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Düsseldorfer Mosaik

 

Seit 15 Jahren wabern Kreidler durch elektronische Klangwelten. Auf seinem neuen Album setzt das Trio viele Steinchen zu einem unfassbaren Bild zusammen.

© Rough Trade
© Rough Trade

Alles beginnt in Düsseldorf, natürlich! Von dort kommt das Trio Kreidler. Und von dort kommen diejenigen, die ihr neues Album Mosaik 2014 maßgeblich beeinflusst haben: Kraftwerk, Neu! und La Düsseldorf, weniger stark Rheingold und DAF. Auch Mosaik 2014 beginnt dort, schon die ersten Klänge der Platte führen zurück in die mittleren Siebziger, zum warmen Wabern Kraftwerks. Damals war das noch Pionierarbeit, heute wundert solches Oszillieren niemanden mehr.

Es sind nur ein paar Sekunden. Und dann: Raus aus der Stadt! Mosaikstein um Mosaikstein tasten sich Kreidler um die Welt und durch die Zeit. Vor allem zu solchen Klängen, die ihrer Zeit voraus waren. Ambient, wie ihn einst Yello spielten, Deep House, eine wummernde Basstrommel und afrobeatig rumpelnde Perkussion, Zischeln, Rappeln und mehr Bass, mehr Rhythmus. Klack! Und… klack! Und… klack! Hier noch ein Steinchen. Und dort noch eines.

Auch Zero – das zweite und, nebenbei, beste Stück der Platte – fährt in Düsseldorf los, diesmal hallen Neue Deutsche Welle und Krautrock nach. Dann eine unwiderstehliche Melodie des Keyboards, die aus Gary Numans Are Friends Electric stammen könnte, mehr Hämmern auf allerlei Perkussion. Und so geht es weiter, neun Stücke lang: Da sind Munich Disco und das Glitzern der Eurythmics, Super Mario und Colt Seavers. Und mehr Yello, mehr Krautrock, mehr warme Keyboards, noch mehr Bass und noch mehr Rhythmus. Keines der Lieder bleibt auf einem Kontinent oder in einem Jahrzehnt. Alles schwingt!

Seit fünfzehn Jahren nun gibt es Kreidler, Mosaik 2014 ist ihr sechstes Album, Remixplatten nicht gezählt. Aber das Zählen ihrer Alben ist wohl kein sinnvoller Weg, sich ihrem Werk zu nähern. Denn Kreidler bewegen sich zwischen den Sphären.

Sie zerstückeln Lieder von Depeche Mode, Shantel und den Einstürzenden Neubauten, spielen auf großen Festivals. Sie treten auf im New Yorker Museum of Modern Art und im Pariser Centre Pompidou, im Auftrag des Goethe-Instituts eilen sie als Kulturbotschafter um die Welt. Ihre Musikvideos sind kleine Kunstwerke, die eher bei Filmfestivals laufen als im Fernsehen. Ihre Musik untermalt Filme, Theaterstücke, Tanzproduktionen und Modeschauen. Im Werk der Band durchdringen sich die Künste. Angesichts dieser Vielgestaltigkeit wirkt Mosaik 2014 geradezu in sich geschlossen, ja direkt.

Endgültig greifbar ist es nicht. Denn Kreidler bleiben im Raum zwischen den unregelmäßig geschliffenen Mosaiksteinchen. Sie wollen gar nicht ankommen. Nach einer guten dreiviertel Stunde liegen tausende bunter Quadrate kreuz und quer in der Gegend. Ein Bild? Nein. Schließlich hat man das Gefühl, dass Kreidler einem doch wieder durch die Finger geflutscht sind.

Der Werbespruch des Kornwestheimer Mofaherstellers Kreidler heißt: „Verlass‘ Dich drauf.“ Die Musik der Band Kreidler klingt hingegen wie der musikgewordene Widerspruch, wie eine Warnung: „Bist du dir wirklich sicher?“

„Mosaik 2014“ von Kreidler erscheint bei Italic Recordings/Kompakt auf LP. Die CD des Albums veröffentlichte Italic Recordings/Rough Trade.

 

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