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Neonazis und Twitter – Zeckenjagen in Berlin

 
Screenshot des inzwischen gelöschten Tweets der NPD
Screenshot des inzwischen gelöschten Tweets der NPD-Marburg

Ob Twitter, YouTube, RSS-Feeds oder Newsletter – die Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft  zeigt sich für  jeden in der Fülle der Medien und Informationsmöglichkeiten. Durch das Internet lässt sich fast ohne Schranken und Grenzen jede Information einspielen. Jeder der will, kann sie abrufen. Dieser Umstand blieb auch der Naziszene, allen voran die NPD, nicht verborgen. Schon seit Jahren ist die rechtsextreme Partei stets eine der Ersten, wenn es um die Nutzung neuer Medien geht. Die nachfolgende Serie beschäftigt sich mit den verschiedenen Formen moderner Nazipropaganda.

Teil 1: Twitter – Zeckenjagen in Berlin

Es ist der 10. Oktober. Durch Berlins Straßen marschiert ein schwarzer Mob mit ebenso schwarz gefärbten Fahnen. Der erste Reihe trägt ein Transparent mit der Aufschrift „Vom nationalen Widerstand zum nationalen Angriff“. Unter ihnen Mitglieder der inzwischen verbotenen Nazikameradschaft „Frontbann 24“. Sie demonstrieren gegen „linken Terror“, weil ihr Stammlokal Opfer eines Brandanschlags wurde. Dass die Täter keine Linken waren, interessiert sie nicht. Auf der Demo werden Namen von vermeintlichen Gegnern aufgezählt. Es fliegen Flaschen und eine Eisenplatte auf Gedenkdemonstranten. Die NPD Marburg ruft anschließend über Twitter zum „munter(en) Zeckenjagen“ auf.

Twitter ist ein Mikroblog im Internet. Ein öffentlich einsehbares Tagebuch, dass auch von unterwegs per Handy aktualisiert werden kann. Das macht es für Politiker so attraktiv – wenn sie zum Beispiel unterwegs sind oder an einer Sitzung teilnehmen, können sie immer die Leser ihrer Seite auf dem Laufenden halten.

Ende Juni. Der Parteivorstand der NPD behandelt einen Antrag ihres brandenburgischen Landesverbands. Die Brandenburger wollen zur Landtagswahl im September antreten. Eine Annahme des Antrags würde den Bruch des „Deutschlandpakts“ zwischen NPD und DVU bedeuten, nicht gegeneinander anzutreten.

Brandenburg galt bislang als DVU-Land. Fast im Stundentakt berichtet der Parteivorsitzende Udo Voigt auf seiner Twitter-Seite über den Verlauf der Sitzung und wenig später über das Ergebnis: Die NPD tritt in Brandenburg an. Der Deutschlandpakt ist Geschichte. Auf der anderen Seite steht der noch frische DVU-Vorsitzende Matthias Faust. Er liest ebenfalls den Twitter seines Pendants aus der NPD und kommentiert seine Meldungen wiederum auf seiner Twitter-Seite. Auch das ist eine Eigenart von Twitter: das zeitnahe Antworten auf die Einträge anderer Benutzer.

Ist man einmal auf der Seite von Udo Voigt fällt auf, dass die Abonnenten seiner Einträge alle untereinander vernetzt sind. Nach ein paar Klicks erschließt sich dem Betrachter ein wahres Netzwerk von rechtsextremen Autoren. Der Leser landet ohne großen Zeitaufwand schnell bei den lokalen Strukturen vor Ort.

Neben einer eigenen Internetseite, hatte auch das Wahlkampfmobil der NPD eine eigene Twitter-Seite. Das alte Wohnmobil, dass die NPD als „Flaggschiff D(eutschland)“ ankündigte, fuhr während des Bundestagswahlkampfes quer durch Deutschland und unterstützte ebenso die Landtagswahlkämpfe in Schleswig-Holstein, Saarland, Thüringen, Brandenburg und Sachsen. Wie Twitter verrät, soll es dort beim Lokalderby zwischen Lok und Chemie Leipzig einen reißenden Abriss von Schulhof-CDs und Wahlkampfzeitungen gegeben haben.

Diese Info zeigt eine Eigenart von Twitter. Alle Meldungen haben eine begrenzte Zeichenanzahl und eignen sich daher hervorragend für kurze und übertriebene, aber auch prägnante Meldungen. Während sich Thilo Sarrazin abfällig über Migranten in Deutschland und deren Integration geäußert hat, gab Holger Apfel gleich darauf bei Twitter seinen Kommentar dazu ab. Der Landesvorsitzende der NPD Sachsen forderte, den ehemaligen Berliner Finanzsenator zum Ausländerbeauftragten zu machen. Apfel hinterlegt bei fast jedem Beitrag einen Link, der auf einen Artikel oder eine Presseerklärung seines Landesverbandes verweist. Für die Macher der NPD-Seiten ist Twitter ihr Vorgarten.

Doch auch die parteinahen und parteifernen Neonazis in Brandenburg nutzen diese Plattform für ihre Interessen. Am aktivsten gilt die Seite der „Spreelichter“, die mehrmals am Tag auf aktuelle politische Themen eingehen und auf ihre eigene und andere Seiten verlinken. Ihr Twitter-Angebot nutzen sie wie einen herkömmlichen Blog, während ihre Seite für ausführliche Artikel und sogar „Audio-Jingles“ vorbehalten ist. Ein anderes Beispiel ist der Twitter der rechtsextremen Kampagnenseite „Jugend-Offensive“. Sie sammelt und veröffentlicht sogenannte „Aktionsberichte“ von Neonazi-Gruppierungen aus ganz Deutschland und dem europäischen Ausland. Dennoch ist anhand der veröffentlichen Beiträge ersichtlich, dass ihr Schwerpunkt in Brandenburg und Sachsen liegt. Wie ein Nachrichtenportal funktionieren Twitter und Homepage, während ersteres immer wieder auf die Seite der „Jugend-Offensive“ verweist. Twitter bietet dem interessierten Leser einen guten Einblick in die Welt des deutschen Rechtsextremismus. Über seine Gruppierungen, Ideen und Aktivitäten. In speziellen Listen lassen sich alle aktuellen Beiträge der NPD in Twitter beobachten. Sie bieten einen informativen Überblick über ihre Gedankenwelt. Die kurzen und prägnanten Beiträge erinnern an Schlagzeilen in Zeitungen und auf Plakaten. Bei Menschen, die sich von der rechtsextremen Szene angezogen fühlen wecken sie schnell Interesse und verleiten zum Weiterlesen. Gerade das macht sie so gefährlich.