Hauptsache, es swingt!

Dem Saxofonisten Hank Mobley kann man kaum andächtig lauschen, früher oder später fährt einem sein funkiger Jazz in die Beine. Jetzt ist sein Album „Dippin’“ wiederveröffentlicht worden

Cover Mobley

Der Tenorsaxofonist Hank Mobley war immer dabei, wenn sich im Hardbop-Jazz der 1950er Jahre etwas bewegte – so er nicht gerade wegen eines Drogenvergehens im Gefängnis saß. Er war Mitglied der Urformation von Art Blakeys Jazz Messengers und spielte regelmäßig mit Miles Davis. Stets stand er im Schatten der Saxofon-Giganten John Coltrane und Sonny Rollins, neben ihnen galt er bei aller Eleganz und Coolness immer als traditionell und altbacken. Zu Unrecht, Mobley erkundete neue Wege im Jazz, als Rock’n’Roll und Beatmusik populärer wurden und sich viele Innovatoren ins Free-Jazz-Nirwana verabschiedeten.

Er starb früh, 1986. Kurz darauf kam mit der Mojo- und Acid-Jazz-Welle der 1990er Jahre die Mobley-Wiederbelebung in Gang. Seine rhythmischen Stücke sind seitdem wieder gefragt, er wird als erfindungsreicher Improvisator, Mann des Funk und Autor eingängiger Melodien geschätzt. Seinem Jazz muss man nicht andächtig lauschen, man kann zu ihm sogar tanzen. Jeder Musiker sei ihm ein Vorbild, sagte Mobley einmal, solange die Musik swinge und etwas mitzuteilen habe. Das hört man seinen Aufnahmen an.

Die traditionsreiche Plattenfirma Blue Note bringt seit einigen Jahren seine wichtigsten Alben digital überarbeitet heraus. In der so genannten RVG Edition – benannt nach dem genialen Toningenieur Rudy Van Gelder, der bei Blue Note in den 1950er und 1960er Jahren für einen herausragenden Klang sorgte und die Meisterwerke heute eigenhändig auf Hochglanz bringt – erscheint nun Dippin‘. Es ist eine von Mobleys besten Platten. Aufgenommen wurde sie 1965, das Jahr zuvor hatte er hinter Gittern verbracht. Dippin‘ sollte nun endlich dafür sorgen, dass er seinen Ruf als „am häufigsten vergessener Saxofonist“ verliert.

Mit einem Trommelwirbel geht es los: Mobley und sein kongenialer Partner, der feurige Trompeter Lee Morgan, drehen schon im Auftaktstück The Dip ordentlich auf. Mobley durchschreitet geradezu sein Solo, selbstbewusst und locker, während die Rhythmusgruppe um den Pianisten Harold Mabern die schnelle Funknummer anheizt. Auch die anderen Kompositionen wie The Break Through, The Vamp oder Ballin’ atmen die typische Kombination aus Leichtfüßigkeit, blueshaltigem Sound und tanzbarer Energie. Dippin’ enthält außerdem die prächtige Jazzsamba-Nummer Recado Bossa Nova und die Ballade I See Your Face Before Me, bei der Morgan mit gestopfter Trompete ein besonders anrührendes Solo spielt. Dippin‘ ist grandiose Musik, nicht nur für lange, laue Sommernächte.

„Dippin’“ von Hank Mobley ist als CD erschienen bei Blue Note

Hören Sie hier „The Dip“

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