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Goodbye, Stella Young

 

Am Wochenende starb Stella Young. Sie wurde nur 32 Jahre alt. Stella war eine australische Journalistin und Aktivistin. Bekannt wurde sie nicht zuletzt als Comedian. Sie war ein Vorbild für viele behinderte Menschen auf der ganzen Welt.

Stella hatte Osteogenesis Imperfecta, umgangssprachlich Glasknochen genannt, und saß deshalb im E-Rollstuhl. Sie starb am Samstag völlig unerwartet und schmerzlos, teilte ihre Familie mit. Die Reaktionen, vor allem im englischsprachigen Internet auf ihren Tod waren überwältigend. Stella Young war am Sonntag, als ihr Tod bekannt wurde, einer der meist genutzten Begriffe auf Twitter.

Ich habe Stella während der Paralympics in London gesehen, als sie mit den Abnormally Funny People auftrat. Sie war eine hervorragende Künstlerin und Aktivistin, die das Publikum gleichzeitig zum Lachen bringen konnte und ihnen zudem ein anderes – oder wie sie es nannte – „wahres“ Bild vom Leben mit Behinderung zu vermitteln.

Behinderung nicht als Defizit sehen

Stella setzte sich vor allem dafür ein, Behinderung zu normalisieren und nicht mehr als Defizit zu betrachten. „Mit 17 habe ich endlich die Wahrheit erfahren“, sagte sie oft. Da habe ihr jemand vom sozialen Modell von Behinderung erzählt. „Ich habe gelernt, dass nicht ich falsch für diese Welt bin, sondern dass die Welt falsch für mich ist“, sagte sie. Sie sprach von da an von „behinderten Menschen“ und nicht mehr von „Menschen mit Behinderungen“, denn sie wollte nicht, dass man die Behinderung irgendwo hinten verstecken muss. Stella Young wollte klar machen, dass behinderte Menschen behindert werden und Behinderung nicht in erster Linie ein körperlicher Zustand ist. Dafür nutze sie ihre zahlreichen Medienauftritte, ihr Comedyprogramm und Vorträge. Den bekanntesten Vortrag hielt sie bei TEDx in Sydney.

Inspirationsporno

In diesem legendären TEDx-Talk sprach sie darüber, wie behinderte Menschen als Inspiration missbraucht werden, nicht zuletzt auf Social-Media-Kanälen. Sie kritisierte zum Beispiel viel geteilte Sprüche wie „The only disability in life is a bad attitude“ (Die einzige Behinderung im Leben ist eine schlechte Einstellung).

„Inspirationsporno“ nannte Stella diese Bilder. „Wir objektivieren die Gruppe behinderter Menschen zum Nutzen der Gruppe nichtbehinderter Menschen.“ Stella fragte in ihrem TEDx-Talk: „Ist es wirklich fair, Menschen als Inspiration zu benutzen, nur weil sie ihren Körper so nutzen wie sie ihn nutzen können?“, fragte Stella. Und zudem seien die Sprüche auch nicht wahr: „Noch nie haben sich Stufen in eine Rampe verwandelt, nur weil ich sie freundlich angelächelt habe.“ Die Behinderung – in dem Fall die Stufen – bleiben, auch wenn sie ihre Einstellung dazu ändere. Sie lebte das soziale Modell von Behinderung überall – Barrieren in der Umwelt waren für sie die Behinderung, nicht ihre Diagnose oder ihr Körper.

Stella Young hat uns behinderten Menschen viel hinterlassen. Sie wollte, dass behinderte Menschen sich selbst als normalen Teil der Gesellschaft sehen und so gesehen werden und sie irgendwann nichts Besonderes mehr sind. Kein Inspirationsporno mehr und kein Mitleid. Stattdessen wollte sie gleiche Rechte und setzte sich sehr für eine bessere Teilhabe behinderter Menschen in Australien und auf der ganzen Welt ein. Wenige Wochen vor ihrem überraschenden Tod hat der Sydney Morning Herald einen Brief von ihr an ihr 80-jähriges Selbst veröffentlicht. Sie ist leider keine 80 geworden, trotzdem enthält der Brief tolle Botschaften, auch was ihren Tod angeht.

Stella ist nicht mehr da, aber ihre Botschaften leben weiter. Wenn das nächste Mal der „Behinderung ist nur eine falsche Einstellung“-Spruch in der Timeline auftaucht, ihn einfach nicht mehr zu teilen, wäre schon ein Anfang.

14 Kommentare

  1.   daniel

    die Debatte ob Menschen mit Behinderung oder Behinderte Menschen ist in Deutschland noch nicht eindeutig geklärt ich persönlich Stimme Stella auch in diesem Punkt ausdrücklich zu

  2.   daniel

    kann die Redaktion bitte Faschistischen Müll löschen ich meine Kommentar 3

    Ich verstehe Ihren Unmut über den Kommentar, habe ihn aber bewusst nicht gelöscht, weil ich glaube, dass es manchmal wichtig ist zu dokumentieren, wie Teile der Gesellschaft auch heute noch über behinderte Menschen denken, sogar dann, wenn sie beruflich mit ihnen zu tun haben. cl

  3.   PerpMob

    „Sie sprach von da an von ‚behinderten Menschen‘ und nicht mehr von ‚Menschen mit Behinderungen‘, denn sie wollte nicht, dass man die Behinderung irgendwo hinten verstecken muss.“
    Ich kenne eine Argumentation mit umgekehrter Präferenz: erst kommt das Menschsein und dann die Behinderung. „Behinderte Menschen“ erzeugt eine Abgrenzung, die es im Sinne der Inklusion nicht geben sollte.
    Der Ironiker denkt: egal wie ich es sage, immer fühlt sich jemand diskriminiert. Der Zyniker denkt weiter: warum dann anstrengen.

    „Stella Young wollte klar machen, dass behinderte Menschen behindert werden und Behinderung nicht in erster Linie ein körperlicher Zustand ist.“
    Das ist ein Grundsatz ein, der auf die Planung des öffentlichen Raums und Lebens angewendet werden sollte, was durch den Begriff „soziales Modell“ auch suggeriert wird. Darüber hinaus wird es fragwürdig, körperliche Symptome zu ignorieren.

  4.   Leander

    KaiserNullos schreibt weiter oben Bullshit:

    „So hart es auch zu sagen ist sind Menschen mit Behinderungen kein ökonomisches Mitglied der Gesellschaft und zu einem erheblichen Teil auf die Hilfe(!) anderer angewiesen.“

    Ach ja? Und was ist z.B. mit Stephen Hawkings? Und den vielen weniger Berühmten, die durchaus einer Arbeit nachgehen? Wie man nur solche blöden, unbedachten Sprüche machen?


  5. […] Christiane Link hat gestern bei der ZEIT zu Stella Young geschrieben. […]

  6.   Björn

    Ich glaube, dieses Thema kann am besten in einer dialektischen Haltung angegangen werden.
    Sich nur auf eine Seite zu begeben und die Gesellschaft für das Behindern der Menschen verantwortlich zu machen trifft alleinig ebenso wenig das, was ich als nicht zu greifende „die Realität“ erahne wie auch der Standpunkt, dass ein Mensch eine Behinderung
    h a t, bzw. ein Behinderter i s t.
    Behinderung wäre für mich z. B. der Verlust meiner Stimmbänder – ich könnte nicht mehr singen – behindert mich dabei die Gesellschaft? Nein – mein eigener Körper behindert mich in dem Fall, er behindert mich bei dem, was ich gerne tuen würde.
    Aufgabe ist es immer dann, wenn mich etwas behindert, nach Lösungen zu suchen, bzw. die Behinderung, mit der mein Körper mich behindert, radikal zu akzeptieren und anzunehmen, was teils sehr schmerzhafte, aber letztlich befreiende innere Arbeit rund ums Selbstbid, ums Loslassen von Wünschen und Neufindung von dem, der ich wirklich bin, bedeutet.
    Eine Meisterin in dieser Kunst ist für mich Etty Hillesum, eine hölländische Jüdin, die 1943 in Auschwitz umgebracht wurde und die in diesem ehrlichen Prozess letztlich tiefstes Glück und Befreiung finden konnte.

    Auf der anderen Seite ist natürlich jedes einzelne Individuum in der Gesellschaft gefordert, in den dialektischen Prozess mit einzusteigen um Standpunkte zu verändern, das (evtl.behinderte) Gegenüber wahr-zunehmen und Handlungen (wie z.B. Schaffung von Barrierefreiheit) daraus entstehen zu lassen.
    Da wir alle voneinander lernen und Inspiration erlangen können, ist es mir auch zu einseitig, bestimmte Menschen als Inspirations-Stifter auszuklammern. Ich kann Stellas Gefühle dazu einerseits wohl verstehen, aber auch dieser Standpunkt wirkt auf mich etwas zu starr.
    Natürlich kann ich im Kopf eine Be-hinderung haben – z.B. wenn ich aufgrund von Vorurteilen andere ablehne, (be-) hindert mich das an einem Kontakt mit dem anderen Menschen.
    Bleiben wir also in unseren Haltungen beweglich…


  7. „Barrieren in der Umwelt waren für sie die Behinderung, nicht ihre Diagnose oder ihr Körper“ – toller Ansatz! Und eine grundsätzliche Änderung der Defionition.

    Und zugleich riskant, da wir alle irgendwann, irgendwo irgendwie behindert werden bzw. sind und dadurch die Besonderheit entfällt wie auch die besondere Aufmerksamkeit für Hilfsbedürftige obsolet wird.

    Das klassische zweischneidige Schwert, eine klassische Zwickmühle, vielleicht ein Widerspruch – einer von den Vielen mit denen wir Menschen seit jeher leben und zu leben gelernt haben.
    Vielleicht gelingt es uns ja auch, vorurteilsfrei mit unseren Mitmenschen zu leben, ganz gleich, wodurch oder durch wen sie behindert werden ;)


  8. Behinderung hindert nicht ein Talent. Schade. Erinnert sich noch jemand an den Jazzpianisten Michel Petrucciani ? Was fuer ein grossartiger Musiker, leider auch frueh verstorben, er litt auch an Glasknochen…

  9.   Mirona Thetin

    Die Realität kümmert sich nicht um unsere Sprachregelungen. Sie ist blind gegenüber unseren Versuchen, eine Behinderunmg als gesellschaftliche „Konstruktion“ zu reinterpretieren. Es tut mir ein wenig in der Seele weh: aber eine Behinderung IST ein Defizit und dieses Defizit wird nicht dadurch beseitigt, dass ich es anders benenne.

 

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