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„Sam, wir müssen reden!“

 

„So, fertig!“, rief Sam gut gelaunt. „Das Fliegengitter sitzt. Jetzt kommt auch in dein Zimmer keines von diesen Monstern mehr rein!“

„Danke dir!“, antwortete Michaela.

Es war nett, dass Sam an ihr Fenster gedacht hatte. Er war handwerklich allerdings auch viel geschickter als sie. Sie hätte Stunden gebraucht; und selbst dann wäre sie unsicher gewesen, ob sie vielleicht eine undichte Stelle übersehen hätte.

Es war schon o.k., mit Sam in einer WG zu leben. Sie wusste, dass er auch mit Francoise und mit Penny was am Laufen hatte. Aber hey, irgendwie kamen sie alle gut miteinander aus. Hauptsache, sie gaben aufeinander acht. Und Sam eben auf sie alle.

Trotzdem. In letzter Zeit hatte sich ein flaues Gefühl eingeschlichen. Abends redeten sie oft noch miteinander. Darüber, wie ihr Tag gewesen war. Wovor sie sich fürchteten, oder worauf sie sich freuten. Und dann schliefen sie häufig nebeneinander ein. Das war schön. Freunde eben.

Doch neulich war sie morgens aufgewacht und hatte an ihrem Schreibtisch etwas gesucht, und irgendetwas stimmte nicht. Es hatte einen Moment gedauert, dann wusste sie, was es war. Ihr Tagebuch lag anders da, als sie es am Abend hatte liegen lassen. Sie hatte sich umgedreht und Sam angeblickt, aber der lag noch in Boxershorts auf dem Bett und schnarchte.

Hatte er etwa?

Aber das würde er nicht tun, oder?

Sie enthielt ihm doch sowieso fast nichts vor. Und das letzte bisschen, von dem nur ihr Tagebuch etwas ahnte – das ging ihn nun wirklich nichts an. Familiensachen, Verliebtheiten, Gewichtsprobleme. Wieso sollte er das überhaupt lesen wollen? Um mit Penny darüber zu reden? Manchmal gab es ihr einen kleinen Stich, wenn sie Sam und Penny nebenan kichern hörte. Sicher, ein oder zwei Sätze über ihn standen auch in dem Tagebuch. Aber sie waren doch… Freunde?!

Das war vor sechs Monaten gewesen. Seither hatte sie sich Mühe gegeben, sich nichts anmerken zu lassen. Und darin war sie ziemlich gut. So gut, dass sie die Episode oft selbst tagelang vergaß und alles genau so unbeschwert ablief wie sonst auch. Sie fuhren zum Schwimmen an den See. Abends machte Sam Hot Dogs für alle. Solche Sachen.

„Wir sind schon eine geile Truppe“, hatte er an einem dieser Abende gesagt, als sie draußen, im Garten, auf der langen Holzbank saßen. Da hatten sie alle genickt und feierlich mit Weißbier angestoßen. Wir gegen den Rest der Welt!

Aber dann, gleich am nächsten Morgen: Hatte er da etwa nicht etwas zu unauffällig, eine Idee zu beiläufig, genau in dem Moment angefangen eine Steckdose im Flur zu reparieren, als sie gerade ein langes Telefonat mit ihrer Schwester führte? Und am Tag darauf, wieso hatte er da so merkwürdig in der Tür herumgelungert, als sie ein paar alte Freundinnen zu Besuch hatte?

Und dann war da natürlich noch dieser Ed, den sie zwar gar nicht kannte, aber der eines Abends, als Sam gerade nicht da war, an der Tür geklingelt und sich als Sams Ex-Mitbewohner vorgestellt hatte – und sie warnte, dass sie Sam nicht trauen könne und er sie hintergehe. Dann war Ed wieder verschwunden. Im Regen. In der Nacht.

Sie hatte sich daraufhin mit ihrer Cousine Vera beraten. Die hatte gesagt: Sieh mal, Michi, der Sam, das ist ein Guter! Er ist vielleicht etwas neugierig, aber dir rate ich: Vergiss die Sache, sonst verlierst du ihn. Und dein Türschloss repariert dir dann auch keiner mehr!

Oder eben ein Fliegengitter, so wie heute Morgen.

Unsicher schaute sie Sam an, der jetzt am Frühstückstisch saß und seine Rühreier verschlang. Seine Fitness-Studio-gestählten Oberarme sprengten fast die Ärmel seines T-Shirts. Er grinste breit. „Na, Michi? Alles klar?“

Seine riesigen, schneeweißen Zähne nervten sie auf einmal.

„Sam, wir müssen reden. Du hast ein verdammtes Problem. Ich glaube, du bist übergriffig und du weißt in Wahrheit gar nicht, was Freundschaft bedeutet.“

Das hatte sie sagen wollen. Zumindest ein Teil von ihr.

„Alles klar!“, sagte sie stattdessen.

Und sie wusste, auch ohne in den Spiegel zu schauen, dass ihr Grinsen in diesem Moment genau so verzerrt aussah wie seines.

Interpretationshilfen: 1, 2, 3.

 

6 Kommentare


  1. Mm… Deutschland und die USA wohnen also in einer WG? Zusammen mit Frankreich und Großbrittanien? Und es gibt freie Liebe? Oder wie?

  2.   Score

    @torsten_peh:

    Freie Liebe herrscht zwischen Deutschland und den USA insofern, dass die USA machen dürfen, was sie möchten und Deutschland einen Keuschheitsgürtel trägt – und fragen muss, mit wem es Bekanntschaften eingehen darf.

  3.   Herr Print

    Es gibt keine Wohngemeinschaft mit Sam. Sam wohnt ein paar tausend Kilometer weiter westlich. Davon abgesehen ist Sam ein Massenmörder und Folterer.

  4.   zipit_

    Abeseits der zugegebenermaßen recht lustigen Grundprämisse, die westliche Wertegemeinschaft als WG, bietet der Text (mir) leider sehr wenig. Ich vermute der naive Stil ist gewollt, bzw soll Stilmittel sein, mir verdirbt er jeodoch jeden Lesespaß.

    Lachen musste ich aber beim Zusatz Interpretationshilfen: 1, 2, 3 ;)

  5.   KolyaK

    Und Ed Snowden kommt vorbei und warnt den deutschen Michel. Hahaha, nice.

  6.   ikstej

    Gibt es tatsächlich Menschen die die „Interpretationshilfen“ benötigen?

 

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