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Rückkehr der Fluffigkeit

 

Holly Miranda aus New York hat den Soundtrack zur Krise geschrieben: Entspannt, blumig und selbstbewusst nimmt ihre Musik den Druck dieser Tage von uns.

© Sebastian Mlynarski

Eigentlich sind diese Zeiten denkbar ungeeignet für Easy Listening. Alternative Popsongs allen Ernstes mit Sweet Dreams zu betiteln erscheint zutiefst altmodisch, sie sodann mit Engelszungen, Glockenspiel, Posaune zu unterlegen beinahe dialektisch. Zarte Streicher und Klavierklänge, die irgendwie an Delfingesang erinnern, passen besser in andere Epochen oder gleich die Schlagerparade.

Denn es ist Krise, die ganz große, allumfassende – da haben Lieder von Wut, Tristesse und Fluchtgedanken zu herrschen, zumal im Indiesektor. Da muss von ganz großen, allumfassenden Dingen gesungen werden oder von gar nichts. Und dann kommt ein verträumtes Südstaatenmädchen daher und singt, als gäbe es kein heute, morgen, übermorgen, als wäre die Welt ein Blumengarten und ihre Bühne das schönste Beet darin.

So reibt man sich verwundert die Augen, wenn Holly Miranda mit dünner, hintergründiger Stimme von Liebe, ihrer Schönheit erzählt, von ihrem Scheitern und wie sehr sich der Kampf dagegen lohnt. „Dreamt of you again last night/ called your phone to hear your voice“ heißt es etwa im verschrobenen, betörend schönen Joints.

Es herrscht ein stetes Flirren und Surren und Hauchen und Schweben in ihrem Solodebüt The Magician’s Private Library, und manche mögen schon beim wunderbaren ersten Lied Forest Green Oh Forest Green fragen: Wache oder schlafe ich? Mit jedem Stück wird die Antwort schwieriger.

Denn Holly Miranda macht Hängemattenmusik im Blumenkindergestus mit den technischen Mitteln der Gegenwart. Pittoreske Naturtonfragmente und schmeichelnde Bläserarrangements weisen zurück zu Fifth Dimension oder Björk, zugleich aber mit Synthie und Samples weit nach vorn, zu Holly Miranda selbst: der 27-Jährigen aus puritanischem Elternhaus ohne Comics, Pop und Kabel-TV, die mit ihrer Hausband The Jealous Girlfriends apokalyptisch schrammelnden Noiserock macht und dies nicht als Widerspruch zu ihrer versonnenen Harmlosigkeit empfindet.

Das muss sie auch nicht. The Magician’s Library ist trotz aller Fluffigkeit so schön, weil es gefällt ohne gefällig zu sein. Weil Dave Sitek, der stilsichere Gitarrist von TV On The Radio, es zu einer ungewöhnlich stimmigen Mischung aus Schwärmerei, Energie und Eigensinn produziert hat. Weil es keine Reminiszenzen sucht, sondern findet, ganz beiläufig, ohne Hast und Eifer. Weil es sich selbst genug ist.

Holly Miranda, frohlockt die New York Times nach einem Hinterzimmerauftritt in Brooklyn, sei eine „weniger ängstliche Cat Power, eine substanziellere Feist, eine Norah Jones mit echtem Gefühl“. Auch Vergleiche mit Patti Smith oder The Go!Team können ihrer Authentizität nichts anhaben. Solchen Druck, schreibt die NYT weiter, schiebt Holly Miranda in aller Ruhe beiseite. Und nimmt damit auch ein wenig Druck dieser Tage von uns.

Der Soundtrack zur Krise muss eben weder einlullen noch permanent Widersprüche ausdiskutieren; er darf sich manchmal einfach treiben lassen. Da treiben wir gern mal mit.

„The Magician’s Private Library“ von Holly Miranda ist erschienen bei XL Recordings.

 

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