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Helden in Freizeithemden

 

Ein Abend, der mit New Order beginnt, kann nicht schlecht enden: Beim Sónar in Barcelona glänzten die Berliner von Modeselektor.

© Rabea Weihser

Die zweite Nacht des Sónars versprach ein tolles Programm und große Konflikte: wann wohin was hören? Bereits um 23 Uhr waren New Order angesetzt, um 23.15 Uhr The Roots. Auf jedem anderen Festival wohl die Höhepunkte des Abends. In Barcelona lediglich Einheizer für die Stars der House- und Technoszene – Ibiza ist ja nicht weit.

Dass sich zwischen 22 und 23 Uhr eine enorme Menschenmenge aus dem Zentrum in Richtung Messegelände bewegte, merkte man schon allein daran, dass es nahezu unmöglich war, ein Taxi zu bekommen. Auf der Stadtautobahn hinaus zur Fira Gran Via bildete sich ein Stau aus gelb-schwarzen Wagen. Waren etwa die Bands im Vorprogramm die heimlichen Headliner?

Beim Auftritt von New Order offenbarte das Publikum seine Sehnsucht nach universellen  Hymnen und – bei aller technoiden Progressivität – das Wissen um die historischen Vorgänger der elektronischen Musik. Hier sprangen die Jungen neben den Nichtmehrganzsojungen, Blue Monday aus rund 18.000 Kehlen. Bernard Sumner und seine Helden in Freizeithemden schlossen ihr leicht modernisiertes Klassiker-Set mit Love Will Tear Us Apart aus ihrer Zeit mit Joy Division und entließen die Menge in eine Nacht, deren weitere Protagonisten wie Epigonen wirken mussten.

Wie war das noch mit Kraftwerk? Angesichts ihrer jüngsten Auftritte im New Yorker MoMa darf man wohl behaupten, dass ihr Ruhm außerhalb Deutschlands wesentlich größer ist als daheim. So geht es auch zwei Berlinern, die zur besten Sendezeit um 3.30 Uhr vor 15.000 Menschen unter freiem Himmel im SónarPub spielten. Schon am Tag zuvor waren sich Gäste aus London, New York, Amsterdam, Madrid einig, auf wen sie sich am meisten freuten: „Modeselektor are awesome„, raunten sie.

Modeselektor, das sind die beiden Technoproduzenten, die gerade den Echo in der kaum beachteten, aber einzigen aussagekräftigen Kritiker-Kategorie bekommen haben. Aber kennt einer wie Dieter Bohlen ihre Namen? Die deutsche Nische interessiert Gernot Bronsert und Sebastian Szary genauso wenig wie der Bohlen des aktuellen, doch ziemlich dumpfen Sägezahntechno: Dass der Kalifornier Deadmau5 parallel zu ihnen im SónarClub 25.000 Leute versammelt, freut sie eher, wie sie im Interview erzählten. Wer feinen Techno will, kommt zu ihnen.

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Meine Route des gestrigen Abends: The Roots – New Order – Metronomy–The Roots – Maya Jane Coles – DJ2DJ – Hot Chip – Azari & III – Madeon – Deadmau5 – Modeselektor

Jetzt führt mich die Route zurück nach Berlin. Denn wie ich es versprochen hatte: Pünktlich zum Deutschlandspiel sind wir wieder zuhaus am Bildschirm. Dort werden dann auch die vielen Interviews, Videos und Gedanken sortiert, die ich hier sammeln konnte. Alles Weitere kommende Woche auf www.zeit.de/musik.

Achja, die Veranstalter schreiben, es waren nicht 80.000, nicht 90.000, sondern 98.000 Gäste beim Sónar 2012. Gute Heimfahrt!