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Erschreckende Hilfsbereitschaft

 

Ich bin wirklich kein schreckhafter Mensch, aber vor ein paar Tagen habe ich mich wirklich fast zu Tode erschrocken. Es war ein sonniger Tag, strahlend blauer Himmel und ich war auf dem Weg zur U-Bahn. Mein Auto hatte ich auf dem Park&Ride-Parkplatz abgestellt. Es war um die Mittagszeit und weit und breit war niemand zu sehen. Nur am etwas weiter entfernten Busbahnhof standen ein paar Leute.

Um zur U-Bahn zu gelangen musste ich eine Straße überqueren, die zum Busbahnhof führt. Der Übergang steigt etwas an und so nahm ich Schwung und wollte die abgeflachte Stelle hinauf fahren. In dem Moment, wo meine Arme nach hinten greifen, um dem Rollstuhl Schwung zu geben, merke ich wie ich die Kontrolle über den Rollstuhl verliere und mich jemand von hinten schubst, drückt, schiebt oder was auch immer.

Ich schreie vor Schreck. Der Rollstuhl schießt nach vorne, ich versuche dagegen zu steuern. In dem Moment lässt die Person hinten los und ich denke, ich falle nach hinten. Ich war ja immer noch dabei, die Steigung hochzufahren. Erst zu drücken und dann abrupt loszulassen führt bei Rollstühlen auf einer Steigung dazu, dass sie nach hinten kippen, wenn es blöd läuft.

Ich erobere die Gewalt über meinen Rollstuhl zurück und drehe mich um. Vor mir steht ein groß gewachsener Mann. Im ersten Moment denke ich, der will mich überfallen. Als ich gerade ansetze, um „Hilfe“ zu rufen, erklärt er mir, er wolle mir nur helfen. Ich merke wie mein Herz pocht, hole einmal tief Luft und sage dann zu ihm: „Hören Sie, das ist sehr nett, dass Sie mir helfen wollen. Aber können Sie nicht vorher fragen, bevor Sie mich irgendwohin schieben? Sie haben mich zu Tode erschreckt.“

Er wiederholt immer wieder, dass er mir helfen wolle, ist sichtlich irritiert über meinen Schreck, und ich habe fast Mitleid mit ihm. Vielleicht kann man meine Reaktion besser verstehen, wenn Sie sich vorstellen, Sie überqueren eine Straße, setzen gerade an, die Bordsteinkante zu überwinden als Sie von hinten jemand packt, hochhebt, um Sie auf dem Bürgersteig wieder abzusetzen, dann aber doch fast fallen lässt.

Mit seiner Hilfsbereitschaft hätte mich der Mann fast samt Rollstuhl rückwärts mit dem Hinterkopf auf die Straße befördert und hat mir wirklich einen riesigen Schrecken eingejagt.

Mit nur vier Worten, wäre das alles ganz anders abgelaufen: Kann ich Ihnen helfen?

Wenn er mich vorher gefragt hätte, ob er mir helfen soll, hätte ich gewusst, dass da jemand hinter mir ist. Ich hätte die Entscheidung treffen können, ob ich möchte, dass mich jemand wildfremdes schiebt oder nicht. Sich im Rollstuhl schieben zu lassen, hat viel mit Vertrauen zu tun. Ich suche mir Leute, von denen ich mir helfen lasse, daher lieber aus. Aber ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn mich Menschen fragen, ob ich Hilfe brauche. Im Gegenteil! Ich schätze jedes Angebot, wenn dann auch akzeptiert wird, dass ich es ablehne. Aber wer mir die Gewalt über meinen Rollstuhl wegnimmt, und damit über mich selbst, ohne sich vorher überhaupt bemerkbar zu machen, der darf sich nicht wundern, dass ich erschrocken reagiere.

2 Kommentare

  1.   Lachgas

    *seufz* das kenn ich :/
    Ich will in die Straßenbahn einsteigen, fange gerade an den Rollstuhl zu kippen (hinten dran ein sehr voll gepackter Rucksack, so dass ich nicht zu schwungvoll kippe) greift bevor ich auch nur einen Ton sagen kann eine ältere Frau ohne ein Wort zu sagen vorne ans Gestänge und hebt die Vorderachse an. Ich schmeiße mich ruckartig nach vorne (sah mich schon auf dem Rücken liegen) und stehe dann natürlich mit dem Rad in der Lücke zwischen Bahn und Bahnsteig statt in der Bahn.
    Danke für nichts außer einem noch 5 Minuten danach anhaltenden Adrenalinkick…

    Auf mein „nein“ kam nur das übliche „ich wollte doch nur helfen“.
    Das darfst du auch gute Frau, wenn ich an dem Bürgersteig vorm Haus hänge, die Rampe am Bus nicht hochkomme weil zu bepackt und von mir aus auch beim Einstieg in die Straßenbahn wenn ich mich grad doof anstelle – aber frag mich vorher und fasse nie, nie, niemals! vorne an meinen Rollstuhl und zerre irgendwo rum. Das ist sowohl für mich als auch für dich nämlich gefährlich. (beim Umkippen hätte sie auf mir gelegen und auch mein Gegensteuern brachte sie ins Wanken)

  2.   Nadine

    Ich hatte ein entfernt ähnliches Erlbenis aus einer anderen Perspektive: an einer Straßenbahnhaltestelle sah ich, wie eine Frau mit Rollator in die Bahn steigen wollte. Ich ging zu ihr und fragte, ob ich ihr helfen könne. Daraufhin kam eine andere Frau angerannt, schnauzte mich an: „Da FRAGT man doch nicht lange, Mensch!!!“ und riss der ersten Frau ihren Rollator beinahe aus der Hand. Mir fehlten die Worte!

 

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