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Der Terroristen-„Kalif“ hält seine erste Rede

 

Abu Bakr al-Baghdadi, Chef der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) und seit wenigen Tagen selbst ernannter „Kalif“, hat am frühen Dienstagabend seine erste Tonbotschaft veröffentlicht, seit er diesen Titel für sich in Anspruch nimmt. Die Rede ist knapp 20 Minuten lang, sie wurde von der Medienabteilung des IS verbreitet, auch in schriftlicher Form und in Übersetzungen in mehrere Sprachen, darunter Deutsch. Es gibt wenig Grund an der Echtheit der Datei zu zweifeln. Dschihadisten auf der ganzen Welt, darunter etliche IS-Anhänger, halten sie jedenfalls für echt. Der Inhalt, der Duktus und Sprachgebrauch sowie die Verbreitungswege sprechen ebenfalls dafür.

Die Rede Al-Baghdadis erinnert entfernt an die Ansprachen des 2011 getöteten Al-Kaida-Chefs Osama bin Laden: Sehr viel religiöse Ausschmückung, massenhaft Beschwörungen und Verheißungen einer besseren Zukunft, lange Aufzählungen von Feinden, Lamentieren über das Schicksal der geknechteten Muslime auf der ganzen Welt… Das alles en detail wiederzugeben ist nicht nötig. Es genügt vielleicht zu sagen, dass die Rede vielen Sympathisanten des Terrorführers gefallen dürfe. Ich habe schon schlechtere Dschihadisten-Ansprachen gehört, und zwar etliche.

Einige Passagen möchte ich an dieser Stelle trotzdem zitieren oder zusammenfassen, weil sie etwas über das Denken Al-Baghdadis verraten, von dem wir ansonsten nicht besonders viel wissen. Angesichts des Land- und Machtzuwachses seiner Organisation im Irak und der Provokation, die sein „Kalifat“ für die gesamte muslimische Welt bedeutet, sind solche Hinweise interessant.

So beschreibt Al-Baghdadi die Gründung beziehungsweise Neuerrichtung des Kalifats als eine Zäsur, die den Muslimen weltweit „Würde, Macht, Rechte und Herrschaft“ zurückbringen soll. „Dafür, o Muslime, eilt zu eurem Staat. Ja, es ist euer Staat! (…) Der Staat ist der Staat für alle Muslime.“ Es sei außerdem eine Pflicht, in diesen neu geschaffenen islamischen Staat einzuwandern, behauptet Al-Baghdadi. Offenbar hofft er, auf diese Weise an mehr Kämpfer zu kommen. Und auch an „Bürger“, die seinen „Staat“ aufbauen helfen; so adressiert er insbesondere „Richter und natürlich Leute mit militärischen, behördlichen, und Dienstleistungs-Sachkenntnissen sowie Doktoren und Ingenieure in allen verschiedenen Fachbereichen“. (Ich zitiere hier die IS-Übersetzung, die etwas wackelig, aber grundsätzlich in Ordnung ist.)

Konkrete Ziele nennt Al-Baghdadi derweil nicht. Hier bleibt er ausgesprochen blumig: Die „Götzen des Nationalismus“ sollen „zertrampelt werden“; die Muslime sollen sich „von den Fußfesseln der Schwäche befreien“, und so weiter. Aber Al-Baghdadi erklärt zum Beispiel nicht, dass der IS Anschläge im Westen wünscht oder selbst planen wird. Das muss man natürlich nicht glauben. Aber Osama bin Laden fand es immer wichtig, die Länder, die er attackieren ließ, vorzuwarnen. Wir wissen freilich nicht, ob Al-Baghdadi ähnlich denkt.

Die sunnitischen Muslime sollen seine „Bürger“ gut behandeln, bittet Al-Baghdadi. Sie sollen außerdem untereinander nicht streiten. Diese Passage ist deshalb interessant, weil er zugleich in seiner Rede nicht gegen Al-Kaida wettert, obwohl IS und Al-Kaida aufs Heftigste zerstritten sind und sich in Syrien aktiv bekriegen. Vermutlich will Al-Baghdadi die Tür nicht ganz zuknallen – er ist jetzt der Kalif, und sollten Al-Kaida-Kader sich ihm unterstellen wollen, fällt ihnen das womöglich leichter, wenn er sie nicht vorher öffentlich beschimpft.

Die Reaktionen der IS-Sympathisanten, das sei noch kurz nachgetragen, sind natürlich begeistert. Aber das war erwartbar. Kritik wäre deutlich interessanter. Falls sich welche regen sollte, werde ich das nachtragen. (Jenseits des engen Kreises der IS-Sympathisanten gibt es natürlich schwerste Kritik von Muslimen an der „Kalifats“-Ausrufung.)

Zusammengefasst präsentiert sich Al-Baghdadi hier also als Taktiker, der staatstragend und gedankenschwer auftritt, aber zugleich pragmatische Belange beachtet. Er schreit und geifert nicht die ganze Zeit, wie es sein Vorvorvorgänger Abu Musab al-Sarkawi zu tun pflegte, sondern orientiert sich eher an dem stets auf ein würdevolles Auftreten bedachten Osama bin Laden. Von dessen Eitelkeit setzt er sich ab, indem er nur eine Audio-, keine Videobotschaft veröffentlichte. Das kann aber auch Sicherheitsbedenken zum Grund haben. Oder beides.

Alles in allem: Keine großen Überraschungen, kein Erdbeben, keine Sensation. Aber der Islamische Staat stellt derzeit eine so große Herausforderung dar, dass man die erste Rede Al-Baghdadis auch nicht ganz ignorieren kann.

11 Kommentare

  1.   zed11

    Vielen Dank für den Bericht! Ich finde es erfrischend und wichtig, Analysen von Leuten lesen zu können, die die Sprache beherrschen und auch ein differenzierteres Verständnis der Region haben. Der Komentatoren-Einheitsbrei auf Basis von Presseagentur-Sekundär-Quellen geht ja über Oberflächlichkeiten meist nicht hinaus.

  2.   ernsthaft

    Guter Artikel. Müssen die Rechtgläubigen jetzt Dar al Harb verlassen und in den Dar al Islam auswandern ?

  3.   boroka

    Der Kalif und seine Monsterbande werden für die deutsche Linke in dem Moment Freiheitskämpfer, wenn sie Israel gegenüberstehen.

  4.   Ein Blick in die Geschichte

    Es ist scheinbar noch nicht aus der Mode gekommen ein Gebiet mit Feuer und Schwert zu erobern und dann sein eigenes Reich zu gründen.
    Erzählt wird dann was opportun ist, was nicht ausschließt das es von dem Erzähler sogar als wahrhaftig angesehen wird.

    Im großen und ganzen nichts neues.

    Der „Duktus“ des Authors hätte aus meiner Sicht aber gut in die Bildzeitung gepasst.

  5.   Jaber

    Habe mir den Text besorgt und bin ihn durchgegangen. Da ich sowohl aus einer alten arabischen Familie (Jaber) stamme, die über den gesamten islamischen Raum und darüber hinaus, seit den Tagen des Propheten auf kulturellen, religösen, wirtschaftlichen und militärischen Gebiet Einfluss ausübt und gleichzeitig in Westdeutschland der 1970er Jahre sozialisiert wurde, was mich zu einem fanatischen Verteidiger des freien Individuums hat werden lassen, kann ich den Text aus Sicht des verletzten stolzen Muslim, als auch, aus der Perspektive des „Anything-Goes-No-Limit“-Charakter auf mich wirken lassen.

    Das Verrückte ist: Nicht das freie Individuum geht bei diesem Text auf die Barrikaden. Im Gegenteil, es locken Botschaften wie:
    – Nationen sind Sünde
    – Eigentum ist Sünde
    – Eine junge Internationale hat sich zusammengefunden (Spanischer Bürgerkrieg)

    Der arabische Baron in mir sagt aber: Immer wieder die selbe Scheiße!!! Ich kann das Blutvergießen nicht mehr sehen. Soviel Zerstörung von Potential, um am Ende wieder bei Null anzufangen.

    Dann spricht wieder der schalkhafte Freigeist in mir: zum Glück ist die Masse Bauch-+Geschlechtsteil gesteuert, gerade die orientalischen Großhedonisten und wird sich wie ehedem anarchisch widersetzen.

    Vielleicht haben Gunnar Heinsohn&Co doch recht: Alles nur eine Frage, wie hoch der Anteil von 2.,3., 4. Söhnen in den Nahostgesellschaften ist.

  6.   Mhoffsc

    Und wer will Kalif werden anstelle des Kalifen?

    Davon abgesehen: Sehr wichtige Analyse, ich danke.

    „Müssen die Rechtgläubigen jetzt Dar al Harb verlassen und in den Dar al Islam auswandern ?“

    Warum sollten sie es müssen? Wenn ich mich zum Kalifen ausrufe und Köln zu meinem Kalifat, dann zwingt dies nicht automatisch irgendwen, mir zu folgen. Ganz ähnlich wie die Ausrufung zum Papst nicht alle Christen dazu zwingen würde, zu einem zu pilgern.

    Jeder kann sich zu jedem ausrufen. Es gibt keinen Automatismus, der den Rest der Menschheit zwingt, es auch anzunehmen. Viele Muslime jedenfalls sehen es offenbar nicht so und üben harsche Kritik an unserem Isnogud.

  7.   c66

    Wen spricht denn dieser Herr Bagdhadi an? Gebildete europäische Salafisten? Gibt es die? Sieht er, dass in den Köpfen seiner Kämpfer nur ein ganz schwaches Licht leuchtet?

    Und warum werden z.B. keine Lehrer oder Rechtsanwälte angesprochen. Für die ist kein Platz in so einem Staat?

    Jeder gebildete Mensch wird sich mit seiner Familie wohl kaum solch einem martialischem und intellektuell niveaulosem Regime unterwerfen. Niemals.


  8. Wenn die Juden einen eigenen Staat haben dürfen, warum soll man das den Sunniten verweigern?

  9.   Puc

    Einflussgebiete im Irak (die Karte ist Topaktuell – 1.7.) und entspricht in etwa dem Stand der Dinge:

    https://pietervanostaeyen.files.wordpress.com/2014/07/2000px-iraq1.png

    Naqshbandi = Sufiorden, der unter Sadam Hussein über einen gewissen Einfluss im irakischen Baathismus verfügte, einen militärischen Arm besitzt und bereits gegen die Amerikaner mit Hilfe Assads kämpfte.
    YPG = syrischer Zweig der kurdischen PKK Ötcalans (einen solchen Zweig gibt es auch im Iran)
    Jaish al Mudjahiddin = islamisten, die nicht zur IS aber auch nicht zur Al Quaida zählen und zusammen mit den Naqshbandi und dem IS gegen das schiitische Malikiregime im Irak kämpfen
    Jamat-ansar al Islam = enge Kooperation mit IS

    Zusammenfassung: der sunnitische Aufstand im Irak ist mitnichten eine alleinige Sache des IS, die Ausrufung des Kalifates ist insgesamt eher ein Propagandatrick des IS um muslimische Ressourcen aus anderen Ländern anzapfen u können. Der IS verfügt „nur“ über einige tausend Kämpfer, die anderen vorgenannten Gruppen sind mindestens ebenso stark.

    Wie sich das sunnitische Quadrat (Damascus, Aleppo, Mosul, Baghdad) konsolidieren wird, ist – wie zu sehen – nicht klar, zumal die „große Schlacht“ um Baghdad noch aussteht, bzw. gerade erst im Entstehen ist und sowohl die Schiiten (Iran) als auch die sunnitischen Stämme ganz und gar nicht an einem sunnitischen Gottesstaat interessiert sind (ähnlich: Syrien).

  10.   Rend

    „Von dessen Eitelkeit setzt er sich ab, indem er nur eine Audio-, keine Videobotschaft veröffentlichte.“

    Keine Eitelkeit? Der Mann hat sich gerade zum weltlichen Nachfolger des Propheten Mohammed und zum Herr über alle Muslime erklärt. Also beim besten Willen, so hoch hat ja nicht mal Osamma Bin Laden gepokert

 

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