Olympia-Blog: Ganz schön schwul, dieses Olympia-Design

Christof Siemes
Christof Siemes

Vielleicht hatte ich bislang einfach nur Glück, dass ich noch nicht von den Spielen ausgeschlossen wurde. Oder meine Journalisten-Akkreditierung schützt mich, das laminierte Stück Papier mit dem schwarzen E auf gelbem Grund, das mir Zutritt zu allen olympischen Stätten gewährt. An einem blauen Band baumelt das heftgroße Plastikding um meinen Hals. Die große Regenbogenfahne, die auf meiner Brust prangt, verdeckt das Dokument allerdings nicht.

Bevor wir nach Sotschi abreisten, hatten der ZEIT-ONLINE-Kollege Steffen Dobbert und ich uns in einem T-Shirt-Shop ein Protestleibchen fertigen lassen: Oben prangt unübersehbar die Regenbogenfahne, das Symbol der Schwulen- und Lesbenbewegung. Darunter zitieren wir das sechste der “Fundamentalen Prinzipien” der Olympischen Charta, quasi das Grundgesetz der IOC-Welt: “Any form of discrimination on ground of race, religion, politics, gender or otherwise is incompatible with belonging to the Olympic Movement.” Jede Art der Diskriminierung ist also unvereinbar mit der Olympischen Bewegung.

Wir sind beide nicht schwul. Die T-Shirts sollen ein Test sein. Kann das Internationale Olympische Komitee (IOK) seine Zusage einhalten, dass das sogenannte russische Homosexuellen-Gesetz bei den Spielen nicht angewendet wird? Offiziell ist es ein “Verbot der Propaganda für nicht-traditionelle Lebensformen gegenüber Minderjährigen”; es bleibt vage, was genau eigentlich verboten ist: Küssen auf offener Straße, wenn Jugendliche in der Nähe sind? Händchenhalten? Oder eben das Zeigen der Regenbogenfahne? Dafür sind vor den Spielen, sogar während der Eröffnungsfeier, Aktivisten verhaftet worden.

Dabei hatte der deutsche IOK-Präsident Thomas Bach in einem Interview mit der ZEIT im November 2013 gesagt: “Präsident Putin hat nach einem persönlichen Gespräch mit mir eine öffentliche Erklärung abgegeben, dass in Russland die Olympische Charta respektiert wird und es bei den Olympischen Spielen keinerlei Diskriminierung geben wird, sei es wegen Rasse, Geschlecht oder sexueller Orientierung. Und dass er sich dafür einsetzt, dass in Russland alle Teilnehmer der Olympischen Spiele willkommen sind.”

Vladimir Luxuria jedenfalls ist schon mal nicht willkommen. Die 1965 als Mann geborene Transsexuelle, mit bürgerlichem Namen Wladimiro Guadagno, war kommunistische Abgeordnete im italienischen Parlament und ist eine der Ikonen der italienischen Homosexuellenbewegung. Am vergangenen Sonntag spazierte sie durch den Olympischen Park, trug einen kleinen Schirm sowie einen Fächer in Regenbogenfarben und schwenkte ein Plakat mit der Aufschrift: “Gay Is Okay” – eigentlich nichts anderes als eine prägnante Zusammenfassung des sechsten Prinzips. Zunächst unbehelligt, sprach Luxuria mit Passanten; doch als sie die Eishockey-Arena Shayba besuchen wollte, wurde sie von Sicherheitsleuten des Parks verwiesen.

Siemes-Selfie
Siemes-Selfie

Kann das IOC also nicht mal im Herzen der Spiele seine eigenen Prinzipien ertragen und seine Zusagen einhalten?

Mark Adams, der britische Pressesprecher des IOK, gab daraufhin wieder eine Kostprobe des dialektischen Denkens, das die Oberolympier zu einer echten Kunstform entwickelt haben. “Für uns ist kristallklar und das Allerwichtigste, dass die Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung gegen die Gesetze der Olympischen Bewegung verstößt.” Aber ebenso klar sei auch, dass politische Demonstrationen bei den Spielen verboten seien: “Wir möchten jedermann bitten, sein Anliegen nicht im Olympischen Park oder in den Sportstätten vorzubringen, sondern anderswo.” Selbst wenn man also mit dem IOK mal einer Meinung ist – Diskriminierung soll nicht sein –, darf man sie nicht äußern! Nur mit solchen argumentativen Verrenkungen ist die Illusion des IOK aufrechtzuerhalten, der Sport sei nicht apolitisch, aber politisch neutral – eine der Lieblingsformulierungen von Thomas Bach.

Und das Ergebnis unseres Tests? Ich habe das ZEIT-T-Shirt bei verschiedenen Gelegenheiten getragen, in der Eisschnelllauf- und der Eishockeyarena, während frühsommerlicher Spaziergänge durch den Olympischen Park, in einer IOK-Pressekonferenz. Für den Test bei kälteren Temperaturen hatte ich mir eine Wollmütze in den Farben des Regenbogens bestellt. Damit stand ich im Skisprungstadion, im Extreme Park der wilden Skifahrer, damit saß ich während der Eröffnungsfeier auf der Pressetribüne, keine hundert Meter von jenem Mann entfernt, dessen Unterschrift das umstrittene Gesetz trägt.

Meine Erfahrung bislang: Außer vielen verstohlenen Blicken und dem ein oder anderen Kompliment – “nice t-shirt, man!” – ist wenig passiert. Nun bin ich auch kein Aktivist, habe keine Fahne geschwenkt und kein Plakat hochgehalten. Ich habe lediglich versucht, meine Meinung auszudrücken: Homosexualität ist ein Menschenrecht. Und das gilt es zu schützen. Niemand soll wegen seiner sexuellen Orientierung verfolgt, kujoniert, ins Abseits gedrängt werden oder sich auch nur fürchten müssen vor irgendeiner Form von Repression, schon gar nicht von staatlicher Seite.

Bisher haben die zahllosen Polizisten, Kosaken, Soldaten, privaten Wachleute, die bei diesen Spielen für Recht, Ordnung und Sicherheit sorgen sollen, keinen Anstoß an unseren T-Shirts und Mützen genommen. Doch ich habe gelernt, wie schwer es ist, zu seiner Meinung zu stehen, wenn man weiß, wie teuer sie einen zu stehen kommen kann. Seit einige Frauen der Band Pussy Riot in Sotschi wie Tiere mit Pferdepeitschen malträtiert wurden, nur weil sie auf offener Straße ein Lied singen wollten, trage ich (auch wenn die Verantwortlichen nun bestraft werden sollen) die Farben des Regenbogens nicht mehr leichten Herzens. Sondern voller Unbehagen und Furcht. Diese Angst, die aus einer strategisch erzeugten Rechtsunsicherheit erwächst, nutzt der russische Staat, um seine Bürger (und Besucher) zu kontrollieren.

Dabei sind Verbot und Verfolgung von ein paar Farben lächerlich, Zeichen der Schwäche, nicht der Stärke. In Wladimir Putins olympischer Traumwelt wimmelt es übrigens von ihnen, sie ist ein Hochfest schwul-lesbischer Symbolik: Der Fassadenschmuck des Olympiastadions und die große Fußgängerbrücke vom Bahnhof in den Olympischen Park – regenbogenfarben. Genau wie die Perücken der Animateure der Sberbank, einer der großen, staatstreuen Sponsoren dieser Spiele. Schließlich die bunten Jacken der vielen Tausend freiwilligen Helfer: ganz schön “schwul”, dieses Design, Regenbogen auf LSD. Und leuchtet es nicht am Ende jedes Regenbogens olympisch golden?

 

Hier noch nicht fertig, dort schon verfallen

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Unsere Olympia-Reporter Steffen Dobbert und Christof Siemes erzählen im Video von Sonnenschein und Baustellen, von ihren ersten Eindrücken in Sotschi also.

In diesem Blog werden die beiden über ihre Erlebnisse in Sotschi berichten. Über Kurioses, Wunderliches und Erzählenswertes abseits des Olympia-Stroms. Ab und zu werden sie auch über ihre Arbeit schreiben. Zusätzlich schreiben sie Texte für DIE ZEIT und ZEIT ONLINE, twittern hier und üben ihr Russisch. Wir freuen uns über Ideen, Anregungen, Fragen und Kritik. Den ersten Text für dieses Blog schrieb Christof Siemes kurz nach seiner Ankunft:

Ein großer Freund dieser Spiele in Sotschi war ich nie. Aber nun, da ich sie live erlebe, bin ich ernsthaft erschüttert. Natürlich kann man es blöd finden, wenn zwei Tage, bevor die Spiele von Sotschi überhaupt losgehen, gut situierte Journalisten rumnörgeln, in ihrem Hotelzimmer liege noch Bauschutt auf dem Bett. Aber inzwischen geht es nicht mehr nur um kleine Macken.

In meinem Zimmer dünsten Farbe und Teppichkleber noch derart giftig-frisch, dass mir Hals und Augen brennen. Die Zusicherung, es würde Internetzugang in jedem Zimmer geben, glauben wir schon lange nicht mehr. Und fragen Sie mal den Kollegen vom Tagesspiegel, wie der es fand, mehr als eine halbe Stunde in einem wackligen Aufzug steckenzubleiben, ohne dass irgendjemand auf seine Hilferufe über den Notfallknopf reagiert hätte. Am Ende musste einer der wenigen freiwilligen Helfer, der überhaupt die Telefonnummer des aus dem Boden gestampften Hauses kannte, aus Sotschi die Rezeption oben in den Bergen anrufen und sagen: Gorki Panorama, Sie haben ein Problem. Die Treppe ist übrigens auch keine Lösung: Die ist allein den Bauarbeitern vorbehalten.

Es hatte eben doch seinen Grund, warum bei unserer Ankunft der Eingang zu dem Komplex noch mit rot-weißem Trassierband abgesperrt war. Das Haus ist einfach nicht fertig – und das wird es in den nächsten drei Wochen bis zum Ende dieser Spiele auch nicht mehr. Und das ist kein Einzelfall. An den verschiedensten Schauplätzen wird zwar noch fleißig gewerkelt und gefegt, verzweifelt versuchen zahllose Bauarbeiter, den Putz, der nie dran war oder schon wieder abblättert, irgendwie noch zu flicken. Aber das ganze Tal vom Meer hinauf in die Bergregion von Krasnaja Poljana sieht immer noch aus wie eine gigantische Baustelle. Das Flussbett der Mzymta sieht nach sieben Jahren Brachialbehandlung aus wie ein Panzerübungsplatz. Verschämt versuchen die Verantwortlichen, die größten Brachen und Dreckslöcher hinter Sichtblenden zu verstecken. Aber die neue Straße und die Eisenbahnlinie liegen auf ihren gewaltigen Stelzen so hoch, dass wir auf unserer Berg- und Talfahrt zwischen den Wettkampfstätten freie Sicht auf jede Sauerei haben, die hier begangen wurde und in Jahren nicht verheilen wird.

Und so summieren sich die Einzelbeobachtungen zu einem ernüchternden Befund: Das ganze Projekt ist derart überdimensioniert, dass es selbst mit all dem Geld, dass Wladimir Putin hineinpumpen ließ, nicht rechtzeitig fertig werden konnte – und vielleicht nie wirklich fertig wird. Bürgersteige enden im Nichts, neu gepflanzte Bäumchen werden mit Stricken mühsam aufrecht gehalten, und wo man die mitunter achtspurige Schnellstraße, die nun das Tal durchschneidet, als Fußgänger gefahrlos überqueren soll, weiß keiner so genau.

Besonders gespenstisch mutet es an, dass manche Bauten, seien es nun Häuser oder Straßen und Wege, am einen Ende bereits zu verfallen scheinen, obwohl sie am anderen noch nicht mal fertig sind. Wie dieser Brutalismus aus der Retorte mit seiner billig gebauten Angeberarchitektur jemals den gewachsenen Skigebieten in den Alpen Konkurrenz machen soll (denn das war ja ein Ziel der Super-Investitionen), weiß der Nachfahr des Zaren allein.

Es stimmt ja, dass auch bei der Zurichtung der Gebirge Mitteleuropas zu alpinen Vergnügungsparks vieles schief gelaufen ist. Aber soviel Pfusch in so kurzer Zeit – das hat man nicht mal in den französischen Mega-Skigebieten fertiggebracht. Natürlich sollen nicht immer unsere westlichen Standards für den Rest der Welt das Maß aller Dinge sein. Aber die Veranstalter haben es auf diesen Wettstreit angelegt. Und kann man nicht mal die Hoffnung haben, dass irgendjemand aus unseren früheren Fehlern lernt? Oder von den obersten Olympiern in seinem Tatendrang etwas gebremst wird?

Selbst der Chef deutschen Delegation, der Ex-Grüne Michael Vesper, der sich zum staatstragenden Allesgutfinder gewandelt hat, musste angesichts der rücksichtslosen Umsetzung einer Profilneurose schwer schlucken. Für seine Verhältnisse erstaunlich unverschlüsselt sprach er auf einer Pressekonferenz im Deutschen Haus von seiner Hoffnung, das IOC möge angesichts dieser Zustände seine Vergabepraxis ändern.

Wie diese Spiele eine, ihre Seele finden wollen, bleibt angesichts der Megatonnen Beton, all der Containerdörfer und Gewerbegebietsästhetik ein Rätsel. Am Ende, so viel ist jetzt schon sicher, werden alle wieder mit leuchtenden Augen von Lillehammer sprechen, dem norwegischen Dorf, in dem 1994 die stimmungsvollsten Winterspiele aller Zeiten stattfanden.

 

Trotz Skandalen: Alles im grünen Bereich

Die Spiele haben noch gar nicht begonnen, da haben sie schon ihren ersten Skandal. Oder sind es bereits zwei? Zuerst wurde beim Fußballspiel der Nordkoreanerinnen gegen Kolumbien von allen möglichen 200 falschen Flaggen ausgerechnet die südkoreanische neben den Namen der Spielerinnen eingeblendet. Skandal Nummer zwei: Mitt Romney, olympischer Organisator von 2002 (Winterspiele Salt Lake City) und amerikanischer Möchtegern-Präsident auf europäischer goodwill-Tour, bezweifelt, dass die Briten als Nation olympiareif sind. „Werden sie wirklich zusammen den olympischen Moment feiern?“, fragte er im US-Fernsehen skeptisch.

Foto: Christof Siemes

Das geht natürlich gar nicht, dass die Spiele mit einer Panne beginnen und die ehemalige Kolonie gegen das Königreich aufmuckt, also musste der Premierminister David Cameron persönlich ran zum Scharte auswetzen. Bei einer open-air-Pressekonferenz direkt vor dem Olympiastadion wurde ausnahmsweise mal nicht er gegrillt wegen irgendwelcher Abhör-Skandale, sondern uns Journalisten wurde heiß, als wir in der stechenden Sonne auf ihn warten mussten, bis er ganz vorbildlich den Olympic Park mit öffentlichen Verkehrsmitteln und zu Fuß erreicht hatte. An der Seite von Organisationschef Sebastian Coe trat Cameron mit patriotischer Verve den drohenden Schwelbrand aus: Keine diplomatischen Verwicklungen mit Nordkorea, wir haben uns entschuldigt, jetzt bloß nichts aufblasen, war die Botschaft Nummer eins. Nummer zwei: „Wenn ich Mitt Romney heute Abend treffe, werde ich ihm sagen, dass wir das VEREINIGTE Königreich sind.“ Und dann kriegte er sich gar nicht mehr ein vor lauter Begeisterung darüber, was seine Landsleute alles bewerkstelligt haben in den sieben Jahren seit der Vergabe der Spiele nach London.

Foto: Christof Siemes

Dazu muss man wissen, dass sich die Briten als Ex-Weltmacht nicht nur im Fußball mit Minderwertigkeitskomplexen plagen. Auch bei anderen Großprojekten misstrauen sie sich – aus Erfahrung. Länger als ein Jahrzehnt zum Beispiel bauten sie an einer neuen British Library – und am Ende waren die Fußböden zu schwach, um die Bücher zu tragen. Aber jetzt haben sie eine Industriebrache in einen Olympischen Park verwandelt, in dem es wirklich grünt und blüht wie auf einer Alpenwiese. „Britain can deliver!“, rief Cameron, wir Briten bringen das! Und dann lieferte er eine Lektion in pep talk, von der sich Angela Merkel einen Mitschnitt besorgen sollte: Weltklasse-Veranstaltung, mit der wir nicht nur eine Stadt erneuern, sondern die Ambitionen eines ganzen Landes, einer ganzen Generation! Für die Sicherheit der Spiele übernahm er auch noch gleich persönlich die Verantwortung, was ihm mit der „finest army in the world“ im Rücken offenbar nicht schwerfiel.

Nur bei einer Sache stahl sich der Premier aus der Verantwortung: die Eröffnungsfeier. Die Musik von den letzten Proben schwappte aus dem Stadiontopf hinter ihm herüber, als er zwar zugab, über den Ablauf und die großen Momente im Bilde zu sein. „Aber ich bin nicht der Regisseur und ich weiß gar nicht, wie Danny Boyle all die großartigen Momente der englischen Geschichte in ein paar Stunden unterbringen will.“

Foto: Christof Siemes

In jedem Fall werden auch bei der Eröffnungsfeier grüne Aspekte eine wichtige Rolle spielen. Während der ganzen Pressekonferenz wurden gleich nebenan unermüdlich echte Blumenteppiche gewässert, die offenbar im Stadion verlegt werden.

Mitten im Herzen einer von Verkehrskollaps und Finanzkrise gebeutelten Stadt wird morgen Abend das ländliche England gefeiert. Auch eine Menge echter Ähren, liebevoll von Hand einzeln in Styroporblöcke eingepflanzt, werden dabei eine wichtige Rolle spielen. Wir vor Ort konnten uns überzeugen: Die Briten sind zu allem bereit, da kann Romney sagen, was er will.