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Keine Tina, keine Nina

 

Kurz hinter Hamburg stieg Julia Guther zu, ich habe ihr den ganzen Urlaub über zugehört. Ihre Stimme hallt noch jetzt durch meinen Kopf, immer wieder summe ich mit ihr

Cover Sundet

Drei Wochen fuhr ich in diesem Sommer kreuz und quer durch Schleswig-Holstein und die Ostsee rauf und runter. Wo es mir gefiel, blieb ich mit meinem Camping-Bus stehen, wenn ich mich langweilte, fuhr ich weiter. Etliche Souvenirs habe ich mir mitgebracht, einige unfreiwillig. Ein endlich abklingender Sonnenbrand auf der Nase und im Nacken. Immer noch Sand im ganzen Auto, unter den Sitzen, im Bett. Eine neue Sonnenbrille. Und dann, ja, Julia Guthers Stimme. Ich nahm sie mit, irgendwo zwischen Hamburg und Kiel. Ich drehte meinen alten CD-Spieler lauter und lauter, bis es lauter nicht mehr ging. Ich lauschte ihr Mal um Mal, und auch jetzt hallt sie noch durch meinen Kopf, bringt mich wieder zum Summen.

Julia Guther ist die Sängerin einer Band, die ihren Nachnamen trägt. Gesprochen nicht mit englischem Ti-Äitsch, sondern so, als wäre das h gar nicht da. Ihr neues Album Sundet hatte ich nur dabei, weil es auf dem Weg in den Urlaub aus meinem Briefkasten fiel und ich keine Lust mehr hatte, noch einmal in die Wohnung zu gehen. Sundet ist norwegisch und heißt „Der Sund“, passt ja irgendwie nach Schleswig-Holstein.

Sie hat eigentlich gar nicht so eine Stimme, von der man einander raunend erzählt. Sie klingt nicht nach Ina Deter oder Tina Turner, weder nach Nina Simone noch nach Nina Hagen. Sie ist nicht rauchig, brüchig, düster, schafft aber auch keine fünf Oktaven. Sie ist keine sagenhafte Rockröhre oder Vokalakrobatin und auch kein schüchtern-müdes Indiepop-Stimmchen. Sie liegt so zwischen allem. Was ist also das Besondere an Julia Guther? Keine Ahnung.

Who Was First war das Stück, mit dem sie mich erwischte, der Daumen, der mich zum Anhalten zwang. „Faintly recalling myself, the strength of your voice, how could I convince you, you don’t have to fall silent“, sie singt diese ersten Zeilen zu einer sanft gezupften akustischen Gitarre, gehaucht, aber nicht albern. Eine warme Orgel kommt hinzu, ein Schlagzeug und andere Instrumente. Hinterher erinnert man sich nur an die gesungene Melodie der ersten Zeilen und des Refrains. So ging es mir bei fast jedem Stück. Die Melodien, die hängen bleiben, sind die von ihr gesungenen. Ich singe sie mit und vor mich hin, frage mich zum Glück nur selten, was das alles bedeuten soll.

Sie singt ihre Zeilen, als sei ihr die Musik völlig egal. Hat ihr eigenes Tempo, manchmal hängen die Zeilen hinten scheinbar über, sie verzögert und beschleunigt, wie es ihr gefällt. Singt in Trick Or Treat mit sich selbst, kümmert sich hier und da einfach gar nicht um die Melodie. In A Brief Encounter pausiert die Musik zwischendurch, um der Stimme Raum zu geben. Meistens folgen ihr die Instrumente, manchmal auch nicht.

Das erste Album von Guther, vor ein, zwei Jahren, war mir nicht aufgefallen. Das waren schöne Popliedchen, klasse Melodien, das schon. Aber nichts wirklich Herausragendes, zu glatt insgesamt. Und jetzt das. Da sind Ecken und Kanten, ein auch mal grummelnder Bass, das Vibrato einer Steel-Gitarre, diverse kleine Blasinstrumente, ein oft jazziges Schlagzeug. Vielleicht macht die Gelassenheit den Unterschied, vielleicht sind die Stücke einfach nur zurückhaltender arrangiert oder produziert.

Indiepop dieser Sorte gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Hier aber macht die Stimme einen Unterschied. Sundet könnte für noch einen Sommer gut sein.

„Sundet“ von Guther ist als LP und CD erschienen bei Morr Music

Hören Sie hier „Who Was First“ und „Statement“

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