartet. Ich freue mich jedenfalls daß der junge Mann sich so artikuliert hat. Ich hoffe sehr, daß wir viele solche Männer und Frauen als Polizisten bekommen. Dann ist mir um die Staatsgewalt nicht bang. – Heinrich Feilhauer

 

Ich beschäftige mich seit über dreißig Jahren – zunächst journalistisch, dann forschend – mit politisch motivierter Gewalt und habe einige Einblicke in verschiedene sicherheitsbehördliche „Amtskulturen“ gewinnen können. Vor diesem Erfahrungshintergrund war es eine Freude für mich, Ihren Text zu lesen. Für Ihren weiteren beruflichen Werdegang möchte ich Ihnen viel Erfolg und Gestaltungskraft wünschen! Ich habe Ihnen einmal einen Text zu der auch von Ihnen erwähnten taz-Kolumne beigefügt, den ich – leider vergeblich – an verschiedene Zeitungen geschickt habe.

Linksmilitante Mentalitäten und mögliche HandlungsfolgenIm Kontext der Black-Lives-Matter- Proteste in den USA schrieb Hengameh Yaghoobifarah, Autorin der Berliner „tageszeitung (taz)“ am 15.06.2020 in einer Kolumne mit dem Titel “ACAB: All cops are berufsunfähig“ der deutschen Polizei einen überdurchschnittlich hohen „Fascho-Mindset“ zu und wünschte sich die gesamte Berufsgruppe auf die Mülldeponie: „Nicht als Müllmenschen mit Schlüsseln zu Häusern, sondern auf der Halde, wo sie wirklich nur von Abfall umgeben sind. Unter ihresgleichen fühlen sie sich bestimmt auch selber am wohlsten.“ Yaghoobifarah trägt nicht erst mit diesem Machwerk zu einem im linksmilitanten Milieu gepflegten Zerrbild bei, das sich durch Differenzierungsverzicht, systematische Überzeichnung rechter Bedrohungs- und Gewaltpotentiale und Umdeutung sicherheitsbehördlicher Bekämpfungsdefizite in staatlichen Faschismus/Rassismus auszeichnet.

Charakteristisch sind ihre Aussagen wie „Natürlich müssen Neonazis (und Nazis) auf die Fresse kriegen – das steht nicht zur Debatte“ („taz“ vom 18.08.2017 anlässlich eines rechtsterroristischen Angriffs auf eine linke Demonstration in Charlottesville/USA). Nach dem im vergangenen Februar in Hanau verübten Anschlag eines xenophoben Lone-Wolf-Täters mit zehn Todesopfern ließ sich Yaghoobifarah über „all jene Kompliz_innen des Faschismus“ aus, die das Label „bürgerliche Mitte“ bevorzugten. Der Komplizenschaft wurden Friedrich Merz („Seine Strategie gegen rassistische Gewalt? Verstaatlichte rassistische Gewalt“) und Joachim Gauck („Toleranz für die AfD und ihre Anhänger_innen“) bezichtigt („taz“ vom 02.03.2020).

Solche Statements fügen sich zwanglos in Denkfiguren ein, mit denen linksmilitante Akteure ihr Gewalthandeln seit geraumer Zeit in Bekennerschreiben oder Beiträgen zu diversen „Militanzdebatten“ zu rechtfertigen suchen. So wird regelmäßig ein edler Endzweck („herrschaftsfreie Gesellschaft“) und ein Notwehrrechtgegen ein als groß- und massenverbrecherisch gedeutetes politisches und wirtschaftliches System („Mordmaschine“, „Capitalism kills“) in Anspruch genommen. Zur Feindbildpflege gehört, dass einem von Rechtsextremisten, Konservativen bis hin zu Grünen und nicht-militanten Linken reichenden und damit fast beliebig breiten Spektrum von politisch/weltanschaulichen Gegnern die Urheberschaft von oder Beteiligung an Großverbrechen – inbesondere Rassismus und Faschismus – unterstellt wird. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen werden dann konsequenterweise als strukturelle Gewaltverhältnisse ohne Raum für gewaltfrei gesellschaftsverändernde politische Arbeitdargestellt.

Politisch/weltanschauliche Gegner werden nicht nur moralisch abgewertet – bestimmte Feindgruppen, insbesondere Angehörige der rechten Szene und der Institutionen der inneren Sicherheit unterliegen auch einer konsequent gepflegten Dehumanisierung. Diese dient nicht nur der Selbstentlastung des Gewaltakteurs, sie kann manchmal auch der geplanten Gewalttat psychologisch den Weg ebnen. Damit einher geht oft ein systematisch verniedlichender, zynischer und menschenverachtender Sprachgebrauch: So können in militanten Positiponspapieren ruhig schon mal „Pigs“ mit Knieschüssen „angekratzt“ oder „Faschos“ mit Brandsätzen die „Ärsche angegrillt“ werden. Eine aktuelle Variante, unlängst in der Mainzer Neustadt an einer Wand zu lesen, lautet: „Burn cops – not coal“. Mit ihrer Müll-Hetze hat sich Yaghoobifarah in die unmittelbare mentale Nachbarschaft solcher Verlautbarungen begeben.

Um nicht missverstanden zu werden: Es geht mitnichten darum, die Dringlichkeit von Themen wie Rechtsterrorismus/rechter Gewalt, Bekämpfungsdefizite oder mögliche Herausbildung rechter Netzwerke in den Sicherheitsbehörden in Zweifel zu ziehen oder zu relativieren. Hier wäre allerdings Analyse statt obsessiver Rassismus-Unterstellung gefragt (der Verfasser hat bereits 1999 an einer der wenigen empirischen Studien zu fremdenfeindlichen Vorurteilsneigungen in der Polizei mitgearbeitet).

Vor allem geht es um denkstrukturell typische Überzeichnungen und Zuspitzungen, die immer wieder auch der Legitimierung personenbezogener Gewalt gegen rechte Akteure und Polizeikräfte dienen können, insbesondere im konfrontationsträchtigen Handlungsfeld „antifaschistisch“ und „antirassistisch“ begründeter Militanz. Unter Letzterem versteht der Verfasser im Unterschied zu erwünschten zivilgesellschaftlichen Mobilisierungen planhaft-aufsuchend gewaltsames Vorgehen gegen Personen und Einrichtungen des rechten Spektrums, wobei sich private Gruppen unter Umgehung des rechtsstaatlichen Instrumentariums Bestrafungs- und Vergeltungsbefugnisse anmaßen – und mit derartigem Gebaren übrigens der rechten Szene ständig Selbstrechtfertigungsgewinne bescheren.

Ein aktuelles Beispiel: Anlässlich eines Angriffs einer sich „einige Antifas“ nennenden Gruppe auf Angehörige der rechtsorientierten Betriebsgruppe „Zentrum Automobil“ am 16.05.2020 in Stuttgart erlitt „einer der Faschisten“ eine schwere Kopfverletzung. Der Angegriffene habe Schlagringe einsetzen wollen, was man „mit Härte“ habe verhindern müssen, so ein Positionspapier „Zur Frage antifaschistischer Gewalt“ vom 27.05.2020. Durchaus zutreffend heißt es zu den Unwägbarkeiten der Gewaltdynamik: Man sei nicht naiv: Jede körperliche Auseinandersetzung berge die Gefahr einer ungewollten Eskalation, der man sich u.U. in der konkreten Situation nicht mehr entziehen könne.

Aber: Dieses Risiko sei man bereit einzugehen, weil es keine Alternative sein könne, der „Straßenpräsenz von Faschisten, die zwangsläufig zu enthemmter Gewalt und Mord führt, keine Grenzen zu setzen.“ Ziel der körperlichen Angriffe sei es, das öffentliche Auftreten von Faschisten so weit wie möglich zu unterbinden und den gesundheitlichen, organisatorischen und materiellen Preis („Schmerzen, Stress und Sachschaden“) in die Höhe zu treiben. Ein solcher Wirkungsgrad politischer Gewalt erfordere „keine gezielten schweren/tödlichen Verletzungen“. Dies allerdings nicht aus grundsätzliche Erwägungen heraus, sondern nur „momentan nicht“, weil man als Bewegung noch nicht stark genug sei, dieses Level „in größeren Teilen und auf lange Sicht zu halten“ – und wegen des zu erwartenden Repressionsdrucks. Wenn aber der „faschistische Mob“ wachse und sein Organisationslevel steige, könnten „andere Kampfformen“ notwendig werden. Die „Gefahr für Migrant*innen, Linke und andere Feinde der Faschisten“ sei „aktuell und tödlich“.

Offenbar gibt es Szeneangehörige, die mit derartigen Bedrohungswahrnehmungen jetzt schon Handlungsbedarf sehen. Im eher beschaulichen Mainz sind auf den Fensterbänken einer Shisha-Bar die Sprüche „AfD wählen ist ’33 – Fuck Nazis“ und daneben „Nazis töten ist ethisch vertretbar“ zu lesen. Über die Verhaltensrelevanz solcher Bekundungen lassen sich schwerlich Aussagen treffen. Fest steht aber zum einen, dass Diskurse über die „Legitimität der Tötung von Faschisten“ in der Szene nicht zum ersten mal geführt werden. Diese gab es schon Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre. Zum anderen lassen sich im Vergleich zum rechten Aufkommen zwar viel geringere, aber dennoch wahrnehmbare Tötungsbereitschaften an der Zahl der polizeilich registrierten versuchten Tötungsdelikte ablesen – laut PMK-Erfassung 2001-2019 immerhin 62 Fälle, bei zu vermutender Untererfassung. Diese Delikte waren – wie auch das gesamte Gewaltaufkommen des linken Phänomenbereichs – mehrheitlich gegen Polizeikräfte und gegen rechte Personen gerichtet. Dabei steht bei der rechts/links-vergleichenden Betrachtung des Gewalthandelns das massive rechte Übergewicht bei terrorismusrelevanten Fällen, vollendeten Tötungsdelikten und sonstigen lebensbedrohlichen Handlungsweisen völlig außer Frage.

Selbstreflexion über mögliche Handlungsfolgen eliminatorischer Hetze scheint Aktivisten wie Yaghoobifarah fern zu liegen. Zum einen wurde das Desinteresse an rechtsstaatlich fundierter Bekämpfung rechter Gewalt bereits offensiv bekundet: Die Autorin sieht offenbar im Programm „Nazis klatschen“ („taz“ vom 18.08.2017) die Alternative. Zum anderen hat sie sich angesichts äußerst kritischer Kommentare, auch aus der „taz“-Redaktion und der Leserschaft, der rigorosen Diskussion schlichtweg entzogen. Seit ihrer Müll-Kolumne erschienen bereits zwei Texte zum unverfänglichen Thema des identitätspolitisch korrekten Kleidungsstils. Es wäre zu wünschen, dass politische und mediale Akteure die hier angeführten Mentalitäts- und Handlungsrepertoires mit in ihr Urteil einbeziehen, bevor sie sich ohne weitere Differenzierung mit „der Antifa“ solidarisieren oder „der Polizei“ strukturellen Rassismus unterstellen. – Matthias Mletzko

 


 

 

Leserbriefe zu „Maskiert. Demaskiert“ von Bernd Ulrich

 

Wieder einmal ist es ein absolutes Lesevergnügen, ihren Artikel auf Seite 3 zu lesen. Ich mag Ihren Stil, das Präzise und zugleich das Unterhaltende. Wobei Ihre Themen stets ins Eingemachte gehen und nicht der Unterhaltung dienen. Ihre Texte sind ohne Schnickschnack, da ist kein Geschwafel, Sie fackeln nicht lange. Herrlich! Ich freue mich auf Ihre nächsten Zeilen. – Franziska Hermanns

 

Hatte man sich als geduldiger Abonnent und Leser der ZEIT nun schon nolens-volens daran gewöhnt, dass Frau Merkel kritiklos und geradezu schwärmerisch verehrt und ihr Handeln und Nicht-Handeln verklärt wird, muss man nun mit Schrecken feststellen, dass es damit leider nicht sein Bewenden haben wird: Nun wird Frau von der Leyen zu einer der „drei führenden Figuren des Kontinents“ erhoben, zusammen mit Macron und Merkel hat sie angeblich den „Geniestreich“ der jüngsten EU- Beschlüsse ersonnen. Ist es nicht vielmehr so, dass die Präsidentin von der Leyen ein Geschöpf von Macrons und Merkels Gnaden ist und an diesen Beschlüssen allenfalls als „Frühstücksdirektorin“, die sich auf vielen Fotos präsentieren, aber nicht viel mitreden oder gar entscheiden durfte, mitgewirkt hat? Hat nicht das EU-Parlament diese Beschlüsse sofort kritisiert und Änderungen verlangt und Frau von der Leyen prompt ebenso beflissen wie liebedienerisch behauptet, auch sie hätte sich ein anderes Ergebnis gewünscht?

Frau von der Leyen war als Verteidigungsministerin ein Totalausfall. Ihre zahlreichen Fehler und Versäumnisse (Berater-Exzesse und Gorch Fock mit Verprassen von Hunderten von Millionen Steuergelder, enorme Mängel bei der Ausrüstung, Rechtsradikalismus, Schwund von Waffen und Munition usw. usw.), ihre Tricks (Löschung von Handy-Daten) – all das hat die ZEIT leider kaum thematisiert geschweige den kritisiert. Ihre mangelhafte Kenntnis geld-, währungs-, finanz- und wirtschafts- politischer Zusammenhänge macht sie in ihrem neuen Amt wiederum zum Spielball der Fachleute und Berater – da ist es geradezu ein Hohn, sie zu einer der drei führenden Figuren des Kontinents zu erheben. Aber, wie gesagt, brave ZEIT-Leserinnen und -Leser sind ja diesbezüglich Kummer gewohnt. – Prof. Dr. Wolf-Rüdiger Heilmann

 

Es wäre schön, wenn unser politisches System tatsächlich ein lernendes wäre, offen und pragmatisch. Ich sehe leider nur Besitzstanddenken und Verweigerung. Zum Bundestag haben wir immer noch die Blankoscheck-Wahlen und nicht einmal in Schicksalsfragen ein Selbstbestimmungsrecht. Doch die Wähler und Wählerinnen haben sich in den letzten 70 Jahren verändert. Sie haben nicht weniger Wissen, Erfahrungen und Verantwortungsbewusstsein als Berufspolitiker. Gedanklich sind sie diesen oft sogar voraus, weil sie wissen, dass nicht die Parteien sondern nur sie selbst für jedes politische Versagen die Folgen tragen müssen, so für die Klimakatastrophe und die Auswirkungen der digitalen Revolution.

Die Parteien klammern sich an das Jetzt und die nächste Wahl und lassen keine ernsthafte und ehrliche Zukunftsbefassung erkennen. Eine schonungslose und reale schon gar nicht. Das alles ist leichtsinnig aber weder lernend noch offen. Ich bin in Sorge, dass mit dieser Haltung unsere Demokratie sich nicht zeitgemäß weiterentwickeln kann. Und ich lasse mir deshalb auch keine persönliche Mitschuld anrechnen bei dem, was Politik über unsere Köpfe hinweg anrichtet oder zulässt, solange wir nur Leserbriefe schreiben können und keine STOPP-Taste haben. – Klaus Landahl

 

Die großartigen Ausführungen von Bernd Ulrich über die Verfassung und die gegenwärtige Verfasstheit der USA lassen mich an Dürers Kupferstich „Hieronymus im Gehäus“ denken. In der gemütlichen Stube, dem friedlichen, heiligen Domizil der Gelehrsamkeit und der Gottgefälligkeit, wo der Löwe auf dem Fußboden seine Stärke in lassige Schläfrigkeit bändigt, ist inzwischen die Hölle los und das Feuer der Zwietracht verkohlt die Holzdecke und bringt das Blei der Butzenscheiben zum Schmelzen. – Ludwig Engstler-Barocco

 

Bernd Ullrich demaskiert Donald Trump und seine Anhänger. Auf den ersten Blick. Mehr noch demaskiert er auch einen fundamentalen Teil unserer gewohnten Weltvorstellung. Selbst wenn die USA hier gegenüber der EU einmal als negatives Beispiel leuchten, der Schatten fällt viel weiter. Auch auf uns. Ullrichs Beitrag, zusammen mit denen von Theo Sommer und Thomas Assheuer gelesen, lassen keinen Zweifel daran aufkommen, das es dringend an der Zeit ist, nicht nur das westlich geprägte Weltbild einer umfassenden Restauration zu unterziehen, sondern auch das Bild von uns selbst, unser eigenes Menschenbild.

Umfassend, also gemeinsam. Weder von einzelnen Wissenschaften dominiert, noch an heiligen Positionen zementiert. Offen, fernab einer Fixierung an das unsägliche „Mantra vom Kampf um alles“, insbesondere vom Kampf um eine letztgültige, einzige Wahrheit. Es muss sich ein neues Bild abzeichnen, das unserer Welt, als globalen, vernetzten Lebensort ebenso gerecht wird, wie all ihren Bewohnern. Einen anderen Weg, der „teuflischen“, der destruktiven Anziehungskraft des Autoritären zu entkommen, sehe ich nicht. – Jürgen Pilz

 

Vielen Dank an die Redaktion für die dem Titelthema vorangestellte Frage: „Wann kehrt die Freiheit zurück?“, denn die impliziert, dass Freiheit eben nicht als absolute Größe zu definieren, sondern bezogen auf die jeweiligen gesamtgesellschaftlichen Lebensumstände ist. Auch das Titelbild drückt das eindrücklich aus. Gerade in diesen Corona-Zeiten sollte jedem klar sein, dass Freiheit etwas Relatives, also Ordnendes und Verantwortung beinhaltendes ist – kein omnipotenter Rausch. Das meinte wohl auch Immanuel Kant mit seiner Bemerkung, dass die eigene Freiheit da endet, wo die Freiheit anderer eingeschränkt wird. – Christoph Müller-Luckwald

 


 

 

Leserbriefe zu „Erweiterte Kampfzone“ von Thomas Assheuer

 

Es gibt also wieder einen Menschen, der die Welt auf Krawall bürsten will. Es gibt aber auch eine Möglichkeit diesem Trumpeltier die Stirn zu zeigen ! Der Kampfmodus muss weg, wir brauchen Zusammenarbeit ! ! ! Der Weg kann auch im Frieden enden mit einem Lächeln. I like you ! Wir achten uns gegenseitig ! Das reicht für Frieden ! Unsere vielfältige Kriese auf unserer Erde: lösungsorientiert, radikal. Lieber Mitmensch, Europäer, Weltbürger Wer hat noch den Überblick bei den vielen Problemen auf unserer Erde ? Hölderlin sagt: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Jeder Mensch macht Feler, immer fällt etwas herunter. (siehe Akzeptanz) Vorab ein Versuch mit Pferden: ( mit etwas gemeinsamen Geist ) Ich habe Futteräpfel für Pferde mitgebracht. Ich nehme nur einen Apfel und gehe damit auf die Pferdegruppe auf der Koppel zu. Das schnellste Pferd erhält den Apfel. Die Enttäuschung bei den anderen Pferden war deutlich zu Erkennen. Diese Reaktion gibt es auch bei Menschen. Nennen wir den Apfel für uns Menschen, Frieden und Freiheit, auch in der Presse und unserer Meinungsvielfallt -freiheit.

Deutschland zuerst, wir sind das schnellste Pferd mit dem Apfel. Doch alle anderen Wünschen sich auch Frieden. Der Friedensgedanke verbreitet sich über Radio und andere Informationsmöglichkeiten. Gott erlöse uns von den vielschichtigen Übeln. Jeder Mensch, der der Meinung ist und nachdenkt sagt: „Zusammenarbeit ist besser als Kampf zwischen uns Menschen !“ Jeder Mensch kann den Anderen erlösen von dem Übel : Kämpfen zu müssen. Dazu reicht ein Anlächeln ! ! ! In Deutschland ist Zusammenarbeit schon sehr häufig der Fall. Wir als Menschen brauchen nicht zu kämpfen, wir können uns gegenseitig achten und respektieren. Einmal bitte anlächeln und es gibt eine Lösung für die Probleme ! Der Friede Gottes ist höher als jeder Zaun und jede Mauer zwischen Menschen. Die Berliner Mauer war 4m hoch, Israel hat eine von 8m Höhe, in Nordamerika verdoppelt sich die Mauer fast noch einmal. Wenn die Mehrheitsmeinung wichtig ist, fehlt nur noch die Information vieler Menschen durch Verbreitung ! Frieden auf dem Globus ist das Ziel, gefeiert mit einem Friedensfest von ganz Deutschland aus, am 3. Oktober ? ! ! Das Vorbild ist die friedliche Wiedervereinigung vor 30 Jahren. Dieser Friedensgedanke ist mindestens 2.000 Jahre alt. – Josef F.

 

Vielen Dank für den höchst aufschlussreichen Artikel von Thomas Assheuer, der das hässliche, eiskalte Gesicht des Sozialdarwinismus offen legt. Wie erbärmlich und inhaltsleer, ja bedauernswert muss uns ein Mensch vorkommen, der auf die Frage nach dem Sinn des Lebens keine andere Antwort kennt als den animalischen Kampf um des Kampfes willen. – Ludwig Engstler-Barocco

 

In den USA erleben wir einen Rückschritt, der den von Thomas Assheuer für die USA analysierten Sozialdarwinismus schon fast als emanzipatorischen Entwicklungsschritt erscheinen lässt. Das Prinzip „Selbst schuld, wenn du ein loser bist“ wird derzeit normativ zugespitzt zum Motto „Der Schaden der Anderen ist dein Gewinn.“ Wo die demokratisch flankierten Gewinnmaximierungs-Chancen sich zunehmend erschöpfen, geht es immer mehr um die Erschließung von Potenzialen, die unter einer lastenden Schicht von Grund- und Schutzrechten schlummern und auf Ausbeutung warten. Phänotypisch steht Trump für jenen alten Pioniergeist, der gerührt und tatendurstig ein weites und frei verfügbares Land sieht, wo längst andere gewachsene Ansprüche bestehen. Menschenrechte, Gesundheitsschutz, Naturschutz, Artenschutz und Klimaschutz sind für diese Pioniere wie die Mythen rechtloser Indianer, die straffrei gejagt werden dürfen, um das verfügbar zu machen, was einem vermeintlich zusteht.

Je skrupelloser Schaden zugefügt wird, umso größer der Ertrag. Die Losung „Wir holen uns unser Leben zurück“ schafft für jene loser, die sich dieser Überlegenheits-Perspektive anschließen, die Illusion von Teilhabe an einer Mission, die irgendwann auch den Einsatz der eigenen Waffen rechtfertigen wird. Und den Pionieren à la Trump die notwendige bandenmäßige Rückendeckung. Und Corona? Corona ist nicht das Problem. Der Gesundheitsschutz ist der Gegner, der bekämpft werden muss, um freizulegen, was frei sein will. Corona hilft, den Kampf gegen den Gesundheitsschutz zu begründen und Helden zu produzieren. Der Wilde Westen ist wieder da. Am Horizont warten große Aufgaben. – Reinhard Koine

 

Mir ist spey übel, wenn man mit seriösem Journalismus einen Soziopathen wie Trump zu erklären hofft. Dieser Versuch steht auch im Widerspruch zum beigefügten Foto, welches ebenso keine psychologische Erklärung über diesen gesellschaftlichen Abschaum erlaubt. Die deutsche Erfahrung mit politischen Psychopathen sollte auch eine Naivität ausschließen, Personen wie Trump sozialdarwinistisch einzuordnen. Es sind verachtenswerte Sozialfaschisten. – Jürgen Dressler

 

In dem Artikel „Erweiterte Kampfzone“ von Thomas Aussheuer kommt auch die These des „survival of the fittest“ von Charles Darwin zu Sprache. Bei deren Interpretation werden oft zwei Fehler gemacht. Mit „fittest“ ist nicht der Stärkste gemeint, sondern das am besten Angepasste. Überdies geht es beim „survival“ nicht um das Überleben eines Individuums, sondern um das einer Art. Bezogen auf den Menschen bedeutet „survival of the fittest“ dies: Die Menschheit kann nur überleben, wenn sie sich den Bedingungen auf diesem Planeten anpasst. Die Welt, in der wir leben, befindet sich seit je her in einem dynamischen Prozess, der alles umfasst. Ein Teil der Menschheit versucht, diese Welt zu ergründen und zu verstehen. Andere versuchen, die Welt zu beherrschen. Zur Zeit zeigt sich eindrucksvoll, wer hier wen beherrscht. – Udo Wolter

 

Es mag sicher verlockend sein, die merkwürdigen Attituden von Herrn Trump in der Corona-Krise mit biologischen Argumenten zu verknüpfen, wie Sie es in der aktuellen ZEIT-Ausgabe getan haben, aber hier liegen Sie (sorry!) falsch. Man hat Charles Darwin und die biochemische und biologische Evolution missverstanden, wenn man die Theorie der Artenauslese als Biologismus bezeichnet und dies dann sogar noch auf vermeintliche Vorgänge in menschlichen Gesellschaften anwendet. Dieser Irrtum geistert als sogenannter „Sozialdarwinismus“ in den Sozialwissenschaften und Medien herum. Herbert Spencer hat die Darwin’sche Evolutionstheorie treffend mit den Worten charakterisiert: „Survival of the fittest“. Es gehört viel Chuzpe dazu, wenn man diese Sentenz übersetzt mit „Überleben des Stärksten“. Man denkt dann sogleich an muskelbepackte Männer in Fitness-Studios und natürlich an D. Trump und vielleicht sieht er sich auch selbst so. Die korrekte Übersetzung aber lautet: „Überleben des am besten Angepassten“.

Und das muss nicht unbedingt der Stärkste oder der Größte sein. Denken Sie nur an Fischernetze, die, wie von der EU verlangt, größere Maschen haben müssen, um die Jungfische zu schonen. Davon profitieren auch die kleineren erwachsenen Fische, somit die mickrigen, die dadurch einen Fortpflanzungsvorteil erlangen. In der Folge wird die Durchschnittsgröße der Fische kleiner. Ein anderes Beispiel betrifft die Einwohner der Pazifikinsel Nauru, die nach der Entdeckung und Ausbeutung der Phosphatvorkommen einen enormen Zuwachs an persönlichem Einkommen erzielten. Aufgrund der Cocakolonisierung erkrankten in der Folge viele Menschen an Diabetes. Nach einer Anpassungsphase bekamen jedoch jene, die sich unter den Bedingungen eines Seefahrervolkes kaum fortgepflanzt hätten, mehr Kinder als die harten Typen, denen lange Hungerzeiten nichts ausmachte. Auch Homo sapienshatte viel weniger Muskeln und ein kleineres Gehirn als sein Vetter der Neandertaler und hat sich trotzdem durchgesetzt.

Vergleichbare Phänomene hatte schon Darwin auf den Galapagos-Inseln beobachtet. Richard Dawkins hat in seinem Buch „Das egoistische Gen“ solche evolutionären Zusammenhänge beschrieben und erweitert, auf der einen Seite bis hin zu den Genen im Zellkern und auf der anderen bis zu den Memen in menschlichen Gesellschaften. Somit ist auch die 9. Symphonie von Beethoven aus einem Anpassungsprozess hervorgegangen, ebenso wie die gestiegene Auflage der ZEIT in den letzten Monaten. Ihre privilegierte Stellung als Feuilletonist in einer weithin respektierten Wochenzeitschrift ist, sozusagen, auch den dort herrschenden Umweltbedingungen gedankt, in einem naturwissenschaftlichen Umfeld hätten Sie wahrscheinlich derzeit keine Chance Ihre Ansichten über die Welt zu propagieren. Nimmt man die zentrale Stellung des Elements Kohlenstoff in der lebenden Natur zur Kenntnis, die aus ca. 80 Elementen des Periodensystems evolviert wurde, wird ein „survival of the strongest“ völlig absurd. „Auslese durch Anpassung“ an die aktuellen Verhältnisse ist die Zauberformel.

Sollte Herr Trump die nächste Wahl verlieren, dann hat er genau das nicht beachtet. Seine machoartigen Sprüche mit dem Darwinismus zu verknüpfen, deutet schlicht auf Unkenntnis von chemischen, biologischen und sozialen Zusammenhängen hin, die in den letzten Jahrzehnten auf eine immer schneller ablaufende Selbstdomestizierung der Menschen in hochentwickelten Gesellschaften hinausläuft. Die Bezeichnung „Sozialdarwinismus“ soll andeuten, dass es in der belebten Natur laut Darwin nur um Kampf geht. In der Natur geht es um Nichts! Auch um nichts, was sich ideologisch ausbeuten lässt. Man kann und sollte die Vorgänge nur objektiv analysieren, was gute Naturwissenschaft auszeichnet.

Deshalb gibt es auch kein naturwissenschaftliches Pendant zu Liberalismus, Kapitalismus, Kommunismus etc. So wenig wie es „Virologismus“ gibt (da meckert sogar die Rechtschreibhilfe meines Computers), ist auch der übergeordnete „Biologismus“ nur ein Ausweis für mangelnde Sprachhygiene. Die Arbeit am Mythos mag zwar eine unterhaltsame Beschäftigung sein, aber irgendwann muss der Ursprung vieler Mythen auch als das entlarvt werden, was er ist: Unverständnis von naturwissenschaftlichen und letztendlich auch sozialen Vorgängen. – Armin Börner

 


 

 

Leserbriefe zu „Sein Traum wird wahr“ von Marion Sendker

 

Ich schätze mal das es den meisten ungläubigen Europäern völlig schnurz ist das sie wieder zur Moschee umgewandelt wurde. Wir glauben ohnehin nicht an den ganzen Menschengemachten Hokuspokus ! Ich vermute allerdings das Muslime selbst noch ungläubiger sind als wir denn umsonst sind nicht 50% aller Gefängnisinsassen in Deutschland Muslime. – Thomas Braun

 

Es gibt keinen Grund, Aufregung über eine Umwandlung zur Moschee zu verbreiten, mehr noch – es darf überhaupt keinen Grund dazu geben. Wer sich jetzt, im Europa des 21. Jahrhunderts über die Hagia Sophia echauffiert, lebt im falschen Jahrhundert, hat 250 Jahre Geistesgeschichte nicht begriffen, zeigt spiegelbildliche Rückständigkeit, und beweist einmal mehr das Scheitern dessen, was wir dogmatisch als Grundlage unseres Selbstverständnisses, unserer Demokratien und unserer Geistesverfassung beschwören, der Aufklärung. Ein Gemäuer, wunderschön und uralt, wurde einer – nicht ganz – neuen Verwendung zugeführt. Zum ersten Mal „seit 86 Jahren“ wurde ein religiöses Ritual in diesen altehrwürdigen Mauern vollzogen. Schon diese Formulierung ist irreführend: nach 86 Jahren wieder kam es dazu, 86 Jahre, die eine Pause darstellen, in einer, was die Moschee betrifft, 567-jährigen Geschichte. 1453 mag der Fall Byzanz‘ ein Schock gewesen sein, die größte Kirche der Christenheit nunmehr unter dem Halbmond.

Wir wollen hier auf 1204 gar nicht zu sprechen kommen, als die Schändung von Kirche und Kaiserstadt unter dem Kreuzeszeichen ablief. Wir wollen nur dem zeitgenössisch pathologisch kurzen Geschichtsbewusstsein einen Rahmen ins Gedächtnis rufen. Nun, es sei dem Europa vor 567 Jahren durchaus zugestanden, erschüttert gewesen zu sein. Punkt. Und dann? Ende des Mittelalters, ein Säkularisierungsprozess der von der Urschuldverantwortung des Menschen gegenüber einem für ihn geschaffenen Kosmos sich mühsam frei kämpfte, hin zu einer Selbstbehauptung der Vernunft. Einer Vernunft, die Freiheit schuf für Verantwortung, jetzt nicht mehr rückwärts zur Gnade einer Schöpfung gerichtet, sondern vorwärts in die Verantwortlichkeit des vernünftigen Menschen für sich selbst und seine Zukunft gegenüber einer Wirklichkeit, die sich nicht im Geringsten als für ihn oder um ihn besorgt interpretieren lässt.

Abkehr von ursprünglicher Schuldhaftigkeit und patristischer Verworfenheit, Abkehr von Dogmen des Heils und Heilserwartung für Wenige, Abkehr von gottgegebenen gottesgnädigen Monarchen, Abkehr von Macht und Einfluss einer Kirche hinein in jeden einzelnen Bereich der Lebensführung. Die, unendlich schwierige Fragestellung, wie das Übel – jederzeit und immer unausrottbarer Begleiter auch des freie(re)n Menschen, zu verstehen sei – wenn doch nun er selbst nur sich und seiner Vernunft verantwortlich ist -, diese Fragestellung, jahrhundertelang Stoff für die besten Geister. Damit verbunden Aufstieg, Erfolg und Bedrohung durch eigenmächtige Beherrschung der nunmehr für sich sinnleeren Welt in Wissenschaft und Technik – in einem Wort: an allen Fronten Emanzipation. Und nun, im Jahre 2020, ein steinerner Haufen Mittelalter, religiöses Relikt, geradezu platonische Idee anti-emanzipatorischer Haltung – und zwar schon vor 1453 – wird einer anderen, nicht weniger mittelalterlichen, uralten, anti-emanzipatorischen Verwendung zugeführt.

Was zum Kuckuck sollte uns das, nach all diesen Kämpfen und Anstrengungen, scheren? Aus welchen finsteren Höhlen, aus welchen Löchern einer aussterbenden, nur noch durch Skandale, samtene Pantöffelchen, völlig unnützen Prunk und Besitz und, ja, alte, steinalte Männer repräsentierten, unerträglichen Heilslehre, aus welchen Verstecken innerhalb einer freien, aufgeklärten, emanzipierten Gesellschaft kommt nun der Schock, das Entsetzen, die „Sorge“ gekrochen? Von welcher Kanzel unter welchem Zeichen und wo auch immer die Vertreter der übelsten Erfindung zur Erniedrigung, Knechtung, Unfreiheit und Abhängigkeit auch immer predigen; wenn wir jetzt noch von ihnen beeindruckt sind, wenn wir jetzt noch uns um sie scheren, wenn wir jetzt noch ihnen zugestehen uns provozieren zu können, wenn wir jetzt noch einen Wert im Kampf um steingewordene Geistesgefängnisse sehen, dann sind wir weder dem Mittelalter entronnen, noch aufgeklärt, noch emanzipiert, noch frei. Keine Irrtümer: es geht nicht um einen Kampf gegen Religion – es geht um das freie Leben ohne Religion. Nur Eines: Weltkulturerbe kann die Hagia Sophia nun nicht mehr sein. Denn Weltkulturerbe trägt in sich die Idee des „für alle“ – und diese Idee ist das Gegenteil dessen, was hier, als denkbar billiger Versuch der Provokation stattfindet. Lasst uns nicht darauf hereinfallen. – PD Dr Stephan M. Fischer

 

Erdogàn hat das nur gemacht um den Westen, besonders Deutschland, eins auszuwischen. Das gefällt mir sehr gut. Die ständige Medienpeitsche ist so unerträglich geworden, das ständige einmischen in fremde Länder, eine dreist dumme Angelegenheit der deutschen Medien ist. Die Zeit, die ich sonst gern lese, hat sich Mal wieder vergriffen. – Gunter Knauer

 

Auf dem Parteikongress der AKP 2012 sagte Erdogan in seiner Rede anlässlich seiner Wiederwahl zum Parteiführer, das Endziel des „langen Weges“ sei 2071. Dann nämlich ist das 1000jährige Jubiläum der Schlacht bei Mantzikert (Malazgirt). In der Schlacht hatten die türkischen Seldschuken die byzantinische Armee geschlagen und den Kaiser gefangen genommen. Der Niedergang des christlichen Byzanz begann und die türkische Ansiedlung in Anatolien wurde eingeleitet. Der Sieg wird bis heute in der Türkei als der Sieg des Islam über das Christentum angesehen. Die jetzige Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee bei der Erdogan Handlungen von Mehmet Fatih – dem Eroberer von 1453 – wiederholt, ist daher eine weitere Station auf dem erwähnten „langen Weg“. Äußerungen von Erdogan in den 1990ger Jahren waren viel radikaler. Aber die milderen Äußerungen nach seiner damaligen Gefängnisstrafe haben deutsche Medien – auch die Zeit- dazu gebracht, ihn als gewandelten progressiven Reformer und Freund Europas darzustellen. Aber nicht Erdogan hatte sich gegenüber den 1990ger Jahren gewandelt und jetzt wieder dahin zurück verwandelt, wie dieser Artikel in der Zeit vermutet. Gewandelt hin zu mehr Realität hat sich die Ansicht vieler deutscher Medien über Erdogan. – Eckhard Mohr

 

Bei allem, was schon zum Thema Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee und die Rolle Erdogans dabei geschrieben und gesagt wurde, bleibt die Frage nach dem grundlegenden Motiv dieser (und anderer) Angelegenheiten weitgehend unerwähnt: Auf welchem Religionsverständnis beruhen solche Entwicklungen überhaupt? Zur Beantwortung dieser Frage reichen weder Glaubensbekenntnisse – denn glauben kann man unendlich Vieles –, noch der Nachvollzug vorgegebener Rituale, standardisierter Moralvorstellungen und auch nicht das demonstrative Zitieren unkritisch übernommener „Heiliger Texte“ als Instrument zur Feststellung von Zugehörigkeiten.

Wer Religion mit abgrenzenden Funktionen befrachtet lebt entweder tief in der Vergangenheit oder hat deren Wesen und Botschaften gründlich missverstanden, denn es geht um individuelle Erfahrungs- und Entfaltungsmöglichkeiten und Gesellschaftsmodelle, die solche Qualitäten weder für einen selbst noch für andere einschränken. Man kann sich der Frage nach dem Religiösen auch so nähern, dass man fragt, was dem nicht entspricht: nämlich die Einschränkung, Diskriminierung oder Bekämpfung anderer. Überlegenheitsräusche widersprechen dem Geist der Religionen. – Christoph Müller-Luckwald

 


 

 

Leserbriefe zu „Was wussten Sie über Wirecard, Herr Scholz? (… )“. Gespräch mit Olaf Scholz geführt von Ingo Malcher und Mark Schieritz

 

Gerade lese ich Ihren Bericht, wonach drei Verantwortliche der Firmenleitung von Wirecard (erneut) festgenommen wurden. Am Ende des Beitrags ein Foto von Finanzminister Scholz mit dem Hinweis, er habe seit Februar 2019 von Unstimmigkeiten/Verdachtsmomenten bei Wirecard gewusst.

Keine Silbe schreiben Sie zu Ernst & Young. Wenn es seit spätestens 2016 auffällige Aktien-Leerverkäufe der Firma gibt, sollte doch auch mal der zuständige Wirtschaftsprüfer etwas genauer hingucken, denn ein unterschriebenes Testat fällt auch auf den Aussteller zurück. 2018 wurden von der BaFin die Leerverkäufe für Wirecard verboten, statt die Bilanzen zu prüfen, was in erster Linie immer noch die Aufgabe von EY war. Nicht die BaFin, nicht das BMF, sondern EY sollte von der Presse eingehend befragt werden. Das vermisse ich in diesem Fall. Oder habe ich da etwas falsch verstanden? Weshalb haben Sie Ihre Aufmerksamkeit auf die Politik gelenkt und lassen EY komplett in Ruhe? – Dr. Ute Hempen

 

Die Autoren, die das Interview mit Herrn Scholz geführt haben, kann sich sehen lassen. Nichts wurde vergessen. Herr Scholz hat auch die Eigenschaft der Verharmlosung. „Es muß „nachgebessert“ werden. Nachbessern muß die ganze Regierung. Wenn man die Politik der Regierung verfolgt. Frau Merkel hat auch „nachgebessert“, aber leider zu spät. Die unkontrollierte Einwanderung war ein Jahrhundertfehler, der den Bürgern noch viel Leid kosten wird. „Wir schaffen das“, geht in die Geschichte ein, als grobfahrlässigen Fehler einer Regierungschefin. Der nicht wieder gut zu machen ist. Das Kind liegt im Brunnen. Und jetzt kann man den Fehler jeden Tag im Alltag erleben. So kann man ein Land auch zerstören. – Gunter Knauer

 

Olaf Scholz, Vizekanzler und Finanzminister der Bundesrepublik Deutschland, möchte sicherlich auch bei dieser aktuellen „Wirecard-Blamage“ mit einem riesengroßen „Wumms“, aus dieser „Ich-lass-einfach-die-Augen-zu-und-weiß-dann-von-nichts“-Krise, ziemlich ungeschoren draus herauskommen. Ob ihm das krachend ge- oder mißlingt, das wird sich demnächst in diesem „Pandemie-Theater“ erweisen! Vielleicht hat es sich wirklich schneller, als gedacht, bei unserem „Vize“ total „ausgewummst“! – Klaus P. Jaworek

 

Ich habe immer mehr den Eindruck, dass eine ganze Reihe von Zeitungen, leider auch Sie, immer mehr zu PR-Agenturen geraten. Da liegen Sie und ich in der Perception meilenweit auseinander. Ein weiteres Beweis für meine Vermutung ist Ihr Interview mit Iris Berben. Auch da ist keinerlei kritischer Biss sichtbar. Warum machen Sie nicht einmal ein Liste von den Filmpreisen, die sie erhalten hat, und dann versuchen Sie festzustellen, wer die Promoter waren, die dies ermöglicht haben. Sie müssten m.E. viel kritischer sein, vor allem auch allen Politikern gegenüber, und natürlich auch den Medien selbst. Da wird von transparenter Berichterstattung gefaselt, aber jeder Journalist hat doch Angst sich noch normal auszudrücken. Kürzlich hat sich ein bekannter Fachmann sogar entschuldigt weil er das Wort „schachern“ verwendet hat, was unter den Umständen genau passte, m.E. viel besser als andere Worte. – Rolf Klotzbucher

 

Zitate: „Aber bei Verdacht auf Bilanzbetrug muss so etwas künftig direkt auch gegen den Willen des betroffenen (wohl betreffenden, denn betroffen sind sie ja offenbar nicht) Unternehmens angeordnet werden können“. Part zwei: „Wir brauchen vor allem Wirtschaftsprüfer, die wirklich prüfen“. Ein Leserkommentar ohne Kommentar. DAS kommentiert sich von selbst. – Wolfgang Burkhardt

 


 

 

Leserbriefe zu „Nicht von Pappe“ von Ricarda Richter

 

Ich habe neulich beim Einkaufen nicht schlecht gestaunt. Es gibt inzwischen als Alternative zu Einwegprodukten aus Kunststoff Teller aus Porzellan und Keramik, Bestecke aus Metall und stabile Holzbestecke. Die alle kann man tausende von Malen, jahrzenhtelang benutzen. Sie belasten daher die Umwelt fast gar nicht. Und es gibt sogar schon Getränkeflaschen aus Glas im Mehrwegsystem. Ein Pfand auf Plastikartikel war schon bei den Getränkeflaschen zu Trittins Zeiten unsinnig. Dadurch wird nur Müll umweltbelastend durchs Land gekutscht. Eine Einwegsteuer, die solche die Umwelt zerstörenden Waren verteuert und so ökologischer besser vertretbare Alternativen relativ billiger macht, wäre ein vernünftiger Weg. – Iman Schwäbe

 

Strohhalme aus Strohsind sprachlich krumm. Also besser: Trinkhalme aus Stroh. Der Begriff steht oben bei den Top Ten richtig. – Horst Behr

 

In ihrem Artikel „Nicht von Pappe“ beleuchtet Ricarda Richter verschiedene Perspektiven in der hitzigen Debatte um Plastik, Ressourcenschonung und Co., wofür ich ihr zunächst meinen Dank aussprechen möchte, da ich durch ihre Informationen selbst noch einmal meine Gedanken hierzu schärfen konnte. Seit Jahrzehnten begleitet die Menschen die Frage, wie sie einen Lebensstil pflegen können, der zwar möglichst klimafreundlich und nachhaltig ist, den Einzelnen jedoch nicht spürbar „einschränkt“. Dabei sind massive Veränderungen im Verhalten des Einzelnen die inzwischen einzige uns gebliebene Chance, diesen Planeten doch noch zu retten! Wir haben keine Zeit mehr; dieser Realität kann sich niemand entziehen. Der Ozean versinkt in Plastik und anstatt proaktiv etwas dagegen zu unternehmen (überhaupt, dass wir es als Homo sapiens so weit haben kommen lassen, ist fatal, peinlich und unentschuldbar), verleben die meisten weiterhin ihren Alltag in dem Glauben, die Menge der zur Verfügung stehenden Ressourcen sei grenzenlos.

Als Meister der Verdrängung und Bequemlichkeit verlagern sie etliche Ängste im Hinblick auf die fatalen Konsequenzen ihrer Unmoral ins Unterbewusstsein. Gleich, ob es um die Abholzung von Wäldern, die Verschmutzung des Grundwassers und der Meere, Massentierhaltung oder den Welthunger geht, letztlich tragen die kleinen, täglichen Verhaltensentscheidungen des Individuums – v.a. in Industriestaaten – zur Aufrechterhaltung dieser Probleme bei. Ja, weder die Politik noch die Wirtschaft können diesen Planeten retten, das können nur nur wir selbst. Dass das nahezu niemand versteht, macht mir als 19-Jährige, die eigentlich noch viel erleben möchte, Angst. Große Angst. Ich denke, die im Text genannte Wegwerfmentalität kennzeichnet unser Hauptproblem und den Punkt, an dem es anzusetzen gilt.

Bewusstes Einkaufen, Second-Hand-Shopping, Mehrwegflaschen, Konsum überwiegend pflanzlicher Produkte, Nutzung des Fahrrads und ÖPNV,… – die Liste ist endlos. Zunächst mögen gewisse Umstellungen ungewohnt sein und schwer fallen, aber es kann doch nur besser werden! Wenn ich selbst mit meinem Rucksack aus recyceltem Ozean-Plastik auf dem Rücken zum Unverpackt-Laden im Nachbarort fahre, um dort vegan einzukaufen, ist das ein gutes Gefühl. Es bedeutet in keiner Weise Einschränkung, sondern Fülle und Gewinn an Verantwortung, die ich – noch freiwillig – für mich und andere übernehmen darf. – Astrid Speke

 

Zum wiederholten Male ein Artikel über Plastik im Meer, der es nicht auf den Punkt bringt und mir als Konsument wieder nur ein schlechtes Gewissen bereiten möchte. Ja, ich versuche schon, den Einkauf von Plastik zu reduzieren und zwar wegen der Entstehung von CO2 bei der Produktion. Aber beim Entsorgen habe ich ein völlig reines Gewissen, denn wir haben ja seit Jahren in Deutschland die Kreislaufwirtschaft mit dem gelben Sack/der gelben Tonne und das Versprechen, daß alles recycelt wird. Ich werfe kein Plastikmüll in das Meer, sondern in den gelben Sack/die gelbe Tonne. Ich möchte nicht fortwährend in die moralische Ecke gestellt werden oder vielleicht sogar dafür (mit-) verantwortlich gemacht werden, daß Plastikmüll im Meer landet. Warum lese ich seit Jahren nichts darüber, wo der Inhalt des gelben Sacks/der gelben Tonne wirklich verbleibt und wer denn nun genau und wo und warum den Inhalt ins Meer kippt?

Und wenn das so ist, warum das nicht abgestellt wird und wer dies verhindert, so daß die Zustände so bleiben. Es kann doch für einen investigativen Journalismus nicht schwer sein, dieser Sache nachzugehen, die Versandketten zu benennen und die Sünder ausfindig zu machen; die Lobbyisten zu benennen und ihre angestifteten Komplizen in den politischen Parteien und Parlamenten. Aber nein, stattdessen wird mir ständig ein schlechtes Gewissen eingeredet, ich sei (Mit-) Schuld an der Meeresverschmutzung, weil ich den wenigen, unvermeidlichen Plastikmüll aus meinem Haushalt ordnungsgemäß in den gelben Sack/die gelbe Tonne gebe? Das kann doch wohl nicht wahr sein. Gehen Sie doch mal der Sache wirklich auf den Grund! – Karsten H.H. Poetzsch

 


 

 

Leserbriefe zu „Die Luft schmeckte nach Pulver“ von Ralf Zerback

 

Die Darstellung über diesen Krieg sieht in der Emser Depesche Bismarcks den letzten Anstoß zum Krieg. Bereits aber Stunden vor der Veröffentlichung der Emser Depesche ordnete die französische Regierung schon die Mobilmachung der Armee an. Beide Seiten waren demnach einer kriegerischen Auseinandersetzung nicht abgeneigt. Schlimm finde ich, dass auf der ganzen Zeitungsseite die politischen Akteure in den Mittelpunkt gestellt werden. Die Opfer dieses Krieges erhalten exakt nur drei Zeilen. Dem Text „Die Luft schmeckte nach Pulver“ hätte es besser angestanden, den Bericht des englischen Zeitungsreporters Archibald Forbes, Sonderberichterstatter für die britische Tageszeitung The Daily News, über das Schlachten am Spicherer Berg zu zitieren: „Die Leiche eines im Kampf getöteten Mannes liegt nicht drei Tage lang Luft und Sonne ausgesetzt, ohne in Verwesung überzugehen, und einige der Leichen boten einen entsetzlichen Anblick.

Manche konnte man kaum noch für Menschen halten – so schwarz und aufgequollen waren sie. Die Todesfälle waren hauptsächlich auf Gewehrkugeln zurückzuführen. Die meisten Deutschen hatten tödliche Wunden in Gesicht und Kopf, die sie erhalten hatten, als sie den furchtbaren Hang hinauf stürmten. Diejenigen Franzosen, die nicht durch das Bajonett umgekommen waren, hatten größtenteils durchschossene Körper oder zerschmetterte Beine.“ (zitiert nach Stefan Reuter, Homepage www.spurensuche-spichern.de) Diese Kriegsschrecken haben wir im Saarland immer vor Augen.

Im Wald von Von-der-Heydt in der Nähe von Saarbrücken liegt das einsame Grab von Füselierer Hugo Feiber aus Kastellaun, eines der ersten Opfer (+02. 08.1870) dieses Krieges. In der Schlacht am Spicherer Berg (06.08.1970) starben 1000 Menschen und 5000 wurden verwundet – junge Männer, Söhne, Brüder, Väter, Freunde. Patricia Kaas hat in ihrem Lied „une fille de l’est“ dieses Leid unserer Region beschrieben: „Et toutes ces croix, ces tranchées. Ici l‘on sait le prix du sang. L‘absurdité des combats quand on est tombé des deux côtés…“ („All diese Kreuze, diese Schützengräben, hier kennt man den Blutzoll. Die Absurdität der Schlachten, wenn man auf beiden Seiten gestorben ist…) – Georg Fox

 

Von einem gewissenhaften Historiker erwarte ich eigentlich, dass er den Journalisten in sich zurückhält, aber leider ist das Hrn. Zerback nicht gelungen. Vielmehr übernimmt der Historiker die bei Journalisten griffig gewordene Form „deutsch-französischer Krieg“ für den Krieg von 1870/71, der ja ein preußisch-französischer war. Denn erst danach wurde der preußische König zum deutschen Kaiser ausgerufen und somit das zweite deutsche Reich gegründet. – Volker Morstadt

 

Aus dem Artikel spricht durchgehend eine deutliche Abneigung gegen Verbundenheit mit dem eigenen Land, wie sie insbesondere bei Linken Tradition hat in Deutschland. Bismarck wird als Kriegstreiber aus niedrigen Beweggründen dargestellt. Die Möglichkeit eines Handelns für das Gemeinwohl, nämlich ein den anderen Mächten ebenbürtiges Land aus dem damaligen politischen Flickenteppich zu schaffen, ist bei dieser Ideologie offensichtlich undenkbar. Bismarck ist kein großer Stratege, sondern „handelt mit äußerster Raffinesse“. Wirklich raffiniert ist jedoch der Autor mit seiner Vermischung der im Wesentlichen korrekten historischen Tatsachen mit abwertenden Kommentaren, um nur ja kein gutes Haar an den Beteiligten zu lassen. „Schläue“ zeichnet damalige Staatsführung aus, „nicht die transparente Willensbildung offener Gesellschaften“. Der Autor meint damit doch nicht etwa die Gegenwart?

Nach ihm befindet sich Bismarck „im Hahnenkampf mit Frankreich“ und ihn interessiert vor allem „Preußens Machtgewinn“. Wenn tatsächlich dies, und nicht die deutsche Einheit das Ziel gewesen wäre, hätte Bismarck doch keinen französischen Angriff provozieren müssen, dann hätte er doch selbst losgeschlagen. Aber weiter: wenn sich Bismarck mit dem Innenminister und dem Generalstabschef abspricht, dann sind das „Kumpane“, und der Autor überlässt es aber vornehm dem Leser, dabei an Säufer oder Räuber zu denken. Schließlich gab es damals, man höre und staune, Geheimdiplomatie, neben der öffentlichen Meinung, „zwei Paralleluniversen, eins im Dunkeln, eins im Licht“. Heute etwa nicht? Ja wo lebt der Autor denn? Nun, es gibt tatsächlich zwei Paralleluniversen, nämlich das der objektiven Berichterstattung, und das der manipulativen Meinungsmache. – Frank Hrebabetzky

 

Vielen Dank für die gelungene Fassung eines – weithin bekannten – Geschichtsbildes. Erinnert mich ein bisschen an Theodor Mommsen, an dessen ähnlich unterhaltsamen Schreibstil, für den er bekanntlich mit höchsten literarischen Ehren geadelt wurde. Nur zu! – Dr. Gernot Henseler

 


 

 

Leserbriefe zu „»Ich flirte mit dem Leben«“. Gespräch mit Iris Berben geführt von Cathrin Gilbert und Hanns-Bruno Kammertöns

 

„Alle Frauen warten auf den Mann ihres Lebens, aber in der Zwischenzeit heiraten sie.“ „Frauen sollten keinen Knoblauch essen, weil sie nicht wissen können, ob sie nicht ausgerechnet an diesem Tag dem Mann ihres Lebens begegnen.“ „Die Liebe beginnt da, wo das Verliebsein aufhört.“ Drei Zitate von Iris Renate Dorothea Berben (*1950), deutsche Schauspielerin. – Riggi Schwarz

 

Das ist schon putzig, verschiedene Zeitströmungen in einer Ausgabe zu finden. Im Interview mit Iris Berben gilt ein (ihr nicht mitgebrachter) Blumenstrauß als No-Go bei jüngeren Frauen. Hm, interessant, das hatte ich bislang noch nicht mitbekommen. Bei einer biographischen Info zu Alexander Kekulé fühlte ich mich dann direkt in die 50/60er Jahre katapultiert: „Mit Mitte zwanzig nimmt Kekulé den Mädchennamen seiner Mutter an, …..“. Den MÄDCHENNAMEN! Kommen die Autoren aus der Generation „Draußen nur Kännchen“? Dann tragen sie sicher auch noch ihren Jungennamen…. Oder vielleicht ihren „Geburtsnamen“? – Dr Sabine Albrecht

 

Mit großem Vergnügen las ich in der Ausgabe vom 23. Juli Ihr Interview mit Iris Berben. Nun muss ich zugeben, dass ich selber (Jahrgang 1963) bisher einige Vorurteile gegenüber Frau Berben hegte. Aber dieses ehrliche und sympathische Interview hat mich begeistert. Iris Berben hat selber mit ihrem öffentlichen Image aufgeräumt und es ist eine eine tolle Frau zum Vorschein gekommen, die man gerne kennen lernen würde. So bleibt sie für uns eine Diva – und wir sind stolz auf sie! Ein großer Dank an Herrn Kammertöns & Frau Gilbert für das gelungene Gespräch und an Iris Berben für ihre Offenheit. – Inka Marie Rack

 

Grottig. Fotograf und Artdirection haben noch viel zu lernen (Fotoausschnitt rechts unten). – Jan Kukielka

 


 

 

Leserbriefe zu „Schluss mit der Anpasserei!“ von René Schlott

 

Danke für den Artikel von Herrn Dr. Schlott. Die innere Schere im Kopf benutzen Menschen, die kaum Faktenwissen haben und doch gerne im jeweiligen Mainstream „mitschwimmen“ möchten: Sich selbst zu informieren, selbst denken und dann noch gegen den Strom zu schwimmen, strengt an! Diese (leider häufig anzutreffende) bequeme Grundhaltung wird von Politik und Menschen mit „guten Absichten“ genutzt, um die tatsächliche Diskussionskultur möglichst flach zu halten. Da sich zudem immer mehr Bürger auf „Informationen“ aus „Asozialen Medien“ und Wikipedia verlassen, ist es po¬litisch opportun, bereits dort die Fakten „freundlicherweise zu sortieren“ und Unbequemes auszuscheiden.

Selbst wenn ein Wiki-Administrator eines auch politisch brisanten Themengebiets in stalinistisch „guter Absicht“ die Faktenlage solange „verschönert“, bis es absurd wird, gibt es heute wenig Möglichkeiten, derartiges zu unterbinden. Natürlich tritt diese Person nur mit Künstlernamen auf. Wenn auch Hinweise auf einige den Regierenden unangenehme (überprüfbare) Fakten von den klassischen Medien ignoriert werden, was soll der Staatsbürger noch machen? – Prof. Emeritus Dr. Wolfgang Ströbele

 

Grundsätzlich sprechen Sie mir aus dem Herzen und aus der Seele, vielen herzlichen Dank. Die Frage nach der Ursächlichkeit sowie die nach der politisch-metaphysischen Ausrichtung der von Ihnen beklagten „Anpasserei“ bleibt allerdings offen. – Gernot Henseler

 


 

 

Leserbriefe zu „Mit anderen Ohren hören“ von Tayfun Guttstadt

 

Der Artikel bringt eine Reihe von Punkten zur Sprache, die weit über rein musikalische Belange hinaus in der ewigen Diskussion zwischen „Ost“ und „West“ eine wichtige Rolle spielen können. Leider enthält er an zentraler Stelle – und als wichtiges Argument – die Behauptung: „Der Gigant der abendländischen Musik, Johann Sebastian Bach, komponierte fast ausschließlich religiöse Musik.“ Dies ist leider völlig unzutreffend. Bachs weltliches Werk kann von einem ernsthaften Musikautor nicht einfach übersehen oder marginalisiert werden. Damit würden Meilensteine wie die Sonaten und Partiten für Violine solo übergangen, ebenso die Cellosuiten, Brandenburgischen Konzerte, Orchestersuiten, die Goldberg-Variationen, die vielen nicht-geistlichen Orgelwerke, die Violin- und Cembalokonzerte, die weltlichen Kantaten und noch sehr viel mehr. Es ist zu hoffen, dass die unserem Wissen ferner stehenden Behauptungen in dem an sich sehr interessanten Artikel auf besseren Fundamenten stehen. – em. Prof. Martin Mumelter

 

Ein wichtiger Artikel, denn in der Tat wird der Begriff “klassische Musik” häufig mit der abendländischen Kunstmusik gleichgesetzt, obwohl es “Kunstmusik” in verschiedenen Kulturen gibt – jede anders, jede faszinierend – von der Vielzahl traditioneller Musik ganz zu schweigen. Das Entdeckungspotential für Musiker und Hörer ist also riesig. Hoffen wir, dass die Kritiker der “kulturellen Aneignung” ein wenig nachsichtiger werden – schließlich kann man südindische Rhythmustheorie auch gut im Hip-Hop verwenden. – Nikolas Jeroma

 


 

 

Leserbriefe zu „Und was wird jetzt aus ihm?“ von Mariam Lau

 

Ihren Beitrag über das Ansinnen und den Protagonisten empfinde ich als eine Zumutung für die ZEIT. – Dr. Gernot Henseler

 

„Die Würfel sind gefallen“, so soll einst der römische Staatsmann Julius Cäsar eine definitive Entscheidung metaphorisch beschrieben haben. Verfolgt man dahingegen die konturlose Debatte um den künftigen CDU-Vorsitz und folglich um die unionsbasierte Kanzlerkandidatur, geraten staatsmännische „Spieler“ und „Themen“ inzwischen vielmehr wie bei einem Flaschendrehen recht beliebig durcheinander. Nicht zuletzt deswegen, weil auch innerhalb der Schwesterparteien CDU und CSU niemand genau weiß, wie viele Asse und Joker tatsächlich im Spiel sind. Unumstößlich und klar indes dürfte sein: Die langjährige, erfolgreiche Spielmacherin wird den Platz verlassen, einen (gefühlten) Heimvorteil sonach nicht (mehr) geben. – Ira Bartsch

 


 

 

Leserbriefe zum Politischen Fragebogen „»»Mainz bleibt Mainz««“. Gespräch mit Malu Dreyer geführt von Peter Dausend

 

Frau Malu Dreyer hat die Parteienlandschaft nicht richtig verstanden. Ihr Vater war wohl der bessere Politiker. Sie hätte auf ihn hören sollen. Was glaubt sie, wenn sie so vernarrt auf ihre Partei ist, die ihren Status Volkspartei verloren hat. Die jetzt mit der AfD auf fast gleicher Ebene abgesackt ist. Die SPD hat sich in der Personenwahl unendlich blamiert. Wie konnte man nur als Vorsitzende Frau Esken und Herrn Walter-Borjahn wählen. Und das Wort „Populismus“ ist auch eine Erfindung der SPD. Das Wort gab es bisher gar nicht. Ihr Kollege Herr Müller ist der Erfinder des artefakt. Damit sollte ein Unterschied zwischen den Konservativen und den Sozialisten hergestellt werden. Seitdem sind alle Kolleginnen und Kollegen der SPD auf den gleichen Zug gesprungen. – Gunter Knauer

 

Peter Dausend ist entschuldigt für das Fehlen der LiebeKolumne in dieser Ausgabe. Ich war „beruhigt“, daß er nicht dem süßen Sommerurlaub-Nichtstun verfallen ist. Nach Lesen seiner Quasi-Kolumne auf Seite 2 weiß ich, daß er sich im Journalisten-Tross mit Mandatsträgern*innen oder Ministern*innen von Provinz-Event zum nächsten Highlight bewegt (quält ?). Bon voyage und viele Eindrücke, Herr Dausend. Wir lesen gerne die Ergebnisse. – Hartmut Wagener

 


 

 

Leserbriefe zu „Solo Amore“ von Sandra Hoffmann

 

Danke für den tollen Reisebericht. Ich habe beim Lesen geglaubt, dass ich selber dort war. Ich habe alles vor mir gesehen, und habe direkt Sehnsucht bekommen, vor allem, weil meine Italien-Reise im Mai abgesagt werden musste. Danke, danke, danke. – Ute Koch

 

vielen Dank für den schönen Artikel, der mir aus der Seele spricht. Ich sage ja immer, wenn es Italien nicht gäbe, müßte man das Land für das Seelenheil des Restes der Welt erfinden. Deshalb verzeihe ich den Italiernern auch ihre finanzielle Unordnung grundsätzlich. Wenn wir die Italiener disziplinieren, verliert das Land alles, was wir an ihm so schätzen. – Volker v. Moers

 


 

 

Leserbrief zu „»Was Herrn Seehofer treibt, ist mir nicht klar«“. Gespräch mit Tobias Singelnstein geführt von Özlem Topçu

 

Im Interview mit Herrn Singelnstein geht es auch um Racial Profiling. keine Ahnung, was das sein soll. Es wird auch nicht erklärt. Wären Sie bereit sich deutsch zu artikulieren, würde sich die Frage vielleicht von alleine beantworten. So habe ich die Lektüre abgebrochen. Und da das immer öfter ein Problem ist, überlege ich ernsthaft ab dem Herbst, wenn das Abo endet, mich mit einer anderen, verständlich schreibenden Zeitung zu befassen. Was ich sehr bedauern würde, da das Niveau der ZEIT sehr gut ist. – Iman Schwäbe

 


 

 

Leserbrief zu „ZEITSPRUNG. Tree House“

 

Gestern habe ich das Baumhaus unserer Kinder angefangen abzubauen. Ich habe es zum 10. Geburtstag unserer jüngsten Tochter im Garten hinterm Haus gebaut. Das war 2007. Wenn ich weise wäre, könnte ich denken „…..Ein jegliches hat seine Zeit..“ (Prediger Salomo, AT). Aber ich bin traurig, eigentlich bin ich sehr traurig. Aus einigen Holzteilen werde ich ein Hochbeet bauen. Die restlichen werden wir an kühleren Abenden in der Feuerschale verbrennen. Ich hoffe unsere Kinder werden dann auch dabei sein. Nicht nur wegen des Feuers, sondern auch wegen der schönen Erinnerungen. – Jörg Templin

 


 

 

Leserbrief zu „Falscher Korpsgeist“ von Paul Middelhoff

 

Wenn ich mein Erlebnis vor etwa 5 Jahren ihnen erzähle, dann müssen sie Stramm stehen. Durch eine Anzeige, die ich wegen Antisemetismus erhalten habe, wurde ich zur Aussage zur Kriminalpolizei vorgeladen. Ich war erstaunt wie loyal sich die beiden mir gegenüber verhalten haben. Das ging soweit, das nach Beendigung des Verhörs einer der Polizisten mich bis zur Tür, die er für mich aufhielt, bekleidet hat. Das Verfahren wurde eingestellt. – Gunter Knauer

 


 

 

Leserbrief zu „Eiswürfel, Fesseln, Stellungswechsel“ von Antonia Baum

 

Ihre Einschätzung zum polarisierenden Film „365 Tage“ ist ein kleines sprachliches Meisterwerk. Griffig geschrieben, witzig durchdacht und prägnant auf den Punkt gebracht- Danke dafür! Es ist wichtig, dass auch DIE ZEIT sich mit solchen Themen beschäftigt. Es ist nämlich wirklich verwirrend, wenn man im Jahr 2020 noch immer dieses Frauenbild vermittelt und vermittelt bekommt und als einzigen intellektuellen Ausweg aus diesem twistet-toxic-Mist eine Entführung als Grundlage nehmen muss…

Nun denn, ich falte mal das Feuilleton zusammen, nehme die Kreditkarte meines Mannes (sic!) und kaufe mir ne teure Gucci-Tasche! Wollen Sie auch eine? Kein Problem, ich müsste allerdings die Bahn nach Hamburg nehmen, ich fahre leider keinen SUV, wie sich das heute so gehört. Ich kann auch nur am Wochenende kommen, ich arbeite nämlich Vollzeit. Vielleicht findet sich ja in Potsdam ein Gönner, der einen Kartoffelsack nach Hamburg bringen möchte. Allerdings bin ich schon etwas über die Bioklippe, so dass es ein bisschen dauern könnte, bis ich die Tasche vorbeibringe- ich hoffe, Sie haben Geduld ;-) – Franziska Schumann

 


 

 

Leserbrief zu „Torten der Wahrheit“ von Katja Berlin

 

Bei der dritten Torte fehlt noch ein größeres Tortenstück: Beweise, der Ausdruck XY sei schon immer Ausdruck und Träger rassistischen Denkens gewesen und müsse umgehend aus dem Sprachschatz ausgemerzt werden, und heilige Empörung, dass manche sich dem Neusprech nicht sogleich freudig unterwerfen, gar kritische Rückfragen stellen. (Bei der Wachturmgesellschaft und in Nordkorea soll es in dieser Hinsicht übrigens besser sein.) Am Ziel sind wir noch lange nicht. Wie lange gebrauchen wir z.B. noch die zutiefst rassistische Bezeichnung „Schwaben“ (zugleich mundartlich für Küchenschaben), statt korrekt von „People of Südwest-Hintergrund“ zu reden? – Simon Gerber

 


 

 

Leserbrief zu „»Der Arbeitsmarkt taut auf«“. Gespräch mit Detlef Scheele geführt von Kolja Rudzio

 

Gleichzeitig amüsiert und kopfschüttelnd habe ich das Interview mit Detlef Scheele, dem Chef der Bundesagentur für Arbeit, gelesen. Mir ist völlig klar, dass Herr Scheele als Leiter der Arbeitsagentur positive Signale aussenden muss und ein möglichst optimistisches Bild über die Entwicklung auf dem deutschen Arbeitsmarkt zeichnen möchte. Alleine, woher nimmt er diesen Optimismus? Wenn Zahlen eine deutliche Sprache sprechen, dann muss man die Arbeitslosenzahl wohl regelmäßig als eine Ausnahme betrachten – oder zumindest als einen sehr relativen Wert. Zwar mag die derzeitige Zahl von 2,853 Millionen Arbeitslosen nicht sonderlich beunruhigend wirken in Relation zur Schwere der Krise; die Tatsache dass es im Jahresvergleich über eine halbe Millionen Arbeitsuchende mehr gibt, aber doch sehr wohl.

Herr Schelle erläutert gegen Ende des Interviews, dass u.a. insbesondere im Einzelhandel, der Gastronomie sowie im Verkehrswesen bzw. Tourismus wieder eingestellt wird. Eine bemerkenswerte Aussage, die zu dem Schluss verleiten könnte, dass Galeria Karstadt Kaufhof, Maredo und Vapiano sowie Lufthansa und Tui nur unglückliche Ausnahmen in ihren jeweiligen Branchen sind. Oder aus der Sicht eines Arbeitslosen gedacht: Warum sollte ich mich in einer Branche bewerben, die entweder extrem Hart von der Coronakrise getroffen wurde (Tourismus und Verkehr), sich durch absehbaren Folgen der Krise vor einem strukturellen Wandel befindet (Einzelhandel) der sie noch weiter bedroht (Online-Handel) oder im großen Stil mit der Existenz kämpft (Gastronomie)?

Persönlich könnte ich derzeit keinem Menschen mit gutem Gewissen raten, sich in einer der genannten Branchen zu bewerben. Zumal ich auch größte Zweifel anmelden möchte, dass es eben dort momentan eine wirklich große Auswahl an Stellen gibt. Denn letztlich dürfte sich jeder vernünftige Kaufmann derzeit eher dreimal überlegen, ob er aktuell Personal einstellt oder nicht. Ich würde mich freuen, wenn ich in einer der künftigen Ausgaben der ZEIT einen Artikel darüber lesen dürfte, wie es denn wirklich so läuft mit den Jobs – sowohl aus Sicht von Arbeitgebern als auch -nehmern. Ich lasse mich gerne eines besseren belehren. – Tobias Weiß

 


 

 

Leserbrief zu „Söders Stöckchen“ von Francesco Giammarco

 

Markus Söder (am 27.6.2020 im Interview): „Eine zweite Welle wird hundertprozentig kommen.“ Die nächsten Bundestagswahlen finden spätestens am 24. Oktober 2021 statt, es sei denn, dass sie pandemiemäßig ausfallen müssen. Bis dahin muss Söder´s „Hoffnung“ an eine zweite Welle unter allen Umständen am Leben erhalten werden. „Corona-Test an Flughäfen für Reiserückkehrer aus Risikogebieten wären wünschenswert. So können wir verhindern, dass neue Hotspots entstehen und einer zweiten Welle vorbeugen. die Sicherheit nützt allen.“ (Markus Söder am 24.7.2020) Vorerst wird es keine Pflichttestungen geben, „vorerst“! – Klaus P. Jaworek

 


 

 

Leserbrief zu „Rad voran!“ von Ulrich Stock

 

Ulrich Stock beschreibt die Situation der Radfahrer im Umfeld von Handel und Politik erfreulich differenziert. Ergänzen möchte ich die Betrachtung um den Bereich Verkehrssicherheit. Als in den 60ern Radfahrer zunehmend als Verkehrsteilnehmer wahrgenommen wurden, erbaute die Stadt zahlreiche Radwege, um die Radfahrer aus den gefährlichen Begegnungen mit physisch weit überlegenen PKWs heraus zu halten, die Ausstattung der Räder zur Verkehrssicherheit der separaten Verkehrsführung anzupassen und ein schnelleres Fortkommen außerhalb des Autoverkehrs zu ermöglichen. Letztendlich ersparte diese Verkehrsführung auch Diskussionen über Kennzeichen, Versicherung, etc. Warum gelten diese Parameter heute nicht mehr?

Ich halte es für falsch, heutzutage Radfahrer mit weiterhin weitgehend unzureichender Sicherheits-Ausstattung (Klingel, Rückspielgel, etc.), ohne Versicherungspflicht auf „Pop-UP-Lanes“ in einen „Kampf um Verkehrsraum“ mit einem um das -zigfache angewachsenen PKW-Bestand zu führen. Neben der Politik tragen hier auch Lobbyisten (ADFC) und Hersteller Verantwortung dafür, dass Fahrräder immer noch ohne verpflichtende Sicherheits-Ausstattung (s. o.) verkauft werden. Also schickt die Politik Radfahrer auf die Straße in das dogmatische Gefecht mit PKW/LKW, ohne auch nur ansatzweise auf eine verpflichtende Grundausstattung der Fahrräder (s. o.) hinzuweisen. Weiterhin begegnen sich also auch Freizeit (Renn-) Radler an Kreuzungen – auch bei Dunkelheit und mit Musik auf den Ohren – und mächtige LKWs, deren Fahrer sich kaum noch trauen, abzubiegen, ohne Gefahr zu laufen,der ADFClichen „Lynchjustiz“ anheim zu fallen….

Eine Nutzung und Optimierung der Radwege erscheint mir sinnvoller. auch wenn die Investitionen für ein räumliches Nebeneinander von Radfahrern und Fußgängern höher sein mögen (vielleicht kann sich der ADFC an diesen Kosten beteiligen). Andernfalls plädiere ich für Kennzeichen- und Versicherungspflicht für alle Fahrräder im Straßenverkehr. Als Verpflichtungsgrenze könnte die Reifengröße, bzw. die Sonderform (z. B. Klappräder) dienen. – Christian Sommer

 


 

 

Leserbrief zu „Käpt’n Blaubär“ von Hannah Knuth

 

Dieser Beitrag enttäuscht mehrfach: Es geht der Autorin im Grunde nur darum, zu beweisen, dass das Projekt nicht wirtschaftlich unabhängig von Drittinteressen ist. Das Medienunternehmen Pioneer ist zumindest ein Versuch, über crowd funding sich aus der strukturellen Abhängigkeit von Herausgebern und Verlegern oder der direkten Einflussnahme von Finanziers zu befreien. Weiterhin ist es eine innovative und beachtenswerte Idee, ein Schiff mit Elektroantrieb als schwimmendes Studio einzusetzen in einer konserverativen Medienlandschaft. Und Gabor Steingart gelang es bisher, Persönlichkeiten an Bord zu holen und zu Wort kommen zu lassen, die in den verschiedensten Bereichen „etwas zu sagen“ haben.

Ich habe mir 12 der zwischen 15 und 45 Minuten dauernden Pioneer-Beiträge interessiert bis zum Ende (!) angehört. Ich hätte erwartet, dass die ZEIT in einer Zeit der Konkurrenz zu sozialen Medien und mit bedrohlichem Rückgang von Abonnenten und Werbekunden der Druck-Medien etwas „Neues“ begüßt und sich inhaltlich mit dem Konzept auseinandersetzt. Und zur Ehrlichkeit hätte auch gehört, festzustellen, dass es bei den in Deutschland erscheinenden Printmedien keine wirkliche journalistische Unabhängigkeit gibt – und vielleicht auch nicht geben kann – und dass jeder Schritt zur Erlangung individueller journalistischer Autentizität willkommen sein müßte.

P.S. Sei über 50 Jahre lese und schätze ich die ZEIT, auch als Abonnent. Bei vielen Sujets, Beiträgen, Artikeln und Stellungnahmen gefällt mit der ZEIT-Qualitätsjournalismus, auch wenn die jeweilige Länge der Veröffentlichungen bisweilen als Zumutung empfunden werden kann. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Ansatz langfrisitig bei einer digital-affinen jungen Leserschaft nachhaltig unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten aufrechterhalten werden kann. Zudem drängt sich mir immer mehr der Eindruck auf, dass die Leserschaft als Zielpublikum weitgehend aus Öffentlich Bediensteten – vorwiegend in A-Besoldung – besteht. Es sind also meist „Transfer-Leistungs-Empänger“, die entfernt von der realen und brutalen Welt der Aktivitätengruppierung der Transfer-Leistungs-Erbringer in wirtschaftlich geschützten und umfassend gesicherten Gehegen leben. Und die die Sorgen der Leistungserbringer nur ansatzweise kennen und oft auch schon gar nicht kennenlernen wollen.

In diesem Kontext: Hat die ZEIT im Zusammenhang mit der Corona-Krise untersucht, welchen Beitrag die Öffentlich Abgesicherten (Beamte, Verwaltungsangestelte, Politiker, Funktionäre, Pensionäre…. also wirtschaftlich und finanziell weitgehend von den Folgen der Corona-Krise – bisher – Verschonte) bislang geleistet haben? Und wie die Aussichten dafür sind, in Zukunft die vorhandenen und kommenden Lasten (der „Anderen“ ) mitzutragen: Drohende Arbeitslosigkiet, Alterarmut, Statusverlust, Ansprüche an medizinische Versorgungsleistungen und Hilfe etc. Immer im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Gruppen wie Selbständige, Soloselbständige, Dienstleister*innen, Kleinst- und Kleinunternehmer_innen, freie Mitarbeiter/innen, Angesellte in verschiedenen Hierchiestufen, Zeit-Vertrags-Arbeitende, Praktikanten-innen, Studierende in Fächern mit ungesicherter Berufsperspektive, Alleinerziehende, Bildungsferne, Migranten/innen, unterschiedlich qualifizierte ZuwanderInnen…………………Da kann man gespannt sein, wie die Haupt-Klienel der ZEIT auf entsprechende Fakten und Fragen reagieren wird. – Dr. Diethard Mai

 


 

 

Leserbrief zu „Das Schweigegelübde“ von Robert Pausch

 

Es ist erstaunlich, wieviele „Fachleute“ ihre mageren Beiträge zum Rassismus in der Polizei abgeben. M.E. gibt es einen braunen Bodensatz von ca. 12-15% in der Bevölkerung , der natürlich auch in der Polizei und Bundeswehr vorhanden ist und zudem die AfD trägt. Hinzu kommt, dass diese bewaffneten staatlichen Institutionen aufgrund ihrer Struktur zumindest teilweise Menschen mit einer bestimmten politischen Einstellung anziehen. Diese rechtsnationalen Bürger geben ihre Ansichten auch nicht in anonymen Untersuchungen preis, allenfalls geschönt und nur teilweise. Deshalb bedürfen diese Einrichtungen einer permanenten politischen Kontrolle. – Jürgen Neunaber

 


 

 

Leserbrief zu „PAARWEISE. Eine Sex-Kolumne Nr. 3“ von Mrzyk & Moriceau

 

Die Zeichnungen von Mrzyk & Moriceau sind hinreißend! Ich hatte die Sex-Kolumne schon einmal vergeblich gesucht ! Bleiben Sie gesund, fröhlich und kreativ ! – Heide Kowalzik

 


 

 

Leserbriefe zu „Unter uns“ von Nicola Meier im ZEIT Magazin

 

Nicola Meier schreibt, dass Frau Merkels Motto zur Massenmigration seit 2015 „Wir schaffen das“ am besten dort gelinge, „wo das ‚wir’ und das ‚sie‘ zusammengekommen sind“. Das bedeutet, dass man geeignete Helfer gefunden und zufällig einen Kindergartenplatz etc. bekommen hat. Es wird nicht verschwiegen, dass nicht bei allen „die Bereitschaft, hart zu arbeiten“ ausreicht. Manches hätte die Journalistin allerdings genauer hinterfragen müssen. Wenn sich z.B.„Mustafa“ beklagt, es habe Probleme bei der Anerkennung seines Studienabschlusses als Apotheker gegeben, sollte man erwidern, dass sehr wohl zwei Examina anerkannt werden, nur nicht das dritte Staatsexamen, bei dem z.B. überprüft wird, ob Kunden richtig beraten werden – eine u.U. lebenswichtige Fähigkeit. Allerdings scheitern einige an dieser Prüfung. Rechtsfragen spielen für die Autorin keine oder allenfalls eine unbedeutende Rolle. Die Verhinderungsblockaden bei Abschiebungen durch Linksradikale werden natürlich nicht negativ gewertet.

Man sollte erwähnen, was kürzlich sogar im Bundestag zur Sprache kam, dass es in Deutschland bereits zwei Millionen „Schutzsuchende“ gibt, die von Hartz IV leben, davon 100 000 länger als 15 Jahre. Schließlich gab es auch vor 2015 schon Jahre mit mehr als 400 000 Flüchtlingen/Migranten jährlich. Dänemark änderte z.B. seine Gesetze, als sich herausstellte, dass auch nach einem solchen Zeitraum mindesten 30 Prozent auf staatliche Unterstützung angewiesen sind.

Es wird überhaupt kaum danach gefragt, warum Deutschland zahlenmäßig am meisten Migranten aufnimmt. Die Flüchtlingswelle von 2015 wurde bekanntlich ausgelöst, als die UNO mit Zustimmung Deutschland die bestehenden Flüchtlingslager nicht mehr ausreichend finanziell unterstützte. Hilfe vor Ort hätte immense Kosten gespart. Durch völlig einseitige Unterrichtung in den Medien wurde die breite Unterstützung der Mehrheit erreicht. Kritiker galten und gelten als Nazis und verloren in einigen Fällen sogar ihren Beruf. Der Rechtsstaat blieb auf der Strecke, obwohl gemäß einem Augustinus-Zitat, das Papst Benedikt der XVI. anführte, ein Staat ohne Recht zur Räuberhöhle verkommt. Die riesigen Summen an Steuergeld, die staatliche und kirchliche Organisationen für Flüchtlingsunterbringung etc. bekamen, waren stärkere Argumente.

Man fragt sich auch, ob Frau Merkels Haltung zur Flüchtlingsfrage, die früher als linksextremistisch gegolten hätte, in der sozialistischen Erziehung der DDR ihren Grundlage hat, wobei durch ihrem Vater vielleicht noch ein religiös induzierter Fanatismus hinzukommt. Ich bin immer wieder über den hohen Aggressionspegel bei Kritik in solchen Kreisen erstaunt. Natürlich spielt auch eine Rolle, dass verschiedene CDU- und SPD- Politiker z.T. riesige Einkünfte hatten, etwa durch Vermietung überteuerter Flüchtlingsunterkünfte.

Mit keinem Wort wird im Artikel darauf hingewiesen, welche Nachteile Einheimische durch die Masseneinwanderung erlitten. Hier fehlen in der „Zeit“ einfühlsame Berichte. Selbst in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, die zum SPD-Medienimperium gehört, wurde veröffentlicht, dass wegen der gestiegenen Mieten ein Drittel der Hannoveraner nicht mehr umziehen kann. Dazu kommt die Verwahrlosung der Infrastruktur. Schon gar nicht erfahren wir im Artikel oder anderswo in der „Zeit“, dass über eine Million Straftaten von Flüchtlingen begangen wurde – nach Abzug von Migrationsdelikten. Ganz unverhältnismäßig hoch waren dabei Gewalttaten, Tötungsdelikte und Vergewaltigungen vertreten. Dies können Sie in offiziellen Statistiken nachprüfen. – Karl Seegerer

 

Mit großem Interesse habe ich Ihren Bericht „Wir schaffen das“ im aktuellen Magazin der ZEIT gelesen. Sehr gelungen ist die Darstellung der verschiedenen Personen bzw. Familien, die zugewandert sind und der verschiedenen Faktoren, die zum Gelingen der Einwanderung beitragen. Vor kurzem habe ich erlebt, dass eine frühere Schülerin nach 4,5 Jahren in Deutschland das Abitur bestanden hat! Leistungswille, Begabung und der Wunsch zur Integration kamen da zusammen. Da macht die Förderung Freude, ein zusätzliches Stipendium tat ein Übriges. Sicherlich ist es für die Elterngeneration schwieriger, anzukommen. Aber die Nachricht des Mannes, der nun doch eine Arbeit gefunden hat, gibt Hoffnung. – Heike Gulatz

 

Ja, es ist schwer mit Menschen die aus dem islamischen Gebiet kommen. Ich sehe den Grund in der nicht gewollten Integration. Das hat die Politik nicht bedacht. Erst jetzt, als der Widerstand der deutschen Bevölkerung das nicht mitmachte, schwenkte die Politik um. Ich habe das kommen sehen. Es war ein großer Irrrum zu glauben, jeder soll nach seiner Fasson selig werden. Das trifft nur auf die Deutschen Bürger zu. Wie ich lesen konnte gibt es über 2700 Moschees in Deutschland. Das verstehen viele Bürger nicht. Da ist Ärger vorprogrammiert. Wer hier auf Dauer leben will, soll sich zu unserer Kultur bekennen. So höre ich das immer wieder in der Bevölkerung. So verkehrt ist das auch nicht. Andere europäische Länder sind da konsequenter. – Gunter Knauer

 

Vielen Dank für die empathische, offene, niemanden anklagende und doch mit vielen Hinweisen versehene Reportage über den Werdegang von Flüchtlingen. – Andrea Klepsch

 

Ein beeindruckender und bewegender Beitrag, den ich über meinen Flipboard Account und frei zugänglich entdeckt habe. Der Artikel von Ihnen, Frau Meier hat mich dazu veranlasst – bei einem gleichzeitig sehr attraktivem Pur-Abo Angebot – wieder Zeit-Abonnentin zu werden. Ich hatte ein Zeit Abo (print) während des Studiums und auch noch in den ersten Berufsjahren, aber immer weniger Zeit DIE ZEIT zu lesen. Ich habe mich damals geärgert, dass man das ZEIT Magazin nicht allein bekommen konnte, für einige Artikel im MAGAZIN fanden sich immer ein paar Minuten.

Da ich ein passionierter Buch-Leser war und bin und überwiegend im Liegen (abends) lese, war mir das Zeitungs“format“ eh immer ein ungeliebtes, bin bis zur Digital-Umstellung vieler Verlage auch nie Zeitungsleser gewesen. Das ZEIT MAGAZIN konnte man auch halbwegs gut im Liegen lesen – aber das gab es ja nicht solo. Irgendwann habe ich dann gekündigt. Ich war glücklich, als es endlich das erste online Angebot der Zeit gab, leider immer noch nur in Verbindung mit der Print Ausgabe. Unattraktiv für mich. Online pur war dann kurz eine Überlegung, Zeitmangel und Preis die andere, es dann doch wieder nicht zu tun. Nun haben Sie mich wieder, das attraktive Pur Angebot haben mich -neben der Möglichkeit, mal einen gesamten Artikel online (für mich am iPad sonntags morgens im Bett) lesen zu können – erneut zum Abonnenten werden lassen. Lange Rede, kurz Sinn, dieses „niederschwellige“ und attraktive Angebot hat den Ausschlag gegeben.

Ich nehme mir vor, jetzt mehr Artikel in der Zeit zu lesen (statt „auf’s Buch“ zu gehen) und wenn ich meine Lesezeit zukünftig mit mehr „ZEIT“ verbringe, wird daraus vielleicht auch wieder ein volles digitales Abo, das man mittlerweile zum Glück ja auch ohne Print haben kann. Und selbst wenn ich nur einen Artikel im Monat lesen kann, ist dieser auf jeden Fall den Preis wert. Neben dem großen Lob für Ihren Beitrag, Frau Meier, möchte ich auch dem „online-Team“ ein Lob aussprechen für diese gute Idee und den „Mut“, diesem Weg der Kundengewinnung eine Chance zu geben. Hat geklappt. Ich tue dies auch mit Blick auf meinen Mann, der 1998! von einem kleinen Fachverlag als „Leiter online-Medien“ eingestellt wurde und der noch heute! (dort arbeitet) und immer noch mit den Redakteuren (von denen ein Großteil der Printmedien-Generation entstammt) kämpft, insbesondere um neue online Modelle. Als breit aufgestellter Visionär hat er sich seinen Weg gebahnt, noch heute aber kämpft er mit und gegen die alte Print-Generation.

Ich weiß, dass ich im Herzen kein sms Schreiberling bin und war froh als die 160 Zeichen aufgehoben wurden (so wurde aus mir ein RMS (Roman Message Service, laut meinem Mann) Schreiber. Das gleiche gilt auch für meine emails. Ich entschuldige mich an dieser Stelle für die Überlänge. Wenn Sie es bis hierhin geschafft haben (für ZEIT Leser doch kein Problem!), möchte ich an dieser Stelle noch zwei Anregungen geben: Von meinem Mann weiß ich, dass das „pay per article“ abrechnungstechnisch je nach Verlag und Angebot schwierig ist/sein kann. Mit einem solchen Angebot hätte ich wahrscheinlich ebenso schon Unsummen ausgegeben für das online Lesen von einzelnen Zeitungsartikeln wie für‘s digitale Bücherlesen. Und ich wäre wesentlich früher bei einem Vollabo gelandet.

Ad zwei, über ein Kontaktformular die Möglichkeit eines direkten Zugangs zur Redakteurin zu haben (mit Zeichenbeschränkung) wäre schön. Frau Meier hätte nach diesem Artikel spätestens eine kaum mehr lesbare Anzahl von Zuschriften gehabt (vielleicht auch unschöne, aber mit einem zweiten Mitarbeiter in „CC“ und der Veröffentlichung statistischer Auswertungen Gesamtzuschriften = „normale“ / rechte) kann man diesen „Trend“ wenigstens mal sichtbar machen. Es war sehr schwierig (da unter dem normalen Kontaktformular auch keine Rubrik passte und ich den Inhalt dieser email nicht veröffentlicht haben wollte, weil nicht ausschließlich Kommentar zum Artikel, eine email Adresse zu finden. – Dr. med. Steffi Bitter-Suermann

 

Ich habe Sie, vor allem wegen absurder Abgehobenheit oft harsch kritisiert. Daher bringe ich Ihnen heute herzlich gerne ein großes Lob für obige Ausgabe dar, die in ihrer Art so ganz aus Ihren oft zu extravagantem Rahmen fällt. Haben Sie sich doch auf verschiedenste Weise besonderer Menschlichkeit verschrieben. Eindrucksvoll sind dieses Mal bodenständige Beiträge wie „Geflüchtete“ („Wir schaffen das“, „Unter uns“) aber auch die Fotoserie „Zu zweit ist man weniger allein. Ich bitte sehr und unbedingt um Weitergabe an die Damen N. Meier und M. Hammer ! – Dr. Claus Richter-Haffelder

 

Eine erfolgreiche Integration setzt allerdings wesentlich mehr voraus als eine Sozial-Integration in unsere Sozialsysteme. Es stehen offensichtlich wesentliche andere Mängel einer erfolgreichen Integration entgegen die da zum Beispiel sind: -erhebliche Mängel bei Bildungsleistung und Sprachkenntnissen, -geringe soziale Kontakte in die Mehrheitsgesellschaft, -kulturelle Segregation bei Medienkonsum -kaum Beschäftigung -regelmässiger Bezug von Sozialleistungen -hohe Religiosität -Distanz zu westlicher Demokratie und Liberalität sowie zur Meinungsfreiheit und Gleichberechtigung. -Einfluss von Paralleljustiz -Distanz durch die Bekleidung der Frauen( Kopftücher, lange Kleidung usw.) -Rolle der Frau und entsprechender Kinderreichtum -Segregation der Wohngebiete um nur einige Beispiele zu nennen. Ich hätte mir von Ihnen gewünscht, dass Sie klar und unmissverständlich die Gründe dafür benennen, warum eine Integration Ihrer Gesprächspartner so gut wie kaum gelingt, dagegen die Integration aus Osteuropa oder Südostasien sehr wohl gelingt. – A.Jeske

 


 

 

Leserbriefe zu „Happy Birthday?“ von Moritz von Uslar im ZEIT Magazin

 

Aus dem schönen Schwarzwald sende ich Ihnen herzliche Geburtstagsgrüße. Ihren großartigen Artikel haben wir mit Freude gelesen, Danke schön! – K.Göggel

 

Endlich Klarheit, endlich Trost! Seit Jahren tragen mein Mann (58) und ich (53) uns mit einem dumpfen Gefühl herum und können es uns nicht erklären. Wir sind nicht in der Alterspubertät, auch die Liebe „funktioniert“ bestens, trotzdem ist etwas bedrückend neu und bedrückend anders, irgendwie schwerer, Leichtigkeit hart erkämpft. Deshalb: danke für das ebenso persönliche wie gut recherchierte Bekenntnis! Es ist gut zu wissen, dass wir nicht alleine sind und es Optionen gibt, mit den 50ern konstruktiv umzugehen. Und eine große Bitte an Ihre Redaktion: den Artikel zur Frau in den 50ern bald folgen zu lassen. – Dr. Petra Kiedaisch

 

Danke an Moritz von Uslar für diesen wunderbaren Text über den 50. Geburtstag! Auch als Frau finde mich darin hundertprozentig wieder. Oft schon bin ich auf komplettes Unverständnis gestoßen, wenn ich als mein gefühltes Alter 75 angebe… damit kann der moderne Mensch, der sich ewig jung und cool verhalten muss, nicht umgehen :-) – Christiane Bauder

 

Lieber Moritz von Uslar, verzeihen Sie bitte die vielleicht etwas übergriffige Anrede, schließlich haben Sie und ich noch nie ein Wort gewechselt, geschweige zusammen ein Bier oder ein Glas Wein getrunken. Aber es ist der Überschwang, der mich mitreißt, nach der Lektüre Ihres Essays, geschrieben anlässlich Ihres 50. Geburtstags. Mit diesem Text haben Sie es erreicht, dass ich mich hinsichtlich der angesprochenen Thematik nicht mehr so alleine fühle. Es tut mir gut, mich in diesem Punkt in – bester – Gesellschaft zu wissen. Dank dafür und die besten Wünsche für Sie. – Peter B. Heim

 

Ein ganz schlimmer Artikel. Sicherlich – Würde ist wichtig – nicht nur beim Altern. Allerdings ist ein larmoyanter Rückblick auf ein scheinbar bis zu diesem Zeitpunkt „verpasstes“ Leben, ein neidischer Seitenblick auf einen etwa gleich alten Ironman Teilnehmer und ein düsterer Blick in die Zukunft (mit 50 !) auch nicht sehr würdevoll. Vielleicht sollte der Autor sich nicht ganz so viele Gedanken machen und einfach mal würdevoll einen raushauen – zum 50ten. Wenn nicht – viel Spaß beim Geburtstagsabendessen – wahrscheinlich mit stillem Wasser… – Rudi Marschall

 


 

 

Leserbrief zu „Ich brauche eine Rettung. ALEXANDER RÜDIGER“ Gespräch geführt von Felicitas Breschendorf im ZEIT Magazin

 

Als ob alles in diesen Zeiten dieser Endlos-Pandemie nicht alles schon schlimm genug wäre! Wieso müssen die Toiletten im Reisebus immer abgeschlossen bleiben? Welcher oberkluge „Pandemie-Henkel“ hat sich nur diese unsinnige Gängelei ausgedacht? – Riggi Schwarz