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Geister im sonischen Nebel

 

Ein Sog aus vergangenen Klängen: Daniel Lopatin alias Oneohtrix Point Never baut rätselhafte Kollagen aus bereits Gehörtem. Sein Album „Replica“ ist Hauntologie in Bestform.

© Cooperative

Schlechte Nachrichten für Dr. Venkman. Jetzt heißt es wieder Überstunden schieben. Nachdem Witch House und seine diversen Spielarten das Bettlaken als Clubwear populär gemacht haben, klopft schon die nächste Armee Untoter an die Kopfhörer. Aber: Relax, it’s only a ghost!

Diese Strömung nennt sich Hauntology und wurde ausnahmsweise mal nicht von naseweisen Bloggern erfunden. Der Begriff geht auf den französischen Philosophen Jacques Derrida zurück. Dieser umschreibt die Existenz der Menschen zu Anfang des 21. Jahrhunderts als zutiefst geprägt vom Heraufbeschwören der Geister der Vergangenheit. Die Postmoderne als Gespensterstunde – in der Popmusik knüpft Hauntology dort an, wo die gefühlige Nostalgie endet.

In der Hauntology, so beschreibt es der britische Musikjournalist Simon Reynolds in seinem lesenswerten Buch Retromania, dreht sich alles um „die Kraft und die Zerbrechlichkeit des Gedächtnisses“. Musikalische Verweise und Zitate sind eben nicht mehr deutlich gekennzeichnet, sondern verschwimmen im sonischen Nebel. Schnipsel aus alten TV-Werbemusiken, Lehrfilmen aus den Siebzigern oder Hörspielen spuken durch die Kompositionen aus Loop-Schleifen und Drones. Akustische Rückstände vergangener Epochen, die keine Ruhe zu finden scheinen.

Tonspuren einer verlorenen Zeit: Man hört, was eigentlich nicht mehr da ist. Kein Wunder, dass die Veröffentlichungen von Electronic-Labels wie Ghost Box oder Mordant Music gern mit Gruselvokabular beschrieben werden. Wo das Altbekannte plötzlich ein anderes Gesicht zeigt, macht sich das Unheimliche breit.

Die Musik des amerikanischen Sound-Künstlers Daniel Lopatin, vermittelt dieses unheimliche Hörgefühl auf faszinierende Weise. Sein drittes Album Replica ist eine der seltsamsten und faszinierendsten Platten des Jahres. Seltsam, weil Lopatin alias Ohneotrix Point Never mit seinen zehn Stücken ein intensives Gefühl von Vertrautheit und gleichzeitiger Beunruhigung heraufbeschwört. Aus dieser Ambivalenz bezieht die Platte ihre suggestive Kraft. Replica ist ein Sog aus Klängen des Vergangenen: analoge Krautrock-Synthesizer, geisterhaftes Rauschen, Stimm- und Geräuschfetzen, nachhallendes Echo. Hier und da pulst ein schemenhafter Rhythmus und verliert sich auch gleich wieder. All das montiert Lopatin – oft unter Mithilfe defekter Videorekorder und Kassettendecks – zu akustischen Retroschleifen. Replica ist Nostalgie im Repeat-Modus.

Den Großteil der Stücke hat Lopatin aus Kleinstpartikeln aus Werbeclips der achtziger Jahre zusammengesetzt. Zufällige Geräusche, die kurze Stille zwischen den Sätzen. Dass diese Werbefilme aus dem Nachtprogramm stammen, ist Lopatin wichtig. Er ist nicht nur an der akustischen Beschaffenheit des Klangs interessiert. So atmet selbst das winzigste Sample unterschwellig die nostalgische Melancholie des nächtlichen TV-Flimmerns.

Wie auch in seinen Echo-Jams geht es um den Sound im Sound. In zyklischer Genauigkeit lässt Lopatin diese Loops zusammenlaufen, ein innerer Rhythmus entsteht aus der reinen Wiederholung. Und aus den Pausen zwischen den Klängen. Da ist etwas hinter der Musik – unaussprechlich, aber deutlich vertraut.

Sasha Frere-Jones talks to Daniel Lopatin by The New Yorker

Der Track Andro kreist um eine Figur warmer Synthie-Akkorde, im Hintergrund graben sich verzerrte Geräusche und Sprachfetzen in die Tonspur. Dann scheint die Musik auszulaufen, bevor digitale Percussion scheinbar wahllos losstürmt. Dann bricht das Stück unvermindert ab. Sleep Dealer entwickelt so etwas wie einen tickenden, miniaturisierten Beat, nur unterbrochen von einem geloopten Seufzer und anderen Sprachsamples. „Time„, „Space„, Cool„, „And Then“ – dies sind die Worte, die mit viel Mühe zu verstehen sind. Lopatin hat sie aber auch in die Innenseite des Covers drucken lassen. Dort lesen sie sich wie kleine Gedichte. Andere Stücke wie Remember oder Submersible sind weitaus rätselhafter: das Wort „Cry“ verschwindet in einem sanften Rauschen, dann folgt nervöses Geprassel über einer Klavierfigur.

Wer Replica einmal verfallen ist, wird sich seiner emotionalen Tiefe nur schwer entziehen können. Zuviel Geheimnis strahlen die Samples aus, zuviel unheimlicher Hauch weht aus den Klängen. Am Ende, nach all den unzähligen Details und der mysteriösen Schnipselforschung, wird es dann sogar noch einmal richtig lustig. In Explain lässt Lopatin seinen Synthesizer süßlich säuseln. In bester Enya-Manier dudelt er pastelligen Schwulst und gemein zuckrige Melodien. Darüber kreischen analoge Möwen. Die Geister in der Maschine kann am Ende eben doch nur der Kitsch austreiben.

„Replica“ von Oneohtrix Point Never ist erschienen bei Cooperative Music.


1 Kommentar

  1.   wortverliebt...

    … besonders bei der „zyklischen Genauigkeit“. Wenn musikalischer Alltag journalistische Poesie wird. Wer’s mag…

    Die Musik dagegen ist wirklich nicht schlecht 🙂

 

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