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Hinfort mit den Cowboy-Hüten!

 

In einer Blechhütte in Austin entstand „Black Sheep Boy“ von Okkervil River. Darauf singen sie wunderschöne Lieder von Halunken, Herzensbrechern und schrägen Vögeln

Cover Okkervil

Das Klischee eilt voraus: Country? Ist das nicht Altherrenmusik? Vom Leben rund um verlassene Highways und staubige Männer in Unterhemden, zerbeulte Wohnwagen und wogende Kornfelder? Die vertonte Bodenständigkeit der amerikanischen Südstaaten? Wie leicht man sich täuschen kann.

Hinfort mit den Cowboy-Hüten! Und mit den Western-Hemden. Hinaus aus der Tristesse der Wohnwagensiedlungen. Hinein in die Wollpullover, in die ein wenig zu engen T-Shirts, in die Hinterhofproberäume der Universität. Hier trifft die Rauheit des Punk auf die schlichten Arrangements und die Themen des Country. Alternative Country nennt man diese Musik oft. Zu deren besten Vertretern gehören zweifellos Okkervil River. Auch wenn die Texaner diese Bezeichnung wohl ungern hören.

Sechs Jahre ist es her, da bekam ihr Sänger Will Robinson Sheff die Kurzgeschichte Okkervil River der russischen Autorin Tatyana Tolstoya in die Finger. Falls Sie das zu Hause im Diercke-Atlas nachschlagen wollen: Den Fluss Okkervil gibt es wirklich, er fließt in der Nähe von St. Petersburg. Sheff gründete eine Band mit College-Freunden, benannte sie nach der Kurzgeschichte und veröffentlichte seitdem vier Alben, etliche EPs und Kollaborationen. In ihrer Musik vermengen Okkervil River dabei stets Elemente von Punk, Rock, Folk und Country. Getragen wird sie nicht nur von der musikalischen Finesse, sondern auch von Sheffs Texten über Mörder, Halunken, Herzensbrecher, rachsüchtige beste Freunde, Außenseiter und andere schräge Vögel.

Vor dem Album Black Sheep Boy kam der große Bruch. Besonders für Will Sheff. Sein Haus soll er verkauft haben, um frei zu sein, rumzureisen, Amerika zu sehen, Lieder zu schreiben. Ein Jahr lang. Dann fanden sich alle wieder ein in einer kleinen Blechhütte mit gewelltem Dach und ohne Klimaanlage mitten in Austin, Texas. Dort ist ein Konzeptalbum entstanden, voller Melancholie, Wehmut, Wut und furiosen Hymnen. Und gleichzeitig eine kleine Hommage an einen von Sheffs Helden: Folksänger Tim Hardin, der 1980 an einer Überdosis Heroin starb. Dessen Song Black Sheep Boy von 1967 entlieh Sheff seine Hauptfigur.

Das schwarze Schaf, das davon träumt zu töten. Merkwürdige Dinge tut, sagt und denkt – der teils böse, teils burleske Anti-Held, über den Okkervil River auf ihrem neuen Album ihre Geschichten singen. Und es macht einen Riesenspaß, ihnen dabei zuzuhören. Sie sind lauter geworden, treibender, wurzeln weniger im traditionellen Country: Die Mandoline weicht häufig mal einer zumindest in Nuancen verzerrten Gitarre, das Wurlitzer-Piano einem surrenden Synthesizer. Sheffs Stimme klingt nun öfter wütend. Überschlägt sich. Hallt nach. Oder ist das die Blechhütte?

Den verzweifelten Ausbrüchen folgen nahezu andächtig vorgetragene Schunkelstücke und todtrauriges Dahingeschmachte, begleitet von einer tranigen Trompete, wabernden Pedal-Steel-Gitarren und perkussivem Orgelspiel. Die Vielfalt der Instrumente innerhalb eines Lieds wie So Come Back, I’m Waiting ist beeindruckend genug – da bräuchte Will Sheff gar nicht mehr so gut zu dichten. Aber er macht’s trotzdem. Weil er wohl einer der begabtesten Songwriter ist, den die amerikanische Indie-Musik zurzeit hat.

Das Album erschien ursprünglich im vergangenen Jahr bei dem kleinen Label Jagjaguwar in den USA. Jetzt hat sich Virgin seiner angenommen und es in Europa neu veröffentlicht. Zusammen mit einem Appendix, einem Nachtrag, sieben Songs, die das Album erweitern und bereichern.

„Black Sheep Boy & Appendix“ von Okkervil River ist als Doppel-CD erschienen bei Virgin und als LP bei Jagjaguwar. Ende Mai ist die Band auf Tour durch Deutschland.

Hören Sie auf der Website der Band „For Real“ und „Black“

 

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