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Da gerinnt die Milchschaumhaube

 

Den Namen sollte man sich merken, wenn man kann: Auf dem Weg ins Kaufhaus erledigte ich noch einen kleinen Hauskauf. Unter diesem Pseudonym veröffentlicht der Münchner Matthias Lehrberger Platten, die voller schöner Einfälle und Anspielungen stecken und irgendwo zwischen Jazz und Elektronika leben

Cover Kaufhaus

Mein erster Gedanke: „Hach, was für eine schöne Kaffeehausmusik!“ Ein jazziges Schlagzeug gibt ein lässiges Tempo vor, alle paar Takte schlendert ein Klöppel fünf Töne auf dem Vibrafon hinauf, nur der Synthesizer brazelt einen etwas unruhigen Klangteppich drunter. Im Hintergrund säuselt ein leiser Chor, der ganz bestimmt kein echter ist, sein „Aahhhh-aahhhh“. Dann ein Bruch und das ganze läuft aus in einem entspannten Blues-Standard. B—Werk heißt das erste Stück auf dem neuen Album des Ein-Mann-Projektes mit dem sperrigen Namen Auf dem Weg ins Kaufhaus erledigte ich noch einen kleinen Hauskauf. Dazu kann man sich den Cappuccino schmecken lassen, denke ich.

Doch dann. Je weiter ich in Zufall für alle eintauche, in desto weitere Ferne rücken die Assoziationen zu Kaffee und Kuchen in entspannter Atmosphäre. Mit jedem Stück, mit jedem Hören entstehen stattliche Wellen auf der anfangs so glatten Oberfläche, kleine Stürme sogar. Schon im zweiten, Moftal, stören ein regelmäßiges dumpfes Brummen – vielleicht ein Klangschnipsel aus einem Film von David Lynch – und ein warnend aufjaulendes Klavier die Unterhaltung und lassen die Milchschaumhaube gerinnen. Ab und an klingt ganz leise eine wunderschöne Melodie durch, sie wird aber immer wieder zerstückelt und wandelt sich schließlich in ein dumpfes Kreischen. Nur das Schlagzeug tut, als wäre nichts geschehen.

Bei Low——überleben mischen sich Weltraumklänge mit einer gedämpften Trompete, das Schlagzeug wird mal ein bisschen hektischer, gibt zusammen mit dem Kontrabass das Tempo vor. Das Stück ist beinahe purer Jazz, der Anteil elektronischer Instrumente nur noch gering. Nester beginnt als ein sphärisches Rauschen mit meditativen Synthesizer-Klängen. Nach und nach schleichen sich ein elektronisches Schlagzeug, ein Bass und eine Melodika ein und geben den Klängen einen Körper. Fast alle Stücke sind voller Brüche, keines hält für die gesamten vier, fünf Minuten eine Stimmung, ein Tempo. Immer wieder werden die Instrumente neu kombiniert. Die Stücke taumeln hin und her zwischen Elektronika, Jazz und Pop.

Zufall für alle ist das dritte Album des Münchner Kunststudenten Matthias Lehrberger unter dem Kaufhaus-Pseudonym. Er spielt alle Instrumente selbst, auf Gesang muss man verzichten, man vermisst ihn nicht. Erstmals gibt er den Stücken Namen, auf seinen ersten beiden Alben waren sie einfach durchnummeriert. Liebevoll kombiniert er unzählige kleine Einfälle und Anspielungen zu einem kreativen wie eklektischen Sammelsurium. In Nester ertönt irgendein Klang aus einem Gassenhauer aus den Achtzigern, am Ende von Low——überleben wird man von einem jazzigen Schlagzeugsolo überrascht. In Mikromies säuselt eine sanfte akustische Countrygitarre mal kurz hinein, Wachsein zitiert eine melancholische Trompetenmelodie aus einem düsteren französischen Polizeikrimi der achtziger Jahre. Die Melodika in Dear Existenz scheint aus einem argentinischen Tangosalon zu schallen.

Wenn es auch natürlich lustig wäre, ins Kaufhaus passt die Musik so ganz und gar nicht. Und im Unterschied zu zahllosen anderen Instrumentalmusiken bietet sich diese auch kaum für Filme an. Es ist keine Musik, die begleitet, sondern Musik, die sich mit einem ganz eigenen Körper vor einem aufbaut. Man kann das ganze Album irgendwie als Collage enttarnen, in seine Einzelteile auseinander nehmen und an seinen Brüchen teilen. Man kann es aber mindestens genauso gut mit weit geöffneten Ohren von vorne bis hinten durchhören, als eine mutige, experimentierfreudige Spielart von Popmusik.

Vielleicht ist das ja doch die perfekte Musik für’s Kaffeehaus. Und ich habe nur das Richtige noch nicht gefunden.

„Zufall für alle“ von Auf dem Weg ins Kaufhaus erledigte ich noch einen kleinen Hauskauf ist als CD erschienen bei Schinderwies Productions und im Vertrieb von Broken Silence. Erhältlich ist sie auch bei Finetunes

Hören Sie hier „B—Werk“

Lesen Sie hier ein Portrait der Regensburger Plattenfirma Schinderwies Productions

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1 Kommentar

  1.   Max

    Wahnsinn, dass hier über so etwas hier geschrieben wird! Danke! Nach dem Klaus Viehe auf einslive mal wieder den Anschub für eine kleine Recherche gegeben hat, stoße ich hier bei der ZEIT auf eine Rezension, toll!
    Werde mal verfolgen was hier noch so auftaucht.

 

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