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In die U-Bahn springen und andere Tricks

 

Ich stand an der Ampel zur U-Bahnstation. Als es grün wurde, überquerte ich die Straße. Ich war wie immer viel schneller als die Fußgänger, die mit mir losgingen. Ich konnte hören wie ein kleiner Junge anmerkte, ich sei eigentlich viel zu schnell. Ich musste lächeln. Am Fahrstuhl holte mich der Junge mit seiner Mutter und einer weiteren Frau ein. Er überholte mich beim Einsteigen in den Fahrstuhl – offensichtlich als Revanche dafür, dass ich sie zuvor an der Ampel überholt hatte.

Dann entdeckte er, dass meine Vorderräder blinken. Ich habe Vorderräder, die in verschiedenen Farben blinken wenn sie sich drehen. Das funktioniert ähnlich wie bei einem Dynamo am Fahrrad. Er fragte mich, wie das funktioniert und ich erklärte es ihm so gut ich konnte. Er fragte mich, warum ich solche Räder habe und ich sagte ihm, es gebe ja auch Leute, die Turnschuhe haben, die blinken, wenn sie den Boden berühren. Diese Schuhe kannte er und dann machten für ihn auch meine Vorderräder Sinn. Er bemängelte aber, dass ich nicht auch blinkende Schuhe hatte.

Was für Tricks kannst du sonst noch so?

Um in die U-Bahn zu kommen, musste ich eine Stufe überwinden. Das geht mit Anlauf, Vorderräder nach oben, also auf die beiden Hinterräder stellen und dann viel Schwung nehmen und springen. Kaum war ich in der Bahn, fragte mich der kleine Junge begeistert: „Und was für Tricks mit dem Rollstuhl kannst du sonst noch so?“. Alle Leute um uns herum mussten lachen und ich war etwas in Verlegenheit. Ich wollte ihn ja nicht enttäuschen, dass die Anzahl meiner „Tricks“, wie er es nannte, doch recht beschränkt ist. Ich erzählte ihm, dass ich auf zwei Rädern fahren kann, was ihn mächtig beeindruckte.

Die Mutter wollte eigentlich, dass sich der Junge neben sie auf den Sitz setzte, aber der Vierjährige wollte lieber weiter mit mir fachsimpeln. Es war ganz klar, für ihn war der Rollstuhl ein irre cooles Fortbewegungsmittel, mit dem man sogar in Züge springen kann. Ich springe ehrlich gesagt gar nicht so gerne in Züge. Es geht nämlich ganz schön auf den Rücken. Ich sagte ihm, das Springen sei ganz schön anstrengend, wenn man das öfter hintereinander macht. Das verstand er sofort. Ich fand den Jungen klasse und auch die Mutter hat sich super verhalten und hat ihn einfach reden lassen.

Auf die Eltern kommt es an

In solchen Situationen sind die Reaktionen der Eltern sehr interessant. Die Eltern, die ihre Kinder hemmungslos fragen lassen, machen alles richtig, finde ich. Das hat sich in den vergangenen Jahren massiv verbessert. Die Eltern, die ihre Kinder peinlich berührt wegziehen, wenn sie fragen, warum ich im Rollstuhl sitze oder sonst irgendeine Frage zu meinem Rollstuhl stellen, werden weniger, aber es gibt sie noch. Kinder haben oft eine herrlich erfrischende Art mit dem Thema Behinderung umzugehen. Erwachsene zeigen ihnen leider viel zu oft, dass das angeblich falsch ist. Aber die Mutter des Jungen ließ ihn einfach fragen und mit mir reden. Für ihn war der Rollstuhl so faszinierend wie ein neues Fahrrad. Ein Fortbewegungsmittel eben mit dem man auch ein paar Tricks machen kann. Wenn nur mehr Erwachsene so denken würden. Hoffentlich behält er seine Unbefangenheit möglichst lange.

2 Kommentare

  1.   Petra Müller

    Die Situation kennen wahrsch. viele selbständige Rollstuhlfahrerinnen (und andere sichtbar sog. „Behinderte“). Ich erlebe häufig erstmal „Mitleid“ auch von (älteren) Kindern/Jugendlichen – wenn ich ihnen aber den Fortbewegungsmittel-Charakter erkläre und vorführe, was das Teilchen und ich so können, ist die Idee zum „Drinnen-Fahrrad“ nicht mehr weit und nahezu jedeR will auch ausprobieren. Lass ich i.d.R. dann auch zu.

    Viele Erwachsene hängen in ihrer Mitleids- und Betüddelungsschiene fest. Es sind die Kids, die noch offen und neugierig genug sind. Die dann an Enteckerfreude und Neugier zu packen, dürfte das einzig wirksame Mittel gegen Vor-Urteil und Bemutterung sein.

  2.   Vina

    Das kenne ich auch gut! In der Bahn und auf der Straße grinsen einen die Kinder an und fragen einem Löcher in den Bauch. Ein kleiner Junge hat sich mir mal mit angestemmten Armen in meinen Weg gestellt und hat verlangt zu wissen weshalb ich denn im Kinderwagen (!) fahre obwohl ich kein Kind bin. Die Eltern waren entsetzt aber ich habe mich kringelig gelacht. Nachdem ich dem kleinen erklärt hatte, dass das kein Kinderwagen sondern ein Rollstuhl ist und warum ich den hab, sagte er „Achso.“ und machte mir wieder den Weg frei. Erst kürzlich wurden mir während eines Restaurantbesuchs von drei Kindern gefühlte Tausend Fragen gestellt, von warum ich den Rollstuhl hab bis hin zu warum ich eine besondere Toilette benutze. Ich kann nicht klagen; Das Essen war lecker und die Kinder haben ihre Gummibärchen mit mir geteilt, was sie laut der Eltern sonst nie machen würden!

 

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