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Killer oder Filler, so sagt man doch

 

Clubmusik kann so unterschiedlich sein: Matthew Herbert verheddert sich in ehrgeizigem Denksportelektro, und Tolouse Low Trax zieht die Leute auf die Tanzfläche.

Der Brite Matthew Herbert (© Accidental)

Matthew Herbert ist der Captain Kirk der Clubmusik. Kühn bahnt er sich seinen Weg durch die fernen Sternensysteme von House, Techno, Minimal, Glitch, Micro, Wasauchimmer, besiedelt einen um den anderen Planeten und legt auch mal in den Sonnensystemen Filmmusik und Big Band einen Zwischenhalt ein. Im Warpstrahl seines Raumkreuzers verschmelzen die Partikel des Alltäglichen zu tanzbaren Abstraktionen.

Herbert saust nicht einfach drauf los, er denkt sich was dabei. Ein Manifest bildet die Grundlage seines Handelns, er möchte als politischer Künstler wahrgenommen werden und versäumt es in Interviews nicht, den Unsinn in der Welt zu geißeln. Recht hat er.

Nun hat Matthew Herbert eine Trilogie aufgenommen, drei Alben, die in schneller Folge erscheinen – zuerst One One, später One Club und One Pig. Es ist das, was man gern ein ambitioniertes Projekt nennt. Und Ambition ist an sich ja in Ordnung – solange sie sich im Hintergrund hält. One One klingt im schlechten Sinne ambitioniert.

Nach There’s You And There’s Me (einer im positiven Sinne ambitionierten Big-Band-Platte; aber da kann man geteilter Meinung sein, so ist das bei Herberts Platten meist), auf der tausende Samples und hunderte Menschen zu hören waren, wollte Matthew Herbert alles anders machen. Wollte alle Instrumente und Klänge selbst einspielen und aufnehmen, ja sogar dazu singen. „Musical rebound„, nennt sich das im Pressetext.

Im Club ist Ambition tödlich. Doch selbst, wenn One One das Tanzbein gar nicht anregen soll, ist ihm nur schwer etwas abzugewinnen. Denn, oha!, der Ort, an dem Captain Herbert seinen Raumkreuzer nun landet, ist längst besiedelt. Alexis Taylor und Erlend Øye schauen um die Ecke, „Wir sind schon da!“ Hier wird das elektronische Singersongwritertum schon lang gefeiert.

Nun, Herbert ist spät dran. Vor allem Milan klingt wie Hot Chip, ein bisschen schrullig, heiser lakonisch besungen. Leipzig wie Whitest Boy Alive auf Valium. Denkt man sich den Gesang weg, bleibt von den meisten Stücken kaum mehr als müdes Schlurfen. Singapore dann ist ein verwaschener Singsang, da fehlt der Zug, der Hintersinn. Berlin ist kaum besser, Valencia schließlich körperlos esoterisches Wabern.

Folge zwei, One Club, wird übrigens nur aus Samples bestehen, die er im vergangenen Herbst in einem Frankfurter Club aufgenommenen hat. Und das die Trilogie abschließende One Pig bastelte Herbert aus den Geräuschen des sechsmonatigen Lebens eines Schweins, von der Aufzucht zum Verzehr (nur beim Töten mochte der beaufsichtigende Veterinär ihn nicht dabei haben).

Der Düsseldorfer Tolouse Low Trax (© Karaoke Kalk)

Nein, so ambitioniert kommen wir heute Abend nicht zum Tanze. Aber vielleicht hiermit: Moderner und vor allem aufregender als One One klingt Mask Talk, das neue Album von Tolouse Low Trax. Hinter dem drolligen Namen verbirgt sich Detlef Weinrich, Mitglied der Düsseldorfer Band Kreidler. Deren zuletzt praktizierte sture Repetition führt Weinrich auf Mask Talk weiter, vor allem weiter Richtung Tanzfläche.

Abgeklärt und trocken wummern die Stücke voran. Das Schlagwerk ist echt, organisch, voll; jeder Klang steckt in einer Schleife, die Variationen sind fein. Wo Herbert schlurft, da stapft Weinrich. Wo Herbert wabert, da schwingt Weinrich. Und wo Herbert sing, da hält Weinrich gescheit die Klappe und lässt die Rhythmen sprechen. Mit dem zerschnipselten Minimal Techno Vai Vai schaut Weinrich schließlich sogar noch bei Herbert im Club vorbei. „Genug der Worte, auf die Tanzfläche!“ möchte man da rufen.

„One One“ von Matthew Herbert ist auf CD bei Pias/Accidental/Rough Trade erschienen; „Mask Talk“ von Tolouse Low Trax auf CD und LP bei Karaoke Kalk/Indigo.


6 Kommentare

  1.   rw

    Letztendlich kann auch jede noch so kreative Prosa nichts daran ändern, dass die Captain Kirks der Szene von einer Raumanomalie zur nächsten irren und doch nur ihre Samples stupide aneinanderreihen und gefangen in vielen Zeitschleifen bis zum Einschlafen wiederholen. Ein bisschen an diesem Reglerchen drehen, mal dort ein kleine EQ-Einstellung ändern, aber bitte alles immer schön konstant auf 100% komprimiert, weil der taube DJ den Schonkostsalat im Club dann sowieso oberhalb der Ohrenschmerzgrenze serviert. Und weil die Musik allein nicht so sehr aussagekräftig ist, wird das ganze mit einem politischen Statement garniert, über das man dann wieder ein Haufen kreativer Prosa fabrizieren kann.

    Lebendige (elektronische) Musik hört sich anders an und man findet sie meistens nicht im Plattenladen. Ihre Urheber nehmen auch nicht so sehr sich, sondern ihre Musik wichtig. Aber damit lassen sich schlecht Lifestyle- und Szenemagazine füllen.

    Geschmack ist immer sehr subjektiv und jeder hält seinen eigenen für den allerbesten, darum verzichte ich auf weitere Details 😉

    Cheers.

  2.   Patrick Gugelberger

    na jaaa,
    waren herr herbert’s alben nicht immer auch eine reaktion auf
    die entwicklung der relektronischen musik aus seiner sicht?
    verbal ambitioniert hin oder her (ich finde das richtig),
    er schaut mit dieser trilogie (von der ich bisher natürlich nur das erste album kenne) ja auch auf seinen bisherigen beitrag zurück. „one one“ ist wirklich etwas „verschlufft“, aber eben auch die
    feststellung: mehr geht jetzt nicht. auf den tanzboden wird da
    nur geguckt,aber nicht teilgenommen.
    „ambition im club ist tödlich“, stimmt, beim hingucken schadet’s nicht.

  3.   arwin

    Es ist schon interessant wie extrem unterschiedlich Musik, Filme etc. wahrgenommen werden. Ich kann der Meinung des Verfassers des Artikels nur widersprechen. Ich fühle mich beim Hören dieser- meiner Meinung besten Platte von Herbert seit Jahren- unweigerlich an die grossen „parts“-Platten auf phono und insbesondere an die „around the house“ erinnert. Das war Urzeiten vor Hot chip und erlend oye. Natürlich spricht diese Platte nicht sofort jedermans Tanzinstinkt an. Für Liebhaber deeper, grooviger Tanzmusik und darüberhinaus unbedingt zu empfehlen!!

  4.   bla

    Naja, zum Tanzen hör ich lieber ab 160 bpm. Alles andere ist zum chillen für Zuhause.

  5.   maxone

    Zur Richtigstellung wo Matthew Herbert One Club aufgenohmen hat ,das war nicht in Frankfurt sondern in Offenbach im Robert Johnson Musikliebhabern Elektronischer Musik sollte dieser Club ein begriff sein.

  6.   Rabea Weihser

    …wie in der aktuellen „Spex“ nachzulesen ist.

 

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