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Fragespiel der Improvisation

 

Mit einem beherzten „Warum?“ lassen sich im Jazz immer wieder Konventionen umwerfen. Die Saxofonistin Ingrid Laubrock stellt mit ihrem Trio Sleepthief das Gewohnte infrage.

© Leonie Purchas

Ein Spiel, mit dem Kinder ihre Welt erschließen, besteht aus einer einzigen Frage: Warum? Warum ist das so? Und warum nicht anders? Aus jeder Antwort ergibt sich eine neue Frage: Warum? Und jede Frage führt näher an eine bloße Konvention oder den Kreislauf einer Tautologie: nichts mehr zu erklären – es ist, weil es ist.

Im Jazz ist die Improvisation ein ähnliches Spiel. Als Stachel wider die Erstarrung der Konventionen hält sie die Musik unter Spannung. Sie stellt Fundamente infrage und bringt die Musiker dazu, ihre eigenen Antworten zu formulieren. Harmonie und Gleichklang: Warum? Gleichmäßig fließender Rhythmus: Warum? Saubere Intonation, wohltemperierte Intervalle, abgezählte Blues- oder Liedformen – die Improvisation stellt all das, was man zu hören oder zu spielen gewohnt ist, infrage.

Mit Sleepthief, ihrem Trio mit dem Pianisten Liam Noble und dem Schlagzeuger Tom Rainey, spielt die im Münsterland aufgewachsene Saxofonistin Ingrid Laubrock, die nach fast zwei Jahrzehnten in London nun wieder in New York zu Hause ist, auf ihrer neuen CD The Madness of Crowds ihr Warum-Spiel. Nichts ist sicher in der Interaktion der drei Musiker, nichts vorgegeben, keine Form, keine Tonart, kein Puls – die ganze Musik entsteht im Moment, aus einem undurchdringlichen Gemenge aus Intuition und Formwillen, Leidenschaft und Kalkül, gegenseitiger Anregung und Abstoßung. Und aus der Entschlossenheit, das Diktat der geschlossenen Form zu durchbrechen und die schillernde Lebendigkeit des Vorläufigen, Fragmentarischen und der Improvisation ins Licht zu rücken. Das Ganze ist das Falsche.

Man muss hören können, um so zu spielen, und man muss spielen können, um so zu hören. Auf jeden Impuls, jeden Farbtupfer, jede klangliche Nuance muss man reagieren und sie in den unaufhörlichen Prozess des Aushandelns integrieren. Da verwandeln sich kleine Wirbel auf einem Trommelrand für einen Moment in einen mikroskopischen Groove, da zittern die Saiten im Resonanzkasten des Flügels, bevor Noble die Obertöne mit metallischen Gegenständen hervortreten lässt, während Ingrid Laubrock an einem anderen Ende des musikalischen Raumes aus seltsamen Schnatterlauten eine Melodie voller Inbrunst entwickelt.

Es ist ein Tasten und Fragen, ein Fest des Fragmentarischen und Provisorischen, des Ausprobierens und Neuformulierens, das die drei Musiker hier feiern. Ein Aufblitzen von Einfällen, die im Zusammenspiel immer wieder ihre Gestalt verändern, ungeahnte Energien hervorbringen, und ein Verglimmen dieser Energien, ganz langsam und leise bisweilen.

Doch gleichzeitig bleibt dieses Fest ein stilles Fest. Eines, bei dem auch einmal für längere Momente geschwiegen wird, konzentriert und intensiv, bei dem aus der Reduktion der Mittel Glanz und Dringlichkeit entstehen. Und ganz selbstverständlich schwingen die Gewissheiten der Jazzkonvention als Referenz mit und dienen Ingrid Laubrock, Liam Noble und Tom Rainey als die Reibefläche, an der sie die Wärme entwickeln, die dem Fragespiel der Improvisation erst seinen tieferen Sinn gibt.

„The Madness of Crowds“ von Sleepthief (I. Laubrock, L. Noble, T. Rainey) ist erschienen bei Intakt Records.

Aus der ZEIT Nr. 32/2011

2 Kommentare

  1.   Klaus

    Es ist immer schön zu hören, wenn sich der Jazz seiner Konventionen und selbst gewählten Käfige befreit. Ein gutes Beispiel findet sich auch hier: http://www.meyer-music.de/?page_id=51

  2.   Nagorny anana

    Improvisation im Jazz wie in der Neuen Musik
    ist nicht nur ein musikalisches Aufeinander Hören und erneutes Interagieren, mal mit Herantasten an das musizierende Gegenüber oder Reagieren auf dessen Vorgabe. Es kann auch den Moment des „Vergessen machens“ von vorher gemeinsam Produziertem implizieren: Alle kollegialen Erinnerungs-Hülsen stecken lassen zugunsten des „neuen Moments“ – wie eben beschrieben: schweigen, lauschen und „etwas zu fragen haben“. Selbstdarstellung kann unter Umständen keinen Platz mehr finden. Trotzdem oder gerade deswegen bleibt ein tiefes Gefühl von Befriedigung, sich verbunden haben für den flüchtigen Augenblick.

 

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