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Kalt wie Marmor

 

Das Debütalbum von Hercules & Love Affair erinnert an die lustvollen Rhythmen von Disco und House in den Achtzigern. So draufgängerisch wie ihr Namensgeber geht die Band leider nicht zu Werke.

Hercules & Love Affair

Herkules war ein Gemütsmensch. Der Sohn des Zeus bestand allerhand Abenteuer und galt als durchtrainierter Hitzkopf. Wie es sich für einen echten Gott gehört, ließ er sich nichts bieten. Als sein Musiklehrer ihn tadelte, erschlug ihn Herkules kurzerhand mit der Leier. Seine zahlreichen Ehen mit Königstöchtern gingen in die Brüche, er feierte lieber mit jungen Männern.

Heute wäre Herkules ein typischer Clubgänger. Sicher auch deshalb wählte der New Yorker Fitnesstrainer Andrew Butler den griechischen Helden als Namensgeber seines Projekts Hercules & Love Affair. Vor einigen Jahren veranstaltete Butler in seiner Heimatstadt regelmäßige Parties, bei denen Künstler und schwule Szenegänger gemeinsam zu House-Klängen feierten. Zutritt erhielt nur, wer sich als griechische Göttergestalt kostümierte. Dieses Spiel mit neo-antiken Motiven hatte sich Butler bei den New Yorker Continental Baths abgeschaut. In diesen Badehäusern und Saunen bildeten schwuler Sex und Disco in den achtziger Jahren eine Einheit, zwischen Säulen und Statuen wurde geliebt und getanzt. DJs wie Frankie Knuckles und Larry Levan legten Platten auf, AIDS bereitete den Ausschweifungen damals ein Ende.

Das Debütalbum von Hercules & Love Affair ist eine Hommage an die hedonistische Musik dieser Zeit. Andrew Butler und sein Musikerkollektiv reproduzieren nicht einfach den körperbetonten Klang früher House-Platten, sie kleiden glamouröse Tanzmusik in ein zeitgemäßes Gewand. Da ist House, aber auch Disco-Pop mit unzähligen Referenzen an die großen Momente der Clubmusik. Überall wird zitiert: hier klingt ein Schlagzeug-Groove wie bei Arthur Russell, dort flirren die Streicher wie das Salsoul-Orchester in seinen besten Zeiten. In Stücken wie You Belong und I Will fühlt man sich in die Anfangstage des Techno zurückversetzt, als Soul und Maschinenmusik plötzlich keine Gegensätze mehr darstellten. Chicago House, Detroit Techno, Italo-Disco – im herkulinischen System scheint alles möglich. Der Tanzboden wird zum pophistorischen Spiegel. Und Disco ist nicht bloße Referenz, es steht für die Sehnsucht nach Körperlichkeit auf dem Tanzboden. Der Einsamkeit im Club versuchen Hercules & Love Affair als lustvolles Ereignis zu begegnen.

Unglücklicherweise wird dieses nostalgische Konzept von der spiegelglatten Produktion weitgehend unterlaufen. Denn wo der Klang der Zitierten noch Ecken und Kanten besaß, wirkt die Produktion von Tim Goldsworthy poliert. Immer wieder drohen die Kompositionen in selbstgefälligen Posen zu erstarren. Da können die ansonsten passablen Sängerinnen Nomi und Kim Ann Foxmann noch so lasziv augenzwinkern – der unterkühlten Distanz der Stücke kommen sie nicht bei. Und auch wenn Antony Hegarty von der kanadischen Band Antony & The Johnsons sich Mühe gibt, wie Marc Almond zu klingen, seiner Stimme fehlt die Erotik eines Robert Owens. Einzig bei Blind ist sein Gesang wirklich großartig.

Blind ist auch der Höhepunkt eines Albums, das den Hörer seltsam unberührt zurücklässt. Wie die von Andrew Butler geschätzten griechischen Statuen erscheinen seine Stücke unnahbar. Sie sind in ihrer äußeren Form beeindruckend, Emotionen gewinnt man ihnen kaum ab. Die wichtigste Zutat von Disco und House war immer die Wärme, die den Tänzer umfing. Die Musik von Hercules & Love Affair gleicht kühlem Marmor. Darauf hätte sich auch ein Draufgänger wie Herkules nicht eingelassen.

Das unbetitelte Debütalbum von Hercules & Love Affair ist als CD und Doppel-LP erschienen bei DFA Records/EMI.

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2 Kommentare

  1.   rest glam

    wow, endlich mal eine gute plattenkritik. danke! wobei ich mir die nasenspitze schon an hercules and love affair wärmen kann.

  2.   Stef

    Interessant, interessant! Macht auf jeden Fall Lust auf mehr!

 

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