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Spiel doch mit den Scheunenkindern

 

Als säßen sie mit Goldwäscherpfannen am Strom des Alltäglichen: Mit ihrem neuen Album kehren die Decemberists zurück zur ländlichen Einfachheit.

© Beggars

„Das Konzept der Scheune – als Aufnahmeraum ebenso wie als Haltung – hat die Entstehung von The King Is Dead geprägt“, sagt Colin Meloy, der Sänger, Gitarrist, Bouzoukist und Songwriter der Decemberists. Konzept? Oh je. Ein solches lag auch dem Vorgängeralbum zugrunde, The Hazards Of Love von 2009. Und das war zu einer arg epischen Rock-Oper geraten.

Aber diesmal ist das mit dem Konzept nicht sooo gemeint. Sondern einfach so, dass die Decemberists ihr jüngstes Werk in einer umgebauten Scheune aufgenommen haben – und das prägt den Sound der Band, die ihren Namen von den auf Deutsch eher als Dekabristen bekannten russischen Adligen hat, die den Aufstand gegen Zar Nikolaus I. probten, damals, im Dezember 1825. Man kann den Namen aber auch direkt auf den Weihnachtsmonat zurückführen, auf winterlich warm leuchtende Fenster in frostiger Nacht.

In diesem Fall strahlen die Fenster von Pendarvis Farm im US-Bundesstaat Oregon im Frühlingsregen. Rund sechs Wochen lang nahm das Quintett Anfang 2010 hier sein neues Album auf – bei bescheidenem Wetter: „Wahrscheinlich ist eine Menge Getropfe auf dem Dach im Hintergrund der Aufnahmen zu hören“, kokettiert Meloy (der Sound ist natürlich makellos). Eigentlich habe man viel mehr Zeit draußen verbringen wollen.

Aber auch so klingen die Dezemberisten, als säßen sie lässig mit Goldwäscherpfannen am Strom des Alltäglichen, schwenkten den Bodensatz, bis die Nuggets glitzern. Akustikklampfe, Akkordeon, Fiedel, Banjo: Nach dem üppigen Sound des Vorgängers geht es rural und frugal zu – Heustadel statt Barocktheater. Wie singt Meloy in seiner ersten Zeile: „Here we come to a turning of the season.“ Es wird Frühling im Dezember, wenn auch ein verregneter.

Die Decemberists haben einen steinigen Weg hinter sich, aus der „kulturell depressiven“ Kneipenszene von Portland, wie Meloy erzählt, über ein selbstproduziertes erstes Album und mehrere Indie-Label zum Major-Vertrag. Der Sänger lebt nicht mehr in Oregons größter Stadt Portland, sondern im Umland, wie es sich für einen arrivierten Thirtysomething mit Frau (der Künstlerin Carson Ellis, Cover-Designerin der Band) und Kind (Henry, genannt Hank, vier Jahre alt) gehört. Der in Helena, Montana, geborene Hippie-Sohn ist aufs Land zurückgekehrt.

Auch akustisch. Frühere Alben nahmen sich Zutaten aus leicht dekadentem Britfolk à la Fairport Convention, da wurde die Soße schnell fett. Jetzt schnippeln die Scheunenkinder Americana-Wurzeln ins karge Gemüse. Auch die Texte von Meloy, der seinen Uni-Abschluss in Creative Writing gemacht hat, wirken diesmal sparsamer, direkter. Obwohl sie immer noch von Wortspielen, literarischen Bezügen und Formulierungsakrobatik durchwoben sind – wenn jemand mal eben „queen of supply-side bonhomie bone-drab“ (aus Calamity Song) übersetzen möchte: Bitte, da unten gibt es eine Kommentarfunktion.

Meloy bezeichnet den Kontrast zu früheren Alben als Absicht: „Es ist eine echte Herausforderung, einfache Musik zu spielen, und immer wieder mussten wir uns absichtlich zurücknehmen und mehr Raum lassen. Diese Platte ist eine Übung in Zurückhaltung.“

Zwei wichtige Bezugspunkte sind durch Gäste personifiziert: Die Alternative-Country-Pionierin Gillian Welch hat aus dem Soundtrack von O Brother, Where Art Thou? und dem Vorprogramm von Norah Jones zu den Dezemberern gefunden. Und das ganz große Vorbild R.E.M. schaut bei drei Songs in Person von Gitarrist Peter Buck vorbei, der unter anderen das Eröffnungsstück Don’t Carry It All in Richtung frühen R.E.M.-Sound rückt.

Manche Netz-Kommentatoren tun die umfangreich vorabgestreamten Songs von The King Is Dead als „Altherren-Countryfolk“ oder „schwule Mädchenmusik“ ab; ein Fan kontert mit einem abgeklärten „ich liebe Altherren-Countryfolk“. Außer dem R.E.M.-Chef Michael Stipe sind es so würdige alte Herren wie Neil Young und Bruce Springsteen, deren Geist hier unüberhörbar durch die Mundharmonika-Passagen trötet. Aber wer ist der tote König aus dem Albumtitel? Ach, wohl niemand weiters: Meloy ist bekennender Verehrer der Smiths, die bekanntlich ein Album namens The Queen Is Dead aufnahmen.

Rox in the Box schwankt zwischen Matrosenshanty und Bergarbeiter-Work-Song, All Arise! zitiert im Intro Honky Tonk Women von den Rolling Stones in alpiner Variation, January Hymn leuchtet in kühler Schönheit, in Rise To Me schimmern wehmütige Pedal-Steel-Gitarren.

Meloy sagt: „Manchmal vermisse ich ein bisschen die Epik der anderen Alben, aber es ist schön, die ganze Information in drei Minuten rüberzubringen. Es ist wie der Wechsel vom Lesen eines Romans zu einer Reihe von Kurzgeschichten.“ Die es in üppiger De-Luxe-Box samt Foto-Kunst-Buch, DVD und anderem Schnickschnack gibt, mit T-Shirt dazu, auf Vinyl, Download oder gewöhnlicher CD. Zu lesen jedenfalls sind diese Kurzgeschichten im warmen Heu, während der Regen aufs Scheunendach prasselt.

„The King Is Dead“ von The Decemberists erscheint bei Beggars/Rough Trade.

4 Kommentare

  1.   Jana

    „Königin von angebotsorientierter Gutmütigkeit[,] knochentrüb/-grau“
    Ist nicht eher die Frage des „Was soll das ganze bedeuten?“ das schwierige? Bei solchen Worten bekommt man eine Ahnung, aber es ist verdammt schwierig das in andere Worte zu fassen.

  2.   stan-the-man

    Gelungener Beitrag, wie überhaupt in diesem Blog eine Menge Musiker Platz finden, die sonst viel zu wenig beachtet werden, was z.T. sicherlich daran liegt, dass das vereinfachende deutsche Genredenken keine eindeutige Schublade für sie bereit hält.

    Ein Name, der mir hier eindeutig noch fehlt, und der recht nahe bei den Decemberists anzusiedeln ist, ist Sarah Jarosz. Da gab es immer wieder Berührungspunkte und die Coverversion von „Shankill Butchers“ ist eins der Highlights ihres Debutalbums. Ca im Mai soll übrigens das zweite folgen.

    http://www.sarahjarosz.com/index.html
    http://visitwimberley.com/articles-events/wca-spursnflash.shtml
    http://www.austinchronicle.com/gyrobase/Issue/story?oid=oid%3A938077
    http://www.austinchronicle.com/gyrobase/Issue/story?oid=oid%3A938077

    Wäre mal interessant zu beleuchten, was das Hineinwachsen in so eine lebendige, Generationen und Genres überspannende Szene für die Entwicklung eines solchen Talents bedeutet – und wie düster es in dieser Hinsicht in unserem Lande aussieht. Zu all den vorhandenen Strukturen, auf die Sarah Jarosz sich bisher stützen konnte, gibt es hier nahezu keine Entsprechung…

  3.   _peter_pan_

    was auch immer kulturell depressiv heissen will, für musik muss es etwas gutes sein, ist portland doch irgendwie das „inide“-mekka der letzten fünf jahre..

  4.   Volker Schmidt

    Als „kulturell depressiv“ hat Meloy diese Kneipen-Gig- und Poetry-Slam-Szene mal selbst bezeichnet. Aber vielleicht sind kreative Enklaven in einer „culturally depressed“ Metropole ja der ideale Nährboden für eine lebendige Szene. War da mal was in Seattle? Und wie gehts eigentlich Bielefeld?

 

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