‹ Alle Einträge

Müdes Klingeln aus der Schatzkiste

 

Die Materialschlacht hat begonnen: „Lioness. Hidden Treasures“, das erste posthume Album von Amy Winehouse, ist anhörbar. Aber weitgehend überflüssig.

© Bryan Adams

Die Trauerzeit ist vorüber, die Leichenfledderei hat begonnen. Ein halbes Jahr genügt der Musikindustrie offenbar, um über den Verlust eines ihrer größten Stars hinwegzukommen. Die Verwertung des Nachlasses von Amy Winehouse beginnt mit der Zusammenstellung Lioness, die den Untertitel Hidden Treasures trägt. Das, muss allerdings resümiert werden, weitgehend unverdient.

Denn allzu viele bislang versteckte Schätze, das vor allem ist die Erkenntnis, die Lioness bereithält, scheint Winehouse nicht hinterlassen zu haben. Das hier enthüllte Vermächtnis besteht vornehmlich aus Coverversionen wie dem bereits vorab als Single erschienenen Duett mit Tony Bennett – eine Neuinterpretation des alten Jazz-Standards Body & Soul – und nur zu einem sehr überschaubaren Teil aus bisher unbekannten Kompositionen. Eine davon ist das reichlich müde Between The Cheats, das für ein mögliches drittes Album von Winehouse vorgesehen war. Spannender klingt immerhin Like Smoke, auf dem Winehouse‘ erklärter Lieblingsrapper Nas seinen Gastauftritt dazu nutzt, seine virtuelle Duettpartnerin posthum zu würdigen.

Außerdem ist nun zu hören, warum ein Stück wie Halftime nicht in die endgültigen Fassungen der beiden regulären Alben Frank und Back To Black aufgenommen wurde. Dann doch lieber noch mehr Interpretationen bekannter Songs, jeweils im beliebten Retro-Soul-Sound: Zwar man kann darüber streiten, ob die Welt unbedingt noch eine weitere Version von The Girl From Ipanema oder Will You Still Love Me Tomorrow benötigt. Aber schaden kann’s auch nicht. Ähnliches gilt für ältere Einspielungen von Hits aus der kurzen, aber heftigen Karriere der Amy Winehouse. Der archäologische Wert der hier erstmals veröffentlichten Aufnahmen von Tears Dry oder Valerie allerdings ist begrenzt, sie unterscheiden sich kaum von den bereits bekannten Versionen.

So wird es erst wirklich morbide, wenn Winehouse Leon Russells Klassiker Song For You interpretiert. „And when my life is over„, singt nun die Stimme aus dem Jenseits, „remember when we were together, we were alone and I was singing this song for you“. Bei den Aufnahmen, so erzählt es der Produzent Salaam Remi, soll Winehouse mitten im Vortrag in Tränen ausgebrochen sein.

Solche Legendenbildung hat Lioness auch nötig. Leidet das Album doch offensichtlich darunter, dass die Sängerin vor ihrem Tod noch verfügte, dass mindestens ein Dutzend bereits aufgenommener Lieder niemals erscheinen darf. Die wahren Hidden Treasures bleiben also weiter verborgen, während diese erste Nachlassverwaltung zwar durchaus anhörbar, aber doch weitgehend überflüssig ist.

Vor allem aber ist dieses Album, insbesondere wenn es sich den Erwartungen gemäß verkauft, wohl nur ein Vorgeschmack auf das, was uns noch bevorsteht. Tausende Stunden von Gesangsaufnahmen, so kolportieren es die Rechteinhaber, soll es von Winehouse geben. Reichlich Material also, die Leichenfledderei zu solchen Höhen zu führen, dass einem das Nachleben von Jimi Hendrix, Tupac Shakur oder Michael Jackson wie ein abgeschiedener Altherrenabend vorkommen wird.

„Lioness: Hidden Treasures“ von Amy Winehouse ist erschienen bei Island/Universal.

10 Kommentare

  1.   kinnas

    Ein halbes Jahr reicht der Zeit offenbar, um ein wenig die Musikindustrie anzuprangern, dabei dann aber die gleichen „Vergehen“ zu begehen, wie die sie anprangernde Musikindustrie.

    Für mich ein 100% überflüssiger Artikel.

    Wenn man es hätte besser machen wollen: Einfach mal noch ein paar Jahre mit dem Artikel warten.

  2.   fanta4

    Amy Winehouse war mit Sicherheit nicht einer der größten Stars im Musikgeschäft!

    Sie war ein singendes suizid-model, mit entsprechendem Lebensstil. Das hat sie für die Presse so interessant gemacht.

    Immer für eine Schlagzeile gut.


  3. Vielleicht singt ja demnächst der Herr Baron zu Guttenplag
    und der Herr Chefredakteur hält das Mikrofon


  4. Mal ernsthaft. Amy Winehouse war letztlich ein etwas überholt-konstruiertes Produkt ihrer Zeit und ihres Labels. Nicht der Rede wert. Schöne Stimme, klar. Ebenso eine gute Palette an angenehmen Liedern. So wirklich ist das allerdings noch kein Anlass, sie in den Himmel zu loben. Ich habe eher das Gefühl, mit so Drogengeschichten leben Künstler das aus, was viele Fans und Normalos spannend finden. Daher der Reiz. Daher der Ruhm.

  5.   k2

    In Brasilien wurde Winehouse wie in Norwegen total abgelehnt. Darum musste Winehouse unbedingt dorthin
    … allerdings sind die 12 000 000 $ in Brasilien
    von Winehouse nicht amortisiert worden.

  6.   Julia Breu

    (Bitte keine Werbung im Blog posten. Die Redaktion)

  7.   COD

    Seltsam, mir gefällt das Album auch noch 😮 Schlechtschreiben kann man letztlich alles und es schmückt das eigene Ego ja immer, wenn man so scheinbar über allen Dingen schwebend rezensiert. Musik, die einem nicht gefällt, hört man sich nicht an. Das schließt aber nicht aus, dass diese anderen zusagt. Das kann man textlich knapp und präzise halten oder ganz darauf verzichten. Keinesfalls sollte es aber in diesen Worthülsensalat ausarten.


  8. Wie schrieb Georg Kreisler:
    Heute findet jede Zeitung
    Größere Verbreitung durch Musikkritiker,
    Und so hab auch ich die Ehre
    Und mach jetzt Karriere als Musikkritiker.
    Ich hab zwar ka Ahnung, was Musik ist,
    Denn ich bin beruflich Pharmazeut,
    Aber ich weiß sehr gut, was Kritik ist:
    Je schlechter, um so mehr freun sich die Leut.
    Es gehört zu meinen Pflichten,
    Schönes zu vernichten als Musikkritiker,
    Sollt ich etwas Schönes finden,
    Muß ich’s unterbinden als Musikkritiker.
    Mich kann auch kein Künstler überlisten,
    Da ich ja nicht verstehe, was er tut.
    Drum sag ich von jedem Komponisten:
    Erst nachdem er tot ist, ist er gut!
    Ja, endlich hab ich einen Posten,
    Und die Zeitung läßt es sich was kosten.

  9.   summin

    Jetzt wird das Archiv hergenommen wie die Gans Auguste. Schade um Amy.

  10.   Peter

    Super Artikel. Würde gern mehr Artikel zu der Thematik sehen. Ich freue mich schon auf die naechsten Posts.

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren