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Sperrgebiet Traumstrand

 

Der DFB ist in Brasilien in einem Dilemma. Einerseits soll sich die Nationalelf in Ruhe auf das WM-Turnier vorbereiten. Andererseits versteht sich der Verband als Botschafter Deutschlands. Der DFB wolle ein Teil Brasiliens sein, sagte Oliver Bierhoff während der Eröffnungspressekonferenz am Montag: „Wir wollen das zweite Team der Brasilianer sein.“

Das Dilemma führt zu rhetorischen Anstrengungen. Die Delegation und die Mannschaft hätten sich von der brasilianischen Lebensart beeinflussen lassen, sagte Bierhoff. Sie hätten sich darauf vorbereitet, sich zu arrangieren. Das eine oder andere „Problemchen“ sei bereits gelassen gemeistert worden. „Mit Widrigkeiten muss man in Brasilien klarkommen“, sagte der Manager des Nationalteams.

Deutschlands neue Mauer
Deutschlands neue Mauer (Copyright O. Fritsch für ZEIT ONLINE)

Als ein Journalist wissen wollte, welche Widrigkeiten er meine, antwortete Bierhoff: „Da fließt mal das Wasser nicht, und da geht die eine Steckdose nicht.“ Und verwies auf die allseits bekannte Anekdote vom Vortag, als der Reisebus des DFB zunächst nicht die Fähre verlassen konnte, die den Fluss Joao de Tiba überquert.

Das klang ein bisschen nach Abenteuer im Urwald. Das klang dem ehemaligen CDU-Politiker Friedrich Merz, der seine bürgerliche Sauerländer Jugend nachträglich mit wilden Storys frisieren wollte, mit angeblichen Fahrten auf dem Moped.

Helmut Sandrock, der Generalsekretär, sagte auf der gleichen Pressekonferenz: „Wir sind freundlich begrüßt worden – von Menschen, Frauen und Kindern.“ Ein Versprecher, freilich, aber vielleicht bezeichnend dafür, dass uns Deutschen die diplomatische Eleganz nicht im Blut liegt. Zur Frage, ob die sozialen Proteste und das Fifa-Desaster die WM in Brasilien beeinträchtigen könnten, sagte Sandrock: „Dazu werden wir uns zu gegebenem Zeitpunkt äußern.“

Der DFB hat sich zur Mission Titelgewinn in eine Traumwelt zurückgezogen, manche sagen in eine Parallelwelt. Er hat nicht eins der Quartiere gewählt, das die Fifa vorgeschlagen hat, sondern eins, das erst gebaut werden musste: das Campo Bahia in Santo André. Zugänglich ist der Abschnitt nur über eine Fähre. Andere Teams residieren in den Metropolen Rio und Sao Paolo (und werden nun mit U-Bahn-Streiks bestraft). Der DFB hat sich in ein Nest am Atlantik einquartiert, das keine tausend Einwohner zählt. Sie leben an einem Traumstrand. Manche von ihnen leben aber auch in armen Häusern und an Sandstraßen. Einige Läden sind in Garagen untergebracht.

Santo André erlebt nun staunend die Invasion der Deutschen. Am nördlichen Ende des Orts hat der DFB einen Trainingsplatz mit perfektem Rasen und Flutlicht bauen lassen, mitten im Naturschutzgebiet. Das Teamhotel ist abgeschirmt. Davor stehen Militärpolizisten mit Gewehren. Sie bewachen auch den Trainingsplatz während des Trainings, ihn umgibt ein Zaun mit Sichtschutz. In den wenigen Restaurants spricht man nun Deutsch.

Die Leute im Ort sind den Fremden gegenüber zwar aufgeschlossen, das sah man beim Empfang am Sonntag. Bloß bietet sich ihnen ein ungewohntes Bild. Sicherheitskräfte sehen sie hier sonst selten. Und der kolonnenhafte Verkehr der riesigen deutschen Delegation samt einem riesigen Appendix namens Presse provoziert irritierte Blicke, auch Ansätze von Trotz. Auf dem Mittelstreifen der einzigen asphaltierten Straße bewegt sich ein schwarzer Hund auch dann nicht vom Fleck, wenn von zwei Seiten Autos auf ihn zufahren (was nie passieren dürfte, wenn nicht gerade WM ist).

Manche Leute in Santo André merken nun, dass sie für die nächsten Wochen in einem Sperrgebiet leben werden. Einwohner bestimmter Zonen müssen sich ausweisen, wenn sie ihr Haus betreten wollen. Kinder fühlen sich auf dem Weg zur Schule behindert, es gibt einige Facebook-Einträge dazu.

Spricht man mit Einheimischen, ist augenzwinkernd die Rede von der Invasion der deutschen Armee. Folha, eine der wichtigsten Zeitungen Brasiliens, schreibt: „Deutschland baut die Mauer wieder auf.“ Das ist weit übertrieben. Doch eine Straßenverkäuferin, die in der Nähe der Deutschen wohnt, lässt sich in dem Artikel mit den Worten zitieren: „Ich empfinde es als demütigend. Wer sich hier auszuweisen hat, sind die Zugereisten, und nicht ich. Ich bin hier geboren.“

Die Spieler bekommen davon wohl nichts mit. Sie sollen ja auch ein Fußballturnier gewinnen. Am Montag gab es eine nette Geste gegenüber den Einheimischen. Zu Besuch waren die Pataxó, ein indigenes Volk. Sie kamen mit Federschmuck und Pfeil und Bogen. Sie feierten Miroslav Klose, der Geburtstag hatte, mit einem Ständchen. Von Journalisten sammelten sie Autogramme und ließen sich zu „Deutschland, Deutschland“-Chören verleiten. Lukas Podolski machte eine Art Polonaise mit ihnen, vielleicht auch weil er sich wie beim Karneval in Kölle fühlte.

 

Beim Empfang am Sonntag wirkten die deutschen Profis in ihren schwarzen Hemden und hinter dunklen Sonnenbrillen noch nicht voll akklimatisiert. Man wünscht ihnen eine Spur der Leichtigkeit, die man etwa den Holländern nachsagt, und von denen es heißt, sie spielten in Rio am Strand. Sie kommt sicher auf dem Platz.

Am Dienstag fragte eine argentinische Journalistin auf der Pressekonferenz Philipp Lahm und André Schürrle nach ihrer Meinung über den Artikel in Folha. Die beiden Spieler schwiegen kurz irritiert, dann antwortete ein Sprecher des DFB, das Sicherheitskonzept sei mit den lokalen Behörden abgestimmt – und bevor Lahm etwas zu sagen wollen schien: „Nächste Frage, bitte.“

85 Kommentare

  1.   Thomas Milz

    Ich kann Ihre Ansichten nicht teilen. In den brasilianischen Medien kommt kein Team so sympathisch rüber wie die Deutschen, das Video mit Neuer und Schweinsteiger, die die Hymne des Esporte Clube Bahia singen, ist der Hit. Die Bilder von mit Schulkindern spielenden Nationalspielern ebenfalls. Kurzum: Die Deutschen gelten hier in Brasilien als sympathischstes Team. Bierhoff hat richtig erkannt, wie wichtig dies sein wird. Am Montag in Salvador werden die meisten Brasilianer für Deutschland sein – man spielt schließlich im Stadion des Klubs Bahia.
    Was die Sicherheitsmassnahmen angeht: alle Teams sind derart abgeschirmt, die USA und Iran sogar noch viel mehr. Die Italiener gelten als vollkommen arrogant, die Bewohner sprechen regelrecht von der Antipathie ihrer Gäste. Also halblang mit dem DFB-bashing.
    Zudem: Sao Paulo schreibt man immer noch mit u – und nicht mit o.
    Und die DFB-Elf wird nicht von der Militärpolizei abgesichert – ein Tipp: Wikipedia erklärt sehr gut was Militärpolizei ist:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Militärpolizei

    Viel Spass in Brasilien, machen Sie sich doch einfach locker – Schweinsteiger kann Ihnen zeigen wie das geht.

  2.   Terry Lennox

    Für mich reicht diese eine Tatsache, dass der DFB in einem Naturschutzgebiet einen Trainingsplatz hat errichten zu lassen, um mit diesem Verband und dessen Auswahlmannschaft für immer und ewig fertig zu sein. Ich werde mir bestimmt das eine oder andere Spiel anschauen, aber wenn „Deutschland“ spielt, dann bin ich irgendwo in der Natur und genieße die Ruhe.

    Ist Fußball so wichtig? Ist die deutsche Fußball-Nationalmannschaft so wichtig? So wichtig, dass man Naturschutzgebiete zubaut und dass die Kanzlerin jetzt auch schon zum ersten Vorrundenspiel anreist, natürlich mit eigenen Flugzeug und großer Entourage? Zu einem Vorrundenspiel?

    Ich bin Fußballfan, habe bei meinem (kleinen) Verein sogar eine Dauerkarte. Aber das Getue um diese WM eines korrupten Weltverbands, die in den kommenden Wochen das einzige Thema in den Medien sein wird, geht mir auf den Geist.

    A propos Geist: Dieser fehlt dem durchschnittlichen dummen Deutschen, der mit Autospiegelüberzug über die Autobahn rast und beim Bier vom Sponsor Sponsorenwürstchen grillt. Da dann so etwas wie Umweltbewusstsein und sozialer Verantwortung einzufordern, wäre wohl leider viel zu viel verlangt.

  3.   goalcalcio

    Dem Beitrag ist eigentlich nichts hinzuzufügen – er trifft den Nagel 100%ig auf den Kopf – aber die meisten Deutschen wollen in bierseliger WM-Laune davon nichts hören und wahrhaben. Und die meisten lesen auch nicht die „ZEIT“, leider.
    Macht weiter so.


  4. Falls Sie die Straßenverkäuferin noch einmal antreffen sollten, richten Sie ihr doch bitte Grüße aus – ich teile ihre Meinung.


  5. Man muss aber auch die Deutschen verstehen:

    Wenn man in so ein unaufgeräumtes Land kommt, in dem es vor mühsam getarnten Halbnegern nur so wimmelt, von denen man allerorten mit ihrer ebenso unattraktiven, wie existenziellen Armut belästigt wird, dann zieht man sich als Deutscher eben gerne mal mit einem Fläschchen Sagrotan zurück und bleibt für sich.

    Man ist ja auch nicht da, um ausgerechnet mit solchen, die zu faul sind Deutsch zu lernen, Völkerverständigung zu betreiben oder wilde Völker außerhalb von Pflichtterminen zu zivilisieren. Am Ende wollen die noch ein eigenes Oktoberfest oder das Geld für ihr Bildungssystem zurück.

    Jeder Berührungspunkt birgt die Gefahr, dass Zweifel in den sensiblen Hochleistungserbringern aus Schland reifen könnten, ob ihre alles überstrahlende Anwesenheit und die heilige nationale Aufgabe nun wirklich über allem stehen oder ob sie vielleicht doch nur ein paar rundumgepamperte Fürze im Wind sind.

    Im Endeffekt machen Jogis Prinzesschen nichts anderes, als all die anderen deutschen Touristen, die sich ihre abgeschotteten Hotelbunker möglichst weit entfernt von jeglichen kulturellen Einflüssen errichten lassen und irgendetwas von Exotik faseln: Trotzdem nur die Unterschiede zur Heimat bemängeln und eifrig Sympathien verspielen.

 

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