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Fünf Dinge, die wir über das IS-Kalifat nicht wissen

 

Die Aussagen, die wir über ein Phänomen treffen können, sind von dem, was wir darüber wissen, genauso abhängig wie von dem, was wir darüber nicht wissen. Wenn ich weiß, dass ich vieles nicht weiß, hat das Wenige, das ich weiß, weniger Gewicht. Im Falle des Islamischen Staates (IS), beziehungsweise des Kalifats, das der IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi im irakisch-syrischen Grenzgebiet ausgerufen hat, finde ich diese Gedanken derzeit besonders wichtig. Ich habe die Vorläufer-Organisationen des IS seit 2005 beobachtet; und genau deshalb habe ich hier eine Liste mit den fünf Fragen zusammengestellt, deren Antwort wir meiner Meinung nach nicht kennen. Jedenfalls nicht in einem Maße, das uns seriöse Vorhersagen zu treffen erlaubt.

1. Wie viel Kontrolle hat Abu Bakr al-Baghdadi? 

Es ist völlig unbestritten, dass er der Chef des IS ist, das theologische Kapital der Organisation darstellt und qua Amt (nicht zuletzt als „Kalif“) ganz gewiss zu weitreichenden Entscheidungen befugt ist. Das heißt aber nicht unbedingt, dass er den militärischen Kurs bestimmt oder Detailkenntnis der militärischen Operationen des IS hat. Wie aber steht es um sein Verhältnis zu den Kommandeuren im Feld? Wie viel Freiraum für eigenständige Entscheidungen haben sie? Ist Al-Baghdadi ein Makro- oder ein Mikromanager? Wird er laufend über alles unterrichtet oder ist er eher graue Eminenz? Diese Fragen sind auch deshalb wichtig, weil es Hinweise gibt, dass etliche Kommandeure frühere Baath-Militärs sind. Das Verhältnis zum „Kalifen“ ist deshalb durchaus interessant. Wir würden den IS besser verstehen, wenn wir mehr darüber wüssten.

2. Gibt es einen Expansionsplan? 

Und damit meine ich einen echten Plan, einen militärisch-taktischen. Nicht eine ideologische Vorstellung davon, was man erreichen will. Kämpfer und Kader haben bisher etwa die irakischen Städte Samarra und Nadschaf und natürlich Bagdad als Ziele genannt; außerhalb des Irak außerdem Jerusalem, Mekka und Damaskus (aber hier spielt schon Ideologie mit hinein); schließlich: Rom. Aber das war eher als Symbol gemeint. In jedem Fall fehlt uns eine Vorstellung davon, wie der IS sich die nächsten Wochen oder Monate vorstellt. Konsolidieren in Mossul und Rakka, den beiden großen Städten, die der IS hält, bevor sie eine weitere Großstadt angreifen? Ausgreifen im Nordirak, wie es einige Experten vermuten? Oder eher im Süden, wie es andere prophezeien? Mir scheint die Grundlage in beiden Fällen eher gefühlt als faktenbasiert zu sein. Besonders gerne wüsste ich, wie ernsthaft der Bagdad-Plan verfolgt wird – weil ich vermute, dass sich der IS in dem Fall ernsthaft überdehnen könnte, was im günstigsten Fall das Ende des Kalifats bedeuten würde. Vielleicht sind IS-Kader aber schon dabei, in anderen Städten Allianzen zu schmieden, um diese Städte quasi von innen heraus zu übernehmen. Wir wissen es nicht. Oder jedenfalls ich nicht.

3. Will Al-Baghdadi Anschläge im Westen? 

Bei Al-Kaida wusste man oft relativ genau, woran man war. Denn Bin Ladens Netzwerk erklärte laut und oft und gerne, was sie für ihre Interessen hielten. Man konnte sich daran orientieren, denn Al-Kaida schlug fast nie irgendwo zu, ohne vorher gewarnt oder gedroht zu haben. Aber der IS ist nicht Al-Kaida und wir wissen nicht, ob Al-Baghdadi vielleicht ganz anders denkt. Vielleicht plant er bereits Anschläge im Westen und redet nicht darüber. Vielleicht interessiert ihn der Westen aber auch gar nicht so sehr. Oder zumindest jetzt nicht.

4. Kommuniziert der IS mit den Kaida-Filialen?

Ist es denkbar, dass wir eines Morgens aufwachen und eine Deklaration der Kaida-Filialen in der Arabischen Halbinsel (AQAP) und in Nordafrika (AQIM) finden, in der sie sich dem Kalifen unterstellen? Ich halte das für möglich, und es wäre eine Riesensache. Ein worst case scenario. Auf einen Schlag hätte Al-Baghdadi Tausende neuer Kämpfer in etlichen Staaten und Unruheregionen, die in seinem Namen agieren würden. Dieser Schritt würde zwar zugleich das Ende von Al-Kaida bedeuten, aber für den IS wäre es der absolute Durchbruch. Tatsächlich hat sich Al-Kaida bislang kaum zum IS geäußert; es gibt Sympathisanten im Umfeld von AQAP und AQIM, aber was wir nicht wissen, das ist: Gibt es Kommunikationskanäle zu Al-Baghdadi? Wird vielleicht schon verhandelt?

5. Wie stabil sind die Allianzen des IS? 

Der IS hat sich mit Baath-Kadern und sunnitischen Stammes-Chefs zusammengetan, um Mossul und andere Ortschaften zu übernehmen. Aber wie stabil sind die Bündnisse? Wer profitiert, wer fühlt sich übers Ohr gehauen, wer ist schon unzufrieden? Welche Rolle spielt Geld in diesem Zusammenhang? (In der ZEIT von morgen gibt es zur IS-Ökonomie übrigens ein sehr interessantes Stück!)

Es gibt mehr Fragen, aber für mich sind diese die derzeit drängendsten.

 

41 Kommentare


  1. Sehr spannende Fragen in der Tat. Mich wundert vor allem, dass die an mehreren Fronten gleichzeitig Krieg führen können und wollen. Das ist doch strategisch total irrsinnig – soll mir aber nur Recht sein. Sobald man an einen stärkeren Gegener gerät und/oder die jetzigen Gegner insb. im Irak sich konsolidieren dann müsste der Spuk doch ein Ende oder zumindest auf eine SChrumpfung auf ein Niveau wie vormals in Syrien kaum beachtet haben.


  2. Vielleicht hat ISIS gar nichts, was man als Plan bezeichnen könnte. Der Westen tut es sich immer schwer gegen chaotische Organisationen und selbstorganisierende Strukturen.

  3.   TimeTravelAgency

    Wichtige Frage: Wer soll denn diesen Quatsch glauben?


  4. Das ist bisher da gescheiteste, was ich je zu IS gelesen habe.

    οἶδα οὐδὲν εἰδώς (oîda oudén eidōs). Ich weiß, dass ich nichts weiß, wie der kluge Sokrates meinte. Tut das gut, im Meer der halbwissenden Dampfplauderer endlich mal von einem zu lesen, der sagt, dass er vieles nicht weiß, der aber interessante und höchst relevante Fragen stellt. Vielleicht ist die Aufklärung, wie ich bisher eigentlich befürchtet habe, doch noch nicht vorbei. Wäre jedenfalls schön.

    Ja, liebe Zeit und liebe Zeit-Online bitte bitte mehr davon. Klar die Grenzen dessen aufzeigen, was wir eben nicht wissen, vielleicht auch nicht wissen können und dann die relevanten Fragen dazu. Das hilft wesentlich mehr zur wirklichen Erkenntnis, als großspurig zur Schau gestellte Gewissheiten vieler Pseudoexperten.

  5.   leroy60

    Mich hat immer die Frage beschäftigt, warum die IS so gut mit modernen Waffen umgehen kann. Das ehemalige Kommandeure der Baath Partei als Anführer dabei sind erklärt mir vieles.

  6.   geronimo19

    Die Beiträge von Herrn Musharbash sind der Grund, warum ich in erster Linie bei ZON vorbeischaue, wenn es um das Thema IS geht.


  7. Radikale Ansichten erfordern radikale Lösungen

    1. Es sollte schnell gehandelt werden, damit das tägliche Blutvergießen beendet wird

    2. International muss alles getan werden, um diese fanatisch zerstörenden und mordenden Banden mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln in ihrem Tun umgehend zu stoppen.

    3. Es muss genau untersucht werden, wer diese ISIS unterstützt. Sollte sich zeigen, dass bestimmte Länder hier mitwirken, dürfte es für diese nicht ohne Konsequenzen bleiben.

    4. USA und NATO halten sich zukünftig zurück und lernen aus den Kriegen im Irak, Libyen und Syrien.

  8.   Matrix23

    Im Prinzip könnten die einzelnen Gruppierungen des islamistischen Terrors paktieren, koalieren oder sich gegenseitig bekriegen. Es wäre schnell gleichgültig, wenn sich die Staaten, die das kapitalistische Weltwirtschaftssystem tragen, endlich dazu entschließen würden, die Ökonomie hinter dem Terror auszutrocknen, und beispielsweise als eine erste Maßnahme die weltweiten Offshore-Banken schlössen.
    In den allseits bekannten Finanzoasen liegen die tatsächlich völlig legalen Schnittstellen der Terrororganisationen wie des organisierten Verbrechens zum deregulierten Weltmarkt, auf dem sie sich bedienen – Drogengelder gegen Waffen, beispielsweise, oder die Spenden superreicher Ölscheichs an ihre Gesinnungsgenossen; jetzt ist noch der Ölhandel dazugekommen. Dem Welthandel würden Schätzungen zufolge dadurch mindestens eine Billionen Dollar jährlich reales Geld entzogen. Dies und der Verlust ihrer eigenen Schattenwirtschaften scheint für die Finanzplätze ein großes Problem darzustellen.

  9.   Hokan

    Kuehler analytischer Ansatz. Drueckt sich auch in der Wortwahl aus. Mehr davon.


  10. Nichts Genaues weiß man nicht!
    Ich bin genauso schlau wie vorher!

    Was ich aber immer mehr ahne: dieser pseudoreligiöse Verein läßt sich nie und nimmer in eine multikulturelee menschliche Gesellschaft integrieren.

    Mein Rat an die IS: bleibt bitte draußen!

 

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