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Klang in extremer Balance

 

Die Pianistin Marilyn Crispell und der Klarinettist David Rothenberg wagen die Improvisation. „One Dark Night I Left My Silent House“ heißt ihr erstes Duo-Album.

© ECM Records

Das Duo ist eine Idealbesetzung der Improvisation. Die Trägheit der Masse wird auf ein Minimum reduziert, es spielen zwei Menschen nur mit ihren Instrumenten und miteinander. Mager, transparent, zurückgenommen dringt das Duo vor zum Wesentlichen, Grundsätzlichen. In ihm zählt jeder Ton, jedes leichte Zögern, jede Nuancierung der Klangfarbe, jedes Schweigen – die Improvisation wird zum kommunikativen Ereignis, zum Zwiegespräch, in dem in jedem Moment alle Parameter verhandelbar sind: Rhythmus, Harmonie, Stimmung. Diese einzigartige Werkstattsituation öffnet den Blick ins Innere der Musik, es wird hörbar, wie die Stimmen ineinandergreifen, aufeinander abtönen, wie sie ihren eigenen Wegen folgen, aufeinander reagieren oder jede Reaktion verweigern.

Marilyn Crispell und David Rothenberg haben mit One Dark Night I Left My Silent House gerade ihr erstes gemeinsames Duo-Album veröffentlicht, und sie fühlen sich offenbar wohl in dieser musikalischen Extremsituation. „Nur aus dem Herzen“, so umschreibt die mittlerweile 63 Jahre alte, klassisch ausgebildete Pianistin das Spielideal, das sie verfolgt. Vor mehr als dreißig Jahren fand sie, angezogen vom Powerplay der klassischen Jazz-Avantgarde, zur Improvisation. Mittlerweile hat die Frau aus Philadelphia einen sehr sparsamen und in viele Richtungen offenen Improvisationsstil jenseits der Genreklischees entwickelt, der sich organisch mit dem Spiel des Klarinettisten David Rothenberg verbindet. In Teilen ist ihr Zusammenspiel frei improvisiert, dann wieder skizziert und mit Motiven und strukturellen Ideen angereichert, die Rothenberg aus seiner theoretischen Beschäftigung mit dem Gesang der Vögel überträgt. Denn der Mann ist nicht nur Musiker, sondern auch Philosophie-Professor am New Jersey Institute of Technology, wo er über das Verhältnis von Mensch und Natur forscht und lehrt (sein Buch Warum Vögel singen ist ein Standardwerk).

Am Anfang steht ein Tasten: hier ein Zweiklang, dort ein weiterer Ton. Stille. Dann wieder zwei, drei Töne zusammen oder auch einmal dichter, in schnellerer Folge. So weit Marilyn Crispell am Klavier. In den tiefen Sphären fügt David Rothenberg derweil auf der Bassklarinette zwei Töne zusammen, aus denen sich gemächlich eine Melodie entwickelt, eine Stimmung, die sich wie ein morgendlicher Nebel über eine noch schlummernde Landschaft legt. Kein Ton zu viel, keine Sättigungsbeilagen, kein Füllmaterial. Später lässt Rothenberg die Töne im Mundstück platzen, formt aus ihnen einen Riff, den er in endlosen Varianten wiederholt, während seine Partnerin geisterhafte Harmonien auf ihrem Soundboard, den Saiten eines Flügels ohne Klaviatur, spielt, zupft, kratzt, schabt und sie schließlich in die regelmäßige Bewegung eines Groove verdichtet.

Erst nachts, wenn alle Geräusche im Haus verstummt sind, kommen die Kontraste dieser Musik richtig zur Geltung: zwischen der lyrischen Konkretheit von Crispells pianistischem Anschlag und dem unwirklichen Sirren, das sie auf dem Soundboard erzeugt; zwischen dem federleichten, vollen Ton, den Rothenberg auf der Klarinette erzeugt, und den Schreien und Geräuschen, zu denen er sein Instrument überbläst. Dann erst stellt sich die Balance zwischen Ruhe und Forschergeist ein, die im Zentrum dieser Musik steht.

„One Dark Night I Left My Silent House“ von Marilyn Crispell und David Rothenberg ist erschienen bei ECM Records

Aus der ZEIT Nr. 28/2010

1 Kommentar

  1.   Dora Pan

    Leaving the house and flying into music
    Das ist Musik, auf die man sich einlässt (einlassen muss), die die volle Aufmerksamkeit beansprucht und die dann auch das eigene Ich, die Gedanken und Empfindungen mitschwingen lässt. Ja, am besten in den Stunden der Nacht, wo das Leben neue Dimensionen gewinnen kann.
    Großartig!

 

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