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Inklusion heißt Erwartungen hochschrauben

 

Wenn über Inklusion diskutiert wird – und ich meine jetzt die gesamtgesellschaftliche Teilhabe, nicht nur die schulische Inklusion – wird viel über Bedingungen geredet. Mehr Barrierefreiheit, mehr Assistenz, mehr Möglichkeiten. Aber Inklusion ist keine Einbahnstraße. Was sich auch ändern muss, ist die Einstellung behinderter Menschen selber.

Wenn es keine Erwartungen gibt oder die Erwartungen derart niedrig sind, dass sie weiter de facto Ausgrenzung bedeuten, wird sich wenig ändern. Menschen mit Behinderungen (und ihre Angehörigen) sind aber unterdessen so daran gewöhnt, dass die Zustände so sind, wie sie sind, das sich viele damit abgefunden haben.

Ausgeschalteter Parkautomat

Nun ist es natürlich in der Tat so, dass man, wenn man als behinderter Mensch am normalen Leben teilnimmt, des öfteren auf Barrieren stößt – beispielsweise baulicher, organisatorischer oder menschlicher Art.

Ich parke öfter auf einem sehr großen Park&Ride-Parkplatz, der tagsüber und spät abends wenig frequentiert ist. Ich schätze, der Parkplatz ist mindestens zwei Fußballfelder groß. Da es sich um einen Privatparkplatz handelt, muss ich trotz Behindertenparkausweis zahlen.

Es gibt etwa 20 Behindertenparkplätze dort, aber leider nur sehr wenige Parkautomaten. Schlauerweise hat man aber einen der Parkautomaten direkt neben die Behindertenparkplätze gestellt. Aber ausgerechnet dieser Automat ist oft ausgeschaltet, obwohl er nagelneu ist. Der andere Automat ist am anderen Ende des riesengroßen Parkplatzes und nur über eine hohe Stufe zu erreichen, die ich alleine nicht hoch komme. Das Büro der Parkplatzverwaltung liegt gegenüber, ist aber ebenfalls für mich nicht erreichbar.

Immer wieder spielt sich dann, wenn das Gerät mal wieder ausgeschaltet ist, eine ähnliche Diskussion ab. Ich rufe über die Gegensprechanlage des Automaten die Parkplatzbesitzer an, die immer erstmal erklären, dass man da gar nichts machen könne und ich jetzt wohl oder übel selbst nach einer Lösung des Problems suchen müsse. Die finde ich auch immer sofort, sie sieht aber nicht so aus, wie sie sich das gedacht haben, denn sie lautet: Ein Parkplatzwächter kommt zu mir und ich bezahle bei ihm. Aber noch nie hat sich einer der Mitarbeiter zu mir bemüht. Die haben einfach keine Lust, ihr Büro zu verlassen. Immer heißt es dann, man lasse mich dann eben so raus fahren ohne zu bezahlen.

Probleme an die Verursacher zur Lösung zurückgeben

Ich will dort nicht kostenlos parken, darum geht es mir nicht. Aber ich habe mir unterdessen angewöhnt, die Lösungen für Probleme, die ich nicht verursacht habe, dem Verursacher zu überlassen und nicht mir aufdrücken zu lassen. Wer seinen Parkautomat an den Behindertenparkplätzen nicht in Schuss hält, muss entweder zu mir kommen oder hat Pech gehabt, was seine Einnahmen angeht. Nur das wird hoffentlich irgendwann dazu führen, dass dieser Automat funktioniert.

Vor zehn Jahren wäre ich vielleicht wirklich noch die zwei Fußballfelder entlang gerollt, hätte so lange gewartet bis irgendjemand auch zahlen möchte, ihn entweder gebeten, mir die Stufe hoch zu helfen oder wenn das nicht geht, ihm mein Geld in die Hand gedrückt und ihn gebeten, für mich zu bezahlen – auch auf die Gefahr hin, dass er mit dem Geld abhaut.

Erwartungen müssen sich ändern

Aber meine Erwartungen, auch an private Unternehmen haben sich geändert, nicht zuletzt deshalb, weil ich in Großbritannien ein starkes Recht in meinem Rücken habe, die solche Behandlung von behinderten Menschen untersagt. Unternehmen sind verpflichtet „angemessene Vorkehrungen“ zu treffen, um Diskriminierung vorzubeugen. Dazu gehört eben auch den zugänglichen Parkautomaten zu warten und wenn er nicht geht, sich aus dem Büro zu bewegen und mir zu helfen. Und wenn sie das nicht wollen, müssen sie mich in der Tat dort kostenfrei wieder rausfahren lassen.

Mit meiner Bereitschaft, zum anderen Automaten zu rollen und auf Hilfe von Fremden zu hoffen, hätte ich nichts verändert. Mit jedem Mal hätte der Parkplatzinhaber weiter sein Geld bekommen und ich eine Menge Zeit und Kraft verloren. Immer wenn ich das Gefühl habe, jemand verursacht Ausgrenzung, Schwierigkeiten und stellt mir Barrieren in den Weg, bitte ich freundlich um Beseitigung und verändertes Verhalten. Nur so ändert sich etwas. Die Teilhabe behinderter Menschen wird sich nur dann verbessern, wenn sie eingefordert wird – nämlich von den behinderten Menschen selber.

1 Kommentar

  1.   Alex

    Sauber. Satt noch lange nicht. Inklusion heißt auch das Unmögliche zu fordern um das Mögliche zu erreichen -> http://www.alexkillbite.wordpress.com über #Inklusion und #Neoliberalismus. (Die Welt in der wir leben)

 

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