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Nur ein Geist

 

Rhythmen und Songstrukturen verblassen auf dem neuen Album von Phantom Ghost. „Three“ klingt wie ein mysteriöses Hörspiel aus Wandergitarre, Vogelstimmen und Klavier

Cover PhantomGhost

Kann sich noch jemand an jene lehrreichen Tonkassettchen erinnern, auf denen die Gesänge einheimischer Vogelarten erklärt werden? Da piepst und zwitschert es in den schönsten Koloraturen durch Felder und Auen, alles klingt so räumlich, als stünde man selbst mitten im Wald. Und dann kommt die tiefe Stimme eines Sprechers, des allwissenden Kenners und Lehrmeisters, er spricht laut und überdeutlich kurze Sätze wie „Tannenmeise – Balzruf“ oder „Zilp Zalp – Bettelruf des Jungvogels“ in die Leere zwischen den Tonspuren. Eine wunderhübsche, aber vermutlich inzwischen ausgestorbene Form musikpädagogischer Naturkunde.

Ein ähnlich sonores Organ wie ein Vogelstimmenkommentator hat Dirk von Lowtzow, Sänger und Gitarrist der Band Tocotronic. Stärker als im Rockvierer kommt es zum Tragen, wenn von Lowtzow mit seinem Hamburger Kollegen Thies Mynther, Soundprogrammierer und Teufelskeyboarder bei Stella und Superpunk, Musik macht. Als Phantom Ghost kreierten die beiden, ganz nebenbei und ursprünglich nur als Feierabendprojekt begonnen, eine Art elektronisch gestützten, elegant groovenden Bänkelsang. Über zwei Platten entwickelten sich von der Cohen-Coverversion bis zum Elektro-Chanson tanztaugliche Kunstlieder, wenngleich der sehr entspannte House-Beat und die anspielungsreiche Lyrik im Clubkontext doch etwas fremdelten.

Zurück zum Wesentlichen, dachten sich da wohl Phantom Ghost, und lassen auf ihrer dritten Platte Three Geister und Dämonen ohne Körper tanzen, zu sich auflösenden Rhythmen, durch ein mysteriöses Hörspiel aus Wandergitarre, Vogelstimmen und Klavier. Dreimal schwarzer Kater, weg ist die Bassdrum! Hexenkult und Magie bei musikalisch fast angehaltenem Atem, eine dunkle Gegenwelt zur hellen Aufregung und dem kollektiven Hyperventilieren im Fußball-Sommer, zu den knallbunten Bildern einer Völkerverständigung per eingetragenem Warenzeichen.

Auf dem Cover verschwindet die Schrift vor dem Hintergrund eines tintenschwarz überfärbten Kattuns und die Songstrukturen verblassen zum dünnen Spukgespenst. Am Anfang des ersten Stückes Tannis Root hört man nichts als das Knistern von Holzfeuer. Ein paar Gitarrensaiten werden selbstvergessen angeschlagen, Krähen schreien. Die Geschichte, die Dirk von Lowtzow dazu mit Gastsängerin Michaela Meise auf Englisch vorträgt, erinnert an den Film Rosemary‘s Baby und verschwimmt in einer anderen, unbekannten Geschichte über Praktiken der Teufelsanrufung.

Eine Mystikschmonzette? So nah einem das schöne Gruseln auch rückt, das Kunstliedhafte bleibt offenkundig. Die Naturgeräusche hat Thies Mynther dann doch nicht persönlich auf dem Blocksberg mit dem Mikro eingefangen, es sind elektronisch eingebrachte „Elemente dritter Ordnung“, wie er es nennt. In das leise Zirpen der Wildvögel hinein ertönt die entscheidende Refrainzeile des zweiten Songs: „Relax, it‘s only a ghost“. Der Geist wiegt sich zu einer etwas flotteren Melodie im Schatten eines freundlichen Pluckerrhythmus und lehrt mit von Lowtzows nebliger Samtstimme, dass es in Wirklichkeit das allseits sauber Durchdachte in der Popmusik ist, das es zu fürchten gilt.

Wie tröstlich erscheinen da ein paar Klischees des Düsteren und Abwegigen, akzentuiert von Mynthers psychedelischen E-Piano-Tupfern und im Zauberwald verhallenden Keyboardmotiven, der modernen Variante einer Drehorgelbegleitung. Der Folk zeigt hier sein zweites Gesicht, und es heißt Black Metal, aber geschminkt ist es mit klanglichen Mitteln subtilster Schönheit, und das ist das Großartige. Ob eine zart aufsteigende Lalala-Hymne in der Buffy-Reminiszenz Willow, oder das eines Scott Walkers würdige Drama Far From The Madding Crown, das Geistergeraune von Phantom Ghost gibt der urbanen Popballade ein wenig Geheimnis zurück.

Es ist überliefert, dass die Bänkelsänger vergangener Jahrhunderte manchmal mit Absicht undeutlich sangen, um den Verkauf von mitgeführter ergänzender Literatur anzukurbeln. Geheimnis und Verklärung, der Verweis auf Bedeutungszusammenhänge außerhalb des Werkes, sind als Kulturpraxis mithin so alt, wie das Kunstlied selbst. Sie immer wieder neu zu erfinden ist aus heutiger Sicht vielleicht ein elitärer Luxus, um den sich Phantom Ghost jedoch auf herzerwärmende Weise verdient machen.

„Three“ von Phantom Ghost ist als LP und CD erschienen bei Lado.

Hören Sie hier „Relax It’s Only A Ghost“und „Far From The Madding Crown“

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2 Kommentare


  1. […] und Thies Mynther. Letzteren könnten Sie kennen, weil er in einer Handvoll Bands spielt, etwa Phantom/Ghost und Superpunk. Auf dem Wolkenberg gibt es auch ein Label, dass immer mal wieder in dem Studio […]


  2. […] details Internet gestellt, shawl bei Auftritten durchs Megafon gesungen, ist im Vorprogramm von Phantom/Ghost aufgetreten, mit basement Jolly Goods auf Tournee gegangen, wurde von Spiegel Online bereits zum […]

 

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