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„Ich habe großen Respekt vor dem Protest der Flüchtlinge“

 
Wallraff ist seit Jahrzehnten Enthüllungsjournalist und hat etliche Bücher und Artikel über seine verdeckten Recherchen veröffentlicht, die auch in anderen Ländern erschienen sind © Lobig
Wallraff ist seit Jahrzehnten Enthüllungsjournalist und hat etliche Bücher und Artikel über seine verdeckten Recherchen veröffentlicht, die auch in anderen Ländern erschienen sind © Lobig

Er hat einen Winter lang mit Obdachlosen auf der Straße gelebt, die Machenschaften der BILD aufgedeckt und ist schwarz angemalt und mit versteckter Kamera durch Deutschland gezogen. In seinen Rollen erfährt Günter Wallraff von Zuständen ausgegrenzter Gruppen, die er veröffentlicht. Auch mit Flüchtlingen hat der Enthüllungsjournalist schon zusammen gelebt, manche sogar bei sich im Haus versteckt. Im Interview mit dem Störungsmelder erzählt der Kölner von seiner Zeit als Kriegsdienstverweigerer, seinem Leben als Investigativjournalist und seiner Meinung zur deutschen Asylpolitik.

Störungsmelder: Was halten Sie vom Refugee Protest, der Protestbewegung der Flüchtlinge in Berlin?

Wallraff: Ich finde ihn sehr überzeugend. Ich halte das für eine der wichtigen Aktionen der letzten Jahre. Es ist anerkennenswert, dass sie das selbst organisieren und ohne prominente Unterstützer auskommen. Dazu gehört viel Mut, weil sie mit ihrem Protest ein großes Risiko eingehen. Ich habe großen Respekt davor.

Störungsmelder: Sie haben von dem gewaltsamen Polizeieinsatz gegen die Flüchtlinge im März in Köln viel mitbekommen, weil sie in der Nähe waren. Was sagen Sie dazu?

Der 70-Jährige will solange, wie er körperlich dazu in der Lage ist, als Investigativjournalist in Rollen schlüpfen und Missstände aufdecken © Lobig
Der 70-Jährige will solange, wie er körperlich dazu in der Lage ist, als Investigativjournalist in Rollen schlüpfen und Missstände aufdecken © Lobig

Wallraff: Ich bin entsetzt und hätte das in Köln so nicht für möglich gehalten, weil die Polizei hier eigentlich keinen schlechten Ruf hat. Meine eher positive Einstellung zur Kölner Polizei ist durch die Videos des Polizeieinsatzes erschüttert. Ich kenne den Bürgermeister von Ehrenfeld persönlich und werde mit ihm auf jeden Fall über dieses Ereignis sprechen. Er muss sich dringend darum kümmern und ich werde das weitere Verfahren in dieser Sache beobachten.

Störungsmelder: Wie stehen Sie zur deutschen Asylpolitik?

Wallraff: Ich unterstütze die Forderungen, die die Flüchtlinge in ihrem ‚refugee protest’ vertreten. Die Flüchtlingslager müssen unbedingt abgeschafft werden. Ich weiß das ja von Flüchtlingsheimen in Köln, wo die Asylbewerber oft so zusammengepfercht leben mussten. Die Flüchtlinge müssen auf Wohneinheiten verteilt werden. Außerdem finde ich solche Euphemismen wie ‚Residenzpflicht’ lächerlich. Damit wird verheimlicht, unter welchen grausamen Bedingungen die Flüchtlinge in Deutschland leben. Ich habe in meiner Rolle als Schwarzer auch in einem Flüchtlingsheim in München gewohnt. Dort habe ich mit das Schlimmste erlebt. Die Flüchtlinge waren sich selbst überlassen, teilweise schon seit Jahren da und durften ja nicht arbeiten. Da sind Ratten zwischen kleinen Kindern herum gelaufen. Das Heim wurde mittlerweile dank öffentlicher Kritik geschlossen.

Wallraff hat in seinem Haus in Köln ein riesiges Bücher-Regal, unter anderem mit seinen eigenen Werken auf verschiedenen Sprachen © Lobig
Wallraff hat in seinem Haus in Köln ein riesiges Bücher-Regal, unter anderem mit seinen eigenen Werken auf verschiedenen Sprachen © Lobig

Störungsmelder: Sie haben ja selbst mal einen Flüchtling, den bedrohten iranischen Musiker Shahin Najafi, bei sich wohnen lassen. Wie geht es ihm heute?

Wallraff: Er ist wieder produktiv. Ich habe ihn bei zwei Auftritten in Berlin und Köln erlebt. Mit anderen Künstlern haben wir Öffentlichkeit hergestellt und eine Unterschriftenaktion für ihn gestartet. Soeben ist sein Buch „Wenn Gott schläft“ erschienen, ich habe ein Vorwort dazu verfasst. Shahin hat einige Monate bei mir gewohnt und so sind wir Freunde geworden. Jetzt hat er die deutsche Staatsbürgerschaft und ich konnte ihm eine eigene Wohnung zur Verfügung stellen.

Störungsmelder: Haben Sie auch schon andere Flüchtlinge bei sich versteckt?

Wallraff: Ja, auch Salman Rushdie war zwei Mal zu Gast und ein kurdisches Ehepaar, das vom Tode bedroht war, hat bei mir lange Zeit gelebt. Genau wie eine Roma-Familie mit zwei kleinen Kindern, die abgeschoben werden sollte.

Störungsmelder: Wie kam es dazu, dass Sie sich als Journalist mit dem Thema Ungerechtigkeit gegenüber Menschen auseinandersetzen?

Wallraff: Ich habe eine Lehre als Buchhändler gemacht, weil ich einen großen Lesehunger hatte. Ich war eher unpolitisch, Träumer, introvertiert. Erst die Zeit bei der Bundeswehr hat mir eigentlich die Augen für soziale Themen geöffnet. Ich habe mich geweigert, ein Gewehr in die Hand zu nehmen, ich bin Kriegsdienstverweigerer.

Störungsmelder: Wie haben Sie die Zeit bei der Bundeswehr trotzdem durchgehalten?

Wallraff: Ich habe angefangen, alles aufzuschreiben, Tagebuch zu führen. Ein großes Vorbild war Ghandi. Es gibt heutzutage keinen in der Welt, der so eine Position einnehmen könnte. Ich wurde übrigens zu guter letzt vom Bundeswehr-Psychiater in die geschlossene psychiatrische Abteilung des Bundeswehrlazaretts Koblenz eingeliefert. Dort wurde mir angeboten, dass ich sofort frei käme, wenn ich mich einverstanden erkläre, Veröffentlichungen gegen die Bundeswehr zu unterlassen.

Störungsmelder: Haben Sie dem Deal zugestimmt?

Wallraff: Natürlich nicht. Ich wurde dann dennoch entlassen mit dem Ehrentitel „abnorme Persönlichkeit, für Krieg und Frieden untauglich, Tauglichkeitsgrad VI“. So wurde ich der Kategorie geisteskrank und unzurechnungsfähig zugeordnet. Damit hat die Bundeswehr versucht, meine dann erfolgte Titelgeschichte in der Zeitschrift „twen“ unglaubwürdig zu machen.

Der gelernte Buchhändler interessiert sich auch für sehr alte Bücher © Lobig
Der gelernte Buchhändler interessiert sich auch für sehr alte Bücher © Lobig

Störungsmelder: Wie ging es nach der Entlassung für Sie weiter?

Wallraff: Ich bin erstmal ein halbes Jahr durch Europa getrampt. Ich habe in Obdachlosenheimen gelebt, weil ich mich zu ausgestoßenen, marginalisierten Menschen hingezogen fühlte. Dann habe ich einige Jahre in Fabriken gearbeitet, davon gelebt und darüber in Gewerkschaftszeitschriften veröffentlicht – unter dem Pseudonym Günter Wallmann. Als ich dadurch bekannter wurde, habe ich angefangen, mein Äußeres zu verändern und mir andere Papiere zu besorgen.

Störungsmelder: Was erschreckt Sie am meisten, wenn Sie verdeckt recherchieren?

Wallraff: Die Ohnmacht der Menschen. Und die Resignation. Sie haben sich oft damit abgefunden, dass ihr eigentliches Leben gestorben ist und sie nicht mehr dazu gehören. Daran zerbrechen Beziehungen oder kommen erst gar nicht zustande, wenn so eine Arbeit zur Qual wird. Und meistens ist ihnen der Job noch nicht einmal sicher.

Störungsmelder: Was ist Ihnen wichtig an Ihrer Arbeit als Enthüllungsjournalist?

Wallraff: Die Probleme auf dem Arbeitsmarkt werden meist zu allgemein abgehandelt und zu wenig veranschaulicht. Da fehlt die Lobby. Gerade Leiharbeiter und neuerdings auch über Werkverträge noch mehr Entrechtete sind meistens nicht gewerkschaftlich organisiert. Ich bekomme ständig Zuschriften von Verzweifelten, die mir von schlimmen Zuständen in ihren Branchen berichten. Die Paketbranche ist das jüngste Beispiel. Nach meiner Veröffentlichung über die Verhältnisse bei GLS, wo ich verdeckt selbst Paketauslieferer war, habe ich gemerkt, dass die anderen Paketzusteller, abgesehen vielleicht von UPS und DHL, genauso schlimm sind. UPS hat die Arbeitsbedingungen wesentlich verbessert und verdient trotzdem noch Geld.

Störungsmelder: Wie gehen Sie psychisch mit dem um, was sie verdeckt als Journalist erleben?

Wallraff will in Deutschland 'Workwatch'-Büros gründen, um junge Kollegen zu fördern und seine Arbeit fortsetzen © Lobig
Wallraff will in Deutschland ‚Workwatch‘-Büros gründen, um junge Kollegen zu fördern und seine Arbeit fortsetzen © Lobig

Wallraff: Ich bin ja immer in einer privilegierten Situation. Ich weiß jederzeit, ich komme da wieder raus. Andere zerbrechen an diesen Zuständen, da darf ich nicht wehleidig sein. Außerdem ist es für mich immer ein befreiendes Gefühl, wenn ich mir in Erinnerung rufe: das wird alles bekannt gemacht. Also muss ich es mir nicht so zu Eigen machen. Leider mache ich es mir trotzdem oft zu sehr zu Eigen und habe dann auch Alpträume durch solche Erlebnisse.

Störungsmelder: Arbeiten Sie momentan trotzdem noch weiter als Enthüllungsjournalist?

Wallraff: Mittlerweile wieder, ja. Ich bin momentan in einem guten körperlichen Zustand, mache Ausdauer- und Krafttraining, weil ich ja in meinen Jobs auch schwer arbeiten muss. Gerade bin ich wieder in einer neuen Rolle – mit Unterbrechungen – verdeckt unterwegs. Es ist noch nicht so weit, dass ich darüber reden kann.

Das war der 21. Teil meiner Artikel-Serie über das Refugee Camp Berlin.