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Ihrem Sound entkommst Du nicht

 

Die Russin Nina Kraviz ist eine der großen Debütantinnen des Frühjahrs. Ihr geheimnisvoller, lasziver und doch romantischer Tech-House ist in dieser Saison unverzichtbar.

© Rekids

Auf dieses Debütalbum haben viele gewartet. Testosteron schwappte durch die Schwatzkanäle: „Hottest chick in the game!“ war nur eine der armseligen Reaktionen, die eine Frau im Bereich Techno und House immer noch auszulösen vermag. Vor allem das Albumcover scheint die üblichen Schmalspur-Assoziationen hervorzurufen.

Darauf zu sehen ist Nina Kraviz, DJ und Produzentin, geboren in Sibirien und aufgewachsen in Moskau, ihr Gesicht wird von wehenden Haaren verdeckt. Im Hintergrund brodelt es dunkelrot. Das Bild ist geheimnisvoll, hey, es ist sogar sexy. Und genauso, wie es diese tolle Platte verdient hat.

Dass ein elektronisches Album sinnlich und aufwühlend düster klingt, passiert nicht allzu oft. Das selbstbetitelte Debüt von Nina Kraviz aber zieht einen mit sanfter Gewalt in dunkle Ecken, flüstert dabei unheimlich und dreht einem gleichzeitig den Arm auf den Rücken. Zu Beginn ist es bereits stockdunkel: Walking In The Night breitet sich mit seinen erschöpften Akkorden aus wie eine nachtschwarze Decke, darüber zuckt ein technoider Pulsschlag. Nina Kraviz‘ Stimme flackert auf wie Erinnerungen an einen Traum, umreißt Melodiefragmente und bricht immer wieder ab.

Nina Kraviz – Jealousy

Dieses Prinzip zieht sich durch die ganze Platte: minimalistische Details wie Basslinien, Stimm-Samples oder geisterhafte Akkorde werden nur langsam zusammengeführt. Kraviz lässt viele Leerstellen in ihrer Musik, die sich mit Geräuschen oder Sprachfetzen füllen. Mal klingt sie wie im Schlaf sprechend, dann haucht sie lasziv oder spricht hypnotisierend über einen Chicago-House-Beat. Choices oder Love Or Go würde man wirklich sehr gern einmal hören, wenn schwitzende Menschen in einem zu engen dunklen Raum tanzen. Ghetto Kraviz, das Stück, das die Russin einem größeren Club-Publikum bekannter machte, kriecht in die Lücke zwischen Hip-Hop und Spätschicht-House, um einen von dort wissend anzulächeln.

Nina Kraviz – Ghetto Kraviz

Bisweilen kommt einem Nina Kraviz in seiner erotisch verschwommenen Körperlichkeit derart nahe, dass es kaum zu ertragen ist. Best Friend, ein mehrstimminges Bass-Hörspiel, ist intensiv und verunsichernd wie heimlich mitgehörter Telefonsex und nächtliche Liebesschwüre zugleich.

Überhaupt kann man Nina Kraviz‘ Fähigkeit, derartig unheimliche Ambient-Stücke wie Working zwischen die tanzbaren Nummern zu streuen, gar nicht genug loben. Sie sorgen letztlich dafür, dass dieses Album seine emotionale Dichte bewahrt. Wenn am Ende das wunderschöne Fire erklingt, ist man der Musik längst hilflos ausgeliefert. Das macht Nina Kraviz nicht nur zu einer unverzichtbaren, sondern auch zutiefst romantischen Platte.

Das selbstbetitelte Album von Nina Kraviz ist bei Rekids erschienen.


23 Kommentare

  1.   rezz

    virtual handclapping macht noch lange keinen elktrobeat. das ist alles ganz schön flach.


  2. „erotisch verschwommenen Körperlichkeit“: ist das nur eine verschwurbelte Übersetzung von “Hottest chick in the game!” oder eine Schmalspur-Assoziation?

  3.   Kurd Waldmeister

    Tödliche Langeweile.
    Wirklich nichts, was es nicht schon in den 90ern im Bereich zwischen Post-Trip-Hop und Clubsound gegeben hätte. Aber damals noch mit Spirit.

  4.   Rhettt

    Absolut banane House Muzak.

    Ich zitiere The Smiths:

    Burn down the disco
    Hang the blessed DJ
    Because the music that they constantly play
    IT SAYS NOTHING TO ME ABOUT MY LIFE!

    („Panic“)

  5.   Vincent

    Nina Kraviz ist wie viele schöne Frauen die man auf Parties trifft: vielversprechend hübsch anzusehen aber auf den zweiten Blick dann doch leider substanzlos bzw. ohne viel dahinter. Warum solche langweiligen Nummern wie Ghetto Kraviz oder Petr in Clubs zu hören sind ist nicht schwer nachzuvollziehen, es sind einfache Tools die funktionieren ohne dabei hängenzubleiben oder anzuecken. Sie machen aber eben auch nur da Sinn, im Clubkontext, ausserhalb des Floors ist das ganze meist ereignislose Fernsehflimmermusik.
    Jemand hat bei RA die sich aufdrängende Frage in den Raum geworfen: Würde man dieses Album auch so hypen wäre es nicht von Nina Kraviz sondern einem unfotogenen buckligen Studio-Zar erschienen? Wahrscheinlich nicht. Never judge a book by its cover geht eben auch andersum. Es kann ja nicht jedes Jahr ein Album wie Steffis Yours & Mine erscheinen. Und das wurde gelobt nicht weil es von einer Frau kam oder weil es auf Ostgut erschien, sondern weil es mit Yours & Lilo Hits mit Wiedererkennungswert im Gepäck hatte und ein stringentes Hörvergnügen war.

    Und zum Thema sinnlich & aufwühlend düster: Mal Voices From The Lake – Voices From The Lake (Prologue) checken.

  6.   Ich auch

    Habe mich nun eine gute Viertelstunde mit ihrer Musik beschäftigt und kann leider kein großes Potenzial erkennen.
    Lediglich „Choice“ fand ich halbwegs hörbar.
    Möglicherweise muss man für diese Art der Monotonie auch einfach extrem zugedröhnt sein?

  7.   Rabea Weihser

    Liebe/r eklipz,

    in unseren Blogs ist der Kommentar-Bereich etwas anders gestaltet als unter redaktionellen Artikeln. Die Leserbeiträge werden beispielsweise erst nach Moderation veröffentlicht. Und das auch eigentlich nur werktags von der Redakteurin. Jetzt sind die neusten Kommentare freigegeben. Zum Antworten benutzen Sie am besten das beliebte @. Beste Grüße aus der Redaktion!

  8.   baudolino

    Bin enttäuscht nach den Lobpreisungen. Die Mucke ist weiter von der elektronischen Avantgarde entfernt als Voyager 1 von der Erde.

  9.   hops

    “ … vielleicht helfen da ein klarer kopf und eine musikalische ausbildung …“ – ich lach mich tot!!! Langweiliger Eklektizismus – sonst nix!

  10.   Autopilot

    Stumpfsinniger gehts wohl nicht mehr? Gibts hier eigentlich auch mal Musik?

 

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