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Wie mich positive Diskriminierung 300 Franken kostete

 

Flugzeuge am Flughafen Zuerich

Wenn man mit amerikanischen Menschen mit Behinderungen spricht und sie fragt, was sie am meisten nervt, dann bekommt man oft zu hören „positive Diskriminierung“. Mit positiver Diskriminierung ist gemeint, dass man aufgrund der Behinderung bevorzugt behandelt wird, obwohl es dafür eigentlich keinen Grund gibt und man das gar nicht möchte.

Während man in Europa noch gegen Stufen, fehlende Untertitel und Sprachausgaben kämpft, sind die Amerikaner schon einen Schritt weiter. Man diskutiert darüber, wie man miteinander umgeht. Es ist manchmal in Europa schwer zu vermitteln, warum man sich dagegen wehrt, ohne Grund besser behandelt zu werden als alle anderen – auch bei behinderten Menschen selbst, denn wenn Diskriminierung Alltag ist, dann wird positive Diskriminierung manchmal als eine Art Wiedergutmachung angesehen.

Positive Diskriminierung kann nerven

Vergangene Woche ist mir etwas passiert, woran man schön verdeutlichen kann, warum positive Diskriminierung auch echt nerven kann und mich in dem Fall sogar Geld gekostet hat. Ich war am Flughafen in Zürich. Ich bin dort umgestiegen und hatte es nicht besonders eilig. Zürich ist einer meiner Lieblingsflughäfen. Man kann sogar sagen, ich bin dort gerne, auch für ein paar Stunden. Es gibt dort die beste heiße Schokolade der Welt, gut funktionierendes WLAN und schöne Cafés.

Es war später Nachmittag und ich hatte nichts mehr an dem Tag vor. Als ich auf der Toilette war, fiel mir auf, dass mein Rollstuhl vor dem ersten Flug falsch gelabelt worden war. Auf dem Anhänger am Rollstuhl stand als Ziel „Zürich“. Das war aber nur mein Umsteigeflughafen. Also ging ich zum Gate und bat die Mitarbeiterin um einen neuen Anhänger. Noch als ich am Schalter stand, gab es eine Durchsage, dass mein Flug stark überbucht sei und man nicht weniger als sechs Passagiere suche, die bereit seien, einen Flug zwei Stunden später zu nehmen. Dafür zahle man fast 300 Franken (das sind rund 270 Euro).

Später fliegen kein Problem – eigentlich

Ich hatte es, wie gesagt, nicht eilig und sagte der Mitarbeiterin, dass ich bereit wäre, später zu fliegen. Ich ahnte schon, dass das nicht ohne Diskussionen ablaufen würde. Immerhin bin ich Rollstuhlfahrerin und für manche Airlines ist das immer noch nicht Routine. Für mich allerdings schon. Ich bin Vielfliegerin und weiß genau, was geht und was nicht. Zwei Stunden später mit einem manuellen Rollstuhl von einem guten Flughafen in Mitteleuropa zum nächsten gut organisierten Flughafen in Mitteleuropa zu fliegen, ist unterdessen überhaupt kein Problem mehr.

Ich schaute in sehr verunsicherte Gesichter. Es war offensichtlich, dass es nicht so häufig vorkam, dass eine behinderte Passagierin freiwillig nicht die überbuchte Maschine nahm, aber die Mitarbeiterin notierte meinen Namen als den ersten auf der Freiwilligenliste.

Und es kam, was kommen musste: Ein Mitarbeiter der Airline kam wenig später zu mir und teilte mir mit, man habe mich nun doch auf den ursprünglich gebuchten Flug eingecheckt und fragte, ob das in Ordnung sei. Ich sagte, nein, das sei nicht in Ordnung. Schließlich habe sich das Angebot später zu reisen doch an alle Passagiere gerichtet. Aber es war sofort klar, dass seine Frage eigentlich rhetorischer Natur war.

In der Praxis sieht das nämlich so aus, dass bei überbuchten Flügen so gut wie nie behinderte Passagiere stehen bleiben. Das hat auch sicherlich seinen Sinn, wenn man bedenkt, dass diese bei der Planung ihrer Reise vielleicht noch ein paar Dinge mehr beachten müssen als nichtbehinderte Passagiere: Wann gehe ich wo zur Toilette, wenn das an Bord nicht geht? Wer holt mich ab? Wie klappt das mit der Assistenz? Etc. Ich verstehe das Entgegenkommen der Airlines also durchaus.

Wenn ich mich aber als Erste freiwillig melde, um später zu fliegen – weil es für mich persönlich eben kein organisatorisches Problem gibt – dann ist das meine Entscheidung und sollte das auch für mich als Rollstuhlfahrerin möglich sein. Der Mitarbeiter sagte mir dann noch, auf der nächsten Maschine seien nur noch Mittelsitze frei. Auch das wäre für mich kein Problem gewesen. Die Regel „Behinderte Passagiere fliegen immer mit dem gebuchten Flug“ hat mich dann also 300 Franken und eine heiße Schweizer Schoki weniger gekostet.

3 Kommentare

  1.   Anna

    Das nennt man wohl fürsorgliche Bevormundung oder bevormundende Fürsorge. Trifft aber nicht nur Behinderte
    Ich habe da eine Anekdote:
    Ich sitze in meiner Dolmetscherkabine und die freundliche Dame vom Catering kommt mit den Getränken: stilles Mineralwasser steht auf dem Tablett. Ich sage ihr, dass ich Sprudel bevorzuge, würde sie mir bitte eins bringen; sie antwortet: „Die Dolmetscher trinken immer stilles Wasser.“ Ich, ja, ich bin Dolmetscher, aber ich ziehe Sprudel vor, könnte sie mir bitte eine Flasche Sprudel bringen? Sie: „Die Dolmetscher…“ Ich versuche es noch einmal. Es sei ja verständlich, viele Dolmetscher hätten lieber stilles Wasser wegen des, pardon, Rülpseffekts, aber ich hätte damit keine Probleme und tränke obwohl Dolmetscher lieber Sprudel. Die Dame sieht mich fassungslos an und verschwindet mit den Worten: „Die Dolmetscher trinken immer stilles Wasser.“ An diesem Tag habe ich kein Sprudel bekommen.

    Im Falle der Fluggesellschaft war es denen wahrscheinlich zuviel Arbeit jetzt vorschriftmäßig mit dem ganzen Brimborium, das im Hintergrund dazu gehört, den behinderten Passagier von Flug A auf Flug B umzubuchen. Man muss ja rechtlich abgesichert sein.

    Folgende Klausel in der Stadionordnung unseres Fussballvereins erstaunt mich immer wieder, hat aber bestimmt auch rechtliche Gründe:
    5. Um die Betreuung während der Veranstaltung und die Sicherheit von Rollstuhlfahrern im Evakuierungsfall zu gewährleisten, erhalten Rollstuhlfahrer nur mit einer Begleitperson (Mindestalter 16 Jahre) Zutritt zum Stadion.
    Es soll ja Rollstuhlfahrer geben, die fahren im eigenen Auto zum Stadion. Die werden nach Eintreffen gleich fürsorglich entmündigt; gut ich bin kein Jurist…


  2. […] Wie mich positive Diskriminierung 300 Franken kostete – Stufenlos […]

  3.   Thomasillo

    Der Ärger ist einzusehen, dass für die Fluglinie die Behinderung das stärkere Argument war, als der selber geäusserte Wille. So etwas sollte nicht passieren.

    Aber 300 Franken nicht bekommen ist etwas anderes als 300 Franken verlieren. Schliesslich hat man hinterher nicht weniger Geld..

 

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