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Reichspogromnacht – „Ritual der Erniedrigung und Demütigung“ von Juden

 

„Reichskristallnacht“, „Reichspogromnacht“ oder „Novemberpogrom“ alle drei Worte bezeichnen ein und dasselbe historische Ereignis. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 waren die Novemberpogrome vom nationalsozialistischen Regime organisiert worden. Sie sollten die Zerstörung von Eigentum, religiösen Stätten und Leben der Juden im Deutschen Reich (zu dem seit März auch Österreich gehörte) bedeuten. Die Pogrome kennzeichneten den neuen Umgang mit den Juden – von Diskriminierung und Ausgrenzung hin zur systematischen Verfolgung der deutschen Juden. Im Zeitraum vom 7. bis 13. November 1938 wurden hunderte jüdische Menschen ermordet oder in den Selbstmord getrieben.

Der Ausspruch Hermann Görings am 14. Oktober 1938, dass die „Judenfrage jetzt mit allen Mitteln angefasst“ und die Juden „aus der Wirtschaft raus müssen“, führte im Herbst 1938 zu einer Welle antisemitischer Aktivitäten. Nur zwei Wochen später schloss die deutsche Regierung zwischen 15.000 und 17.000 Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit aus dem Deutschen Reich aus, ohne dass Polen bereit war, diese aufzunehmen. Der Aufenthalt der polnischen Juden im Niemandsland zwischen den Grenzen erregte das Aufsehen der internationalen Öffentlichkeit. Herschel Grynszpan, dessen Eltern zu den Vertriebenen gehörten, entschloss sich durch ein Attentat gegen diese Politik zu demonstrieren. Sein Attentat auf den deutschen Legationssekretär Ernst vom Rath bot der NS-Führung den Anlass, „eine Gewaltwelle gegen die noch im Deutschen Reich lebenden Juden loszutreten“. Vor allem sollte die allmählich stagnierende Emigration der Juden wieder beschleunigt werden.

Ernst vom Rath erlag am 9. November seinen Verletzungen. Zu diesem Zeitpunkt waren im Alten Rathaus in München NS-Größen versammelt, um den Jahrestag des Putschversuches von 1923 zu feiern. Nach Rücksprache mit Adolf Hitler verkündete Goebbels den Tod des Diplomaten und predigte „Rache und Vergeltung“. Eine Pressekampagne heizte die Stimmung bereits im Vorfeld an. So fanden in Nordhessen und Anhalt bereits am Vortag Angriffe auf Synagogen und jüdische Geschäfte statt. Als Goebbels dann noch ausführte: „Der Führer habe auf seinem Vortrag entschieden, dass derartige Demonstrationen von der Partei weder vorzubereiten noch zu organisieren seien, soweit sie spontan entstünden, sei ihnen aber auch nicht entgegenzutreten“, telefonierten die Gauleiter die Hinweise zu „wünschenswerten antijüdischen Aktionen“ an ihre Kreis- und Ortsgruppenleitungen bzw. zu den SA-Stäben im ganzen Reich. Die Aufforderung fand Gehör, nur wenige Stunden nach den Telefonaten brannten im ganzen Land Synagogen, wurden Juden öffentlich misshandelt und ihr Eigentum zerstört und geraubt. Werte wie der Respekt vor dem Privateigentum und der Schutz religiöser Stätten galten für die jüdische Bevölkerung nicht mehr. Vielmehr waren es nicht nur Parteimitglieder der NSDAP, die Juden schlugen, töteten und Synagogen in Brand steckten, auch Unbeteiligte aus der Bevölkerung beteiligten sich am Vandalismus.

Im gesamten Deutschen Reich war ein ähnliches Bild zu sehen. Häufig in Zivil gekleidete SA-Männer und Angehörige anderer Parteigliederungen erschienen vor Gebäuden der Jüdischen Gemeinden und vor Wohnungen bekannter Juden. „Sie johlten und warfen Fenster ein“. Vor allem Synagogen waren bevorzugte Ziele, die „krawallseligen Horden“ brachen in die Gotteshäuser ein, verwüsteten das Innere und legten schließlich Feuer. Gelöscht werden durfte nicht – die Feuerwehr hatte ausdrücklich den Befehl erhalten, brennende Synagogen nicht zu löschen, lediglich benachbarte Häuser sollten vor den Flammen geschützt werden. Der Mob aus SA, Anhängern der NSDAP und Teilen der Bevölkerung drang in jüdische Wohnungen ein, zerstörte das Mobiliar und verängstigte, misshandelte und demütigte die Bewohner. „Zunächst Unbeteiligte gerieten in den Sog des Pogroms, Neugierige mischten sich mit den tobenden Fanatikern zum marodierenden, johlenden, gewalttätigen Mob“. Die Sensationslust trieb die Menschen auf die Straße und machte aus Nachbarn „plündernde Eindringlinge“. Das Täterspektrum umfasste fanatische Nationalsozialisten ebenso wie „normale“ Bürger, Frauen und Kinder. Aber genauso gibt es Beweise, dass viele Deutsche im November 1938 Scham empfanden und erschrocken waren über diesen „Rückfall in die Barbarei“. Zu diesem Zeitpunkt waren die Juden bereits entrechtet, im Herbst 1935 waren sie per Gesetz von Vollbürgern zu Staatsangehörigen minderen Rechts herabgestuft worden.

Wolfgang Benz beschreibt die Novemberpogrome als „ [inszeniertes] Ritual der Erniedrigung und Demütigung der jüdischen Minderheit“. Neben der Zerstörung von Eigentum und Misshandlung der Menschen gab es den Befehl zur Inhaftierung von ungefähr 30.000 jüdischen Männern in den drei Konzentrationslagern Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen. Ziel dieser Aktion war es, Druck auf Juden auszuüben, damit diese schließlich auswanderten. Aus diesem Grund wurden vor allem wohlhabende Juden inhaftiert, die dann frei gelassen wurden, wenn Angehörige Visa und Fahrkarten vorweisen konnten.

Die Bilanz des Pogroms nach einem Bericht von Reinhard Heydrich ergab, dass 7.500 jüdische Geschäfte zerstört, dass „dem Volkszorn“ und der „gerechten Empörung“ der Deutschen Fensterscheiben im Wert von zehn Millionen Reichsmark zum Opfer gefallen waren und dass durch Vandalismus und Plünderung ein Schaden von mehreren hundert Millionen Mark entstanden war. Fast alle Synagogen und Bethäuser waren abgebrannt. Es gab hunderte Todesopfer durch Morde, tödliche Misshandlungen und Selbstmord, begangen aus Verzweiflung und Entsetzen. Zur Zeit des Novemberpogroms befanden sich von ehemals rund 100.000 jüdischen Betrieben noch 40.000 in Händen ihrer rechtmäßigen Besitzer. Im Einzelhandel hatte die „Arisierung“ am stärksten gewirkt, von 50.000 Geschäften waren noch 9.000 übrig. Weiterhin war das Pogrom ein unmissverständliches Zeichen an die jüdischen Deutschen, dass es keine Hoffnung auf ein Überdauern des Regimes im Deutschen Reich gibt.
ER
weitere Informationen: http://www.endstation-rechts.de



Literatur zum Thema:

Wolfgang Benz (2008): „Geschichte des Dritten Reiches“, Deutscher Taschenbuch Verlag, München

Magnus Brechtken (2004): „Die nationalsozialistische Herrschaft 1933-1939“, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt

Dieter Pohl (2003): „Verfolgung und Massenmord in der NS-Zeit 1933-1945“, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2003