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Wer nicht fragt, bleibt dumm

 

Sommerzeit. Biergartenzeit. Auch ich war gestern mit einem Freund im Biergarten. Der Freund ist kleinwüchsig und sitzt im E-Rollstuhl. Wir waren ins Gespräch vertieft, als plötzlich zwischen uns ein Junge auftauchte. An mir zeigte er keinerlei Interesse, aber an meiner Begleitung. „Bist Du ein Baby oder so was?“, fragte der Junge. Mir blieb fast mein Essen im Hals stecken.

Ich kenne ja selbst einige Fragen von Kindern zu meiner Behinderung: Bist Du zu faul zum Laufen? Warum sitzt Du denn immer noch im Kinderwagen? Kannst Du nicht laufen? Das gehört alles zu meinem erlebten Kinderfragen-Repertoire. Aber nun bin ich selbst ja nicht kleinwüchsig. Deshalb war die Frage für mich neu. Ich fand sie zudem recht erstaunlich. Immerhin hat mein Bekannter einen Bart. Babys tragen keine Bärte und antworten auch nicht auf Fragen, aber diesen Widerspruch sah der Junge offensichtlich nicht.

Kein Baby, sondern erwachsen

„Nein, ich bin erwachsen“, bekam das Kind als Antwort von meiner Begleitung. „Ich bin sogar schon ziemlich alt.“ Weiter kam er nicht, denn der Vater versuchte, mit Überredungskunst und Wegschieben seinen Sohn von uns wegzubekommen. Mit uns sprach der Vater gar nicht, aber es war offensichtlich, dass er am liebsten im Boden versunken wäre. Ich fand allerdings, er machte mit seinem Verhalten die ganze Situation nicht wirklich besser. Er ignorierte uns und verhielt sich, als wolle er verhindern, dass sein Sohn die – zugegeben etwas ungelenke – Frage beantwortet bekommt.

Ich bin grundsätzlich der Auffassung, dass Kinder so gut wie alles fragen dürfen. Das Problem ist sehr oft das Verhalten der Eltern, wenn die Kinder erst einmal kommentiert oder eine Frage gestellt haben. Vermutlich hätte der Junge noch eine Reihe anderer Fragen gehabt. Ich hoffe, der Vater hat sie ihm wenigstens später beantwortet, wenn er sie überhaupt beantworten konnte.

Tänzeln und den Mund verbieten

Mein Bekannter erzählte mir dann noch, dass Eltern manchmal, in der U-Bahn zum Beispiel, regelrecht einen Tanz aufführen, um zu verhindern, dass ihre Kinder ihn sehen. Sie tänzeln herum und versuchen, sich zwischen das Kind und ihn zu schieben, um so eine Sichtsperre aufzubauen. Das soll die Fragerei und das Fingerzeigen verhindern. Manchmal klappt das, manchmal aber auch nicht. So ist das eben mit Kindern. Er hatte auch schon eine Situation, bei der die Großeltern ihrem Enkel auf den Mund hauten, nachdem das Kind eine Bemerkung über ihn gemacht hatte. Alles nicht sehr hilfreich, um Kindern das Thema Behinderung und Vielfalt näherzubringen.

Ich persönlich finde ja die Eltern am besten, die mit dem Kind auf mich zukommen und höflich fragen, ob es mich stören würde, wenn das Kind mich etwas fragt. Das ist respektvoll, ich habe die Möglichkeit Nein zu sagen (was ich so gut wie nie tue) und es findet kein peinlicher Tanz statt, es wird nicht getuschelt und das Kind wird nicht weggezerrt oder weggetragen. Man braucht Kindern auch nicht den Mund zu verbieten, wie das manche Eltern immer noch tun. Es ist dann meistens sowieso schon zu spät und man macht die Situation mit „Schhhh“ oder „So was fragt man nicht“ nur noch schlimmer.

Manche Eltern tun auch so, als hätte ich nicht gehört, was das Kind gesagt hat, auch wenn es natürlich unüberhörbar war. Mit all dem tun sich die Eltern vermutlich keinen Gefallen. Schließlich besteht die gute Chance, dass Fragen, die einmal beantwortet werden, kein zweites Mal gestellt werden. Das setzt aber voraus, dass man dem Kind einmal erklärt hat, was der Unterschied zwischen einem Kinderwagen und einem Rollstuhl ist, dass es auch kleine Erwachsene gibt und dass auch Erwachsene nicht alle laufen können.

15 Kommentare


  1. Sehr schön, bzw. eben nicht schön.

    Wir waren mal auf einer Freizeit für Menschen mit Körperbehinderung, alle erwachsen (18-40) und mit verschiedensten Behinderungen. Muskeldystrophie deuchenne, spastische Cerebralparesen, spina bifda… und am Strand in Holland fragte ein Junge, warum der Mann da mit einem Auto (großer E-Rollstuhl) auf dem Strand fahren darf. Zum Glück hat ihn keiner gebremst.

    Im Aufzug hingegen eine Mutter mit Tochter, wobei die Mutter den „Tanz“ aufgeführt hat.

    Ich als Physiotherapeutin und Ehefrau eines Mannes mit Querschnittlähmung finde das bloße Starren oder „das fragt man nicht“ auch immer grausam.

    Wie soll ein Teenager oder Erwachsener denn mit Menschen mit Behinderungen umgehen/Hilfe anbieten…, wenn ihm als Kind das Gucken und Fragen untersagt wurde?

  2.   TDU

    Zit: „Das setzt aber voraus, dass man dem Kind einmal erklärt hat, was der Unterschied zwischen einem Kinderwagen und einem Rollstuhl ist, dass es auch kleine Erwachsene gibt und dass auch Erwachsene nicht alle laufen können.“

    Bei allem Respekt. Aber im Rückblick meine ich, dass Kinder aus eigenen Fehlern und Taktlosigkeiten vielleicht nachhaltiger lernen als aus Belehrungen oder Fragen, die das Ergebnis in sich tragen. Ich z. B. Mein Leben wäre fast durch eine Mistgabel beendet worden, weil ich einen geistig behinderten Gartenarbeiter in meiner Umgebung aufgezogen habe. Meine Eltern haben es mir erklärt. Das verschafft Respekt fürs Leben.

    Deswegen hätte ich nichts dagegen gehabt, wenn z. B. um ein paar zu benennen, ein farbiger, behinderter oder alter Mensch die Fragen meines Sohnes mit einer freundlichen aber bestimmten Antwort bedacht hätte. Die Belehrungen kamen in der Regel von uns.

    Auch das dient vielleicht der Kommunikation und damit dem unverkrampften Umgang. Den sehe ich als das eigentliche Problem an. Ich habe viel geholfen in meinem Leben, aber manches Verhalten mochte ich nicht. Und das ist auch erlaubt. So kann ich mit allen Weisen von Menschen recht gut umgehen.


  3. Ich will hier eigentlich nicht kritisieren, denn jeder hat eigene Vorstellungen des Zumutbaren oder des Angenehmsten. Ich habe mir nur vorgestellt, wie ich es empfände, kämen Eltern mit ihren Kindern respektvoll höflich auf mich zu, um sich die Erlaubnis zu holen, mich etwas fragen zu dürfen. Und wie dies auf das Kind wirkte.

    Mit dieser Vorgehensweise hätten diese Eltern bereits den spontanen Impuls des Kindes unterbrochen und in eine geregelte Bahn gelenkt. Sie hätten dem Kind auf diese Weise signalisiert, dass hier eine Situation vorliegt, die eine Sonderbehandlung erfordert. Damit hätten sie einen subtilen Schutzbereich um einen Menschen gezogen, der diesen vor der Normalität abgrenzt. Das Kind spürt dies selbstverständlich und verliert seine natürliche Unbefangenheit gegenüber diesem, vermutlich auch gegenüber anderen Menschen in vergleichbaren Situationen.

    Nein, ich persönlich fände es für alle Beteiligten besser, das Kind walten zu lassen und ihm eine ungeschönte Erfahrung zuteil werden zu lassen. Kann schon sein, dass es damit eine Taktlosigkeit oder sogar eine Beleidigung begeht – dann muss es eben mit der entsprechenden Reaktion seiner Umwelt rechnen. Wenn diese Reaktion kindgerecht erfolgt, umso besser. Wenn nicht, dann erst müssen die Eltern dies für das Kind einordnen, ggf. natürlich auch einschreiten.

  4.   Kybernetik

    Als ich in den 70iger/80iger Jahren aufwuchs wurde mir damals als Kind auch beigebracht, Menschen mit Behinderungen nicht anzusehen, bzw. anzustarren, sondern lieber weg zu sehen, weil es den anderen dann nicht belästigt.

    So sind sicherlich sehr viele Erwachsene von heute aufgewachsen. Und wenn sie ihre Erziehung nicht hinterfragt haben oder anderweitig keine Berührungspunkte mit Behinderung hatten, werden sie diese Berührungsängste dann an die nächste Generation weiter geben.

    Aber wie soll so ein Erwachsener lernen? Einerseits aus solchen Berichten, aber vielleicht könnten auch Behinderte selbst einen Schritt auf solche Erwachsene zugehen.

    Wie wäre dies erzählte Erlebnis ausgegangen, wenn der Bekannte oder die Autorin des Textes den Vater nett angesprochen hätte und somit ihm signalisiert hätte, dass es in Ordnung ist, wenn die Kinder fragen stellen. Dieser Vatern war peinlich berührt, aber man hätte ihm die Peinlichkeit nehmen können. Dann hätte er beim nächsten Mal, wenn Filius eine Frage an einen Behinderten stellt, vielleicht schon eine andere Verhaltensweise gelernt.

  5.   evwe

    Vielen Dank für den Artikel! Ich habe mit geistig behinderten Erwachsenen gearbeitet und kenne daher die direkten Kinderfragen und auch einige ungünstige Reaktionen der Eltern, habe mich aber häufiger selbst gefragt, was eigentlich ein angemessener Umgang mit der Neugierde von Kindern gegenüber abweichendem Verhalten oder einer für sie ungewohnten äußerer Erscheinung ist. Ihre Position leuchtet mir ein und ich werde sie im Kopf behalten, wenn ich mit meinen Neffen und Nichten unterwegs bin!


  6. Ich habe die Befangenheit im Zusammenhang mit Menschen mit Einschränkungen inzwischen auch. Wie spricht man sie an, ohne ihnen auf den Schlips zu treten? Alle paar Monate gibt es neue politisch korrekte Wortschöpfungen für Behinderungen. Wer diese nicht kennt oder nicht verwendet setzt sich schnell der Gefahr aus mit diskriminierendem Wortschatz zu kommunizieren und riskiert eine Klage oder verletzt sein Gegenüber. Möchte keiner, ich auch nicht, und vielleicht könnte das ja eine Mitursache für die schräge Art der Eltern sein.

  7.   Corey

    Ich weiss nicht was ich dazu sagen soll. Aber ich bin mit einer Hand aufgewachsen – in USA. Als ich 10 Jahre alt war, sind wir nach D gezogen. Ganz ehrlich, ich habe noch nie so verkrampfte Menschen gesehen. Selbst „Freunde“ mit denen ich studiert habe, trauten sich nicht, mich danach zu fragen. Und deutsche Maenner hatten auch ein Problem mit mir – sieht ja nicht toll aus so eine Freundin zu haben. Viellieicht war ich auch verkrampft… Wie auch immer.
    Keine Ueberraschung, ich habe D wieder verlassen. Damals fuer’s Studium. Das ist 20 Jahre her. Ein paar Laender spaeter, muss ich sagen, bin ich souveraen gerworden. Mir ist es ehrlich sowas von egal, wenn einer starrt. Nicht mein Problem. Eigentlich geniesse ich es manchmal, weil ich sehe wieviel ich gelernt und gewachsen bin. Es macht mir nichts mehr aus. Starren, bitte, ich kann es besser, wenn ich will.
    Selbst wenn ich in einem Meeting mit Menschen sitze, fuer die das extrem ist. Wir z.B. Inder, die nichts anderes koennen als gucken und checken muessen, ob das ueberhapt legitim ist. Zum einen, weil ich eine Frau bin (und das ist schon ungewoehnlich genug fuer Inder) , zum anderen, weil ich nur eine Hand habe (unglaublich, dass ich es zu etwas gebracht habe, denn nach ihren Kastendenken sollte ich ganz unten sitzen). Ich bin schon oefters in Indien angesprochen worden, weil sie es nicht begreifen konnten, dass ich so ein „Problem“ habe.
    Man lebt und lernt nie aus…

  8.   Robin

    Hallo Frau Link,
    also zu erst, ich finde den Artikel gut und hoffe es bringt uns alle etwas bei im Umgang mit Behinderten. Ich selbst habe auch einige Erfahrungen machen können zu diesem Thema. Ich finde nur, es hört sich so an, als würden Sie den Eltern Vorwürfe machen die so resigniert/ignorant reagiert haben. Sie schreiben selber „Mir blieb fast das Essen im Mund stecken“. Ich denke mal, als Person die wenig bis gar keinen Umgang mit behinderten hat, ist das natürlich noch unangenehmer, nicht dass das Verhalten der Eltern richtig war aber ich glaube auch dass das Problem nicht die Eltern sind, sondern die Aufklärung im allgemeinen.
    Lg

  9.   Lukas

    Verstehe die Eltern gar nicht, die ein Problem haben, wenn ihre Kinder andere Leute etwas fragen. Kinder fragen ja meistens wertneutral, sofern sie in einem normalen Umfeld ohne Beleidigung, Demütigung und Ausgrenzung aufgewachsen sind. Gibt natürlich auch schon Grundschulkinder, die richtige Mistkrücken sind und andere beleidigen. Als Brillenträger, Dicker, Kleiner, Dünner, Streber oder Karo-Hemdenträger, muss man sich bereits an der Grundschule Spott und Prügel aussetzen.

    Doch zum Thema: Wenn der „Behinderte“ oder Kranke dann antwortet, wird das Kind sowieso einfach dastehen, schauen oder kehrt machen und wieder zu seiner Mama zurücklaufen und sowas sagen wie „das ist ja gar kein Baby“.

    Viel schlimmer als die Ausgrenzung von Rollstuhlfahrern aus der Gesellschaft finde ich übrigens die Ausgrenzung geistig behinderter oder schwer Kranker Menschen (Alzheimer, Multiple Sklerose, ALS etc.). Diese sterben eigentlich nur noch vor sich hin und verlieren (je nach Erkrankung) jeden Tag ein wenig mehr ihrer Selbstständigkeit. Ein „Arrangieren“ mit der Situation ist dann völlig unmöglich. In meiner Verwandschaft habe ich quietsch-fidele Rollstuhlfahrer, die stark genug waren, sich ein glückliches Leben zu ermöglichen. Dafür gibt es meinen höchsten Respekt. Doch meine an Alzheimer erkrankte Großtante, die sich ihrer Krankheit stets bewusst war, hat jeden Tag geweint. Denn jeden Tag verschwand ein bisschen mehr ihrer Persönlichkeit und ihrer Erinnerung.

    Eine schwere Erkrankung oder eine schwere Behinderung sind einfach nur Sch***e und ich wünsche es niemandem.


  10. […] Kinder stellen nun mal Fragen […]

 

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