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Eurovision: Österreich schlägt Schweden – zumindest bei der Barrierefreiheit

 

Ich hatte mich so auf den Eurovision Song Contest in Stockholm gefreut. Eigentlich war ich nie ein großer ESC-Fan, bis ich im vergangenen Jahr zum ersten Mal den Wettbewerb in Wien erlebt habe. Was für eine tolle Stimmung der Song Contest im Publikum, vor den Fernsehgeräten und nicht zuletzt im Pressezentrum erzeugt! Das macht einfach Spaß.

Meine Stimmung ist allerdings in diesem Jahr bislang noch nicht so richtig toll – und das liegt am ESC-Pressezentrum.

Wien war sehr barrierefrei

Was hatte man sich in Wien alles ausgedacht, um den Eurovision Song Contest so barrierefrei wie möglich zu machen, auch für akkreditierte behinderte Journalisten. Es gab Rampenkonstruktionen, die in einem Rampenbauerwettbewerb definitiv „twelve points“ bekommen hätten. Es stand immer jemand an der Rampe, um behilflich zu sein, nur für den Fall, dass jemand Unterstützung brauchte. Es gab ein Sicherheitskonzept, wie Rollstuhlfahrer durch die Sicherheitsschleuse kommen, Tische am Rand, die für Rollstuhlfahrer reserviert waren, damit man nicht durch die Tischreihen musste und x Sachen mehr. Und vor allem gab es gut geschulte Freiwillige, die hilfsbereit, aber nicht aufdringlich waren und dazu noch überall sichtbar. Bis zum Finale in Wien sah ich etwa sechs bis sieben andere Rollstuhlfahrer und auch noch andere behinderte Journalisten im Pressezentrum. Wien war ein toller Gastgeber, und ich hatte keine Zweifel, dass Stockholm nicht dahinter zurückfallen will.

Hindernisparcours schon am Eingang

Ich habe mich geirrt. Schon bei der Ankunft vorgestern traute ich meine Augen nicht: Die Eingangstür zum Akkreditierungsbereich war geschätzt 65 Zentimeter breit, mein Rollstuhl Gott sei Dank nur 62 Zentimeter. Man hätte vielleicht die zweite Flügeltür öffnen können – aber weit und breit war niemand zu sehen, den man darum hätte bitten können.

Vor dem Pressezentrum steht ein Zelt, in dem man wie am Flughafen durchleuchtet wird. Das Problem: Davor liegt nicht nur ein großes Stromkabel, das man überwinden muss, sondern auch noch ungefähr die abenteuerlichste Rampenkonstruktion, die ich je in einem europäischen Land gesehen habe. Sie gleicht einer Pyramide: steil nach oben führend und danach sofort steil wieder abfallend.

Ich bin wirklich eine geübte Rollstuhlfahrerin, aber das schaffe selbst ich nicht. Sogar mit Hilfe muss ich höllisch aufpassen, nicht aus dem Rollstuhl zu fallen. Raus aus dem Zelt ist die Rampe etwas flacher, aber danach kommt gleich eine kleine Stufe. Rampe plus Stufe – wer plant so was?

Was bei solch einer Konstruktion völlig klar ist: Entweder hat niemand damit gerechnet, dass Rollstuhlfahrer da durchmüssen, oder es war den Veranstaltern einfach völlig egal. Ganz gleich, was die Gründe sind: Einen derart dilettantisch geplanten Eingangsbereich zu bauen, ist das Gegenteil von einem gastfreundlichen Empfang – vor allem dann, wenn die Sicherheitsleute mir von Weitem stocksteif zuschauen, wie ich jetzt bereits zum zweiten Mal an der Rampe scheitere, ohne mir überhaupt mal Hilfe anzubieten.

Leere Versprechungen

Dann hat man mir versprochen, das mit dem Sicherheitsteam zu klären, damit Rollstuhlfahrer den genau daneben liegenden, völlig flachen Eingang nutzen können. Heute sagte man mir, das gehe nicht. Man werde mir jetzt immer über die Rampen helfen und mich festhalten, damit ich nicht aus dem Rollstuhl falle. Das versteht Schweden unter Barrierefreiheit? Im Jahr 2016? Den barrierefreien Eingang daneben dürfen Rollstuhlfahrer nicht nutzen? Ich muss sowieso per Hand abgetastet werden. Wo das geschieht, ist eigentlich völlig egal. Und meine Tasche könnte man problemlos ohne mich durchleuchten.

Aber auch wenn ich es geschafft habe, in den Eingangsbereich zu gelangen, ohne aus dem Rollstuhl zu fallen, bin ich nur in der Halle und noch nicht im Pressezentrum. Das befindet sich nämlich ein Stockwerk weiter unten. Auch hier hat offensichtlich niemand damit gerechnet, dass man dafür nicht unbedingt die steilen Treppen nutzen will oder kann, sondern auch den Lift. Der wurde aber in den nicht öffentlichen Bereich gesetzt und mit einem Sicherheitssystem versehen, das nur bestimmte Mitarbeiter bedienen können. Diese Mitarbeiter jedes Mal zu finden, ist wie Lotto spielen – nicht nur beim Ankommen, sondern auch wenn man zur Toilette möchte, zum Restaurant oder zu einer Pressekonferenz. Ständig sucht man jemanden, der den Lift bedienen kann.

Gestern hatte ich nicht nur Probleme, in die Halle zu kommen, sondern auch die Halle wieder zu verlassen, weil ein übereifriger Sicherheitsmensch eine Diskussion darüber anfing, ob man „nur“ mit einer Presseakkreditierung den Lift benutzen darf – und das obwohl wir (eine andere rollstuhlfahrende Journalistin und ich) in Begleitung von mehreren Mitarbeitern waren, die den Lift benutzen konnten. Und wie wir sonst aus der Halle gelangen sollten, ohne den Lift zu nutzen, konnte er uns natürlich auch nicht sagen. So muss man jetzt also nicht nur den richtigen Mitarbeiter finden, sondern dann auch noch einen Debattierclub vor dem Lift überstehen. Es ist absurd.

Mangelhafte Planung verursacht Arbeit

Nun ist es nicht so, dass ich auf diese Umstände nicht sofort nach meiner Ankunft aufmerksam gemacht hätte. Auch die andere Kollegin, die im Rollstuhl sitzt, hat sich bereits beschwert. Vor allem über die Attitüde mancher Mitarbeiter, die ihr zu verstehen geben, sie würde Arbeit verursachen, weil sie ins Pressezentrum möchte. Was euch Arbeit verursacht, lieber ESC und liebe Stadt Stockholm, sind nicht die behinderten Journalisten, die einfach nur ins Pressezentrum wollen, um zu arbeiten, sondern eure mangelhafte Planung.

Gestern morgen hörte ich einen Vortrag im Stockholmer Rathaus. Die Behindertenbeauftragte der Stadt machte sich – keine 24 Stunden nach meiner Beschwerde – darüber lustig, dass der ESC bei ihr angerufen habe. Eine Journalistin im Rollstuhl habe sich über die Zugänglichkeit des Pressezentrums beschwert und man hat sie gebeten, mit dieser Rollstuhlfahrerin zu sprechen, erzählte sie in ihrem Vortrag, nicht wissend, dass eine der Zuhörer besagte Journalistin ist. Sie habe den Veranstalter dann aufgefordert, ihr das Konzept für das Pressezentrum zukommen zu lassen. Viele tolle Dinge konnte man da lesen. Nur über Barrierefreiheit habe darin kein Wort gestanden, erzählte sie. Vermutlich hat man es einfach vergessen und ist nun zu bequem, das Problem elegant zu lösen. Es ist ihnen einfach nicht wichtig genug.

Nicht barrierefrei = nicht gastfreundlich

Ich glaube, bei der ESC-Planung in Stockholm hat sich etwas Routine eingeschlichen. Die Schweden richten das zum x-ten Mal aus und man glaubt, sie haben das sowieso alles im Griff. Wenn man aber zu ABBAs Zeiten nicht unbedingt mit behinderten Journalisten rechnen musste, ist das im Jahr 2016 durchaus gegeben.

Kein Konzept für den Empfang behinderter Journalisten zu haben und Mitarbeiter dementsprechend zu schulen, ist eigentlich unverzeihlich, insbesondere in einem Land, das sich auf die Fahnen schreibt, besonders behindertenfreundlich zu sein. Barrierefreiheit sei ein Menschenrecht, habe ich in den vergangenen Tagen oft in Vorträgen gehört. Schweden sei es deshalb wichtig, barrierefrei zu werden. Dem stimme ich durchaus zu, aber ich habe so langsam das Gefühl, an der konkreten Umsetzung hapert es noch. Reden reicht halt nicht.

Ich hätte mich auch gefreut, wenn man die Fahrstuhltür in der U-Bahnstation an der ESC-Halle repariert hätte, bevor man Tausende Besucher durch diese Station schleust. Die Tür sieht auch nicht so aus, als sei sie erst seit gestern kaputt. Allein heute stand ich in Stockholm vor zwei defekten Fahrstühlen in U-Bahn-Stationen, die gar nicht gingen, und vor vielen anderen Aufzügen, bei denen die Türen defekt waren und man sie mit viel Kraft selbst öffnen musste. Barrierefreiheit ist ein Menschenrecht, ja?

Die andere rollstuhlfahrende Kollegin begrüßte mich gestern mit den Worten „Na, wie geht’s? Furchtbar, die Barrierefreiheit, oder?“ Wir kannten uns aus Wien und hatten uns vor einem Jahr so sehr über die Barrierefreiheit und die gut geschulten Freiwilligen gefreut. Ich gab ihr recht – aber das kann doch nicht ernsthaft der Eindruck sein, den Schweden bei behinderten Journalisten hinterlassen möchte?!? Für die Barrierefreiheit beim ESC bekommt Schweden von uns 0 Punkte. Vielleicht hat Schweden die besseren Sänger, aber in Sachen „ESC barrierefrei machen“ hat Österreich Schweden haushoch geschlagen.

5 Kommentare

  1.   Level 3

    In einer zeit, in der Europa ständig mit Terror leben muss, ist Barrierefreiheit leider unwichtiger als die Möglichkeit so eine riesige Halle schnellstmöglich zu räumen bzw. evakuieren. Der Terroralarm zur Finalsendung zu Germany’s Next Topmodel letztes Jahr zeigte, dass eine solche Rettungsaktion auch ohne Rollstuhlfahrer schon schwierig genug ist.


  2. […] Eurovision: Österreich gewinnt in Sachen Barrierefreiheit […]


  3. […] varit i kontakt med journalisten Christine Link som bevakar Eurovision för den tyska publikationen Zeit Online. Christine Link använder rullstol och är i Stockholm för att skriva om detta jätteevenemang och […]

  4.   Wolfsspitz

    Ob wir das in Deutschland besser hinbekommen hätten? Ich denke eher nicht, die selbe Ignoranz die es wohl in Schweden gibt, gibt es leider auch bei uns in Deutschland.


  5. […] den tyska tidningen Zeit online riktar journalisten Christiane Link besk kritik mot på pågående arrangemanget i Stockholm. Redan vid entrén till presscentret möts hon som […]

 

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